(Stand 20. 9. 2020)

 

Lesegottesdienst

mit den gottesdienstlichen Texten zum

15. Sonntag nach Trinitatis, 20. 9. 2020

 

Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Wochenspruch:

Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. (1. Petr 5,7)

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Aus Psalm 127

 Wenn der HERR nicht das Haus baut,

so arbeiten umsonst, die daran bauen.

Wenn der HERR nicht die Stadt behütet,

so wacht der Wächter umsonst.

Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht

und hernach lange sitzet

und esset euer Brot mit Sorgen;

denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar

und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Herr, guter Gott und Vater!

Du hast uns eine Sorglosigkeit geschenkt,

die unser Leben reich gemacht hat.

Vieles trauen wir uns gerade nicht,

aber wir wollen dir trauen.

Wir würden gern unser Leben

noch mehr sichern nach allen Seiten

Und werden doch ängstlich und arm.

Wir schaffen es oft nicht,

das Wagnis des Lebens einzugehen,

nämlich Vertrauen zu wagen

und Sorgfalt im täglichen Leben zu üben.

Manchmal sind wir zögerlich und kleingläubig.

Wie gut ist es da,

dass du immer an unserer Seite bleibst.

So bitten wir dich immer wieder neu:

Komm, Herr, komm und bleibe,

erbarme dich unser!

Höre, Herr, wie ich in der Stille zu dir bete!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken,

sondern Gerechtigkeit und Friede

und Freude in dem heiligen Geist.

Wer darin Christus dient,

der ist Gott gefällig

und den Menschen wert.

Ehre sei Gott in der Höhe!

 

Gott, du Beschützer aller,

die auf dich hoffen,

wir bitten dich:

Mache uns frei von der Sorge um unsere Zukunft,

dass wir auf dich schauen

und uns alle Zeit auf deine Güte verlassen.

Geh du mit uns auf all unseren Wegen.

Das bitten wir durch Jesus Christus, unseren Herrn,

der mit dir und dem heiligen Geist lebt und regiert,

von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesevangelium:

Aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 6, die Verse 25-34

 25 Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?

26 Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?

27 Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?

28 Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.

29 Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.

30 Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?

31 Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?

32 Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.

33 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.

34 Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.

Halleluja! Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr über die, die ihn fürchten. Halleluja!     

 

Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Alttestamentliche Lesung:

Aus dem 1. Buch Mose, Kapitel 2, die Verse 4-9 und 15

(auch Predigttext)

 4 Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte.

5 Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen. Denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute;

6 aber ein Strom stieg aus der Erde empor und tränkte das ganze Land.

7 Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.

8 Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte.

9 Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. 15 Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.

Amen.

 

Predigt

 Die Gnade unseres Herrn und Gottes sei mit uns allen. Amen!

 

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Ich weiß nicht wie es Euch geht. Aber die Erzählungen von der Erschaffung der Welt gehörten auf jeden Fall fest zu den Geschichten, die schon in meiner Kindheit meine Phantasie beflügelt haben. Im Kindergarten, in der Schule, im Kindergottesdienst habe ich diese Geschichten gehört, gemalt, besungen und natürlich auch erzählt bekommen.

Jede Kultur, jede Religion hat sich durch alle Zeiten eine Vorstellung davon bewahrt, in der die Entstehung der Welt und auch die Erschaffung des Menschen ins Bild gesetzt werden. Und oft haben wir dabei gedacht, die uns vertrauten biblischen Geschichten darüber und auch unsere religiösen Vorstellungen stünden heute im Widerspruch zu den bekannten wissenschaftlichen Erklärungen darüber. Auch im Konfirmandenunterricht in der vergangenen Woche  – wegen der Pandemiezeit fand er sehr konzentriert als Videokonferenz statt – ging es genau um dieses Thema. Stimmen denn die biblischen Geschichten, wenn wir die Biologie und die bekannten Ergebnisse dagegen setzen? Genau so fragten junge Menschen.

 

Aber liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Die biblischen Schöpfungsberichte wollen uns doch gar nicht die Frage nach der Entstehung des Universums und der Entwicklung der Arten beantworten. Nein, die biblischen Geschichten geben auf – wie ich finde – wunderbare Weise darüber Auskunft, was der Mensch ist und was es bedeutet, auf der Welt zu sein und das Leben zu haben. Darum geht es den biblischen Erzählungen zu allererst. Deshalb ist es auch als eine Verstehenshilfe zu begreifen, dass die Bibel mit zwei Schöpfungsberichten beginnt, die gleich am Anfang ganz unterschiedliche Akzente setzen.

Die Bibel, wie wir sie kennen, beginnt mit der Erzählung von den Schöpfungstagen. Das ist die eine, die erste Schöpfungsgeschichte. Die Welt in sieben Tagen, ein Nacheinander von der Erschaffung des Himmels bis hin zur Schöpfung des Menschen und dem 7. Tag als dem Tag, an dem er sein Werk vollendet und dann ruht.

Und dann wird eine andere, eine zweite  Schöpfungsgeschichte erzählt. Eine Erzählung, in der es um den einen Menschen geht – Adam –, was schlicht und einfach übersetzt Mensch heißt, ein Mensch, der beispielhaft für uns alle steht.  Es geht um das Leben – das wir auf denkbar vielgestaltige Art und Weise haben.

Die Zeitangabe „Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte.“ in V. 4 zeigt uns noch einmal, dass es den vielen Generationen, die diese Geschichten seit dem 12. Jahrhundert vor Christus weitererzählt haben, eben nicht um ein konkretes Datum ging, um eine historische Begebenheit. Nein, sie wollten uns eine Geschichte überliefern, eine Lebensgeschichte, die die Lebensgeschichte aller Menschen für alle Zeiten ist.

Die Verse aus dem 2. Kapitel des 1. Buch Mose erzählen, anders als die vorausgehende Schilderung der Schöpfung der Welt in sieben Tagen, eben kein Nacheinander von der Erschaffung des Himmels und der Erde bis hin zur Schöpfung des Menschen und dem 7. Tag als dem Tag, an dem Gott sein Werk vollendete und dann ruhte. Es werden nicht etwa die einzelnen Bestandteile der Welt nacheinander hergestellt und von Gott für sehr gut befunden, unser Schöpfungsbericht kreist vielmehr allein um den Menschen. Ausdrücklich heißt es: „5 Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen. Denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; 6 aber ein Strom stieg aus der Erde empor und tränkte das ganze Land.

Und nun wird es eben besonders interessant. Die Voraussetzung für das Leben ist von Beginn an da, z.B. das Wasser als Lebenselixier des Menschen. Gott selbst  trifft hier gewissermaßen Vorsorge, noch bevor er den Menschen selbst erschaffen hat. Die Welt kommt dem Menschen schon lebensfreundlich entgegen. Gott schafft das, was er für das Leben unabdingbar zuerst braucht – eben das Wasser. Und wenn wir heute bedenken, dass immer noch und ungebrochen sauberes und trinkbares Wasser Grundbedingung für das Leben ist, auch für das jedes einzelnen Menschen, wenn wir dann noch schauen, was da alles im Wasser herumschwimmt, weil wir es dorthin entsorgt haben, dann ist das Verständnis des Menschen von der Schöpfung Gottes ernsthaft infrage gestellt. Da, wo wir den Wert des Wassers nicht mehr zu schätzen wissen, dort, wo wir die Achtung davor verlieren, stellen wir unsere Art zu leben infrage und blenden die Konsequenzen einfach aus. So wird es nicht dauerhaft weitergehen können!

Doch bleiben wir beim biblischen Schöpfungstext. Die Schöpfung des Menschen wird darin dann auch ganz lapidar, ganz kurz und knapp erzählt. 7 Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.

Der Mensch ist hier selbst Teil der Natur, von der er leben wird: Erde vom Acker. Erst dann, im weiteren Verlauf der Erzählung gewinnt dieser menschliche Rohstoff eine problematische Bedeutung und wird vom Leben spendenden Nährboden zum Symbol für den Kreislauf der Vergänglichkeit. „Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück“ (1 Mose 3, 19b), wird Gott später zu Adam sagen. Nämlich erst nach dem Sündenfall ist das Ende des Lebens in die Erzählung eingetragen. Hier, am Anfang zu der Zeit, da Gott der Herr Erde und Himmel machte, ist davon noch keine Rede. Gott bläst dem Menschen das Leben ein. Er gibt ihm den Atem und damit ist dieser erste Mensch nicht nur Staub, und nicht nur ein beseelter Leib, sondern von Beginn an ein Wesen vor Gott. Ja sogar Gott ähnlich.

 

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Genau darin liegt die Pointe der Schöpfung des Menschen: Der Mensch hat sein Leben von Gott. Deshalb ist er niemals ohne Gott, sondern stets ein Mensch vor Gott. Der Mensch steht im Mittelpunkt der Schöpfungsgeschichte, aber doch nicht selbstherrlich, sondern immer so, dass er stets von Gott umgeben ist, der ihn umsorgt und umhegt; ihm das Leben schenkt, ohne ihn sich selbst zu überlassen. Der Garten Eden, von Gott geschaffen und bebaut, in den er den Menschen setzt, ist das Symbol für einen vollkommenen Lebensraum, den Gott für den Mensch schafft, noch ehe der Mensch selbst irgend etwas bebauen kann.

Genau diese umfassende Sorge für den Menschen, diese Fürsorge Gottes hat Martin Luther viel später so sehr beeindruckt, als der den gnädigen Gott für sich entdeckt hat und als er begann, die Bibel zu übersetzen. In seiner Erklärung des ersten Artikels des Glaubensbekenntnisses entfaltet er es, wenn er sagt:

„Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Was ist das? Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mit Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält: dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter; mit allem, was not tut für Leib und Leben, mich reichlich und täglich versorgt, in allen Gefahren beschirmt und vor allem Übel behütet und bewahrt; und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit“.

Mit allem, was not tut für Leib und Leben – für soziale Gemeinschaft und für Bewahrung vor allem Übel – konkreter und umfassender zugleich kann Schöpfung nicht gedacht sein.

 

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Die Urgeschichte deutet uns das Leben in seinen Anfängen. Sie antwortet auf die Frage nach dem, was der Mensch ist und was es bedeutet, das Leben zu haben. Und soviel steht fest: Der Mensch als Geschöpf Gottes ist niemals allein. Er ist ein umsorgter und bewahrter Mensch, der sich sein Leben nicht selbst geben und erhalten kann, sondern es von Gott empfangen hat und jeden Augenblick auf Neue empfängt. Und damit ist nicht nur an die nackte Existenz gedacht, sondern an alles, was wir brauchen. Auch noch Kleider und Schuh, wie Luther mit Sinn fürs Detail aufzählt.

Mensch sein, heißt immer auch bedürftig sein: nach Leben und Liebe, nach Nahrung und Kleidung und vielem mehr. Das ist die Bedingung des Menschseins.

Ist die Erzählung über die Schöpfung des Menschen dann nun nicht doch nur ein phantasievoller Traum? So viele Paradiesvorstellungen hat z. B. die bildende Kunst hervorgebracht, in der die Träume vom Garten Eden konkrete Gestalt gewinnen. Wie viel Realität verträgt eigentlich dieses Stückchen Schöpfungsgeschichte?

Schon hier am Anfang der Erzählung klingt an, was dann später in Kontrast treten wird zur Schöpfung Gottes: Bereits hier zu Beginn ist die Rede vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen (V.14). Gott wird dem Mensch verbieten, von diesem einen Baum zu essen und der Mensch – wir kennen die Geschichte – er wird es trotzdem tun: der Sündenfall kommt in die Welt.

Die Erzählung vom Sündenfall tritt aber dann nicht an die Stelle des ersten Teils dieser  Schöpfungsgeschichte, sie ergänzt sie und sie kommentiert diese vielmehr. Beide Erzählungen bleiben aufeinander bezogen. Die eine ist nicht ohne die andere zu lesen.

Die Welt ist eben nur so zu deuten, dass man beide Erzählungen so wie Folien aufeinander legt: Da ist der Garten Eden als das Paradies aus dem wir kommen, das Gott für uns gemacht hat, nach dem wir uns immer sehnen und das unter unserer Welt immer noch durchschimmert. Und ich hoffe sehr, dass wir es niemals ganz verlernen, in dieser Welt immer auch gute Schöpfung Gottes für uns alle zu erkennen und auch dadurch eine Achtung vor dieser Schöpfung wieder neu in uns wachsen lassen!

Hier und da mögen wir es so empfinden können. Aber da ist eben auch der Sündenfall, der hier schon angedeutet ist und der doch auch unser Menschsein bestimmt – zu allen Zeiten.

Keine moralische Verfehlung, nichts anderes als die Realität, so wie sie eben ist, wird am Ende, wenn wir die Geschichte weiterlesen würden, erzählt: erlebte Sinnlosigkeit des Daseins, und letztlich der Tod als stete Bedrohung und als das Ende des Lebens hier auf Erden. Und diese Realität, liebe Schwestern und Brüder, ob wir das wollen oder nicht, sie bleibt unserem Menschsein namentlich eingeschrieben: Adam ist der von Gott in seiner ganzen Bedürftigkeit Umsorgte; und es ist derselbe Adam, der das Leben verlieren wird.

 

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Die Bibel ist eigentlich kein Buch der kleinen Geschichten, der Episoden. Nein, eigentlich bietet sie schon große Erzählungen. Oder genauer gesagt: eine große Erzählung, die über die Schöpfung des Menschen und über den Sündenfall weit hinausreicht. Nicht der Tod des Menschen steht am Ende der biblischen Geschichte, sondern die Auferstehung und das Leben.

Das Leben als Schöpfung am Anfang und das ewige Leben bei Gott als Erlösung am Ende – solch ein Leben ist der rote Faden der biblischen Großerzählung, der sich durch das ganze Buch zieht. Das Leben als ein von Gott geschenktes, das Leben als die Fürsorge Gottes zugunsten von uns Menschen, auch dann noch, wenn wir unser Leben einmal verlieren und zur Erde zurückkehren. Erst von diesem Ende der Erzählung her ist ihr Anfang zu verstehen. Von der Zusage der Neuschöpfung und dem Geschenk neuen und ewigen Lebens her ist der Anfang –die Schöpfung Gottes für uns Menschen – richtig zu verstehen. Die Fürsorge Gottes für den Menschen ist mit dessen Tod nicht zu Ende. Der Mensch ist und bleibt ein Wesen vor Gott, auch über den Tod hinaus. Und Gottes  Liebe bleibt, von der ersten bis zur letzten Geschichte. Sie bleibt – für jede und jeden von uns. Darauf unsere Hoffnung.

 Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 Fürbittgebet

Vater im Himmel,

wir sind dir dankbar,

dass du uns von unseren Sorgen befreien kannst.

Darum dürfen wir dich bitten:

– für die Mühseligen unter uns, denen jeder Tag eine erneute Anstrengung bedeutet,

  • für die Beladenen unter uns, die sich erdrückt fühlen von der Last der Forderungen,
  • für die Trauernden, die nach deiner spürbaren Nähe und Trost suchen,
  • für die jungen Menschen, die oft nicht wissen, wie der Weg in ihre Zukunft aussieht oder ob es ihn überhaupt gibt,
  • die Alten, die Angst haben, krank zu werden, pflegebedürftig, alleingelassen oder einsam zu sein,

–   für uns Gesunde und Zufriedenen, die wir so oft einfach hilflos vor dem Elend anderer dastehen.

Guter Gott und Vater,

höre mich, wenn ich nun in der Stille zu dir bete!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

 

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

 

(Stand 13. 9. 2020)

 

Lesegottesdienst

mit den gottesdienstlichen Texten zum

14. Sonntag nach Trinitatis, 13. 9. 2020

 

Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Wochenspruch:

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. (Psalm 103,2)

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Psalm 146

 1 Halleluja! Lobe den HERRN, meine Seele! /

2 Ich will den HERRN loben, solange ich lebe, und meinem Gott lobsingen, solange ich bin.

3 Verlasset euch nicht auf Fürsten; sie sind Menschen, die können ja nicht helfen.

4 Denn des Menschen Geist muss davon, / und er muss wieder zu Erde werden; dann sind verloren alle seine Pläne.

5 Wohl dem, dessen Hilfe der Gott Jakobs ist, der seine Hoffnung setzt auf den HERRN, seinen Gott,

6 der Himmel und Erde gemacht hat, das Meer und alles, was darinnen ist; der Treue hält ewiglich, /

7 der Recht schafft denen, die Gewalt leiden, der die Hungrigen speiset. Der HERR macht die Gefangenen frei.

8 Der HERR macht die Blinden sehend. Der HERR richtet auf, die niedergeschlagen sind. Der HERR liebt die Gerechten.

9 Der HERR behütet die Fremdlinge / und erhält Waisen und Witwen; aber die Gottlosen führt er in die Irre.

10 Der HERR ist König ewiglich, dein Gott, Zion, für und für. Halleluja!

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar

und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Herr, Jesus Christus,

unser Lob und unser Danken sind oft spärlich.

Lieber weisen wir auf unsere Beschwerden,

unsere Wünsche, unsere zerschlagenen Pläne und Träume.

Oft sehen wir gar nicht mehr,

dass du uns bewahrst,

dass du uns begleitest durch schwere Zeiten,

Manchmal scheinen wir das Gespür dafür zu verlieren

wie gut es uns doch geht,

dass wir keine Not und satt zu essen haben,

dass wir eine Wohnung und Kleider haben

und es doch an nichts fehlt, was zum Leben nötig ist.

Warum nur sind wir oft so undankbar?

Herr, erbarme dich unser!

Höre, Herr, wie ich in der Stille zu dir bete!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Der Herr macht die Gefangenen frei.

Der Herr macht die Blinden sehend.

Der Herr richtet auf, die niedergeschlagen sind.

Ehre sei Gott in der Höhe!

 

Herr, unser Gott,

wir lass uns zufrieden und froh leben,

auch wenn vielleicht gerade vieles uns beschwert.

Wir sind mit allem gesegnet,

was zum äußeren Leben gehört.

Wir haben Menschen in unserer Nähe,

vielleicht aber auch in der Ferne,

die uns lieben und zu uns stehen.

Um etwas aber bitten wir dich:

Gib uns die Zufriedenheit der Seele

und ein dankbares Herz

durch unseren Herrn Jesus Christus.

Amen.

 

Epistellesung: Aus dem Römerbrief, Kapitel 8, Verse 14-17:

 14 Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.

15 Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen Geist der Kindschaft empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!

16 Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind.

17 Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, da wir ja mit ihm leiden, damit wir auch mit ihm zur Herrlichkeit erhoben werden.

Halleluja! Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren! Halleluja!    

 

Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Lukasevangelium, Kapitel 19, die Verse 1-10:

(auch Predigttext)

 1 Und er ging nach Jericho hinein und zog hindurch.

2 Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich.

3 Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt.

4 Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen.

5 Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.

6 Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.

7 Da sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt.

8 Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.

9 Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams.

10 Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Amen.

 

Predigt

 Die Gnade unseres Herrn und Gottes sei mit uns allen. Amen!

 

Liebe Schwestern und Brüder! liebe Leserinnen und Leser!

Ich lade heute einmal dazu ein, auf diesen Zachäus zu schauen; und zwar so, als ob wir versuchen in ihn hineinzuschlüpfen, so als ob wir ihn eher von innen heraus zu verstehen suchen. Vielleicht kommt uns dieser Mensch Zachäus dadurch etwas näher. Mir ist es so gegangen, als ich mich mit diesem wohl eher kleinen Mann beschäftigte. Gedanklich war ich auf einmal an diesem Morgen in Jericho. Und ich schaue ihn an – den Zachäus.

Endlich ist er ganz oben. Leicht war es nicht. Aber jetzt hat er es geschafft. Zachäus rückt auf dem Ast hin und her, bis er einigermaßen bequem sitzt. Ja, hier oben hat er einen ganz guten Überblick. Hoffentlich hat ihn niemand bei seiner Klettertour auf den Baum beobachtet. Ein bisschen peinlich ist es schon. Schließlich ist er eine Amtsperson und lebt davon, dass die Leute ihn respektieren und auch ein wenig fürchten. Als Oberzöllner braucht er das. Er bestimmt den Wegezoll hier in Jericho, er legt die Pachthöhe der Bauern fest. Die Leute maulen zwar über ihn, aber aufzubegehren trauen sie sich doch nicht. Er handelt schließlich im Auftrag der römischen Besatzungsmacht. Und mit denen sollte man sich besser nicht anlegen.

Zachäus kann ja verstehen, dass die Leute murren: Warensteuer, Brückensteuer, Wegezoll, Ernteabgaben, Importsteuern, Exportsteuern, Mieten und wer weiß was noch. Wer hat da noch den Durchblick – und wer soll das alles bezahlen?

Aber wenn Zachäus einmal versucht, den Leuten zu erklären, dass er selber auch nur ein Rad im großen Getriebe sei, dann will niemand ihm zuhören. Sie meiden ihn. Er selbst findet das ungerecht. Die Römer verlangen von ihm eine festgesetzte Steuersumme im voraus – und er kann dann sehen, wie er sie wieder hereinbekommt – plus Aufschläge für den eigenen Lebensunterhalt. Zum Glück ist der Standort hier in Jericho wirklich nicht schlecht: die Haupthandelsstraße zwischen dem Ost- und dem Westjordanland wirft einiges ab. Er hat es geschafft. Zachäus ist, was seine Möglichkeiten angeht, ganz oben. Ein Oberer der Zöllner. Oberzöllner. Wohlhabend. Respektiert. Unbeliebt.

Zachäus gibt sich da keinen Illusionen hin: Die Leute achten ihn wegen seines Amtes. Als Privatperson, außerhalb seiner Amtsgeschäfte da ist er ein Niemand. Das hat er heute am Morgen wieder einmal überdeutlich zu spüren bekommen. Ursprünglich war er einer der ersten gewesen, die an der Zollstation davon gehört hatten, dass Jesus von Nazareth nach Jericho kommen sollte. Aber obwohl Zachäus einer der ersten an der Straße gewesen war, hatten ihn die anderen wie unabsichtlich, aber konsequent abgedrängt. Die meisten waren größer und breiter als er, und hier war eben nicht die Zollstation. Zu guter Letzt hatte er in der hintersten Reihe gestanden, die anderen alle vor ihm, Schulter an Schulter. Damit nicht genug, sie raunten sich auch noch Kommentare zu – wie: „Findest du nicht auch, dass es hier schlecht riecht? Muss irgendwo ein Zöllner stecken…“

Aber Zachäus weiß sich immer zu helfen. Er will diesen Jesus sehen. Er will wissen, was es mit ihm auf sich hat. Propheten und Prediger gibt es viele, täglich ziehen sie auf der Straße hinauf nach Jerusalem. Aber bisher hat Zachäus noch nie einen getroffen, zu dessen Freundeskreis auch Zöllner gehörten. Im Gegenteil: Die meisten hielten an der Zollstation an, um eine extra gewürzte donnernde Gerichtspredigt über die Zöllner zu halten, die sich mit den römischen Hundesöhnen verbünden, um das eigene Volk auszusaugen.

Dieser Jesus aus Nazareth scheint aus einem anderen Holz geschnitzt: Zachäus war mehr als erstaunt zu hören, dass Jesus den Zöllnerkollegen Levi vom Zollhaus weg als einen seiner Apostel engagiert hatte (s. Lukas 5, 27-32). Nicht, weil er ihm gedroht hätte mit furchtbaren Strafen, sondern weil er ihn, diesen Levi, offensichtlich bei sich haben wollte.

Wer ist dieser Jesus? denkt Zachäus und rückt erneut auf seinem Ast zurecht: Ich will ihn sehen. Vielleicht ist es gar nicht schlecht, von hier oben den ganzen Trubel zu verfolgen. Direkt an der Straße wäre manche Überraschung möglich. Was würde ich sagen, wenn er mich plötzlich mitnehmen wollte? Mein Leben, das ich mir so mühsam aufgebaut habe, aufgeben? Ich weiß nicht… Ach, Unsinn, er kann ja nicht alle Zöllner abwerben und mit ihnen durchs Land ziehen. Es ändert auch nichts: wo ein Zöllner verschwindet, bewerben sich fünf andere um den Posten. Man ist zwar nicht beliebt, aber man hat etwas zu beißen. Von Beliebtheit kann keiner satt werden.

Andererseits: Das kann doch nicht alles gewesen sein in meinem Leben. Ich bin ganz oben, gewiss. Ich habe mein Auskommen, die Sorgen halten sich in Grenzen, die Kinder sind aus dem Gröbsten raus. Soll das meine Hoffnung sein: dass es so weitergeht wie bisher? Wenn ich jetzt schon ganz oben bin – kann’s eigentlich nur noch bergab gehen. Ich glaube, ich weiß selber nicht, was ich will. Ich kann doch mein Leben nicht einfach aufgeben. Aber ich kann auch nicht einfach so weitermachen wie bisher. Nur satt sein reicht doch nicht. Ich möchte diesen Jesus sehen!

 

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Das könnten die Gedanken von Zachäus vor der Begegnung mit Jesus gewesen sein. Und dann? Dann wird Zachäus angesprochen, genau von diesem Jesus: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. (Lk 19,5) Jetzt stelle ich mir den aufgeregten Zachäus vor: den, dessen Herz bis zum Hals schlägt.

Ich? Ich soll vom Baum runterkommen? Meinst du wirklich mich? Aber wieso, um Himmels willen? Hier sind doch Hunderte von anderen Leuten – warum gerade ich? Also gut, ich komme. Ja, ich bin schon da. Natürlich können wir in mein Haus gehen, bitte hier entlang, es ist nicht weit: nur hier die Gasse hinunter, gleich das zweite Haus rechts. Bitte kommt mit. Ich muss um Entschuldigung bitten, ich war natürlich nicht darauf gefasst, es ist nichts vorbereitet. Aber ich habe natürlich etwas da, nur einen kleinen Moment.

Zachäus wird voller Aufregung hin und her gelaufen sein:

Bitte setzt euch, man wird euch gleich die Füße waschen… Auf Leute, schnell, Getränke, bringt Feigen und Oliven, Brot und Wein…

Zachäus schaut aus seinem Haus hinaus auf die Straße und stutzt.

Verzeih, Herr, aber die Leute draußen machen mich ein wenig nervös. Was werden sie von dir denken, dass du bei einem Zöllner einkehrst? Und was werden sie von mir denken? Was? Ich soll mich nicht kümmern und mich endlich hinsetzen? Ja, Herr, verzeih, ich bin ein wenig aufgeregt.

Zachäus eröffnet das Mahl als Hausherr.

„Gelobt sei Gott, unser Schöpfer, der uns Brot schenkt, Früchte und Wein: Dank sei Gott!“ Greift nur zu, es ist genug da. Herr, ich weiß, dass ich zu viel rede, wenn ich aufgeregt bin, aber erlaube mir… Ich sehe, du lächelst – das ist gut. Weißt du, seit Jahren waren keine wirklichen Gäste in meinem Haus. Der ein oder andere Kollege gewiss, aber das ist doch wenig, immer nur mit seinesgleichen zusammenzukommen. Wirkliche Gäste seid ihr: ihr erwartet von mir keine Vorteile, kein Protegieren im Beruf, keine Fürsprache bei den Vorgesetzten. Sonst esse ich, und wenn ich satt bin, stehe ich auf. Aber heute? Dass wir miteinander essen, trinken und reden – es bedeutet mir soviel mehr! Weißt du, was mir aufgefallen ist, Jesus? Wir haben kein einziges Wort über meine Arbeit verloren. Das ist mir schon lange nicht mehr passiert. Alle sehen in mir nur den Oberzöllner. Ich selbst oft auch. Ich weiß gar nicht mehr, wer Zachäus als Mensch ist. Wer bin ich, was bin ich – außer Zöllner? Ich bin doch auch ein Mensch, ich habe Gefühle. Immer muss ich funktionieren, muss bei den Römern geschickt taktieren und verhandeln. In der Zollstation darf ich mir keine Blöße geben. Lieber kein persönliches Wort verlieren, es könnte jemand ausnutzen. Weißt du, Jesus, dass ich mich heute zum ersten Mal seit langer Zeit wieder wirklich gefreut habe? Das war, als ich auf dem Baum gemerkt habe, dass du mit mir sprichst, dass du mich anschaust, dass du mich meinst. Die Leute am Zoll gucken auf meine Hände, meine Kleidung, auf ihr Geld. Du bist der erste seit langer Zeit, der mir in die Augen geschaut hat. Und dem ich in die Augen schauen konnte. Ich wollte von dir kein Geld, und in deinen Augen war nicht nur Hass und Verachtung zu lesen.

Weißt du – ich glaube nicht, dass ich darauf wieder Jahre warten könnte. Ich glaube nicht, dass ich darauf wieder verzichten könnte. Ich glaube nicht, dass morgen alles so sein kann wie gestern. Jesus – ich möchte dir ein Geschenk machen. Kein übliches, wie bei anderen Leuten. Ich möchte dir etwas ganz Besonderes schenken. Ich werde dir schenken, dass ich den Menschen, die ich am Zoll über die Maßen geschröpft habe, ihr Geld vierfach zurückerstatte – genau so wie es im Gesetz des Mose steht. Und ich werde die Hälfte meines Besitzes an die Bedürftigen geben.

Jesus, ich habe es heute gelernt, habe es neu gespürt: solange ich Angst habe um mich und meine Sicherheit und meinen Besitz, kann ich überhaupt niemandem wirklich in die Augen schauen. Egal, wen ich sehe: ich denke immer nur an mich. Wenn ich die Menschen am Zoll sehe, denke ich nur daran, wie viel ich verlangen kann. Es muss doch mehr geben im Leben als nur meine Sorge um mich selbst. Weißt du was, Herr? Als wir miteinander gegessen haben, habe ich gespürt, dass du dich um mich sorgst. Das hat so gut getan. Ich habe bisher immer gedacht, ich wäre der Einzige, der sich um mich sorgt. Ich habe noch eine Idee: Bisher steht draußen an meinem Haus geschrieben: „Zachäus, Oberzöllner“. Ja, damit habe ich ein bisschen angegeben. Es sollte auch die vielen Bettler abschrecken. Ich werde es ändern – du hast eben selbst gesagt, auch ich sei Abrahams Sohn. Also – ich werde „Oberzöllner“ überpinseln und darunter schreiben: „Abrahams Sohn“.

 

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Vielleicht ist das ja auch etwas für uns alle – in jedem Haus, in jeder Gemeinde. Gerade auch in diesen Tagen ist es unendlich wertvoll, sich immer wieder daran zu erinnern. Schreibt es euch auf und hängt es euch an die Pinnwand, legt es auf den Schreibtisch oder auf das Bügelbrett oder klebt es an euren Computer: „Ich bin gemeint. Gott will bei mir einkehren! Gott will mein Gast und Freund sein!“ Und wenn dann wieder so ein Tag kommt, an dem wir das Gefühl haben, wir müssen nur funktionieren und dies und das tun, was jeden Tag getan werden muss, dann schauen auf das Schild, schauen auf unser Blatt und freuen uns: Gott ist da – mitten im meinem Leben. Er nimmt mich, so wie ich bin. Aber ich muss ja vielleicht – Gott sei Dank – gar nicht so bleiben. Und er ist bei mir, wo ich auch bin. Das beruhigt, wenn wir uns in diesen Tagen vielleicht nicht so unbeschwert treffen und sehen können, wie wir es vor Monaten noch gewohnt waren. Gott ist da, in jedem Haus, er ist bei allen, er sucht und findet uns. In ihm bleiben wir verbunden. Heute und alle Zeit. Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 

Fürbittgebet

Guter Gott und Vater,

so viele Menschen unserer Tage

sind unzufrieden mit dem, was sie haben.

Sie haben sich das Klagen und Jammern über das angewöhnt,

was ihnen fehlt.

Das, was sie in Händen halten,

die Geschenke deiner Güte, sehen sie nicht.

Gott, rühre ihr Herz an, dass sie dankbar werden.

 

Guter Gott und Vater,

so viele Menschen aber

haben wirklich nicht genug.

Sie wissen heute nicht,

wie sie den morgigen Tag bestehen sollen.

Wenn wir ihnen nicht helfen,

dann bleiben sie allein mit ihrer Not.

Gott, rühre unser Herz an,

dass wir dankbar werden

und anderen Menschen von dem abgeben,

was wir aus deinen guten Händen nehmen dürfen.

 

Guter Gott und Vater,

wir haben genug.

Vielleicht sind wir nicht besonders reich,

nicht vermögend,

haben nicht viel Macht oder Einfluss.

Und doch sind wir bevorzugt unter den Menschen.

Wir dürfen sicher leben,

auch wenn wir vielleicht sorgenvoll in die Zukunft blicken.

Gott, rühre unser Herz an,

dass wir dankbar werden und bleiben,

um das rechte Maß für unser Leben wiederzufinden.

Wir wollen niemals vergessen,

dass wir alle aus deiner Gnade leben.

Guter Gott und Vater,

höre mich, wenn ich nun in der Stille zu dir bete!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

 

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

 

Lesegottesdienste-Archiv

Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum 13. Sonntag nach Trinitatis, 06. 09. 2020

Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Wochenspruch:

Christus spricht: Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. (Mt 25,40)

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Aus Psalm 112

 

1 Halleluja! Wohl dem, der den HERRN fürchtet, der große Freude hat an seinen Geboten!

2 Sein Geschlecht wird gewaltig sein im Lande; die Kinder der Frommen werden gesegnet sein.

3 Reichtum und Fülle wird in ihrem Hause sein, und ihre Gerechtigkeit bleibt ewiglich.

4 Den Frommen geht das Licht auf in der Finsternis, gnädig, barmherzig und gerecht.

5 Wohl dem, der barmherzig ist und gerne leiht und das Seine tut, wie es recht ist!

6 Denn er wird niemals wanken; der Gerechte wird nimmermehr vergessen. 7 Vor schlimmer Kunde fürchtet er sich nicht; sein Herz hofft unverzagt auf den HERRN.

8 Sein Herz ist getrost und fürchtet sich nicht, bis er auf seine Feinde herabsieht.

9 Er streut aus und gibt den Armen; / seine Gerechtigkeit bleibt ewiglich. Sein Horn wird erhöht mit Ehren.

10 Der Frevler wird’s sehen und es wird ihn verdrießen; / mit den Zähnen wird er knirschen und vergehen. Denn was die Frevler wollen, das wird zunichte.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

 

Herr, unser Gott!

Du lässt uns deine Freundlichkeit erfahren

– jeden Tag neu.

Wir nehmen deine Gaben meist ganz selbstverständlich an.

Wir behaupten deine Gnade und Güte als unser Recht.

Aber wir sind nur selten bereit,

durch uns selbst andere

etwas von deiner Güte und Gnade spüren zu lassen.

Im Umgang miteinander fehlt es uns oft an Geduld.

Wir geben die Liebe nicht weiter,

mit der du dich uns zuwendest.

So, bitten wir: Komm, und erbarme dich unser!

Höre, Herr, wie ich in der Stille zu dir bete!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Gott gibt uns nicht auf. Niemals!

Er wendet zum Guten, was wir versäumt haben.

Seine Liebe ist größer als unsere Schuld.

Darum können wir uns freuen und sprechen:

Lobe den Herrn, meine Seele,

und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Ehre sei Gott in der Höhe!

 

 

Guter Gott und Herr,

dein Wort will uns die Richtung weisen,

damit wir nicht umherirren und ohne Orientierung sind.

Darum sammle jetzt unsere Gedanken

zu dir hin, dass wir zur Ruhe kommen

aus der Unruhe und den Sorgen unseres Alltages.

Dann wird deine Liebe uns verändern

und neue Anfänge schenken.

Das bitten wir in Jesu Namen.

Amen.

 

Epistellesung: Aus der Apostelgeschichte, Kapitel 6, Verse 1-7:

 1 In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.

2 Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen.

3 Darum, liebe Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Geistes und Weisheit sind, die wollen wir bestellen zu diesem Dienst.

4 Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben. 5 Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Proselyten aus Antiochia.

6 Diese stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten ihnen die Hände auf.

7 Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.

Halleluja! Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen! Halleluja!

  

 Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Lukasevangelium, Kapitel 10, die Verse 25-37:

(auch Predigttext)

 25 Und siehe, da stand ein Gesetzeslehrer auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? 26 Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du?

27 Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« (5. Mose 6,5; 3. Mose 19,18).

28 Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben.

29 Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster?

30 Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen.

31 Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber.

32 Desgleichen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber.

33 Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte es ihn;

34 und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn.

35 Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme.

36 Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste geworden dem, der unter die Räuber gefallen war?

37 Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!

Amen.

 

Predigt

 Die Gnade unseres Herrn und Gottes sei mit uns allen. Amen!

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

„Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?“(V.25) Der Schriftgelehrte in der Geschichte sorgt sich. Er rechnet mit einer Möglichkeit, mit der heute kaum noch jemand rechnet. Er rechnet nämlich damit, dass der heilige und allmächtige Gott neben dem Himmel, in dem er ewig leben könnte, offensichtlich noch eine andere Möglichkeit bereithält. Manche nennen es vielleicht Hölle. Auf jeden Fall ahnt er irgendwie, dass ewiges Leben ihm nicht einfach so und automatisch zufallen könnte, sonst würde er nicht so fragen. Nein, er rechnet offensichtlich auch mit der Möglichkeit, dass sein Leben nicht an das Ziel gelangt, das Gott für ihn gedacht hatte. Er bedenkt wenigstens theoretisch die Gefahr, er könne Sinn und Ziel seines Lebens verfehlen und so eben nicht in ewigem Frieden mit und bei Gott ankommen; er könne vielmehr in der Hölle landen, in der Ferne von Gott, in einer verfluchten Unzufriedenheit und in ewig fortdauernder Suche nach Erfüllung, nach Heil mitten in endlosem Unheil, in dem es keine Zukunft, kein Hoffen mehr gibt.

So könnte es gewesen sein. Aber vielleicht hatte er doch etwas anderes vor. So ganz ernst rechnete schon damals auch der Schriftgelehrte wohl doch nicht mit dieser Möglichkeit. Eigentlich will er Jesus nur auf’s theologische Glatteis führen, um nach langer, hochgeistiger Diskussion selbstgerecht sagen zu können: „Ich hab’s ja gleich gewusst: mit dem Glauben ist es eine sehr unsichere Sache; beweisen kann man hier nichts; also lässt man als aufgeklärter Denker gleich die Finger davon und lebt nach eigenen Ideen und Vorstellungen, bis dann eben der Tod kommt. Irgendwie wird es dann schon gut weiter gehen.“ Nicht wenige denken auch heute so ähnlich.

Der Schriftgelehrte fragt Jesus, um einen Grund zu haben, nicht glauben zu müssen, um sich nicht an Jesus Christus binden zu müssen, eben unentschieden einem sogenannten individuellen Glauben ohne Gemeindebindung, und herrisch bestimmenden Gott leben zu können. Er möchte sich Gott eigentlich vom Leibe halten. Er will keinen ihn bindenden Glauben, oder gar eine neue Glaubenslehre haben. Er will sich nicht in eine Gemeinschaft von Glaubenden einbinden lassen, gar täglich Gottes Wort hören und beachten, oder zu Gott beten, gar noch vor jedem Essen und mit Gästen. Er will mit dem Gespräch mit Jesus sein selbstherrliches sowieso schon schriftgelehrtes Gewissen beruhigen. Aber –  im Innersten ist er, finde ich, ziemlich  unsicher, ob es nicht doch ein verfehltes Leben geben könnte, ob nicht doch Jesus der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, ob es nicht auch für ihn ein „Zu-spät“, ein „Aus-und-vorbei“ bei Gott geben könnte.

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Leserinnen und Leser!

Millionenfach läuft dieser Schriftgelehrte heute noch in unseren Landen herum, auch unter uns und manchmal sogar in uns selbst. Der „Suchende“, der „religiöse Mensch“ wird er heute genannt. Aufgeschlossen ist er für alle Glaubensrichtungen, für alle Lebensformen, offen für alle Ideen, die seinem Leben Sinn versprechen. Und er fragt immer noch und immer noch ganz unsicher: „Was muss ich denn nun Deiner Meinung nach tun, um das Ewige Leben zu ererben?“ – Bei allem Fragen aber will auch er eines nicht: Er will sich nicht wirklich festlegen! Er will mit der Vielzahl von Antworten die Bestätigung dafür, dass es doch keine letztgültig wahre Antwort, keine letzte Sicherheit in dieser Frage gibt. Und so muss er sich vernünftigerweise auch nicht auf eine Glaubensrichtung, nicht auf „die Wahrheit“ festlegen.

Schauen wir aber auf Jesus! Jesus lässt sich da auf gar keine Diskussion ein. Jesus weiß ja, wie schwer es uns Menschen fällt, uns an Gott zu binden, Gott zu gehorchen, festgelegt zu sein auf einen Herrn, der mir eigentlich unverfügbar ist. So etwas ist manchen Menschen von heute höchst zuwider. Und es ist wohl auch ein Grund, warum Menschen sich von Gott abwenden. Jesus weiß, dass wir am liebsten unabhängig und frei leben. Und er weiß auch, dass uns das am Ende doch nicht zufrieden macht, dass uns die letzte Bindung in solch einem Leben fehlt. Er weiß, dass uns Klarheit und Wahrheit im Glauben oft abhanden gekommen sind. Und Jesus weiß auch, dass wir dies im Innersten ja selbst wissen, es aber nicht wissen wollen, weil wir es sonst ändern müssten, ändern eben mit der persönlichen Bindung an Gott, mit der ganzen, ehrlichen Liebe zu Gott und seinem Wort und Willen.

So holt Jesus dieses tiefe Wissen in uns allen mit der einfachen Rückfrage ins Bewusstsein des Schriftgelehrten zurück: „Schau, Du weißt doch, was in der Schrift steht, was Gott will. Er will doch nur das Eine von dir“. Und der Schriftgelehrte, der religiöse Mensch, sagt es dann auch sofort ganz schön brav auf: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst.“ (V.27) Also – der Schriftgelehrte weiß es ja doch! Er kennt den Weg zum Himmel genau: Gottesliebe und Nächstenliebe! So einfach ist das. „Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben.“ (V.28) sagt ihm Jesus.

Und nun fragt der Schriftgelehrte weiter und mit ihm auch wir: „Wer ist denn mein Nächster?“ (V.29) So klar ist das doch gar nicht immer! Ist es mein Nachbar? Ist es mein Mann, vor dem ich den Respekt verloren habe, weil er keine Arbeit hat und findet? Sind es die Kranken und Alleingelassenen, die ich sehr wohl kenne, zu denen ich aber meinen Kontakt vermeide? Oder sind es die vielen namenlosen Menschen, die hierherkommen, weil sie alles verloren haben, die denen Krieg und Terror nur noch Angst in die Seele gepflanzt haben und sie sich bei uns Frieden und Ausruhen erhoffen und die hier so behandelt wären, als wären sie allesamt die gleichen Verbrecher und Menschen, die uns alles nehmen würden; die hier eingesperrt werden müssen, damit wir ihr Leben hier vor einem braunen Pöbel und so vielen unsäglichen verblendeten Nachläufern und Nachplapperern schützen müssen.

Wir müssen uns das mal klar machen: die meisten – unter ihnen die Unehrlichen einmal abgezogen – fliehen vor Krieg und Terror und landen hier hinter Stacheldraht und Zäunen, oft nicht sicher, ob ihre Unterkunft nicht in der Nacht in Flammen steht. Es ist beschämend. Und es ist beschämend, wie viele sich von der Hetze auch nur im kleinsten innersten Funken anstecken lassen.

Ich kann allen, die das nun lesen, nur empfehlen, einmal einen einzigen Tag bei Pfarrer Pick im Ausländerpfarramt unseres Kirchenkreises zu verbringen, um zu sehen, welche Dramen sich dort Tag für Tag abspielen, welche unglaublichen und unsagbar traurigen Geschichten dort jeden Tag erzählt und vor allem endlich auch einmal angehört werden. Gott sei es gedankt, sind es hier bei uns so viele, die sich ehrenamtlich für verfolgte Menschen einsetzen, dass es dort ganz klar und gar keine Frage ist, wer denn der Nächste ist.

Und doch, die Haltung des Schriftgelehrten ist auch heute noch eine immer ganz weit verbreitete. Er denkt: Bevor nicht genau klar ist, wer mein Nächster ist – und Jesus soll mir das bitte erst einmal klarmachen – vorher bin ich zur Tat der Liebe auch nicht verpflichtet, da mach’ ich lieber gar nichts. Ich könnte ja dem Falschen helfen, und wieder wäre ich der Dumme. So mag es dem Schriftgelehrten oder auch manchmal uns modernen Menschen schon durch den Kopf geschossen sein.

Jesus aber lässt sich wiederum nicht auf theologische Problemdiskussionen ein. Er erzählt vielmehr eine Geschichte. Viele kennen sie oder haben sie etwas weiter oben seit Längerem wieder einmal gelesen: Zwei Männer, die im Dienste Gottes stehen, gehen an dem Geschundenen und womöglich hilflos und unschuldig Sterbenden vorüber. Ein Mann einer verachteten Volksgruppe sieht den Überfallenen, geht zu ihm und hilft.

Zwei Menschen, die in all ihrem Handeln darauf bedacht sind, das Gute zu tun und nur ja nichts zu versäumen, was ihnen vor Gott Pluspunkte einbringt und die doch blind sind für das Notwendige. – Der eine, dem man nachsagt, dass er es mit Gott und dem Glauben gar nicht so genau nimmt, der tut das Naheliegende. Er stellt sich der Situation, in die er, wie der Verletzte, scheinbar zufällig geraten ist. Er erkennt die Not des anderen. Er erkennt seine Pflicht zu helfen. Er sieht, was zu tun ist und hilft mit der Tat, mit seiner Zeit, mit seinem Geld, mit dem persönlichen Risiko, das immer auch bei der Hilfeleistung gegeben ist.

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Leserinnen und Leser!

Soll unser Glaube und alles, was wir darin tun, vor allem uns und unserem Heil bei Gott dienen, dann lieben wir den Nächsten nicht! Und Gott lieben wir dann schon gar nicht. Haben wir nicht manchmal – und das ist schon der Vorwurf in der Geschichte – sogar die Gottesliebe und mit ihr die Nächstenliebe zum Selbstzweck, zum Heilsweg für uns selbst gemacht? Tun wir das, was wir als Christin, als Christ tun, tun wir es wirklich aus Liebe ohne jeden Vorbehalt, ohne jede Taktik, ohne jedes Schielen auf Lohn und Ansehen?

Da, wo wir Gott wirklich von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von allen Kräften lieb haben, da geben wir alles Sorgen und Taktieren um unser Heil und Leben auf, liebe Schwestern und Brüder! Denn es ist doch Jesus, der uns da mit den Augen seiner unendlichen Liebe ansieht. Jesus hat uns ja doch sein Heil und Leben schon geschenkt. Bei ihm ist die Frage längst beantwortet, die Frage, wie ich das ewige Leben ererbe! Lassen wir es uns doch von ihm, von Jesus, schenken.

Und dann tue ich einfach das Not-wendende – an Arbeit, an Hilfe; mit solcher Gottesliebe im Herzen erkenne ich wieder, wem ich mit den mir geschenkten Gaben der Nächste bin. Und ich tue das, was Gott von mir will: die Barmherzigkeit! Und ich tue es dort, wo es von mir gefordert ist. Und wenn es vielleicht erst einmal und nur darin besteht, sich gedanklich der Hetze zu widersetzen, die in unserem Land und mitten unter uns manchmal so brutal um sich greift.

Das Nächstliegende erkenne ich nur da, wo ich Gott ganz nahe bin, wo ich mich in seinem Herzen ewig geborgen weiß. Meinen Nächsten erkennen ich dann, wenn ich in meinem Gegenüber Gott erkenne, der mich anschaut und spüren lässt, wozu er mich braucht. So wollen Gottesliebe und Nächstenliebe zusammenwirken. Und so macht Gott uns einander zum Nächsten in seiner Welt. Darauf können wir uns von Herzen und getrost einlassen, uns an ihn mit unserem ganzen Leben binden. Denn er hat sich längst und unverbrüchlich an uns gebunden

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 Fürbittgebet

Herr, unser Gott.

Es gibt so vieles,

für das wir immer auch danken können:

Wir danken dir für alle Zeichen

deiner Liebe und Freundlichkeit,

die wir in unserem Leben erfahren dürfen.

Wir alle sind beschenkte und begabte Menschen,

jede und jeder von uns hat Grund genug,

dir zu danken.

Weck unsre Sinne auf,

dass wir uns auch über die kleinen Dinge freuen können:

über ein mutmachendes, freundliches Wort,

über die kleine Aufmerksamkeit,

über die Liebe, die wir von anderen erfahren,

auch über die Schönheiten dieser Erde.

 

Du bist ein großzügiger Gott,

du schickst keinen mit leeren Händen fort,

der zu dir kommt.

Fülle auch uns die Hände,

– dass wir denen helfen, die hilflos sind,

– dass wir die ansprechen, die einsam sind

und denen niemand zuhört,

– dass wir denen vertrauen,

die nur noch Misstrauen erfahren,

– dass wir denen zu ihrem Recht verhelfen,

die rechtlos und verachtet sind,

– dass wir diejenigen versöhnen,

die sich auseinandergelebt haben,

– so sollen alle sehen, wie freundlich du bist.

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger Dunkel

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Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum 12. Sonntag nach Trinitatis, 30. 08. 2020

Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Wochenspruch:

Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. (Jes 42,3)

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Aus Psalm 147

 1 Lobet den HERRN! / Denn unsern Gott loben, das ist ein köstlich Ding, ihn loben ist lieblich und schön.

2 Der HERR baut Jerusalem auf und bringt zusammen die Verstreuten Israels.

3 Er heilt, die zerbrochenen Herzens sind, und verbindet ihre Wunden.

4 Er zählt die Sterne und nennt sie alle mit Namen.

5 Unser Herr ist groß und von großer Kraft, und unermesslich ist seine Weisheit.

6 Der HERR richtet die Elenden auf und stößt die Frevler zu Boden.

11 Der HERR hat Gefallen an denen, die ihn fürchten, die auf seine Güte hoffen.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Guter Gott,

wenn wir schauen und in Wahrheit nicht hinsehen

wenn wir schauen und doch nicht sehen wollen;

wenn wir hören und in Wahrheit nicht hinhören,

wenn wir hören und doch nichts hören wollen;

wenn wir uns genügen und dabei in Wahrheit Mangel leiden,

wenn wir uns genügen und dabei selbst an uns zu Grunde gehen,

dann, guter Gott und Vater, komm du und bete in uns,

Komm, und erbarme dich unser!

Höre, Herr, wie ich in der Stille zu dir bete!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Gott spricht uns frei von aller Schuld,

er nimmt uns ab,

was uns auf der Seele liegt

wenn er sagt:

Seid getrost und fürchtet euch nicht!

Seht, da ist euer Gott!

Er wird euch helfen.

Dann werden die Augen der Blinden aufgetan

und die Ohren der Tauben geöffnet werden.

Ehre sei Gott in der Höhe!

 

Herr, Jesus Christus,

löse alle Fesseln,

mit denen wir uns selbst binden!

Öffne du uns die Ohren und den Mund.

Wir bitten dich:

Mach uns frei von uns selbst

und offen füreinander,

dass wir dich in deiner Gemeinde loben und preisen.

Dir sei Ehre in Ewigkeit.

Amen.

 

Epistellesung: Aus dem 1. Korintherbrief, Kapitel 3, die Verse 9-17:

 9 Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau.

10 Nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe ich den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf. Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut.

11 Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.

12 Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh,

13 so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird es ans Licht bringen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen.

14 Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen.

15 Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch. 16 Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?

17 Wenn jemand den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören, denn der Tempel Gottes ist heilig – der seid ihr.

Halleluja! Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. Halleluja!

  

 Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Markusevangelium, Kapitel 7, die Verse 31-37:

(auch Predigttext)

 31 Und als er wieder fortging aus dem Gebiet von Tyrus, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der Zehn Städte. 32 Und sie brachten zu ihm einen, der taub war und stammelte, und baten ihn, dass er ihm die Hand auflege.

33 Und er nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und spuckte aus und berührte seine Zunge

34 und sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata!, das heißt: Tu dich auf!

35 Und sogleich taten sich seine Ohren auf, und die Fessel seiner Zunge wurde gelöst, und er redete richtig.

36 Und er gebot ihnen, sie sollten’s niemandem sagen. Je mehr er’s ihnen aber verbot, desto mehr breiteten sie es aus.

37 Und sie wunderten sich über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hören und die Sprachlosen reden.

Amen.

 

Predigt

 Die Gnade unseres Herrn und Gottes sei mit uns allen. Amen!

 

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Wir haben gerade von einer wundersamen Heilung durch Jesus gelesen, von der Heilung des Taubstummen. Ich möchte heute mit ihnen einmal die Personen betrachten, die in dieser Geschichte vorkommen. Bleiben wir zunächst einmal bei der Hauptperson, dem Taubstummen.

Vielleicht ist es Ihnen ja beim Lesen aufgefallen, sein Name wird nicht genannt. Wahrscheinlich ist sein Name für den Inhalt der Geschichte ja überhaupt nicht wichtig. Im Mittelpunkt steht seine Krankheit, seine Behinderung. Manchmal machen wir das ja heute auch noch so. Wir beschreiben jemanden über ein charakteristisches Merkmal. Wir wissen auch nicht, ob der Taubstumme in der Geschichte von Geburt an behindert war oder ob ein schlimmes Erlebnis ihm Ohren und Mund verschlossen hat. Auch das scheint also nicht von Bedeutung zu sein.

Das Leben als Taubstummer zur Zeit Jesu war alles andere als angenehm.

Sie kennen bestimmt auch etliche Menschen, die schlecht hören. Oft erzählen mir diese Menschen, wie schwer es ist, wenn man nicht versteht, was die Anderen sagen. Ich persönlich höre das oft am Schluss eines Gottesdienstes, wenn ich die Menschen mit einem Handschlag verabschiede. „Herr, Pfarrer, heute haben sie wieder zu schnell und zu leise gesprochen!“ (Kurze Nebenbemerkung: Ich merke gerade, während ich das schreibe, wie sehr ich solche Rituale in dieser Pandemie-Zeit, in der unsere Kirche geschlossen bleiben muss, vermisse!)

Schlecht hörende Menschen tun sich manchmal schwer damit, dauernd nachzufragen, womöglich auch noch dumme Bemerkungen einstecken zu müssen. Der Taubstumme hat nicht einmal diese Möglichkeiten gehabt. Er sah, wie andere lachten, aber warum, blieb für ihn unklar. Er sah, wie Andere redeten, aber worüber, blieb ihm verborgen. Ob sie über ihn redeten und lachten, konnte er sich wohl oft nur selbst fragen.

Neben der eigenen Unsicherheit steht die Unsicherheit der Mitmenschen. Damals dachte man – und das gilt für die anderen Menschen mit einer Behinderung, denen Jesus damals begegnete, ebenso –, Behinderung steckt an. Menschen mit Behinderungen mussten rasseln oder trommeln, wenn sie durch die Dörfer gingen. Sie mussten es, damit andere, Normale oder Gesunde, sich schnell in Sicherheit bringen konnten, die Türen verriegeln konnten. Menschen mit Behinderung waren total isoliert. Ihre Plätze waren draußen vor den Städten und Dörfern. Und so war es mit Sicherheit auch bei dem Taubstummen. Er lebt isoliert und verlassen. In der damaligen Zeit kam dazu, dass Krankheiten oft als eine Strafe von Gott angesehen wurden. Ich denke, es war ein sehr einsames und abgeschnittenes Leben, das dieser Mann führte.

Heute ist das sicher an manchen Punkten für taubstumme Menschen einfacher, es gibt die Gebärdensprache. Wir kennen z.B. aus dem Fernsehen die Gebärdendolmetscher, die die Nachrichten in Gebärdensprache übersetzen. Andererseits: wer von uns beherrscht sie schon? Und daran scheitert dann auch schon wieder eine normale Verständigung. Und wenn wir ehrlich sind: wann sind wir zuletzt einer Person begegnet, die taubstumm ist? Wirklich wahrnehmbar kommen sie auch in unserem Alltag doch nicht vor. Aber ich weiß eben auch von einigen, meist älteren Menschen, wie sehr sie sich auch von uns zurückziehen, weil es ihnen zu mühsam ist, immer wieder neu um deutlichere Aussprache, um lauteres und langsameres Sprechen bitten zu müssen.

Und so kommt der Taubstumme zu Jesus. Nein, er kommt nicht, er wird gebracht. Ob er eigentlich wusste, wohin und zu wem er da gebracht wurde. Gebärdensprache wird er nicht gekannt haben. Lesen konnte er sicher auch nicht. Also: vermutlich ein mutiger Schritt zu einem Unbekannten. Mutig schon deshalb, weil er ja nicht wissen konnte, was sie mit ihm vorhatten. Er wird gefühlt haben, dass sie es gut mit ihm meinten, denn sonst wäre er sicher nicht mitgegangen. Sie hatten sich ja schon allein dadurch, dass sie ihn zu Jesus brachten um ihn bemüht. Wie lange wird er allein das nicht mehr gefühlt haben.  Und dann kommt Jesu Berührung und das Wort: „Effata – öffne dich“. Das hört er wohl noch nicht. Erst danach kann er hören und reden.

Wie überwältigt muss er gewesen sein? Mit Jesu Heilung ist er aus seiner Isolation befreit. Er kann am normalen Leben teilnehmen; er kann lachen, wenn die anderen lachen, weinen, wenn die anderen weinen. Er gehört dazu. Er ist wieder einer von ihnen. Die Heilung ermöglicht ihm Gemeinschaft und neues Leben.

 

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Für den Taubstummen ist diese Begegnung mit Jesus der Beginn eines normalen Lebens, der Beginn eines Lebens in der Gemeinschaft mit anderen Menschen.

Wir wenden jetzt aber unseren Blick. Schauen wir auf die Leute, schauen wir einmal auf die Gruppe der umstehenden Menschen.

Viele sind sicher gekommen, weil sie von Jesus schon einiges gehört haben. Weil sie auch gehört haben, dass er Kranke nicht wegschickt. Genau deshalb werden sie auch den Taubstummen zu ihm gebracht haben. Nicht, weil sie einfach einmal live bei einem Wunder dabei sein wollten. Nein, ich glaube, es war etwas anderes. Auch sie haben einen mutigen Schritt getan. Sie haben  ihre eigene Angst überwunden, wollten offensichtlich helfen. Schon damit haben sie ihn ein Stück weit in die Gemeinschaft wieder aufgenommen. Und Martin Luther hat diese Haltung der Menschen, die den Taubstummen aus seiner Isolation herausholen, schon so erkannt und so mit den folgenden Worten – übrigens auch zu seiner Zeit schon am 12. Sonntag nach Trinitatis der aktuelle Predigttext – beschrieben: „Das Gute an dieser Historie ist nun dies, dass sie sich des armen Menschen angenommen haben wie ihrer eigenen Not. Damit ist uns ihr Glaube und ihre Liebe angezeigt. Ihre Liebe ist hier so gemalt, dass sie fremde Sorge auf sich nimmt. Sie sehen nicht auf sich, sondern auf den armen Menschen und denken, wie ihm Hilfe werden kann.“

Eine solche wirkliche Heilung des Taubstummen wird wohl keiner erwartet, allenfalls erhofft haben. Aber sie wollten es wohl einfach probieren, die Situation dieses Menschen zu verändern. Ihr Erstaunen wird groß gewesen sein, natürlich auch ihre Freude. Und vielleicht kommt sogar auch so etwas wie Angst, wie Unsicherheit auf: was ist das für einer, der sogar Taube zum Hören und Stumme zum Reden bringen kann? Was sind das für Heilpraktiken, die er beherrscht?

Und so beginnen die Menschen über Jesus zu reden, nicht anders als bei uns heute auch. Trotz des Verbotes, die Sache weiterzuerzählen, wird Jesu Heilung des Taubstummen immer weiter erzählt. Dass die Menschen nicht schweigen können, ist völlig klar, wer kann schon schweigen, wenn es etwas derart Ungewöhnliches erlebt hat? Sie versuchen sich ein Bild zu machen. Sie versuchen herauszubekommen, was dieser Jesus für einer ist; ob er etwa einer von den vielen Wunderheilern ist, die es gibt und deren Methoden sich dann doch nur als Augenwischerei herausstellen oder ob er wirklich etwas bewirken kann.

Fremd erscheint mir das Verhalten der Menschen absolut nicht. Wie oft erleben wir es bis heute immer wieder, dass Menschen auf eine neue Wunderdiät, auf eine neue Wunderheilung, auf ein neues Zaubermittel für Behandlung vertrauen. Nicht wenige warten gerade in diesen Tagen auf ein Medikament, dass helfen kann, diese Zeit und unser gemeinsames Leben wieder in normalere Bahnen lenken kann. Und wie gut ist es, dass sich Forschung nun endlich auch einmal zusammenschließt und viele an einem gemeinsamen Ziel arbeiten.

Das unterscheidet sich gerade grundlegend von vielen anderen Erforschungen von „Wundermitteln“, die häufig damit enden, dass Menschen viel Geld für Wunderpillen oder Wunderpulver verlieren, vor allem viel Vertrauen verlieren. Weil es dem Anbieter nur darum geht, sich selbst zu bereichern. Ihm ist es oft nicht wichtig, dem Andern zu helfen.

 

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Ich denke in unserer Geschichte waren die umstehenden Menschen auch daran interessiert herauszubekommen, was da an diesem Jesus dran war. Was macht er, was kann er, wovon redet er?

Und damit schauen wir auf die dritte Person in dieser Geschichte, nämlich auf Jesus selbst.

Er benimmt sich eigentlich ganz in der Art und Weise der Wunderheiler seiner Zeit. Er nimmt den Kranken erst einmal zur Seite, das heißt für Jesus selbst natürlich auch erst einmal: dieser Mensch, dieser Taubstumme ist mir jetzt wichtig, dieser und kein Anderer. Auch das kennen wir doch von uns selbst: wenn wir mit jemandem etwas wirklich Wichtiges besprechen wollen, dann versuchen wir mit ihm oder ihr allein zu sein. Jesus legt dem Taubstummen dann die Finger in die Ohren und den Speichel auf die Zunge. Mich erinnert das ein bisschen an meine Oma. Wenn ich mir weh getan hatte oder wenn ich gefallen war, dann hat sie manchmal etwas von ihrer Spucke auf ihr Stofftaschentuch genommen, mich leicht damit betupft und mir gesagt, dass jetzt alles wieder gut sei. Eigenartigerweise hat das übrigens meistens funktioniert! Meine Oma war eine sehr fromme Frau, vielleicht hat sie sich ja an diese Geschichte erinnert.

Aber hätten wir uns von Jesus nicht eigentlich eine andere Heilungsweise gewünscht, als die, die alle Wunderheiler seiner Zeit so ähnlich benutzt hatten, eine die ihn eindeutiger als Sohn Gottes identifizierbar gemacht hätte? Eine, die ihn deutlich herausnimmt aus der Menge der Wunderheiler seiner und unserer Zeit. Denn mit dieser Heilungsmethode arbeitet Jesus wie viele andere Heiler seiner Zeit auch, vielleicht bloß als ein besonders guter. Warum macht Jesus die Sache nicht eindeutiger?

Aber er tut es doch! Und das wird eigentlich erst durch das Verbot zu reden deutlich. Denn das sogenannte Schweigegebot –  „Und er gebot ihnen, sie sollten’s niemandem sagen“ (V. 36) – macht deutlich, dass Jesus erst als der zu erkennen ist, der er ist, wenn Karfreitag und Ostern geschehen ist. Erst mit seinem Tod und seiner Auferstehung wird Jesus eindeutig aus der Schar der Wunderheiler seiner Zeit herausgenommen und erkennbar werden als Sohn Gottes. Und auch seine Wunder und Taten werden erst von daher ganz verständlich.

Erst dann ist deutlich, dass mit diesem Jesus Gott uns ganz nahe gekommen ist, dass er mit uns geht – bei jedem Schritt an jedem Tag durch unser ganzes Leben.

Und damit ist dann auch klar, warum diese Geschichte bis heute Bedeutung für uns hat. Nicht, weil da irgendwann mal ein Taubstummer geheilt wurde, sondern weil Jesus bis heute Menschen heilen möchte. Weil Jesus bis heute Menschen aus ihrer Isolation herausholen möchte. Nicht körperlich, das ist vorbei. Aber denen möchte er helfen, die sich bei uns verschließen.

 

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Wir alle kennen sicher gerade auch in diesen Tagen Menschen, die allein sind und isoliert, weil sie schlechte Erfahrungen gemacht haben oder weil sie Angst haben. Heute sind es Menschen mit der Sorge, wie sie sich und andere, die sie lieben, vor einer Infektion schützen können. Aber davor und auch jetzt und heute gibt es Menschen, die sich schon immer isoliert haben, die einen leisen Rückzug angetreten haben, z.B. aus der Angst  vor der Fremdheit der anderen oder vielleicht auch weil sie das Gerede der anderen nicht mehr ertragen. Am Anfang ist da nur der Rückzug. Aber irgendwann ist die Isolation so groß, dass sie sich allein nicht mehr helfen können, dass sie alleine nicht mehr herauskommen.

Da braucht es dann Menschen wie in unserer Geschichte; Menschen, die einen sehen, dem es schlecht geht und ihn mitnehmen, ihn herausholen. Da sind wir alle gefragt. Da können wir die sein, die jemanden sehen und wieder in die Gemeinschaft hereinnehmen. Das kann ganz einfach sein, einfach mal vorbeigehen und sich Zeit nehmen. Nicht nur Gespräche zwischen Tür und Angel führen, sondern ganz allein, abseits, ohne Trubel, mit viel Zeit – und heutzutage auch mit dem nötigen Abstand. Noch etwas kommt dazu:  es kann und es muss auch unser Gebet sein, ein intensives Gebet für jemanden, der uns am Herzen liegt. Am Ende dieses Lesegottesdienstes bitte ich Sie immer darum, die Worte des Segens zu sprechen und dabei auch an diejenigen zu denken, die Sie dabei im Herzen haben! Trauen Sie sich!

Eine alte Geschichte also, aber sie will in unser Leben wirken, weil Gott uns nahe ist. Sie will aber auch durch unser Leben wirken. Deshalb gilt Jesu Wort auch für jede und jeden von uns: Effata – öffne dich!

 Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 Fürbittgebet

Guter Gott und Vater,

du schenkst uns deine Liebe immer wieder neu.

Du schenkst uns mehr als wir erwarten dürfen.

Und so bitten wir dich:

 

Wende ab, was unser Herz erschreckt.

Lass unsere Augen

deine Wunder immer wieder neu sehen.

Lass uns hinsehen, hinhören und mitfühlen,

überall dort, wo du uns hinstellt.

 

Du kannst alles Leben heil machen.

So bitten wir dich:

 

Öffne unsere Ohren,

dass wir dein lebenschenkendes Wort

alle Zeit hören und verstehen,

es annehmen und auch tun können.

 

Öffne uns den Mund,

dass wir dein Lob in diese Welt sagen.

Gott, du sorgst dich um unsere Seele.

Heile die Wunden, die uns schmerzen.

Heile die Wunden, die wir anderen zugefügt haben.

Höre mich, wenn ich in der Stille zu dir bete!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

 

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –

und ich lade Sie ein, die Worte zu sprechen,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger Dunkel

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Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum 11. Sonntag nach Trinitatis, 23. 08. 2020

Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Wochenspruch:

Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. (1. Petr 5,5b)

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Aus Psalm 145

 1 Ein Loblied Davids. Ich will dich erheben, mein Gott, du König, und deinen Namen loben immer und ewiglich.

2 Ich will dich täglich loben und deinen Namen rühmen immer und ewiglich.

14 Der HERR hält alle, die da fallen, und richtet alle auf, die niedergeschlagen sind.

17 Der HERR ist gerecht in allen seinen Wegen und gnädig in allen seinen Werken.

18 Der HERR ist nahe allen, die ihn anrufen, allen, die ihn mit Ernst anrufen.

19 Er tut, was die Gottesfürchtigen begehren, und hört ihr Schreien und hilft ihnen.

20 Der HERR behütet alle, die ihn lieben, und wird vertilgen alle Gottlosen.

21 Mein Mund soll des HERRN Lob verkündigen, und alles Fleisch lobe seinen heiligen Namen immer und ewiglich.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Herr, guter Gott.

Gott, unser Vater!

Wie viel Einsamkeit gibt es unter uns,

wie viel Sprachlosigkeit

– gerade auch in diesen Tagen, Wochen und Monaten?

Manchmal reden wir viel und sagen doch so wenig.

Wie schwer tun wir uns, miteinander zu sprechen,

um zu sagen, wie es wirklich in uns aussieht!

Und wie wenig sprechen wir mit dir,

weil wir meinen, wir hätten keine Zeit zu beten

oder du wärest so weit weg und würdest uns nicht hören.

Befreie uns von allem,

was uns fernhält von dir.

Befreie uns von der Verschlossenheit,

in der wir verkümmern

und schenke uns das Glück der Zwiesprache

mit dir und mit unseren Mitmenschen.

So bitten wir dich: Komm, und erbarme dich unser!

Höre, Herr, wie ich in der Stille zu dir bete!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Wir erinnern uns,

wie Jesus auch zu uns sagt:

Ich bin der Weinstock,

ihr seid die Reben.

Wer in mir bleibt und ich in ihm,

der bringt viel Frucht.

Ehre sei Gott in der Höhe!

 

Guter Gott!

In deiner Gegenwart sind wir,

bin ich vor dir.

Wir sind niemals verlassen,

auch wenn wir manchmal meinen,

wir hätten keinen Boden unter den Füßen.

Du bist da, und du wirst immer da sein,

wo immer die Zeit uns hinführt.

Dass dieses für uns alle spürbar bleibt,

dass wir dieses immer wieder neu erfahren,

Tag für Tag,

das bitten wir in Jesus Christus,

deinem Sohn,

der mit dir und dem Heiligen Geist

lebt und regiert

von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Epistellesung: Aus dem Epheserbrief, Kapitel 2, die Verse 4-10:

 4 Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat,

5 auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht – aus Gnade seid ihr gerettet –;

6 und er hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus,

7 damit er in den kommenden Zeiten erzeige den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus. 8 Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es,

9 nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme. 10 Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.

Halleluja! Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg. Halleluja!

  

 Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Lukasevangelium, Kapitel 18, die Verse 9-14:

(auch Predigttext)

 9 Er sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis:

10 Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.

11 Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner.

12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.

13 Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!

14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

Amen.

 

Predigt

 Die Gnade unseres Herrn und Gottes sei mit uns allen. Amen!

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Ich schreibe es gleich mal vorneweg: Da ist etwas an diesem Gleichnis, das mir überhaupt nicht gefällt! Irgendwie schaut man auf dieses Gleichnis und tut genau das, was man ja offensichtlich eigentlich gar nicht soll: man achtet jemanden gering. Ja, man ist sogar versucht, die Religion eines anderen oder vielleicht auch nur seinen Frömmigkeitsstil schlecht zu machen. Und dabei ist es eigentlich ganz gleich, ob man nun wie der Pharisäer mal eben diesen Zöllner schlecht macht; oder ob man mal eben, wie wir es vielleicht lieber tun, den Pharisäer als einen Heuchler bezeichnen würden.

Deshalb gefällt es mir eben gar nicht, dass hier Menschen irgendwie in eine Schublade gepresst werden. Da sind die, die gerechtfertigt sind. Und die anderen eben nicht. Eigentlich ist es gar nicht wichtig, wer in welche Schublade gehört.

Dieses kleine Gleichnis hat in der Geschichte des Christentums leider oftmals eine Wirkung gezeigt, die nicht immer gut war. Manchmal wurde es geradezu benutzt, um eine Karikatur des Judentums, eine geradezu böswillige Karikatur zu zeichnen. Dieses kleine Gleichnis hat sich seinen Platz in der Geschichte des Antisemitismus irgendwie gesichert. Und ich kenne kaum einen biblischen Text, der mehr zu einer christlichen Überheblichkeit beigetragen hat als dieses eigentlich ja doch eher unscheinbare Stückchen Bibel.

Aber ich hoffe, wir haben alle aus der Geschichte gelernt. Niemand hat das Recht, den Glauben anderer Menschen irgendwie herunterzumachen, zu verdächtigen oder schlecht zu reden. Der dänische Theologe und Philosoph Sören Kierkegaard hat einmal einen, wie ich finde, wunderbaren Satz niedergeschrieben. Er schreibt: „Du hast nicht das Recht, den Glauben eines anderen Menschen anzuzweifeln – nur an deinem eigenen Glauben darfst du zweifeln.“

Und das versuche ich ernst zu nehmen, auch wenn es – das gestehe ich – nicht immer leicht fällt. Aber niemand hat eben das Recht, einen anderen, der seinen eigenen Glauben und sein Leben darin ernst nimmt, einen Heuchler oder Pharisäer zu nennen. Aber umgekehrt ist es dann aber auch genau so. Es ist auch nicht angeraten, die Demut und die Bescheidenheit des Zöllners als falsch und heuchlerisch zu bezeichnen.

Schaue ich in die Gleichnisse, die Jesus erzählt, sind da einige, die von zwei Personen oder von zwei Dingen handeln. Da sind zum Beispiel Maria und Marta, da sind der Richter und die arme Witwe. Hier sind es eben der Pharisäer und der Zöllner. Und je öfter ich diese Gleichnisse gelesen und über sie nachgedacht habe, desto klarer wurde es mir. Es geht niemals darum, dass Jesus hier zwei verschiedene Menschen irgendwie gegeneinander ausspielt oder so aufstellt, dass ich mich für einen von beiden entscheiden müsste. Nein, in all diesen Gleichnissen glaube ich fest daran, dass Jesus die zwei Seiten in mir selbst beschreibt. Jesus teilt die Menschen nicht auf in diejenigen, die gerechtfertigt sind, und die anderen, die es eben nicht sind. Und wir sollten das schon gar nicht tun, obwohl wir es ja manchmal leider immer wieder versuchen.

Ich möchte dieses Gleichnis eher an mich gerichtet lesen oder hören. Ich brauche dann gar nicht von „den anderen“ reden. Denn ich erkenne mich selbst.

Natürlich kann ich mich in dem Pharisäer wiedererkennen. Ich muss ihm ja deshalb nicht gleich werden. Aber da ist doch einiges, worin er uns ähnlich sein kann. Ich finde drei Punkte.

Der Pharisäer will nicht „wie die anderen sein“. Das kenne ich. In vielen Dingen möchte ich das auch nicht! Und er stellt deshalb besondere Forderungen an sich selbst. Er will sich nicht der allgemeinen Mittelmäßigkeit und der Gleichgültigkeit in vielen Dingen anpassen. Ganz ehrlich: wenn mir manchmal jemand sagt „Du bist nicht wie die anderen!“, dann verstehe ich das meist als Kompliment! Ich weiß ja selbst, dass ich das nicht bin, aber manchmal möchte ich schon ganz gern anders sein als andere, möchte zumindest nicht so sein wie sie.

Der Pharisäer hat ganz klare moralische und auch ethische Grundsätze. Er nimmt sein Glaubensleben ernst. Wer von uns wollte das für sich nicht?

Der Pharisäer muss mit einem weiteren Vorwurf leben. Er sucht die Anerkennung vor Gott. Und nicht nur das. Er sucht die Anerkennung vor Gott und den Menschen! Und bleiben wir doch auch hier einfach mal ehrlich! Wer möchte das nicht. Es ist manchmal ganz schön schwer, ohne die Anerkennung von anderen zu leben. Ich halte es für geradezu arrogant und auch verlogen, wenn jemand behauptet, es sei ihm gleichgültig, was andere von ihm oder ihr halten!

Deshalb behaupte ich es einfach einmal: in jedem Menschen wohnt solch ein Pharisäer. Wir wollen anders sein als die anderen, dennoch wollen wir respektiert sein und auch anerkannt. Wir wollen unser Leben ernst nehmen, wollen es verantwortlich leben! Das ist doch nicht schlecht oder falsch? Oder!?!

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Aber wenn ich sage, dass Jesus zwei Menschen vor mich stellt, um mir meine beiden Seiten aufzuzeigen, dann muss ich natürlich auch den Zöllner in mir entdecken. Ich schaue auf ihn und sage: Ja, kenne ich auch! Da ist auch die andere Seite in mir! Da sind die Dinge, über die ich nicht gerne spreche. Manchmal finde ich keine Worte, manchmal möchte ich gar nichts sagen. Da passiert im Leben viel mehr, als ich im Moment beherrschen kann. Ich kenne auch die Angst, zu kurz zu kommen. Ja, wenn ich auch hier ehrlich bleibe, wenn wir alle ehrlich bleiben, dann müssen wir doch wohl auch uns selbst eingestehen: es gibt sie – die Schattenseiten in unserem Leben! Da gibt es eben Dinge, die wir nicht kontrollieren können. Mit manchen Dingen in unserem Leben werden wir irgendwie nicht richtig fertig. So ging es dem Zöllner, so geht es eben auch uns so manches Mal!

Klar, ich habe in meinem Leben noch nie einen echten Pharisäer gesehen. Ich möchte es auch vermeiden, über jemanden so zu denken oder ihn so zu bezeichnen. Und einen Zöllner nach biblischem schlechten Vorbild habe ich so auch noch nie getroffen – jemanden, der sich nur und ausschließlich als einen armen Sünder sieht; jemanden, der gar keinen Eigenwert mehr in sich fühlt. Aber ich denke an viele Menschen die ich kenne – und da zähle ich mich zweifelsfrei dazu –, die eben beides in sich tragen. Ja, wir wissen, was wir uns selbst und anderen wert sind. Wir stellen manchmal große Forderungen an uns selbst und an unser Leben. Und dann kennen wir auch unsere Zeiten der Ohnmacht. Wir kennen auch die Sorge, ob wir uns selbst und unserem Leben gerecht werden.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Vielleicht ist es ja tatsächlich so, dass dieses kleine Gleichnis mehr von der Macht und der Ohnmacht zu leben handelt. Da ist der Pharisäer und beschreibt das Starke in uns, die Macht. Und da ist der Zöllner, der für unsere Schwäche, unsere Ohnmacht steht. Und beides ist in uns und oft auch sogar sichtbar – vor Gott und vor anderen Menschen.

Vielleicht ist es ja das eine, nämlich selbstgerecht und eingenommen von sich selbst zu sein. Aber das kann man als Pharisäer genau so gut wie als Zöllner. Aber es ist doch aber etwas ganz anderes, wenn wir versuchen, wir selbst zu sein. Es ist doch gut, wenn wir uns zu uns selbst bekennen können. Sind wir dann in der Sprache der Bibel zwar nicht gerecht, aber gerechtfertigt?

Ich denke, genau davon erzählt der Schluss des kleinen Gleichnisses. Und damit hatte die Auslegung dieser Geschichte offenbar schon immer ihre Schwierigkeiten. Denn ich glaube, die Menschheit in Gerechtfertigte und nicht Gerechtfertigte aufzuteilen, ist ja wohl schon wieder ein geradezu pharisäischer Gedanke!

In alten Übersetzungen dieser Textstelle klang das noch ein wenig sympathischer und hilft vielleicht zum besseren Verständnis. Da wurde eben nicht davon gesprochen bzw. geschrieben, dass der eine gerechtfertigt ist und der andere nicht. Nein, da hieß es, dass der eine gerechtfertigt ist – vor dem anderen.

Versuchen wir es so zu verstehen, dann schauen wir auch befreiter auf den letzten Satz des Gleichnisses. „Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden“. (V.14)

Hier geht es eben nicht um die Demut oder um falsche Bescheidenheit. Wir können nicht mit unserer Fähigkeit zur Sünde geradezu „demütig prahlen“. Nein, wenn ich es annehme, dass Gott die beiden Seiten in uns selbst anrühren und anreden möchte, dann höre ich geradezu, wie er zu uns allen so spricht:

„Wenn du dich selbst erhöhst, wenn du immer an die Grenzen deiner eigenen Stärke gehst und manchmal sogar zu selbstbewusst darüber hinaus, dann wirst du so erniedrigt, dass du auch wieder deine Ohnmacht, deine Abhängigkeit heilsam neu zu spüren lernst. Du kannst nicht alles. Du hast auch nicht alles in der Hand. Auch dein manchmal von deinen eigenen Forderungen an dich selbst überfrachtetes Leben bleibt ein Leben aus meiner Gnade. Ich schenke dir alles, was du dazu brauchst!

Wenn du dich selbst erniedrigst, wenn du nur noch deine Schwäche, deine Ängste und deine vermeintliche Schuld spürst und dich nur noch von all dem lenken lässt, dann sorge ich dafür, dass du es auch wieder anders spürst. Ich erinnere dich an deine Stärke. Du bist viel mehr als du es vielleicht selbst glaubst. Auch du lebst ein Leben aus meiner Gnade. Ich schenke dir alles, was du dazu brauchst.“

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Ich denke, so würde Gott selbst zu uns reden. Wer sich nur stark fühlt, wird auch heilsam seine eigene Ohnmacht spüren. Wer schwach ist, den wird Gott immer wieder auch auf seine Stärken besinnen. Denn er hat seinen Sohn Jesus Christus zu beiden gesandt. Jesus Christus ist für beide gestorben und auferstanden. Für den Pharisäer und den Zöllner! Und wenn das die beiden Seiten in mir, in uns sind, dann erkennen wir es eben auch in uns und für uns. Auch für jede und jeden von uns ist er gestorben und auferstanden. Christus selbst lebt und betet in uns! Wir sind niemals allein! Nicht in unserer Stärke und nicht in unserer Ohnmacht! Er, Gott in Christus, ist uns nahe!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 Fürbittgebet

Vater im Himmel!

Wir bitten dich für alle Menschen,

denn alle sind deine Geschöpfe,

alle sind geschaffen nach deinem Ebenbild:

Lass jeden sein wahres Menschsein finden,

so dass wir uns gegenseitig Mensch und Mitmensch werden.

Wir bitten dich für die,

die Macht haben und Verantwortung in der Politik:

Gib ihnen den nötigen Weitblick,

dass sie über den jetzigen Tag hinaus denken,

dass sie wissen und berücksichtigen,

dass wir auch Verantwortung für die kommenden Generationen haben.

Gib ihnen Einsicht,

dass sie verstehen, was die Menschen wirklich brauchen:

das tägliche Brot,

ein Dach über dem Kopf,

Arbeit und gegenseitige Unterstützung,

Vertrauen in die Gerechtigkeit,

Hoffnung auf Frieden.

Und schenke uns die nötige Einsicht,

dass vieles gerade nur schwer zu leben

und auch umzusetzen ist.

Vieles ist anders geworden

und braucht unsere Geduld und einen langen Atem.

Wir bitten dich für die Kirche:

das wir alle, die wir dazugehören,

beständig sind in der Liebe zu deinem Wort,

dass wir das Evangelium von deiner Liebe

in allem zum Maßstab machen

und es glaubwürdig bezeugen

mit unseren Taten, mit unserem Denken

und auch mit unseren Worten.

Dazu hilf uns durch deinen Geist.

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger Dunkel

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Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum 10. Sonntag nach Trinitatis, 16. 8. 2020

(Stand 16. 8. 2020)

 

Lesegottesdienst

mit den gottesdienstlichen Texten zum 10. Sonntag nach Trinitatis, 16. 8. 2020

 

Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Wochenspruch:

Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat. (Ps 33,12)

 

 Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Psalm 122

 1 Von David, ein Wallfahrtslied. Ich freute mich über die, die mir sagten: Lasset uns ziehen zum Hause des HERRN!

2 Nun stehen unsere Füße in deinen Toren, Jerusalem.

3 Jerusalem ist gebaut als eine Stadt, in der man zusammenkommen soll, 4 wohin die Stämme hinaufziehen, die Stämme des HERRN, wie es geboten ist dem Volke Israel, zu preisen den Namen des HERRN.

5 Denn dort stehen Throne zum Gericht, die Throne des Hauses David. 6 Wünschet Jerusalem Frieden! Es möge wohlgehen denen, die dich lieben!

7 Es möge Friede sein in deinen Mauern und Glück in deinen Palästen! 8 Um meiner Brüder und Freunde willen will ich dir Frieden wünschen. 9 Um des Hauses des HERRN willen, unseres Gottes, will ich dein Bestes suchen.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Herr, guter Gott.

Wie schnell fangen wir an,

verächtlich über andere zu reden und zu denken.

Es ist wie eine Sucht,

sich selber groß zu machen

und die anderen klein.

Gott, du Bruder der Verachteten,

wann werden wir endlich einsehen,

dass alle von deiner Gnade leben,

wir – und die anderen.

So bitten wir dich: Komm, Herr!

Komm und erbarme dich unser!

Höre, wie wir in der Stille zu dir beten!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Aus Gnade seid ihr gerettet worden,

durch den Glauben,

nicht aus den Werken,

auf dass sich nicht jemand rühme.

Gottes Zusage ist hart für die Hochmütigen,

aber tröstlich für die Geringen.

Ehre sei Gott in der Höhe!

 

Gott, unser Vater,

du erlöst uns von unserem Hochmut

und machst uns zu Menschen deiner Liebe.

Ich bitte dich um deine befreiende Gegenwart,

wenn ich nun vor dir bin und bete,

wenn ich dein Wort lese und darüber nachdenke

wenn ich vor dich bringen darf,

was mir auf der Seele liegt.

Ich bitte dich:

trage, was mich verzweifeln lässt,

damit ich neu lebe in dir.

Das bitte ich mit allen, die auch zu dir beten,

im Namen deines Sohnes Jesus Christus,

der mit dir und dem heiligen Geist

lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Epistellesung: Aus dem Römerbrief, Kapitel 11, die Verse 25-32:

 25 Ich will euch, Brüder und Schwestern, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, bis die volle Zahl der Heiden hinzugekommen ist.

26 Und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): »Es wird kommen aus Zion der Erlöser; der wird abwenden alle Gottlosigkeit von Jakob.

27 Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.«

28 Nach dem Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber nach der Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen.

29 Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.

30 Denn wie ihr einst Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams,

31 so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen.

32 Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.

Halleluja! Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade! Halleluja!  

 

Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Markusevangelium, Kapitel 12, die Verse 28-34:

(auch Predigttext)

 28 Und es trat zu ihm einer der Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen?

29 Jesus antwortete: Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein,

30 und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft« (5. Mose 6,4-5).

31 Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3. Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese. 32 Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Ja, Meister, du hast recht geredet! Er ist einer, und ist kein anderer außer ihm;

33 und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und mit aller Kraft, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.

34 Da Jesus sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.

Amen.

 

Predigt

 

Die Gnade unseres Herrn und Gottes sei mit uns allen. Amen!

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Ich finde, das ist ein ganz und gar bemerkenswerter Text. Leider unterliegt er der gleichen Gefahr wie so viele Texte und Erzählungen der Bibel. Die meisten von uns werden ihn auf ihrer „inneren Festplatte“ wohl nur zu einem ganz kleinen Teil gespeichert haben! Allein die Überschrift „Frage nach dem höchsten Gebot“ bahnt es ja schon an, dass wir uns eigentlich nur eines von Jesus merken. Nämlich, dass er sagt: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“.

Diese wenigen Worte sind einerseits unendlich viel für uns; zuviel meistens, weil wir es bis heute nicht schaffen, diese wenigen Worte auch so zu leben, wie Jesus sie in aller Konsequenz wohl auch gemeint hat. Zum anderen sind sie – gemessen an dem ganzen Kontext dieses kleinen Stückchen Bibel, das wir oben als Predigttext gelesen haben – unendlich wenig. Deshalb behaupte ich es einfach einmal: es ist zu wenig, was wir uns von dieser Erzählung behalten.

Ich denke, wir sollten es uns nicht ersparen, genauer hinzuschauen, um uns dann daran auch messen zu lassen. Schauen wir in diese kleine Szene und spüren wir dem nach, wie ein Schriftgelehrter unsere Stelle einnimmt. Dieser Schriftgelehrte hatte zugehört. Er hatte gehört, wie Jesus diskutiert und argumentiert. Und er hat viel Sympathie für Jesus entwickelt. Er hatte nämlich erkannt, dass er – so heißt es in Vers 28 – „gut geantwortet hatte“. So ist er auf einmal gar nicht mehr fern von einem für ihn selbst ganz entscheidenden Schritt.

Er bleibt nicht mehr stumm und distanziert, wie so viele andere Schriftgelehrten, die mit ihrer ganzen Skepsis Jesus meist schon ablehnten, bevor er auch nur ein Wort gesagt hatte. Nein, er ahnt etwas, merkt, dass sich in ihm etwas bewegt. Er möchte mitreden, mitdiskutieren. Deshalb fragt er als Schriftgelehrter, der sich doch selbst so gut auskennt, eigentlich provokativ und doch wohl auch neugierig: „Welches ist das höchste Gebot von allen?“ Für diesen Schriftgelehrten kann es darauf nur eine Antwort geben. Er weiß es und hofft vielleicht doch auch auf Neues!

Jesus weiß um sein Dilemma; um sein Dilemma, als Schriftgelehrter Traditionen verteidigen zu müssen, Neues eigentlich genau nicht wagen zu dürfen. Deshalb öffnet Jesus ihm die Augen. Es geht Jesus selbst gar nicht so sehr um grundlegend Neues. Nein, es geht ihm darum, die alten Traditionen, neu zu verstehen, sie neu und damit genauer und entschiedener zu leben.

So holt Jesus diesen Schriftgelehrten bei dem ab, was er sowieso schon glaubte. Das höchste Gebot ist das: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein!“ (V. 29) Das war das Bekenntnis des alten Israels! Das war und ist – wenn man so will – der höchste Lehrsatz, von dem sich alles andere ableiten lässt – jedes Gebot, jede Lebensregel. Alles beginnt mit diesem einen Bekenntnis zu dem einen Gott. Das – so sagt es Jesus – das ist das höchste Gebot.

Von den unzähligen Ableitungen stellt er ihm zwei ganz alttestamentliche Lebensregeln aus den Büchern des Mose neben seine Antwort. Keine neuen Sätze, nein, Sätze, die sich die Schriftgelehrten schon immer weitergegeben hatten und zu erschließen versucht hatten. Er sagt ihm zwei Sätze, die dem Schriftgelehrten durchaus auch schon bekannt waren: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften“ (5.Mose 6,4-5) und: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (3. Mose 19,18) Diese zwei Sätze stellt Jesus neben das Bekenntnis zu dem einen Gott und gibt damit ganz entscheidende Hinweise. Jesus möchte ein für allemal deutlich machen, dass ein Bekenntnis eben nicht nur für die Lippen gemacht ist. Ein Bekenntnis ist für ihn immer auch eine Lebensentscheidung!

Nun geschieht etwas – wie ich finde – sehr Schönes! Es macht nämlich bei dem Schriftgelehrten endlich „Klick“! Genau das finde ich schön und richtungsweisend in dieser Erzählung. Er erkennt plötzlich, woran er bis dahin selbst gekrankt hat. Dieser Schriftgelehrte hat das Bekenntnis bisher als eine Verpflichtung verstanden, Gott in den Traditionen der Anbetung zu loben, die sich selbst bis dahin schon längst verselbständigt hatten zu immer wieder durchzuführenden und doch sinnentleerten Handlungen, die man zu erfüllen hatte. Das Leben im Glauben hatte sich an vielen Stellen damit schon lange nicht mehr gedeckt. Er versteht plötzlich, dass Liebe nach Gottes Willen hier eben kein romantisches Gefühl beschreibt, sondern einzig und allein die Leidenschaft und den Willen, Gott durch das eigene Leben zu loben und zu bezeugen. Diese Liebe hat etwas mit wirklicher Überzeugung zu tun. Sie ist von Gott gebotene Liebe und eben nicht in das eigene Belieben gestellt. Im Praktizieren der Nächstenliebe – so wie Gott sie meint, wenn er sie den Menschen von Anfang an ins Herz legt – finden Gott und Mensch ganz eng zusammen. Hier wird Gott spürbar, im Leben eben erlebbar. Genau hier und jetzt erkennt der Schriftgelehrte sein Tun, sein Erfüllen der Gebote als eigentlich leer. Er erkennt plötzlich die ihm von Gott gebotene Liebe als Richtschnur seines Handelns. Über diese Erkenntnis des Schriftgelehrten, genau darüber freut sich Jesus. Es veranlasst ihn zu einem – für seine Verhältnisse geradezu euphorischen – Ausruf: „Du bist nicht fern vom Reich Gottes“. (V. 34)

 Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Würde Jesus eigentlich heute auch zu uns noch so sprechen können: Du bist nicht fern vom Reich Gottes! Würde er so zu uns heute auch noch so sprechen können, weil er das Gefühl haben müsste: Ja, wir alle üben, praktizieren und leben so – in diesem Gott gewollten Sinne – die Nächstenliebe! Würde Gott so zu uns sprechen? Nein, ich glaube, er würde eben nicht so zu uns sprechen. Wir alle führen die Nächstenliebe natürlich oft im Munde, keine Frage. Wir fordern sie auch oft ein – meist von anderen! Aber wir wissen eben auch sehr gut: zwischen praktizierter Nächstenliebe und Scheinheiligkeit ist es manchmal nur ein ganz schmaler Grat!

Wer z.B. meint, er oder sie könne sich durch eigenes Engagement in einer Kirchengemeinde ein Denkmal setzen, wer meint, durch besondere Positionen an Ansehen zu kommen, der tritt das Gebot der Nächstenliebe schon mit Füßen! Wer in unserer Gesellschaft meint, durch gute Taten auch und in erster Linie auf sich selbst aufmerksam machen zu müssen, der hat nichts verstanden! Wer meint, das „wie dich selbst“ übersetzen zu müssen mit „zuerst komme ich“, der wird irgendwann daran irre werden!

Ich erkenne manchmal auch etwas Trauriges: Vielfach ist das Wort „Nächstenliebe“ für uns eben auch nicht mehr als ein Lippenbekenntnis. Vielfach ist unser Ruf nach mehr Nächstenliebe in dieser Welt auch nicht mehr als der Versuch, uns selbst vor einer uneingelösten Forderung Gottes uns gegenüber zu verstecken. Was also tun?

Nun, es müsste bei uns ebenfalls einmal „Klick“ machen – so wie bei dem Schriftgelehrten in der Erzählung des Evangeliums. Wir müssten endlich einsehen, dass Nächstenliebe eben nicht in unser Belieben gestellt ist, sondern uns von Gott geboten wird! Gott lädt uns ein, seine Liebe zu leben und weiterzugeben. Er fordert genau das von uns auch ein. Wir können natürlich alle Gebote immer auch anders verstehen und oft tun wir es so – in Predigten, im Konfirmandenunterricht, in Bibelgesprächen. Wir übersetzen die Gebote gerne mit den „Angeboten Gottes“, den „Lebenshinweisen Gottes“. Viele andere Bezeichnungen haben wir für sie gefunden. Und nicht wenige dieser alternativen Bezeichnungen, spülen diese Gebote weich, gerade so als ob wir sie annehmen können oder eben nicht. Gerade so als ob wir sie übersetzen dürfen, bis sie in unser heimeliges „Kuschelchristentum“ passen.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Aber wir sollten uns durchaus klarmachen, dass, wenn wir uns zu Gott bekennen, das für unser Leben als Christin, als Christ immer auch Konsequenzen einfordert. Die  Nächstenliebe, die Gott meint und von der Jesus redet,  wird darin zu nichts anderem als zu der Leidenschaft, die Liebe Gottes zu leben und unter uns spürbar werden zu lassen. Sie gehört auch durch uns dorthin getragen, wohin wir selbst niemals gehen würden, z.B. zu den Menschen mit denen wir in Streit leben, zu den Schwestern und Brüdern, über die wir selbst unsere Vorurteile ausschütten. Die Nächstenliebe Gottes  wird dann zu der Leidenschaft, das eigene Leben als einen Gottesdienst an anderen zu begreifen; als einen Gottesdienst, der dann auch überall dort, wo wir uns selbst vor Gott stellen – noch vor ein paar Monaten und Wochen waren es z.B. ganz selbstverständlich unsere Kirchen, heute sind es öffentliche Plätze unter freiem Himmel, sind es Wohnungen und Häuser, in denen wir es tun – immer wieder zu einem kurzen Zwischenhalt wird. Egal wo wir sind, ob wir zusammen sind oder auch jetzt allein vor Gott stehen, wir geben Gott Rechenschaft darüber, wofür wir zu danken haben, wofür wir um Vergebung zu bitten haben und wofür wir neue Kraft erbitten. Neue Kraft, um immer wieder auch neu anzufangen, die Liebe Gottes in unserem Nächsten zu erkennen oder sie unserem Nächsten zukommen zu lassen. Und ich denke, je mehr Schritte wir auf diesem Weg wagen – auch in schwierigen Zeiten – desto eher hören wir selbst auch den Jubelruf Jesu über uns: Ihr seid nicht mehr fern vom Reich Gottes!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 Fürbittgebet

Gott, du Bruder der Verachteten,

wir danken dir für dein manchmal hartes,

aber doch befreiendes Wort.

Wir bitten dich für deine Kirche,

dass sie bei der deutlichen Wahrheit bleibt.

Wir bitten dich für alle Menschen in der Kirche,

die durch ihre Frömmigkeit und durch ihr Amt

zu Hochmut und Verachtung verleitet werden,

dass sie menschlich bleiben.

Wir bitten dich für alle Menschen,

die – von uns gewählt – regieren,

dass sie ihre Entscheidungen gut bedenken,

und dass sie auch zur Ruhe kommen können

und Einkehr halten – bei sich und auch bei dir.

Wir bitten dich für alle Menschen,

die benachteiligt sind,

dass sie nicht verbittern,

sondern mit anderen zusammen

ihre Lage immer auch ändern können.

Wir danken dir, dass du uns erhörst,

auch in dieser aufgewühlten Zeit.

Wir freuen freuen uns, dass du uns in Frieden lenkst.

Hilf uns, diesen Frieden auch untereinander zu bewahren.

Mit dir, guter Gott, schauen wir auf diese Welt..

Schenke ihr deinen Frieden

und hilf allen, die Krieg gegeneinander führen,

einen neuen Anfang in Frieden miteinander zu wagen.

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger Dunkel

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Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum 9. Sonntag nach Trinitatis, 09.08.2020

Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Wochenspruch:

Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern. (Lk 12,48)

 

 Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Aus Psalm 63

 2 Gott, du bist mein Gott, den ich suche. Es dürstet meine Seele nach dir, mein Leib verlangt nach dir aus trockenem, dürrem Land, wo kein Wasser ist.

3 So schaue ich aus nach dir in deinem Heiligtum, wollte gerne sehen deine Macht und Herrlichkeit.

4 Denn deine Güte ist besser als Leben; meine Lippen preisen dich.

5 So will ich dich loben mein Leben lang und meine Hände in deinem Namen aufheben.

6 Das ist meines Herzens Freude und Wonne, wenn ich dich mit fröhlichem Munde loben kann;

7 wenn ich mich zu Bette lege, so denke ich an dich, wenn ich wach liege, sinne ich über dich nach.

8 Denn du bist mein Helfer, und unter dem Schatten deiner Flügel frohlocke ich.

9 Meine Seele hängt an dir; deine rechte Hand hält mich.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Herr, Jesus Christus!

Jede und jeder von uns

hat viele gute Gaben geschenkt bekommen.

Jede und jeder kann etwas.

Keiner kann gar nichts.

Aber wir sparen oft ängstlich,

das alles einzusetzen,

was wir von unserem himmlischen Vater mitbekommen haben.

Du, Jesus Christus,

hast alles, was Gott dir geschenkt hat,

für die Mitmenschen eingesetzt.

Du hast dich ausgeteilt an uns Unwürdige,

du hast dich für uns geopfert.

Welche Opfer bringen wir,

was teilen wir mit anderen?

Schauen wir darauf, dann, Herr,

können wir dich nur bitten:

Komm! Komm und erbarme dich unser!

Höre, wie wir in der Stille zu dir beten!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Christus spricht:

Ich bin das Brot des Lebens.

Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern;

wer an mich glaubt,

der wird nimmermehr dürsten.

Ehre sei Gott in der Höhe!

 

Guter Gott, himmlischer Vater,

hab Dank für alles,

was du uns und der Gemeinschaft,

in der wir leben, geschenkt hast:

Dass wir alle so viele Fähigkeiten des Verstandes,

der Hände und des Gemüts haben!

Gib uns nun noch den Mut und die Bereitschaft dazu,

unsere Talente füreinander einzusetzen,

besonders für die,

denen gerade das, was wir können, fehlt.

Nimm alle Vorbehalte und alle falsche Scheu von uns.

Lass uns zur Gemeinde

und zur Gemeinschaft werden,

die alle deine Geschenke miteinander teilt

durch unseren Herrn Jesus Christus,

der mit dir und dem heiligen Geist

lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 13, die Verse 44-46:

 44 Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand und verbarg; und in seiner Freude geht er hin und verkauft alles, was er hat, und kauft den Acker.

45 Wiederum gleicht das Himmelreich einem Kaufmann, der gute Perlen suchte,

46 und da er eine kostbare Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie.

Halleluja! Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren! Halleluja!

 

Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Alttestamentliche Lesung: Aus Jeremia, Kapitel 1, die Verse 4-10:

(auch Predigttext)

 4 Und des HERRN Wort geschah zu mir:

5 Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.

6 Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.

7 Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete.

8 Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.

9 Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. 10 Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

Amen.

 

Predigt

 

Die Gnade unseres Herrn und Gottes sei mit uns allen. Amen!

 Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Das klingt doch alles ganz schön, was wir da als Predigttext gerade gehört oder gelesen haben. Gott beruft den Jeremia zum Propheten. Ja mehr noch! Gott selbst lässt tief in sich blicken. Das mit dem Jeremia war kein Zufall. Jeremia und sein Prophetendienst waren von Anfang an Gottes Idee. Hier haben wir ein wunderbares Beispiel dafür, dass Gott mit dem Menschen – ja ich behaupte sogar mit jedem Menschen –  seinen Plan hat. Der Mensch als Idee Gottes – hier hören wir von Gott selbst davon:

Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. (Jeremia 1,5)

Nun ist es ja nicht so, dass wir Menschen uns immer schön in Gottes Plan mit uns fügen. Nein, da sind schon eigene Ideen, zumindest meistens. Da haben andere, z.B. unsere Väter und Mütter, manchmal mit uns einen Plan, eine Vision von dem, was einmal aus uns werden kann. Wie oft planen Eltern für ihre Kinder und erkennen manchmal erst sehr spät, dass es ihr eigener Plan ist und nicht der der Tochter oder der des Sohnes. Und nicht selten brechen dann in Familien manchmal schwere Zeiten an!

Oder da ist das andere. Da merken wir manchmal sehr genau, wozu Gott uns drängt, wo er uns hin haben will. Aber wir selbst verweigern uns. Flüchten uns in Ausreden oder versuchen, jeder Unbequemlichkeit in unserem Leben möglichst aus dem Weg zu gehen. Dabei wissen wir manchmal sehr wohl, wo und wogegen wir unsere Stimme erheben müssten, wo wir einschreiten statt wegsehen müssten. Gerade im Moment ist Zivilcourage gefragter denn je – in einer Zeit, in der es gilt, maßvoll und geduldig zu bleiben und andere vielleicht sogar dazu anzuhalten.

Aber dieses Fliehen vor Gottes Anrede an uns, diese Flucht vor dem, wozu Gott uns berufen hat, es hat ja Tradition. Seit den Anfängen scheint es so zu sein. Kein Prophet schreit „Hurra, ich bin Prophet“ und zieht los. Nein, sie versuchen sich alle irgendwie herumzudrücken.

Auch der Jeremia tut es.

Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. (Jeremia 1,6)

Nachdem sich Gott ihm in – wie ich finde – sehr persönlicher Weise anvertraut und sich dem Jeremia geöffnet hat, kommt solch ein Satz. „Ich tauge doch gar nicht dazu!“

Aber da hat Jeremia die Rechnung zu schnell ohne Gott gemacht. Gott lässt nicht von ihm. Er spricht ihm erst einmal Mut zu. Sagt ihm, dass Jeremia dass alles ja nicht allein schaffen muss. Gott verspricht, bei ihm zu bleiben. Ja mehr noch, er rüstet ihn aus. Lässt ihn seine göttliche Kraft spüren. Gott berührt seinen Mund, legt etwas von seiner Kraft in den Jeremia. Er tut es für Jeremia spürbar. Das kommt nicht oft vor. Erst viel später wieder bei Jesus, wenn er die Kranken heilt oder die Kinder in den Arm nimmt und segnet.

Dass Gott so etwas tut, einem Menschen wie Jeremia so spürbar nahe kommt, hat natürlich seinen Grund. Denn das dicke Ende kommt jetzt. Gott sagt dem Jeremia, was er mit ihm vorhat. Sagt ihm, was sein Auftrag sein wird. Das kann den Jeremia natürlich erst einmal umhauen. Denn damit wird er sich bei niemandem zum Freund machen.

Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst. (Jeremia, 1,10)

Ja, spätestens jetzt hätte ich auch geschaut, ob irgendwo noch ein Fluchttürchen offen ist. Mich hätte die Verantwortung erdrückt, plötzlich als einfacher und junger Mensch über Königen und Völkern zu stehen. Wer bin ich denn, dass Könige und ganze Völker auf mich hören sollten? Das bin doch nicht ich!

Nicht nur das! Ich soll ihnen auch noch ankündigen und sie darin vergewissern, dass es nun erst einmal ganz dicke kommt. Alles, was war und in Stein gemeißelt schien, es hat keinen Bestand mehr. Vertrautes wird nicht mehr sein! Gute Gewohnheiten und Traditionen – ihr könnt sie vergessen. In Kürze wird alles in Klump und Asche liegen, da wird für euch nichts mehr so sein, wie es einmal war. Ihr werdet euch von vielem verabschieden müssen. Vieles wird verderben, vielleicht sogar ihr selbst!

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Stellt euch einmal nur kurz vor, Jeremia hätte am letzten Altjahrsabend – also am Übergang von 2019 zu 2020 –  in unseren Kirchen so gepredigt und hätte uns all diese Dinge von Gott her vorhergesagt! Es hätte vielleicht nicht viel gefehlt und er wäre aus so manchen Kirchen geworfen worden. Auf jeden Fall hätte man seine Worte wegen ihrer Unglaublichkeit belächelt und ihn als Phantasten abgetan. Oder einige hätte sich schlichtweg bei ihm beschwert und ihn um einen freundlicheren Vorausblick auf das neue Jahr gebeten, denn so schlimm kann es ja wohl nicht kommen.

Genau so haben es die Menschen damals mit Jeremia und den Propheten gemacht. Genau so hätten wir es heute mit ihm gemacht. Aber genau so hatte Jeremia damals schon Recht. Das Exil kam, die Verbannung! Das altgewohnte Leben – die Menschen damals konnten es über Generationen hinweg vergessen! Und bei uns heute? Ganz ehrlich! Wie sieht’s aus?

Sind wir in dieser Zeit, in der wir gerade leben, genau so und unaufhaltsam in die Katastrophe geschliddert? Wo ist Hoffnung? Welche Hoffnung gibt es? Soll etwa die Katastrophe der Beginn der Hoffnung sein? Soll das alles sein – ausreißen und einreißen, zerstören und verderben? Soll wirklich der Zusammenbruch die Voraussetzung dafür sein, dass Neues entstehen und auch wieder wachsen kann? Gott spricht Worte wie Hammerschläge zu Jeremia! Und da wundert es mich überhaupt nicht, dass er diesen Auftrag nicht annehmen will, sich herausreden möchte! Ich selbst hätte es bestimmt auch getan!

Viermal spricht Gott vom Gericht. Deshalb überhören wir vielleicht auch seine Worte der Gnade. Du sollst bauen und pflanzen! Das sind Gottes letzte Worte an Jeremia. Gott erspart dem Jeremia die Aussicht auf die vielen Schwierigkeiten nicht, aber er erzählt ihm auch vom Ende allen Unheils, von dem Ziel aller Worte, die Jeremia sagen wird.

In diesem Moment wird Jeremia auch wieder an den Anfang der Worte Gottes gedacht haben:

Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten! (Jeremia 1,5.8)

Jeremia wird sich an diese ganz anderen Töne Gottes erinnert haben. Töne, die auch uns vertrauter von Gott sind und die uns immer wieder an anderen Stellen begegnen.

Im 139. Psalm lesen wir sie so: „Herr, du erforschest mich und kennest mich, ich sitze oder stehe auf, so weißt du es. Du verstehst meine Gedanken von ferne!“ (Psalm 139,3) Oder an anderer Stelle dort: „Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele. … Deine Augen sahen mich, da ich noch nicht bereitet war …“ (Psalm 139,1.2.14.16)

Auf einmal spüre ich förmlich, wie Jeremia das erkennt, was hoffentlich auch viele Menschen immer wieder neu erkennen dürfen, was auch mir selbst oft – gerade auch in schwierigen Zeiten – zu einem tröstlichen Gedanken geworden ist: Ich bin kein Produkt des Zufalls, keine Laune der Natur! Sondern jeder Mensch, jedes Leben ist ein Gedanke, ein Werk des lebendigen und liebenden Gottes! Jeder Mensch!

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Wenn es so ist, dass wir alle ein guter Gedanke Gottes sind, ist es denn dann ausgeschlossen, dass er auch heute unter uns Menschen beruft, die sein Wort sagen, die prophetisch reden können, uns die Augen öffnen wollen, uns durchaus schwierige Zeiten ankündigen? Einige haben es doch getan! Einige mahnen zur Vernunft. Sie tun es  dauerhaft und werden dafür kritisiert, diffamiert, verhöhnt und ausgelacht! Es scheint sich im Umgang mit Propheten nichts geändert zu haben, zumindest dann nicht, wenn sie Unbequemes verkündigen!

Aber bleiben wir doch einmal bei einem Blick mit offenen Augen in diese Welt! Da müssen wir doch alle gar keine Prophetinnen oder Propheten sein, um zu erkennen, dass diese Welt sich irgendwie auch dem eigenen Abgrund zu nähern scheint! Da sind die ständigen Zerwürfnisse zwischen den Mächtigen dieser Zeit! Da sind die Kriege weltweit mit ihren verheerenden Folgen von Flucht und Vertreibung. Da wandelt sich das Klima, alle merken es, zu wenige gehen dagegen an! Da ist immer noch Armut und Hunger, auch irgendwie ein scheinbar nicht beherrschbares Virus in der einen Menschheitsfamilie! Und da wissen wir es alle, dass Reiche immer reicher, Arme immer ärmer werden und dass genau das ein immer größer werdendes Pulverfass in unserem menschlichen Miteinander geworden ist!

Und jetzt kommt dann in den letzten Wochen auch noch ein Virus dazu, dass uns unsere ganze Hilflosigkeit und unsere Grenzen noch einmal deutlich aufzeigt? Ja, es deckt sogar die unsägliche Dummheit einiger auf, dich ich noch viel schlimmer finde als unsere Hilflosigkeit!

Sind wir deshalb nicht ebenfalls zu einem prophetischen Leben berufen? Als einzelne? Besonders auch als Kirche? Sollen wir uns wirklich nur noch mit unserem Klagen und unserem eigenen Unvermögen beschäftigen, das uns einreden will, wir können an all diesen Dingen gar nichts ändern?

Du sollst bauen! Und du sollst pflanzen! Ich habe dich ausgesucht! Ich weiß, dass du es kannst und dass du es auch schaffst! – Das ist Gottes Verheißung an Jeremia! Das ist Gottes Verheißung an uns!

Ich wundere mich nicht über das Schweigen und Verstummen derer, die ihren Mund gerade in diesen Tagen aufmachen müssten! Ich wundere mich nicht über die Furcht vor der eigenen Courage! Das kenne, ich seit ich sie kenne, von den alttestamentlichen Propheten auch! Aber ich weiß und hoffe darauf, dass alle die, die das Schicksal vieler wenden können weil, sie Verantwortung übernehmen können, eben vor Gott mit ihrem Schweigen und Abtauchen nicht durchkommen werden. Sie werden ihren Mut neu entdecken und beginnen. Damit beginnen, wieder aufzubauen und neu zu pflanzen.

Und sie sind doch schon dabei! Bei ruhigem Nachdenken ahnen wir doch, wie viele damit beschäftigt sind, Neues entstehen zu lassen! In der Wissenschaft, in der Politik, in der Medizin. Sie tun es durch ihre Forschung, durch ihren persönlichen Einsatz, durch das Werk ihrer Hände und Gedanken! Da sind so viele, die eben nicht einfach ihren Augen und Herzen vor den unbequemen Wahrheiten dieser Tage verschließen! Da sind so viele, die eben auch heute schon damit wieder neu begonnen haben, diese Welt zu gestalten, zu bewahren und die der Schöpfung Gottes in jedem Menschen wieder zu einem liebenden und freundlichen Bild verhelfen werden. Und sie tun das nicht irgendwie einfach so. Nein, ich weiß und vertraue darauf, dass es eben auch viele tun im Hören auf Gottes Wort und seine Verheißung, die genau dazu eben auch den Mut und die Kraft schenkt!

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Vielleicht sind viele von uns nicht zu einem „Propheten für die Völker“ bestimmt – das mag ja sein. Aber gerade auch in diesen Tagen, in denen unter uns so vieles infrage gestellt ist und neu gedacht oder anders gelebt werden muss, auf Gottes Wort zu hören, auf seine Verheißung zu vertrauen, wenn sie auch einen langen Atem fordert – das wäre doch schon einmal ein lohnenswerter Neuanfang!

Und ich halte es deshalb nicht für ausgeschlossen, dass Gott auch uns – jedenfalls viel mehr Menschen als sie es selbst denken – seine Worte in den Mund legt.

Ich halte es deshalb ebenfalls nicht für ausgeschlossen, dass viele aus der geduldigen und vernünftigen, im Moment vielfach noch schweigenden Mehrheit plötzlich den unerklärlichen Mut fassen, um aufzustehen, die Wahrheit zu sagen und allem Hass entgegenzutreten.

Ich halte es deshalb nicht für ausgeschlossen, dass wir damit aufhören, uns nur noch ständig gegenseitig zu kritisieren, zu verunglimpfen und unnötig klein zu machen versuchen.

Nein, wir werden die Mauern unserer Selbstrechtfertigung einreißen und vielleicht dann auch wieder einen Spalt zu öffnen beginnen, damit eben Gottes Liebe eindringen und uns erfüllen kann und damit wir selbst diese Liebe auch wieder neu unter die Menschen bringen, so wie wir es können. Ja, dass wir selbst dann auch zu denen gehören, die neue Hoffnung pflanzen!

 

Liebe Schwestern und Brüder!

All das halte ich nicht für ausgeschlossen, weil ich mit euch gemeinsam lesen, hören und spüren möchte, dass es uns gilt, was Gott auch dem Jeremia vor langer Zeit ins Herz gelegt hat: „Fürchte dich nicht! Denn ich bin bei dir und will dich erretten!“ (Jeremia 1,8) Mit diesem Gott, der so zu uns spricht, treten wir selbst all unseren eigenen Ängsten entgegen. Und mit diesem Gott, der so zu uns spricht, wandeln wir sie in neues Vertrauen auf eine gute Zukunft! Und dann werden wir eines Tages gar nicht anders können, als von seinen Wundern wieder zu erzählen! Gott schenke uns diese Hoffnung!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 Fürbittgebet

Herr, unser Gott!

Begabte, von dir geliebte Menschen sind wir.

Du hast uns reich beschenkt,

dass wir einander reichlich geben können.

Wir bitten dich für die unter uns,

die ängstlich für sich bewahren wollen,

was sie haben:

dass sie die Gemeinschaft entdecken

und die Freude, die es macht,

mit anderen zu teilen.

Wir bitten dich für alle,

die wirklich weniger begnadet sind als andere,

die nicht so viel für die anderen beitragen können:

dass sie sehen, was doch auch sie haben

und dass sie gerne und ohne falschen Stolz annehmen,

was andere ihnen abgeben können.

Wir bitten dich auch für jene,

die du besonders reich

mit Gütern oder Talenten ausgestattet hast:

dass sie ihre Verpflichtung

an der Gemeinde und Gemeinschaft erkennen,

gerne teilen und dass sie das

ohne Hochmut und Herablassung tun.

Habe Dank, guter Gott,

dass du wie ein Vater für uns sorgst,

dass wir Geschwister sind

und darum ohne falsche Bescheidenheit

von einander nehmen können,

was du uns allen zuwendest.

In der Stille vertraue ich dir an,

was mir auf Herz und Seele liegt.

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger Dunkel

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Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum 8. Sonntag nach Trinitatis, 02. 08. 2020

Liturgie und Predigt von Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Wochenspruch:

Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit. (Eph 5,8b.9)

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Aus Psalm 48

 2 Groß ist der HERR und hoch zu rühmen in der Stadt unsres Gottes, auf seinem heiligen Berge.

3 Schön ragt empor sein Gipfel, daran sich freut die ganze Welt.

9 Wie wir’s gehört haben, so sehen wir’s an der Stadt des HERRN Zebaoth, an der Stadt unsres Gottes: Gott erhält sie ewiglich.

10 Gott, wir gedenken deiner Güte in deinem Tempel.

11 Gott, wie dein Name, so ist auch dein Ruhm bis an der Welt Enden. Deine Rechte ist voll Gerechtigkeit.

12 Es freue sich der Berg Zion, und die Töchter Juda seien fröhlich um deiner Rechte willen.

13 Ziehet um den Zion herum und umschreitet ihn, zählt seine Türme; 14 habt gut acht auf seine Mauern, durchwandert seine Paläste, dass ihr den Nachkommen davon erzählt:

15 Dieser ist Gott, unser Gott für immer und ewig. Er ist’s, der uns führet.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Guter Gott!

Betrachte ich mich selbst,

so erkenne ich,

dass ich meinen Mitmenschen viel von dem schuldig bleibe,

was ich mir von ihnen so sehr wünsche.

Ich sehe ihre Schwächen viel deutlicher als das,

was sie gut machen.

Ich versuche, denen aus dem Weg zu gehen,

die mich Geduld und Zeit kosten könnten.

Ich möchte mich lieber heraushalten.

Vor dir, guter Gott,

möchte ich still werden und dir meine Schuld bekennen.

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Dankbar erkenne ich,

dass dein Licht, lebenschaffender Gott,

mir in meinem Nächsten begegnet

und dass auch ich

anderen Menschen zum Licht werden kann.

Denn wir waren vormals Finsternis,

nun aber sind wir Licht in dem Herrn.

Ehre sei Gott in der Höhe!

 

Gott, des Lebens,

lass uns für dein Licht empfänglich sein

und hilf uns, daß es durch uns

die Welt wärmer und heller macht.

Laß dein Licht in unserem Leben scheinen,

so dass wir dich allezeit erkennen dürfen.

Das bitten wir in Jesus Christus, deinem Sohn,

der mit dir und dem Heiligen Geist

lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Johannesevangelium, Kapitel 9, die Verse 1-7:

 1 Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. 2 Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?

3 Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.

4 Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.

5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.

6 Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden

7 und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.

Halleluja! Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang sei gelobet der Name des Herrn. Halleluja

 

Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Epistellesung: Aus dem Epheserbrief, Kapitel 5, die Verse 8b-14:

(auch Predigttext)

 8b Wandelt als Kinder des Lichts;

9 die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit. 10 Prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist,

11 und habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis; deckt sie vielmehr auf.

12 Denn was von ihnen heimlich getan wird, davon auch nur zu reden ist schändlich.

13 Das alles aber wird offenbar, wenn’s vom Licht aufgedeckt wird; 14 denn alles, was offenbar wird, das ist Licht. Darum heißt es: Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.

15 So seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht als Unweise, sondern als Weise.

Amen.

 

Predigt

 Die Gnade unseres Gottes sei mit uns allen. Amen!

 Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Was sind sogenannte „Lichtgestalten“? – Die meisten, zumindest die Fußballbegeisterten unter uns, werden jetzt sofort denken: Franz Beckenbauer! Er wurde oft so bezeichnet, nämlich als die „Lichtgestalt des deutschen Fußballs“. Bis dann doch auch dieses Licht offensichtlich gar nicht mehr so hell strahlte!

Lichtgestalten? – Das sind keine Fabelwesen oder Märchengestalten; es sind auch nicht Erscheinungen, die man nicht fassen kann, oder Gestalten, die nur in unserer Vorstellung existieren. Nein, es sind tatsächlich ganz konkrete, lebendige Menschen. Menschen, durch deren Gegenwart es freundlicher und heller wird. Menschen, in deren Nähe wir uns wohl fühlen. Menschen, die Wärme und Freude verbreiten; die – im Bild gesprochen – Licht in das Leben anderer Menschen bringen. Es ist, als ob die Sonne aufgehen und die Dunkelheit vertreiben würde – und das oft allein durch ihr Erscheinen, durch ihr Dasein, aber auch durch ihren liebevollen Blick, ihre freundliche Zuwendung, ihr einfühlendes Sprechen, ihre tröstenden, streichelnden und helfenden Hände. Wie sehr haben sich gerade in den letzten Monaten in vielen Wohnungen, in den Krankenhäusern und auch an den Lebensorten behinderter und auch alter Menschen viele nach genau solchen Menschen gesehnt – in einer Zeit, in der Besuch für sie ganz ausgeschlossen war.

Zu allen Zeiten hat es solche Menschen – solche „Lichtgestalten“ – gegeben, bekannte und auch weniger bekannte und, vor allem, sehr viele unbekannte. Auch in unserer Zeit hat es sie gegeben. Ich z.B. denke an zwei Menschen, die für viele andere stehen. Für mich sind sie es, weil ich ihnen in meinem Leben begegnen und eben spüren durfte, dass es so etwas gibt. Es gibt Menschen, die einfach dadurch, dass sie da sind, anderen das Leben hell machen. Für mich waren und sind es Frère Roger Schutz, und der Engel der Armen in Kalkutta, Mutter Teresa. Frère Roger ist der Begründer von Taizé, dem weltbekannten Ort der Versöhnung und Gemeinschaft über alle Grenzen von Konfessionen und Nationen hinweg, wo jährlich hunderttausende Menschen aller Altersstufen, vor allem aber Jugendliche aus der ganzen Welt zusammenkommen zu gemeinsamem Feiern und Beten und dabei etwas von dieser einen weltweiten Kirche Jesu erleben und verwirklichen. Ich durfte dort eine Zeitlang leben und lernen, was mich in meinem Glauben trägt.

Und da ist die Ordensschwester Teresa. Sie setzte ihr ganzes Leben dafür ein, für die Ärmsten der Armen in Kalkutta in den Slums und im Besonderen für die Leprakranken da zu sein und wurde dadurch zur Mutter Teresa. Eine – ja ich sage es einmal so – eine winzige Frau, aber mit einem Riesenherz und einem Blick, der wie eine Predigt war über die Güte Gottes.

Für Tausende von Menschen sind diese beiden Menschen zu wahren Lichtgestalten geworden. Sie haben Licht und Liebe, Trost und Freude in das Leben dieser Menschen gebracht. Aber es sind, Gott sei Dank, nicht die einzigen Lichtgestalten. Da sind nämlich auch die ganz anderen. Und es gibt sie auch heute, gerade heute in Krankenhäusern und Altenheimen, in Kirchengemeinden und Sozialstationen. Wie sehr standen sie gerade in den letzten Monaten im Fokus unserer Aufmerksamkeit, weil sie den Dient taten und tun mussten, bei denen wir alle ihnen nicht helfen konnten, weil wir es nicht durften. Niemals hätte ich gedacht, dass solch eine Zeit einmal kommt, und da bin ich ja nicht der einzige. Viele haben für sie auf den Balkonen gestanden und applaudiert. Ich habe es nicht getan! Ich habe etwas anderes getan. Ich habe meine Hände nicht zum Applaus auf meiner Terrasse erhoben. Nein, das nicht! Aber ich habe meine Hände erhoben, sie gefaltet und für sie gebetet. Ein Dankgebet an den lieben Gott, dass er immer wieder Menschen zu anderen sendet, die auf einmal sogar ihr eigenes Leben riskieren müssen, um anderen beistehen zu können. Ein Bittgebet für alle in diesem Dienst, dass ihr Dienst zum Segen wird! Und auch dafür, dass sie endlich irgendwann in naher Zukunft auch einmal das bekommen, was sie verdienen! Nämlich viel mehr als unseren Applaus und schöne Worte! Nämlich den Respekt und auch eine angemessene Entlohnung für einen Dienst, den sie ja auch stellvertretend für mich und alle anderen machen!

Lichtgestalten – es gibt sie vielleicht ja sogar auch in unserem Freundes- und Bekanntenkreis, vielleicht sogar in unseren Familien. Sie sind leider oft nur wenig bekannt und wirken doch so segensreich.

Aber es sind viel zu wenige, denken vielleicht jetzt einige. Denn sonst sähe es in unserer Gesellschaft und Welt doch wohl ganz anders aus. Sie, liebe Schwestern und Brüder, werden wohl nicht wenig staunen, wenn wir uns durch unser Predigtwort sagen lassen: Ihr seid Kinder des Lichts. (Eph 5,8) Unser Herr Jesus spricht uns im Evangelium an einer Stelle sogar als etwas ganz Besonderes an: Ihr seid das Licht der Welt! (Mt 5,14) Mit anderen Worten: Ihr seid solche Lichtgestalten!

Man könnte zusammenzucken, wenn man sich vorstellt, dass wir, dass jede und jeder von uns gemeint ist! Ist das nicht ein viel zu hoher Anspruch? Denn in unserem Leben gibt es doch manchmal so viel Finsternis, so viel an Zweifel, Traurigkeit, Bedürftigkeit und auch Unvollkommenheit. Sind wir es also wirklich – Kinder des Lichts? Lichtgestalten? Noch einmal: Was ist denn überhaupt eine Lichtgestalt?

Eine Lichtgestalt – so denke ich es – strahlt durch ihr Leben und ihr Wirken Licht aus. Es ist aber nicht ihr eigenes Licht. Es ist ein anderes Licht. Welches denn? Wenn uns in der Bibel erzählt wird, dass Gott den Menschen erscheint, dann geschieht das meist als überirdischer, großer Lichtglanz, heller alles Licht der Sonne und alles erfüllend. So hat es Mose erfahren, der König Salomo, die Propheten Jesaja und Hesekiel. Überall, wo wir von Gottes Herrlichkeit hören, ist von diesem überirdischen Lichtglanz die Rede. Das hebräische und griechische biblische Wort für diesen göttlichen Lichtglanz ist in unsere Sprache als „Herrlichkeit“ übersetzt worden. Auch die Psalmen bekennen Gott als das Licht: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil“ (Psalm 27, 1).

Dieser Lichtglanz ist erschienen bei der Verkündigung der Geburt Jesu. Bei seiner Verklärung erschien Jesus seinen Jüngern als leuchtend helles, glänzendes Licht vom Himmel. Von einer Lichtgestalt ist bei der Auferstehung Jesu die Rede. Dem fanatischen Christenverfolger Saul erscheint der Auferstandene als unfassbar großes Licht, vor dem er ohnmächtig in den Staub fällt und drei Tage nichts mehr sehen kann, bis er geheilt und nun als Paulus selbst zu einer Lichtgestalt für die Christen wird. Als glänzend leuchtende Lichtgestalt erscheint der Auferstandene schließlich dem Seher Johannes in ihrer ganzen Herrlichkeit (Offb 1,13-18).

Aus all dem lernen wir Eines: Gott selbst, Gott in seinem Sohn Jesus Christus ist und bleibt die eigentliche Lichtgestalt. Durch sein Reden und Wirken, durch sein Sterben und Auferstehen hat er Licht in das Leben von uns Menschen gebracht, das Licht der Zuwendung und der Liebe Gottes. Von ihm geht sei göttliches Licht aus und erfüllt die Menschen, die in der Dunkelheit von Einsamkeit und Verlassenheit, von Krankheit und Leid, von Schuld und Trauer leben, mit Trost und Freude, Zuversicht und Heil. Genau deshalb kann er von sich sagen: Ich bin das Licht der Welt! (Joh 8,12)

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Und nun werden wir alle heute in unserem Predigttext alle als Kinder des Lichts angesprochen – trotz unserer Fehler und Schwächen, trotz unserer Unvollkommenheit. Wir werden so angesprochen und sind es in Gottes Augen auch, weil wir daran denken dürfen und sollen, wir sind es nicht aus unseren eigenen Kräften und Fähigkeiten und unserem Willen und Bemühen, sondern es ist und bleibt ein Geschenk! Ich denke, dass sich weder Frère Roger noch Mutter Teresa gesagt haben: Ich will so eine Lichtgestalt sein. Vielleicht haben sie es gar nicht gewusst und haben es auch gar nicht gewollt – und sie waren es doch. So könnte es doch deshalb auch bei uns sein!

Kinder des Lichtes werden wir durch die Heilige Taufe. In ihr sagt Gott bedingungslos „Ja“ zu uns und macht öffentlich und deutlich, dass er uns als seine Kinder sieht und will. In der taufe wird uns das persönlich zugeeignet, was Jesus selbst für die Menschen getan hat. Wir gehören zu ihm, in das Reich des Lichtes. Dadurch werden wir eben zu Kindern des Lichtes.

Unser Schriftwort ist im Besonderen zur Zeit seiner Entstehung an die Getauften in der damaligen Gemeinde Ephesus gerichtet. Es möchte sie daran erinnern, was sie sind und was die Taufe für sie und ihr Leben bedeutet. Taufe ist der große Umbruch in ihrem Leben. Früher waren sie Heiden und lebten in Unzucht und Ausschweifung, Habgier und Geschwätzigkeit. Sie ließen sich mit vielen leeren Worten leicht verführen; sie waren vor Gott wie tot. Nun aber gehören sie zu Jesus Christus als seine Nachfolger und sind neue Menschen, auferstanden zu neuem Leben, Kinder des Lichtes. Und das hat grundlegende Auswirkungen für ihr Leben. So will es der Apostel ihnen sagen und in ihr Herz legen.

Viele von uns erinnern sich an die eigene Taufe nicht mehr, da wir als Säuglinge getauft worden sind und von Anfang an zu Jesus gehören. Das ist für uns fast zu selbstverständlich geworden. Wir haben diesen radikalen Umbruch nicht bewusst erlebt. Genau deshalb müssen wir uns auch heute wieder diese Worte des Epheserbriefes zusprechen lassen, sie eben auch an uns gerichtet neu hören. Auch wir sollen wieder daran erinnert werden, wer wir sind und was die Taufe für unser Leben und für das Leben der Welt bedeutet.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Kinder des Lichtes erkennt man an den Früchten des Lichtes, mit anderen Worten, daran, was dieses Licht bewirkt und wie es sich auf unser Leben und Tun auswirkt. Fünferlei wird uns da genannt. Güte, Gerechtigkeit, Wahrheit, Prüfen, Aufdecken. Jedes dieser Worte ist von Gewicht; über jedes wäre viel zu schreiben. Ich möchte es nur andeutungsweise tun.

Güte – Güte kommt von gut sein. Sie ist die Weise, wie wir einander gesonnen sind und miteinander umgehen; wie wir voneinander denken und sprechen. Güte heißt natürlich auch Gutes tun; sie ist Liebe in umfassendem Sinn.

Gerechtigkeit – Gerechtigkeit ist das, was Gott uns schenkt. In Jesus werden wir so, wie es Gott recht ist. Darum versuchen wir, seinem Anspruch gerecht zu werden und setzen wir uns für Gottes Recht und Gerechtigkeit bei uns und in der Welt ein, auch und besonders gegenüber allem Unrecht und aller Ungerechtigkeit. Gerechtigkeit ist, den anderen und auch uns selbst gerecht zu werden.

Wahrheit – Wahrheit wir in unserem Herrn Jesus Christus. Er selbst ist die Wahrheit. In der Wahrheit leben heißt, in ihm und aus seiner Kraft zu leben und unser Leben von ihm bestimmen zu lassen. Das schließt dann selbstverständlich ein, dass wir wahrhaftig miteinander umgehen, die Wahrheit zu sagen bereit sind und dazu stehen und für die Wahrheit auch eintreten.

Prüfen – Kinder des Lichtes sind Menschen, die alles, was sie hören und sehen, und auch sich selbst immer wieder prüfen. Sie tun und übernehmen nichts, ohne es daraufhin zu prüfen, ob es Gott wohlgefällig ist, seinem Wort und Willen entspricht, in der Liebe geschieht und dem Kommen seines Reiches dient.

Aufdecken – Gottes Licht ist auch ein durchdringendes Licht, das beides, das Finstere und das Verborgene, ans Licht bringt. Als Kinder dieses Lichtes leben heißt darum auch, finstere Machenschaften, Heimlichkeiten, Bosheiten, Zwielichtigkeiten und Gemeinheiten als solche zu erkennen und aufzudecken, denn das alles hat vor Gottes Licht keinen Bestand.

Solches Aufdecken tun in der gegenwärtigen Zeit vor allem die Medien. Aber sie tun es oft in der Pose eines Moralapostels und Richters, sie tun es mit Lieblosigkeit und Häme. Dadurch werden betroffene Menschen oft fertig gemacht, manchmal nur auf Grund eines vagen Verdachts, der sich nachträglich als falsch herausstellt. Kinder des Lichtes decken auch auf, aber sie tun es in der Liebe: nicht um vorzuführen und zu verurteilen, sondern um zu helfen und zurechtzubringen – wie es Jesus selbst getan hat. Und gerade das ist in der momentanen Zeit, in der wir leben, so besonders wichtig geworden. Hetzern und Verschwörungstheoretikern mit der wahrheit entgegenzutreten, auch wenn diese Wahrheit eine unbequeme und manchmal nur schwer auszuhaltende ist. Aber sie bleibt eben wahr. Und ihr sind wir alle von Gott her verpflichtet!

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Kinder des Lichtes, Lichtgestalten zu sein – das ist ein hoher Anspruch. Wer von uns kann ihm eigentlich gerecht werden?! Oft verdunkeln wir doch dieses Licht, sind zu wenig durchscheinend für dieses göttliche Licht, ja wir weichen diesem Licht sogar aus. Das alles weiß unser Herr Jesus Christus, denn er sieht in unser Herz! Er kennt uns besser als wir selbst uns kennen. Und wenn er uns dann trotzdem – oder gerade sogar darum als Kinder des Lichtes anspricht, dann können wir doch nur dieses Eine tun: uns diesem Licht aussetzen und öffnen, damit es uns erfülle und wir anderen Menschen zum Licht werden. Dazu sind wir berufen – jede und jeder von uns mit den Mitteln, Worten und Talenten, die Gott selbst in uns gelegt hat! Zu nicht mehr sind wir berufen,  aber auch nicht zu weniger! Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

 

 

Fürbittgebet

Gott, du bist das Licht,

das uns allen neues Leben eröffnet.

Könnten wir doch so frei sein,

dass wir einander nicht als Feinde,

sondern als Geschwister begegnen,

dass wir einander nicht ängstigen,

sondern vertrauen,

dass wir einander Leben nicht verwehren,

sondern Leben erschließen.

Könnten wir es doch wagen loszulassen,

womit wir einander beschweren,

und miteinander suchen,

was unser Leben trägt und erfüllt!

Könnten wir doch Phantasie entwickeln:

Grenzen, die uns noch trennen, zu überwinden;

Waffen, mit denen wir drohen, zu begraben;

die Gesetze, mit denen wir einander bedrücken,

zu verändern;

und so eine Gemeinschaft zu werden,

in der es menschlich und geschwisterlich zugeht.

Was mir auf der Seele liegt,

bringe ich in der Stille vor dich.

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

 

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

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Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum 7. Sonntag nach Trinitatis, 26. 07. 2020

Wochenspruch: So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. (Eph 2,19)

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Aus Psalm 107

 1 Danket dem HERRN; denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.

2 So sollen sagen, die erlöst sind durch den HERRN, die er aus der Not erlöst hat,

3 die er aus den Ländern zusammengebracht hat von Osten und Westen, von Norden und Süden.

4 Die irregingen in der Wüste, auf ungebahntem Wege, und fanden keine Stadt, in der sie wohnen konnten,

5 die hungrig und durstig waren und deren Seele verschmachtete,

6 die dann zum HERRN riefen in ihrer Not und er errettete sie aus ihren Ängsten

7 und führte sie den richtigen Weg, dass sie kamen zur Stadt, in der sie wohnen konnten:

8 Die sollen dem HERRN danken für seine Güte / und für seine Wunder, die er an den Menschenkindern tut,

9 dass er sättigt die durstige Seele und die Hungrigen füllt mit Gutem.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Guter Gott und Vater!

Wie Hunger und Durst wiederkehren,

so auch das Verlangen nach Leben.

Wir betäuben es, weil wir es nicht stillen können.

Unser Mangel wird spürbar im Überfluss.

So viel ist es, was wir haben;

so wenig ist es manchmal, was wir sind.

So bitten wir dich:

Wende dich niemals von uns ab;

Höre uns,

wenn wir in der Stille um dein Erbarmen bitten:

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und Christus erbarmt sich unser,

und er selbst lädt uns ein,

wenn er zu uns spricht:

Ich bin das Brot des Lebens.

Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern,

und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.

Ehre sei Gott in der Höhe!

 

Du, Herr und Gott, schenkst uns,

was wir zum Leben brauchen,

du schenkst uns deinen Sohn.

Er ist das Brot des Lebens.

Mache du unser Herz weit,

dass wir wahrnehmen,

wie reich deine Güte für alle Menschen ist,

in Jesus Christus unserem Herrn,

der mit dir und dem Heiligen Geist

lebt und regiert

von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Epistellesung: Aus dem Hebräerbrief, Kapitel 13, die Verse 1-3:

 1 Bleibt fest in der brüderlichen Liebe.

2 Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.

3 Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.

Halleluja! Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege. Halleluja!

 

Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Johannesevangelium, Kapitel 6, die Verse 1-15:

(auch Predigttext)

 1 Danach ging Jesus weg ans andre Ufer des Galiläischen Meeres, das auch See von Tiberias heißt.

2 Und es zog ihm viel Volk nach, weil sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat.

3 Jesus aber ging hinauf auf einen Berg und setzte sich dort mit seinen Jüngern.

4 Es war aber kurz vor dem Passa, dem Fest der Juden.

5 Da hob Jesus seine Augen auf und sieht, dass viel Volk zu ihm kommt, und spricht zu Philippus: Wo kaufen wir Brot, damit diese zu essen haben?

6 Das sagte er aber, um ihn zu prüfen; denn er wusste wohl, was er tun wollte. 7 Philippus antwortete ihm: Für zweihundert Silbergroschen Brot ist nicht genug für sie, dass jeder auch nur ein wenig bekomme.

8 Spricht zu ihm einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus:

9 Es ist ein Knabe hier, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische. Aber was ist das für so viele?

10 Jesus aber sprach: Lasst die Leute sich lagern. Es war aber viel Gras an dem Ort. Da lagerten sich etwa fünftausend Männer.

11 Jesus aber nahm die Brote, dankte und gab sie denen, die sich gelagert hatten; desgleichen auch von den Fischen, so viel sie wollten.

12 Als sie aber satt waren, spricht er zu seinen Jüngern: Sammelt die übrigen Brocken, damit nichts umkommt.

13 Da sammelten sie und füllten zwölf Körbe mit Brocken von den fünf Gerstenbroten, die denen übrig blieben, die gespeist worden waren.

14 Als nun die Menschen das Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie: Das ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll.

15 Da Jesus nun merkte, dass sie kommen würden und ihn ergreifen, um ihn zum König zu machen, entwich er wieder auf den Berg, er allein.

Amen.

 

Predigt

 Die Gnade unseres Gottes sei mit uns allen. Amen!

 Liebe Schwestern und Brüder!

Eines gleich vorweg: Ich weiß es nicht! Ich weiß nicht, wie Jesus das gemacht hat und wie das alles funktioniert haben soll – damals da am Seeufer. Und gleich noch eines vorweg: Für meine Art zu glauben, ist dies auch überhaupt nicht wichtig. Überhaupt nicht! Wenn immer nur das bloße Wunder im Vordergrund stünde und wenn unser ganzes Verstehenwollen sich nur auf die Wunder ausrichten würde, die Jesus tut, dann wird das Nichtverstehen dieser Handlungen Jesu ja geradezu zu einem Symbol unseres Kleinglaubens und unserer Zweifel. Wie armselig würden wir dann mit solchen Geschichten verfahren!

Nein, so kann es doch wohl nicht sein. Ich denke, wir müssen uns auf die Suche nach anderen Dingen und Verstehensmöglichkeiten machen, wenn wir solche Geschichten lesen oder hören. Tun, wir das auch hier. Begeben wir uns auf eine kleine Entdeckungsreise und fragen wir nach dem Sinn einer solchen erzählten Begebenheit für uns heute und für unseren Glauben. Schauen wir auf die vielen Dinge um das eigentliche Wunder herum.

Da sind so viele Menschen, fünftausend Männer, sagt die Bibel, wieviele Frauen und Kinder da noch dazu kommen, können wir nur ahnen. Nicht die Zahl der Menschen versetzt mich in Staunen – wieviele es wirklich waren, wissen wir nicht -, aber was mich in Erstaunen versetzt, ist die Tatsache, wie bekannt Jesus schon war, wie verbreitet sein Wirken schon war. Wir reden zu oft von den Jüngern, den Aposteln, den Freunden, vor denen Jesus redete. Nein, da gab es wohl doch schon eine größere Bewegung hin zu diesem Jesus, aus welchen Gründen auch immer. Seine Taten hatten sich herumgesprochen, ganz am Anfang wird es ja gesagt. Und es zog ihm viel Volk nach, weil sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat. (V. 2) Sein Wirken konnte nicht mehr verborgen bleiben, es zog immer weitere und größere Kreise. Dies als eine erste Beobachtung.

Gehen wir ein Stückchen weiter. Jesus sieht auf die Menschen und weiß, dass sie Hunger haben. Er weiß um ihre Not, und er weiß, dass etwas dagegen zu tun ist. Eine Not zu sehen, lindert sie noch nicht. Gegen eine Not zu wirken, das schafft Mut und neue Hoffnung, gibt Kraft zu neuen Anfängen. Und Jesus weiß ganz genau: Es ist das eigentlich Unmögliche zu wagen. Sie waren schließlich nicht groß organisiert, hatten keinen funktionierenden Apparat zur Verfügung. Kreativität war gefragt. Und er testet einen seiner engsten Anhänger, den Philippus: Wo kriegen wir all das her? Und Philippus reagiert, wie Jesus es erwartet hat, nämlich in dem ganz eingefahrenen Denkschema: Wir müssen etwas haben, müssen etwas machen, dazu brauchen wir Geld, viel Geld, haben wir aber nicht, geht also nicht! Philippus bedient sich offensichtlich nicht nur des ewig gleichen Denkschemas, nein, er bediente sich damals schon des immer noch gültigen und gerade in der Kirche noch immer weit verbreiteten Denkschemas: Kein Geld, geht also nicht! Der Andreas aber, der ahnt wohl, daß Jesus hier eine erwartete Antwort bekommt, eigentlich doch aber etwas anderes erhofft. Andreas geht einen Schritt weiter. Er sieht auf die Anfänge, aber weiß den Weg noch nicht. Aber er geht in die richtige Richtung. Sieh Jesus, der Junge hat fünf Brote und zwei Fische, aber das reicht doch wohl nicht! Nun ist es für Jesus Zeit, einzugreifen. Das Wunder geschieht, wie auch immer. Brot genug, Fisch genug, sie sammeln die Reste in Körben, in zwölf Körben.

Bis zu diesem Punkt reicht meist unsere Erinnerung an diese Geschichte. Aber da gibt es ja noch den so wichtigen Schluß, einen Schluß, der in so vielen Auslegungen und in so vielen Bibelarbeiten zu dieser Geschichte einfach unterschlagen wird.

Die Menschen erkennen in dem Wunder den Propheten, auf den sie so gewartet hatten: „Das ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll“ (V. 14), sagen sie. Schauen wir deshalb in diesem Moment ganz auf Jesus. Auch ihm wird es in diesem Moment noch einmal ganz deutlich. Ganz eindringlich wird er durch sein eigenes Tun an seinen eigenen Auftrag erinnert. Er sieht plötzlich ganz offen, was werden wird und dass nichts, aber auch gar nichts dies verhindern wird. Johannes schreibt: Da Jesus nun merkte, dass sie kommen würden und ihn ergreifen, um ihn zum König zu machen, entwich er wieder auf den Berg, er allein. (V.15)

Jesus sieht die Massen. Er merkt plötzlich, wie sie ihm nahe kommen werden. Sie werden versuchen, ihre Sehnsucht auf den Befreier an ihm zu stillen. Er ahnt ihre Sehnsucht nach einem machtvollen Herrscher, der ihrer Besetzung ein Ende machen wird. Sie warten auf einen mächtigen König in der Tradition ihrer Väter. Sie werden ihn nicht in Ruhe lassen. Und Jesus weiß: Er ist ja auch derjenige, der da kommen soll. Nur, er ist ganz anders gekommen, als erwartet. Er wird ganz anders bei ihnen ankommen als erwartet.

Sein Weg wird überhaupt ein ganz anderer sein, als sie alle erwarten. Nicht die Maßstäbe der vielen Menschen gelten. Nein, allein Gottes Maßstäbe werden an ihn gelegt. Werden. Sein Weg ist vorgezeichnet. Er läßt sich nicht mehr aufhalten. Und das alles kann er ihnen in diesem Moment nicht erklären. Er kann ihre Erwartungen im Moment nicht erfüllen. Und so muß er einfach jetzt mal weg. In all seiner Traurigkeit in diesem Moment, da gibt es für ihn nur die Einsamkeit, die Stille. Und genau in die flüchtet er sich, allein auf einen Berg, wohlwissend: aufhalten kann er das, was kommt, kommen muß, nicht mehr.

Liebe Schwestern und Brüder!

Ich denke, dies alles geschieht in dieser Geschichte da am Seeufer. Das eigentliche Wunder, die Vermehrung des Brotes, tritt dabei doch eigentlich ganz in den Hintergrund, oder? Und jetzt schaue ich auf uns Menschen heute, auf die vielen Christinnen und Christen. Nicht wenige sitzen da und warten, warten auf das Wunder. Auf das Wunder, daß ihr Hunger gestillt wird: gerade wohl vor allem auf das Ende dieser Pandemie-Zeit mit ihren so tiefgreifende Veränderungen bis in jede Wohnung, jedes Haus, jede Familie! Da bleibt hinter den gerade aktuellen Sorgen, auch das, as vorher auch schon da war: der Hunger nach Antworten auf die vielen Fragen dieser Zeit, der Hunger nach Arbeit. Und da bleibt der Hunger nach einer neu aufbrechenden Kirche! Die Frage nach solch einer Kirche beschäftigt uns eigentlich immer in den letzten Jahren! Aber jetzt stellt sie sich ganz neu. Kirchen liegen brach, weil in ihnen plötzlich keine Gottesdienste mehr möglich sind. Gemeindearbeit ruht an vielen Orten, weil Menschen sich nicht mehr unbefangen treffen können, es vielleicht gar nicht dürfen. Vielleicht wird nichts mehr so, wie es war. Aber wie wird es dann?

Kirche ist Kirche Gottes und bleibt es auch, das ist wohl wahr! Aber trotzdem: Kirche, zeig‘ dein Gesicht, vielleicht dein neues Gesicht! Und bei all den neuen Formen, die gerade über uns hereinbrechen. Bei all den neuen Formen und bei einem vielleicht ganz neuen Gesicht frage ich, weil es mich persönlich umtreibt: Bleibst du eine Kirche, die auch wieder eindeutig für die Menschen eintritt und dabei sich selbst vergisst oder sich zumindest hinten anstellt? Bleibt in dir der Hunger nach Versöhnung einer gespaltenen Kirche?

Und dann höre ich Jesus zurückfragen, wie in der Geschichte da am See: Wo bekommen wir all das her, was die Menschen brauchen; was geben wir ihnen? Dann  sehe ich ein Mitglied aus den Leitungen unserer Kirchen aufstehen und höre, wie er die Worte des Philippus nachspricht: Wir haben nicht genug Geld! Klar: Wir müssen etwas haben, wir müssen etwas machen, müssen mehr machen, müssen Dinge ganz anders und ganz neu machen und denken! Und dazu brauchen wir Geld, viel Geld, haben wir aber nicht, geht also nicht! Da können wir leider gar nichts mehr machen!

Ich stelle mir gerade die Trauer in den Augen Jesu über solch eine Antwort vor. Aber dann steht vielleicht ja doch einer wie der Andreas in der Geschichte auf und sagt: Wir haben noch etwas, nicht mehr viel. Wir haben nicht mehr das viele Geld! Aber wir haben die Vision einer Kirche, in der Menschen ihre Ideen einbringen dürfen und werden. In der Menschen wieder entdecken, das nicht nur ihr Geld gefragt ist, sondern ihr Engagement und ihr Wille zur Versöhnung. Wir brauchen Menschen, die Mut haben zu teilen, was sie haben, damit sie erkennen, welch ein Reichtum in ihnen schlummert und wie bewegend sie eigentlich sein könnten! Leider sind wir zu wenig! Aber wir können immer noch und immer wieder neu denken und neu werden!

Jetzt sehe ich das Leuchten in den Augen Jesu. Es ist Zeit für sein Wunder: Schaut euch einmal genau um, höre ich ihn sagen. Schaut euch um, erkennt euch als Schwestern und Brüder, erkennt eure Fähigkeiten. Jedem Menschen hat mein Vater Talente gegeben, die an anderen wirken sollen. Auch wenn ihr jetzt vielleicht vereinzelt in euren Häusern und Wohnungen sitzt. Auch wenn euch gerade so vieles zu fehlen scheint! Erkennt doch, was ihr schon einmal geschaffen habt, soviel Gutes, lasst es nicht vor die Hunde gehen. Schaut auf das, was ihr geschafft habt in euren Gemeinden! Schöpft auch daraus die Kraft zu neuen Anfängen. Neue Anfänge, die vielleicht wirklich ganz anders gedacht, ganz neu gelebt werden müssen! Ich gehe mit euch! Deshalb wird es auch gelingen!  Ihr werdet merken, wie viel unter euch möglich wird, wenn ihr wieder auf das Ganze seht. Da ist viel mehr in euch als ihr ahnt! Viel, viel mehr, also resigniert nicht!

Liebe Schwestern und Brüder!

Wo wir das Unerwartete unter uns zulassen, gerade auch in einer Zeit wie dieser, in der viele von uns immer noch wie gelähmt erscheinen, in einer Zeit, in der wir nicht nur auf Wunder warten, sondern das Wunderbare unter uns entdecken und plötzlich auch wieder wachsen sehen, da werden wir uns nicht satt sehen können an der Fülle, die Gott uns schenkt und wieder neu schenken will. Wo wir das Wunderbare unter uns zulassen, da werden wir die Erfahrung Jesu machen und teilen, die er selbst da am See gemacht hat. Es wird gesehen und es wird eben wachsen. Und niemand wird es rückgängig machen können, niemand. Weil Gott selbst will, dass wir weitermachen und weiterkommen. Auch in unserer Kirche, auch mit unserer Kirche, mit allen Menschen in den vielen Gemeinden. Auch in unserer! So soll es sein, so will es Gott!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 Fürbittgebet

Guter Gott und Vater!

Du gibst uns, was wir zum Leben brauchen!

Wenn unser Weg durch die Wüste führt,

wenn wir nicht mehr wissen,

wohin wir noch gehen sollen,

wenn wir verzweifeln,

weil wir die Richtung in unserem Leben verloren haben,

dann erhältst du uns auf wunderbare Weise.

Gott, du kennst unsere Verdrossenheit,

gerade auch in diesen Zeiten.

Darum bitten wir:

wenn uns unklar ist, wie es mit uns weitergehen soll,

lass uns die erfreulichen Dinge im Leben wiederentdecken.

Wir selbst übersehen sie so leicht.

Wenn wir an den Kleinkriegen mit Menschen,

die wir eigentlich lieben,

zu ermüden drohen,

dann ermuntere du uns zu neuen Friedenschlüssen.

Laß uns einen neuen Anfang machen.

Wenn wir griesgrämig werden,

weil die Sorge unsere ganze Kraft verbraucht,

überrasche uns mit Zeit,

die wir ganz für uns gestalten können

und die uns deshalb nicht zu lang wird.

Wenn die Gefahr besteht,

dass wir unser Leben vertun,

dann achte du auf uns und sorge dich um uns.

Lass uns finden, was wir täglich brauchen,

lass uns dich immer neu finden,

damit wir uns immer wieder neu aufmachen können.

Mit deinen Wundern schenkst du uns,

was nötig ist,

du schenkst uns jeden neuen Tag.

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

 

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger Dunkel

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Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum 6. Sonntag nach Trinitatis, 19. 07. 2020

Wochenspruch: So spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! (Jes 43,1)

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Aus Psalm 139

 1 HERR, du erforschest mich und kennest mich.

2 Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. 3 Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.

4 Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht alles wüsstest. 5 Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.

6 Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen. 7 Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?

8 Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.

9 Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer,

10 so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. 11 Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein –, 12 so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Guter Gott und Vater,

in der Taufe hast du uns versprochen,

immer bei uns zu sein.

Du brichst dein Versprechen nie.

Wir aber brechen unsere Versprechen oft.

Wie oft haben wir uns von dir abgewandt?

Wie oft wollten wir eigene Wege gehen,

wollten wir deinen Weg mit uns nicht annehmen?

Vergib uns, Herr,

wir haben niemand anders als nur dich.

So komm, Herr, sei uns nahe und erbarme dich unser!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Der, Herr, unser Gott,

er wendet sich niemals ab.

Er bleibt mit uns auf dem Weg.

Denn so hat er es versprochen:

»Ich will dich unterweisen

und dir den Weg zeigen,

den du gehen sollst;

ich will dich mit meinen Augen leiten.«

 

Du treuer Gott,

du hast uns in der Taufe zu deinen Kindern gemacht.

Lass uns froh und mit Zuversicht unseren Weg gehen,

weil uns nichts von deiner Liebe trennen kann,

die du uns schenkst in Jesus Christus,

der mit dir und dem heiligen Geist

lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 28, die Verse 16-20:

 Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte.

Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten.

Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.

Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes

und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Halleluja! Ich will deinen Namen kundtun, ich will dich in der Gemeinde rühmen! Halleluja!

 

Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

Alttestamentliche Lesung: Aus dem 5. Buch Mose, Kapitel 7, die Verse 6-12:

(auch Predigttext)

 6 Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind.

7 Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –,

8 sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat der HERR euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten.

9 So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten,

10 und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen.

11 So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.

Amen.

 

Predigt

 Die Gnade unseres Gottes sei mit uns allen. Amen!

 Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Wir können heute an dieser Stelle nicht der gesamten Erwählungsgeschichte auf den Grund gehen. Das würde sehr weit führen. Kilometerlang sind Bücher dazu geschrieben worden. Die Erwählung des Volkes Israels hat die Menschen zu jeder Zeit, bis in die heutige beschäftigt. Sie war Anlass zu vielen verhängnisvollen Missverständnissen. Ja, sogar Kriege sind geführt worden, Katastrophen begleiten die Geschichte des Volkes Israels. Erwählung wurde mit falsch verstandener Überheblichkeit, mit einem gesteigerten Sendungsbewusstsein, das andere sich selbst aneignen wollten, verwechselt. Wir sind theologisch mit diesem Thema noch lange nicht fertig. Weitere Bücher werden dazu entstehen, es ist ein Thema, das wohl nie zu Ende gedacht werden kann. Bleiben wir aber in unserem Heute!

Heute, an diesem 6. Sonntag nach Trinitatis werden wir durch unsere liturgischen Texte und durch die Lieder, die vorgeschlagen sind, an die Taufe, vielleicht ja sogar auch an unsere eigene Taufe erinnert. Erinnern Sie sich noch? Wie weit müssen Sie in Ihrer Lebensgeschichte zurück? Wo fand sie statt? Wer war dabei? An vieles können wir denken, wenn wir kurz innehalten, um uns zu erinnern. Säßen wir nun zusammen – so wie wir es immer gern getan haben, wie es im Moment leider nicht geht, aber hoffentlich bald auch wieder neu beginnen wird –, würden wir zu erzählen beginnen. Und welche Geschichten kämen da zusammen! Auch das wären wohl ganz persönliche Erwählungsgeschichten! Bleiben wir aber bei dem alttestamentlichen Text und schauen wir also danach, was dieser Text mit unserer Taufe zu tun hat. Und eigentlich liegt es ja auf der Hand.

Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern -, sondern weil er euch geliebt hat.

So heißt es in unserem Predigtwort. Und das ist für mich im Horizont der Taufe der entscheidende Satz in diesem Abschnitt.

Vor langer Zeit erwählt Gott einen alten Mann, den Abraham, um die Menschen auf einen neuen Weg zu bringen. Aus dem ganzen israelitischen Sklavenheer in Ägypten da wählt Gott ein Kind aus zum Retter, den Moses. Und er wählt schließlich, so erinnert der Predigttext ein ganz und gar unscheinbares, ein kleines Volk aus: Israel. Nicht etwa, weil es etwas Besonderes war. Nein, Gott tat dies, so sagt es uns die Bibel, er tat es aus Liebe. Die Liebe ist der einzige Grund für die Erwählung.

Erwählung geht immer von Gott aus, der seine Zusage hält. Und das haben wir im Horizont der Taufe zu bedenken. Den Wochenspruch haben wir gehört, und wir haben ihn auf dem Taufstein in der Ev. Lukas-Kirche in Winzenheim, in der wir gerade und wohl auch noch für länger nicht feiern können, immer vor Augen – den Spruch, in dem Gott verkünden lässt: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein“. (Jesaja 43,1)

 Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

In der Taufe ruft Gott uns, bindet sich an uns. Wir können dazu nichts tun! Wir sind geliebt. Gott selbst bindet sich an uns, an jede und jeden von uns, so wie er es uns in der Erwählung Israels deutlich machen möchte. Und deshalb lebt kein Mensch allein, niemals! Jede und jeder darf sich begleitet wissen, selbst in den Zeiten, in denen wir manchmal glauben, nichts davon zu spüren! Gott ist da. Gott liebt!

Die Taufe, eines der sichtbaren Zeichen der Liebe Gottes, ist allerdings keine billige Gnade. Ich denke, diese Liebeserklärung Gottes hat auch einen verpflichtenden Charakter.

„Warum liebst du mich eigentlich?“ fragen Menschen manchmal ihre Partnerin oder ihren Partner. Wann haben Sie eigentlich das letzte Mal so gefragt. Manche führen das dann sogar noch weiter aus. „An mir ist doch eigentlich nichts Besonderes. Andere Männer sind schöner, andere Frauen sind hübscher, vielleicht sogar klüger oder gebildeter. Warum gerade ich?“ Und manchmal können wir – wenn wir ehrlich bleiben – gar nicht richtig antworten. Und nur selten offenbaren wir das, was in uns als Erkenntnis gereift ist: „Für mich bist du die Schönste, der Klügste, das Liebste! Du bist die ideale Ergänzung für mich, zusammen geben wir 100 Prozent!“ Wie wunderbar, wenn Liebende so sprechen könnten. Denn dann lernen wir etwas daraus. Wir lernen: wahre Liebe klammert sich nicht an einzelne Eigenschaften, wahre Liebe meint immer einen ganzen Menschen. Manchmal können wir gar nichts Besonderes nennen, wissen einfach nur: du bist es!

Und so, liebe Schwestern und Brüder, genau so liebt Gott! Er sagt: Nicht weil du etwas Besonderes bist, liebe ich dich. Nein, er sagt, weil du da bist, weil ich dich ins Leben gerufen habe, weil du so unendlich wertvoll in meinen Augen bist, deshalb liebe ich dich!

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Leserinnen und Leser!

Ja, ich bleibe dabei. Dass Gott ausgerechnet Israel erwählt hat, dafür gibt es eigentlich gar keinen Grund…

Außer den der Liebe. „Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker, sondern weil er euch geliebt hat.“

Diese Liebe Gottes kennt offenbar keinen Grund, keine Ursache. Darin ist Gottes Liebe wie jede Liebe ganz unverwechselbar. Gottes Liebe ist einfach da, und man sieht ihre Früchte wachsen – oder eben nicht. Wahre Liebe und echte Erwählung kann man sich weder verdienen noch erkaufen, man kann sie weder einfordern noch erwarten noch erzwingen. Man kann Liebe erhoffen und ersehnen, aber niemand von uns hat darauf einen Anspruch. Zuneigung, Liebe und Erwählung  – sie ereignen sich – einfach so. Oder eben nicht! Es gibt Menschen, die glauben sich nicht geliebt. Und ich persönlich denke, das ist mit das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann! Zu meinen: ich werde nicht geliebt!

Und ich glaube es zutiefst – Gott liebt! Gott liebt jede und jeden! Er liebt grundlos, liebt uns ohne Bedenken, er liebt bedingungslos! So ist Gottes Liebe – zu allen Menschen, auch zu uns. Begründen kann man das nicht, sogar letzte Sicherheit wird darin niemand von uns erlangen können. Die Liebe Gottes – sie ist da! Sie wird uns zugesprochen, sie wird immer wieder verheißen, immer wieder neu. Und diese Verheißung gilt. Und da können wir gar nichts tun! Oder? Ich glaube, wir können doch etwas tun!

Was wir tun können, ist, dass wir ein Gefühl für die Liebe Gottes zu uns entwickeln, ein Gefühl für die Liebe, die Gott zu uns hat; einen Glauben, dass da ein liebender Gott ist, der uns behütet, der uns bewahrt. Einen Glauben an Gottes grenzenlose Zuwendung zu uns, der sich aus unserer eigenen Lebenserfahrung nährt. Wie oft haben wir Gottes Nähe gespürt, wie oft hat seine Liebe uns getröstet und getragen? Ja, wir können eine Haltung der Dankbarkeit entwickeln, die uns täglich neu und staunend auf unser Leben blicken lässt. Wenn wir es auch manchmal gar nicht begreifen können, wir können aber weitergeben, was uns geschenkt ist! Wir können weitergeben, was wir Gutes von Gott erfahren haben! Wir können dankbar werden und dankbar bleiben, für den Weg, auf dem Gott uns geführt hat und weiter führen wird.

Und dann werden wir sehr schnell merken, dass Erwählung, dass Gottes Liebe nicht nur allgemein dem Volk Israel, sondern uns, einer jeden und einem jeden von uns ganz persönlich, in unserem Leben geschenkt ist.

Und vielleicht wird da dann eine Melodie Einzug in unser Herz finden und zu klingen beginnen. Wir haben es oft in unseren Kirchen gesungen und werden es bald hoffentlich auch wieder gemeinsam tun!

Bis hierher hat mich Gott gebracht
durch seine große Güte,
bis hierher hat er Tag und Nacht
bewahrt Herz und Gemüte,
bis hierher hat er mich geleit’,
bis hierher hat er mich erfreut,
bis hierher mir geholfen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 Fürbittgebet

Herr, unser Gott und Vater,

wir bitten dich für alle,

in deren Leben Angst und Not

gerade das Bestimmende sind.

Zeige du ihnen den Weg der Hoffnung,

den du uns durch Jesus Christus gegeben hast.

Herr, erbarme dich!

 

Herr, unser Gott, wir danken dir,

dass du uns immer wieder fähig machst,

Mauern zwischen uns wahrzunehmen und auch abzubauen.

Gib uns Kraft und Mut auch in Situationen,

in denen wir uns bedrängt und alleine fühlen.

Herr, erbarme dich!

 

Herr, unser Gott, wir bitten dich für unsere Gemeinden.

Lass uns die Menschen nicht vergessen,

die traurig und  einsam sind.

Lass uns die Menschen nicht vergessen,

die am Rande stehen.

Erinnere uns immer wieder daran,

dass du zu ihnen gegangen bist.

Herr, erbarme dich!

 

Herr, guter Gott,

wir beten für die verfolgte Christenheit

in vielen Ländern überall auf dieser Welt.

Wir beten für den Frieden.

So viel Hass, so viel Gewalt, so viele unschuldige Opfer.

Oft können wir die Bilder kaum ertragen.

Herr, schaffe du, was wir Menschen nicht schaffen.

Gib Frieden, Herr, gib Frieden.

Herr, erbarme dich!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger Dunkel

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Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum 5. Sonntag nach Trinitatis, 12. 7. 2020

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Aus Psalm 73

 1 Gott ist dennoch Israels Trost für alle, die reinen Herzens sind.

2 Ich aber wäre fast gestrauchelt mit meinen Füßen; mein Tritt wäre beinahe geglitten. 3 Denn ich ereiferte mich über die Ruhmredigen, da ich sah, dass es den Frevlern so gut ging.

8 Sie höhnen und reden böse, sie reden und lästern hoch her.

9 Was sie reden, das soll vom Himmel herab geredet sein; was sie sagen, das soll gelten auf Erden.

10 Darum läuft ihnen der Pöbel zu und schlürft ihr Wasser in vollen Zügen. 23 Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, 24 du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an.

25 Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.

26 Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Herr, du hast uns füreinander

zu Schwestern und Brüdern gemacht.

Keiner ist allein,

niemand soll sagen müssen,

ich habe keinen Menschen.

Wenn wir nicht allein sind in dieser Welt,

dann wollen aber auch wir

niemanden allein lassen in seinen Sorgen,

seiner Not und seinen Ängsten.

Hilf uns, denen zu helfen,

die uns brauchen.

Schenke uns die Kraft,

unseren Mitmenschen Schwester oder Bruder zu sein!

Herr, sieh gnädig auf uns und erbarme dich unser!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Gott gibt uns nicht auf, niemals!

Das dürfen wir immer wieder neu spüren!

Er wendet zum Guten,

was wir versäumt haben.

Seine Liebe ist größer als unsere Schuld.

Darum können wir uns freuen und sprechen:

Lobe den Herrn, meine Seele,

und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!

 

Guter Gott und Vater,

du willst, dass wir einander

für dein Reich auf Erden gewinnen.

Du suchst uns und rufst uns.

Wir sollen deine Einladung

an alle Menschen weitersagen.

Lass uns das doch

mit immer mehr Freude und Beharrlichkeit tun.

Lass uns spüren,

dass dein Segen auf unserem Tun und Reden ruht.

Lass unsere Gemeinschaft blühen

und unsere Gemeinde auch wieder wachsen

durch unseren Herrn Jesus Christus,

der mit dir und dem Hl. Geist

lebt und regiert

von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Epistellesung: Aus dem 1. Korintherbrief, Kapitel 1, die Verse 18-25

 Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist’s eine Gotteskraft.

Denn es steht geschrieben (Jesaja 29,14): »Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.«

Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?

Denn weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben.

Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit,

wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit;

denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.

Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.

Halleluja! Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren! Halleluja!

 

Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Lukasevangelium, Kapitel 5, die Verse 1-11:

(auch Predigttext)

 Der Fischzug des Petrus

1 Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, um das Wort Gottes zu hören, da stand er am See Genezareth

2 und sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze.

3 Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.

4 Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!

5 Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen.

6 Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische, und ihre Netze begannen zu reißen.

7 Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, so daß sie fast sanken.

8 Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.

9 Denn ein Schrecken hatte ihn erfaßt und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten,

10 ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.

11 Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

Amen.

 

Predigt

 Die Gnade unseres Gottes sei mit uns allen. Amen!

 

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Stellen wir es uns doch einfach einmal vor! gehen wir in unseren Gedanken einmal ganz weit zurück!

Es war ein warmer Tag gewesen. Früh waren sie ausgefahren, gegen Mittag brannte dann die Sonne vom Himmel. Ihre Arbeit war hart. Sie hatten heute nicht viel gefangen. Wenn alle Fische verteilt waren, dann waren wohl die Familie und die Angehörigen satt. Aber ein Geschäft war nicht mehr zu machen. Jetzt nur noch die Netze säubern, und dann endlich nach Hause, den Abend genießen. In der Nacht mussten sie schließlich wieder los. Und dann sahen sie ihn. Diesen Jesus. Alle Menschen erzählten sich von ihm. Einige wundersame Dinge hatte er getan, solche Nachrichten verbreiteten sich schnell. Und er redete zu den Menschen, wo immer er auf sie traf, er redete sie an. Simon hatte all dies gehört. Was er aber von diesem Jesus halten sollte, darüber war er sich überhaupt noch nicht ganz klar!

Genau dieser Jesus kam auf ihn zu, bat ihn, ihn vom Ufer wegzufahren. Nein, Simon wollte nicht. Er war müde, sehr müde. Aber dieser Jesus sah ihn an. Simon spürte etwas, er wusste aber nicht, was es war. Er fuhr ihn hinaus; auf sein Wort hin fuhr er hinaus!

Und dann hörte er ihn reden. Dinge, die er so nie vorher gehört hatte. Vom Reich Gottes, von der spürbaren Nähe Gottes, vom angefangenen Himmelreich. Simon wusste immer noch nicht, was er davon halten sollte. Es war spät, sehr spät. Jetzt nur noch nach Hause. „Fahr hinaus auf den See! Werft eure Netze aus!“ Und jetzt endlich traute sich Simon den Protest zu. „Nein, heute ist kein Geschäft zu machen!“

Aber was war das? Er gehorchte schon wieder, eigentlich gegen seinen eigenen Willen. Die anderen begleiteten ihn, sie kannten die See zwar gut, aber sie war doch immer auch gefährlich, und allein wollten sie den Simon eben auch nicht fahren lassen. Sie waren schließlich Freunde, sie lebten und arbeiteten zusammen. Und auch deshalb zogen sie mit hinaus. Obwohl sie so müde waren.

Die Fische kamen, schwarmweise. So viele Fische! Eigentlich unmöglich! So viele Fische, Fische, wie noch nie oder zumindest ganz selten. Solch eine Wendung an einem einzigen Tag, ja sogar in einer Nach! So etwas hatten sie noch nicht erlebt. Simon starrte auf die Fische. Dann sah er auf diesen Jesus. Plötzlich hatte er die Worte wieder im Ohr, die er vor kurzem von seinem Boot aus gesprochen hatte. Jetzt erst, jetzt erst fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Dieser Jesus, dieser Jesus war selbst der Gottessohn, der Menschensohn. Gottes spürbare Nähe, da war sie – auf seinem Boot. Auf die Knie, das war das einzige, was ihm blieb. Auf die Knie: „Herr, geh weg von mir; ich bin ein sündiger Mensch!“

 

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Diese Begegnung veränderte den Simon schlagartig. Nicht nur ihn, auch seine Freunde. Diese Begegnung veränderte sein ganzes Denken, sein Leben. Er hatte Gott erkannt, hatte seine Nähe gespürt. Erstaunt war er, wie seine Freunde, erschrocken waren sie. Sie spürten die Veränderung, aber sie wussten nicht, was dies letztendlich für sie bedeuten würde.

Was hätten die Männer um Simon eigentlich gemacht, wenn diese Episode mit den vollen Netzen geendet hätte. Hätten sie sich ihr Leben lang diesen Tag immer und immer wieder in Erinnerung gerufen, wenn sie abends nach dem Fischfang zusammengesessen hätten. Hätten sie an diese Episode gedacht, wenn die Netze ‘mal wieder leer geblieben wären?

Das wissen wir alle nicht. Bestimmt aber hätten sie deshalb nicht ihre Familien verlassen und wären weggezogen. Nicht wegen der vollen Netze. Aber jetzt geschieht doch noch für sie Entscheidendes. Am Ende dieser Szene geschieht das für sie Unerwartete. Jesus spricht sie an. Er ruft sie in seinen Dienst. Er sondert sie aus ihrem Alltag aus, beruft sie für die Sache Gottes. „Fürchtet euch nicht! Von nun an werdet ihr Menschen fangen!“ Jetzt erst machen sie etwas, was sie vorher nie gemacht hätten. „Und sie zogen die Boote an Land, ließen alles zurück und folgten ihm  nach!“ Sie werden zu Menschenfischern, werden von nun an Menschen für die Sache Gottes begeistern.

 

Wie immer denke ich, wir sollten gerade bei bekannten Geschichten, deshalb auch bei dieser, sehr genau und sehr sensibel auf den Schluss achten. Nach ihrer Begegnung mit Jesus, nach seiner Rede, nach den vollen Netzen schwingen sich Petrus, Jakobus und Johannes eben nicht zu selbsternannten Missionaren auf, rennen los, um anderen von dem zu erzählen, was sie gesehen und gehört hatten, was sie selbst erlebt hatten. Nein, genau das tun sie nicht! Sie machten sich kein Programm, stellten sich nicht an die Ecken, hielten keine eigenen großen Reden, versuchten andere durch ihr eigenes Erlebnis zu überzeugen.

Nach ihnen, in der Geschichte unserer Kirche, ja bis in unsere heutigen Tage haben dies leider immer und immer wieder Menschen versucht. Immer wieder haben Menschen ihr eigenes Erlebnis mit Gott dazu benutzt, andere dadurch zu überzeugen. Viele Missionsbemühungen waren dadurch geprägt, andere allein durch das Wort Gottes zu einem anderen Leben zu überzeugen. Und wenn dies nicht reichte, ja dann kam eben das je eigene Erlebnis mit Gott dazu, so als ob dann das Erzählte, das Verkündete authentischer würde. Ja, es gibt sogar Gemeinschaften, in denen gilt sogar solch ein selbsterlebtes Ereignis, ähnlich dem der Fischer am See, als Voraussetzung, geradezu als Bestätigung der Mitgliedschaft.

Vielfach waren solche Missionsbemühungen zum Scheitern verurteilt. Längst nicht alle, das nicht. Aber immer und überall dort, wo das verkündete Wort Gottes, das manchmal sogar Massen überzeugen sollte, sich einfach nicht deckte mit der Art zu Leben derer, die es so verkündeten.

All dies will diese Geschichte von den vollen Netzen ja auch nicht. Sie will uns nicht zeigen, dass es ein wundersames Erlebnis braucht, damit wir uns dann selbst zu Missionaren für die Sache Gottes aufschwingen. Nein, sie will, glaube ich, etwas ganz anderes. Lenken wir unsere Aufmerksamkeit wieder auf den Schluss. Dort redet Jesus Menschen konkret an. Er ruft sie in seinen Dienst.

Auf sein Wort hin, auf diesen Ruf hin verlassen die Jünger alles, was sie haben. Für diesen Auftrag Jesu sind sie bereit ein anderes Leben zu führen. Sie kennen das Programm nicht, ja sie brauchen selbst überhaupt keines zu machen. Ob sie jemals ihre eigene Geschichte erzählen müssen, das wissen sie nicht. Sie wissen überhaupt nicht, was kommt; wissen nicht, wie es kommen wird. Sie wissen nur, ihnen ist eine Aufgabe zugetraut, sie sollen Menschen fischen. Aber sie wissen nicht, wo; sie wissen nicht, wie; sie wissen nicht, wann.

Aber genau in diesem Augenblick der Berufung, da geben sie Jesus, da geben sie Gott ihr Leben in die Hand; in diesem Augenblick wird ihr Leben ganz und gar von dem Vertrauen auf Gott bestimmt. Und dieses Vertrauen, nicht ihr vorheriges Erschrecken, nicht ihre plötzlich selbstentdeckte missionarische Ader, nein, nur ihr Vertrauen auf Gott wirkt in ihnen alle Veränderung, ihr neues Leben.

Genau da, liebe Schwestern und Brüder, wird diese Geschichte uns zur Anfrage. Wenn Jesus Menschen in seinen Dienst ruft, wozu wären wir, wozu wäre jede und jeder einzelne bereit? Wären wir z.B. bereit zu warten, bis wir seinen Ruf hören, statt selbst schon vorher loszuziehen? Wären wir überhaupt offen, seinen Ruf zu hören, weil wir ahnen, dass sich unser Leben von Grund auf ändern würde? Wäre unser Vertrauen so groß, das, woran wir uns oft klammern, loszulassen, um frei zu werden, unsere Berufung als Christin, als Christ zu leben?

 

Ich glaube fest daran, dass Gott uns unablässig ruft. Er drängt sich nicht auf, das nicht. Aber er ruft uns, ruft uns dazu, in dieser Welt von heute, Menschen seine Nähe spürbar zu machen. Ihnen die Hoffnung vielleicht neu zu geben, dass Gott diese Welt und die Menschen in dieser Welt niemals verlässt, sondern dass er verlässlich an unserer Seite ist und uns bewahrt. Wie wichtig ist das in diesen Tagen, in denen der Glaube sich bei denen einen verfestigt, bei vielen anderen aber brüchig zu werden scheint!

Jesus ruft uns dazu, anderen wieder Mut zu machen, diese Welt kreativ zu gestalten, an eine neue Zukunft zu glauben, wieder neu daran zu glauben, dass Gott am Werke ist in aller Zeit – auch heute, uns zum Segen. Dazu ruft uns Gott.

 

Und dann haben wir loszugehen! Nicht mit vollmundigen Worten, nicht mit gigantischen Missionsveranstaltungen. Wir brauchen keine Wunder, brauchen keine selbsterlebten Erlebnisse, die uns treiben. Was wir brauchen ist viel Vertrauen, viel Hoffnung und vor allem, den Mut zum Bekenntnis. Nicht unser Reden ist gefragt. Nein, wir müssen so leben, daß anderen durch uns Gottes Nähe spürbar wird. Wir sollen so lieben, dass Gottes Liebe andere erreicht. „Liebe, und zeige es durch dein Leben!“  So sagt es einer der alten Kirchenväter. Einer meiner Lebenslieblingssätze; die mich kennen, wissen das.

Wir sollen uns bekennen, dort wo es nötig ist und wo es einladend für andere ist. Frère Roger benutzte in einem Gespräch mit uns Jugendlichen vor langer Zeit einmal folgendes Zitat und das ist für mich die eigentlich ganze Konsequenz dieser Geschichte des Fischzugs der Jünger und damit möchte ich schließen:

„Rede nicht von Gott, wenn du nicht nach ihm gefragt wirst! Aber lebe so, daß man dich nach ihm fragt!“

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Fürbittgebet

Guter Gott,

so viele Menschen wissen nichts von dir,

von deiner Güte und Treue,

deiner Liebe und Zuneigung

zu allen deinen Kindern.

 

Schenke uns die nötige Liebe,

unsere Mitmenschen immer wieder zu dir einzuladen

und ihnen von deiner Liebe

und deinem Willen zu erzählen.

Wir wollen uns nicht zufrieden geben damit,

dass wir doch zu dir gehören

und in deiner Nähe leben.

 

Gib uns die Geduld und die Ausdauer,

die wir brauchen,

nicht zu schnell aufzugeben,

wenn wir um die Herzen der Mitmenschen werben.

Lass uns auch in Rückschlägen bestehen.

Schärfe es uns immer wieder neu ein,

dass du uns für einander,

zur Gemeinschaft unter uns und mit dir,

bestimmt hast.

 

Vor allem, himmlischer Vater,

halte uns im Gespräch

und in guten Beziehungen miteinander,

dass wir dieses Leben

nicht jeder für sich allein bestehen wollen,

sondern gemeinsam,

einer als Stütze und Halt des anderen,

als deine Kinder und Geschwister Jesu Christi!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger Dunkel

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Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum 4. Sonntag nach Trinitatis, 5. 7. 2020

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Aus Psalm 42

 2 Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.

3 Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue?

4 Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht, weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott?

5 Daran will ich denken und ausschütten mein Herz bei mir selbst: wie ich einherzog in großer Schar, mit ihnen zu wallen zum Hause Gottes mit Frohlocken und Danken in der Schar derer, die da feiern.

6 Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er mir hilft mit seinem Angesicht.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Herr, unser Gott!

Wie oft lassen wir uns zu Sachen hinreißen,

die wir eigentlich nicht tun dürfen,

die wir vielleicht noch nicht einmal denken dürfen!

Wie oft leben wir mit einem schlechten Gewissen!

Wie oft benutzen wir die Lüge, um die Wahrheit zu vertuschen!

Wie oft leben wir auf Kosten anderer

und schämen uns nicht!

Herr, sieh gnädig auf uns und erbarme dich unser!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann dürfen wir darauf vertrauen,

dass Gott uns eben gnädig ist

und dass er sich unser aller erbarmt.

Denn von ihm ist uns gesagt:

Wie sich ein Vater über seine Kinder erbarmt,

so erbarmt sich der Herr über die,

die ihn ehren.

 

Und so dürfen wir zu ihm beten:

Herr, unser Gott, dir wollen wir folgen.

Lass uns Abstand gewinnen von allem,

was von dir wegführt.

Deine Gebote wollen wir achten;

unsere Fehler wollen wir einsehen

und Uneinsichtige nicht verachten.

Darum bitten wir in deinem Sohn Jesus Christus,

der mit dir und dem heiligen Geist

lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Lukasevangelium, Kapitel 6, die Verse 36-42:

Vom Umgang mit dem Nächsten

36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

37 Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.

38 Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen.

39 Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann denn ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen?

40 Ein Jünger steht nicht über dem Meister; wer aber alles gelernt hat, der ist wie sein Meister.

41 Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr?

42 Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.

Halleluja! Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen! Halleluja!

 

Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Epistellesung: Aus dem Römerbrief, Kapitel 12, die Verse 17-21

(auch Predigttext)

 17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.

18 Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.

19 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«

20 Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22).

21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Amen.

 

Predigt

 Die Gnade unseres Gottes sei mit uns allen. Amen!

 Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Ich hoffe, jetzt lesen einige hier, von denen ich annehmen darf, dass sie unsere kleine, aber so feine Ev. Lukas-Kirche auch vermissen! Die Corona-Krise mit all ihren Einschränkungen und einzuhaltenden Hygienerichtlinien macht ein Feiern in ihr zur Zeit noch unmöglich. gerade zwei Handvoll von uns dürften gleichzeitig in ihr feiern. Und so weichen wir auf unsere schöne Waldkirche aus. Doch auch dort wird immer wieder neu sichtbar in welch schwieriger zeit wir gerade leben. Auch dort gilt es, vieles einzuhalten und auch anders zu organisieren. Die Leichtigkeit in vielem ist auf der Strecke geblieben.

Vielleicht geht es einigen von Euch ja auch so. Es ist schwierig, den Glauben für sich allein zu leben. Unser christlicher Glaube ist nun einmal auch zu einem ganz großen Teil ein Gemeinschaftsglaube. Und mir fällt es deshalb auch einfach viel leichter, in unserer Kirche christlich zu sein. Da bin ich mit  Gleichgesinnten vor Gott, fühle mich geborgen von Gott und von einer Gemeinschaft, in der ich meinen Platz gefunden habe.

Da in der Kirche –  da ist die Bibel mit Gottes Wort mir nahe. Jesus ist Gottes Sohn und alle Menschen sind dort Gottes Kinder – wie ich. Ich kann sie sehen, sie hören, bis vor kurzem durfte ich sie beim Händeschütteln oder einer Umarmung sogar spüren.

Und gemeinsam in der Kirche da sind wir natürlich alle wie selbstverständlich für den Frieden, gegen Feindschaft unter den Menschen, sind wir alle viel leichter für Vergebung und gegen jede Vergeltung, sind wir für natürlich auch alle gleichermaßen für die Nächstenliebe, die Toleranz und das Verständnis und gegen jede Fremdenangst, Rechthaberei und Härte. In der Kirche geben wir Jesus selbstverständlich Recht, was immer er auch von uns verlangt. Gern folgen wir seiner Rede, die uns so überzeugend klarmacht, daß es immer noch besser sei, die andere Wange hinzuhalten, als die empfangene Ohrfeige mit gleicher Schlagkraft heimzuzahlen. In der Kirche geht alles – alles, was Paulus im Anschluss an die alten Schriften und die neue Botschaft Jesu den römischen Christen in ihr Stammbuch schreibt; es geht ohne Anstoß über die Schwelle unseres Gemüts. Die Rache ist süß, – das lässt uns Paulus vergessen. Sein mahnender Finger weist nach oben, zum Himmel hin: dort wird vergolten, nicht auf Erden in unseren Herzen. Kann Böses denn überhaupt anders überwunden werden als durch Gutes? Kann unsere Verstrickung in friedlose Aggressionen, die sich ja so manches Mal auch in uns selbst breit machen wollen,  überhaupt anders bezwungen werden als durch unsere Fähigkeit zur Ruhe, zum Vertrauen auf Gott, dem wir uns in solchen Situationen anvertrauen dürfen? In so vielen Liedern besingen wir den Frieden, auch den inneren Frieden in uns, singen wir über Versöhnung und Nächstenliebe. Wer würde dort in der Kirche, wenn wir es gemeinsam tun, nicht aus voller Überzeugung mitsingen wollen?

Liebe Schwestern und Brüder!

Was ist aber eigentlich, wenn sich die Kirchentüren dann immer auch irgendwann hinter uns schließen, wenn das letzte Lied gesungen und der Segen gesprochen ist? Was ist denn, wenn wir herausgehen in den Alltag, der morgen ja auch wieder neu beginnt? Sieht dann nicht alles schon wieder ganz anders aus? Manchmal erwacht dann ja doch der alte Adam in uns aus seinem Kirchenschlaf und ergreift wieder ganz unauffällig Herrschaft über uns. Schnell merken wir das, was schon oft zu unserer eigenen Erfahrung geworden ist: Der Alltag ist mit den einfachen christlichen Grundsätzen doch nicht immer so leicht in den Griff zu bekommen – beim besten Willen nicht.

Unvergessen bleibt mir eine Konfirmandin – es ist schon einige Zeit her –, die an einem Seminar, in dem wir über das Phänomen der Gewalt nachdachten, ihren Schulweg beschrieb, der sie immer durch eine Unterführung in unserer Stadt führt, fragte: „Ja, was mach’ ich denn, wenn sich die Großen auf dem Schulweg mir in den Weg stellen, und mein Taschengeld wollen und dabei ein Messer blitzt? Wenn ich denen nicht gebe, was ich habe? Vielleicht komme ich ja dann gar nicht mehr dazu, die andere Backe hinzuhalten. Die hauen einmal so zu, da bin ich platt! Da muß ich entweder rennen, oder zuerst zuhauen!“ Ich weiß in meiner Erinnerung, dass ich diesem Mädchen, das sich sehr wohl auch zu verteidigen wusste, nicht empfahl: „Vergeltet niemand Böses mit Bösem! Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann!“

Kann dieser Satz – wie ich finde „Spitzenworte“ des Paulus – überhaupt Bestand haben, wenn sich nicht alle gleichermaßen daran halten? Würden mich Jugendliche, die mich so fragen, bei solch einer Antwort eigentlich noch ernst nehmen?

Und ich denke an den jungen Mann aus Bosnien. Wir feierten damals gemeinsam, Pfarrer Stephan Wahl aus der katholischen Nachbargemeinde St. Peter, Jugendliche aus Kroatien, Bosnien und Serbien und ich als Vertreter der evangelischen Kirche einen Versöhnungsgottesdienst zum Ende des Balkankrieges. Und in der Vorbereitung mit den ausländischen Gästen erzählte dieser junge Mann, wie man seine Familie niedergemetzelt hat. Er schilderte es so, dass uns allen die Tränen kamen und mir persönlich einfach schlecht wurde. Wenn ich mir heute noch vorstelle, dass er dies alles ja nicht nur aus Erzählungen kennt, sondern mitansehen musste, da verstehe ich heute noch – wenn ich ehrlich bleibe – sein Recht auf seine Wut, vielleicht sogar den Hass auf die Mörder. „Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.!“ Würde er mich nicht für verrückt halten, wenn ich ihm in diesem Augenblick damit gekommen wäre? Vielleicht hätte ich es tun müssen, aber ich konnte es nicht!

Ich denke auch an eine Frau, die ich aus meiner Gemeindearbeit kenne und die es auch mir manchmal nicht gerade leicht gemacht hat. Sie wohnte mit vielen anderen in einem Haus und hat den anderen Mietern durch ihre Boshaftigkeit das Leben in diesem Haus manchmal wirklich „zur Hölle machen können“. Bei einem Geburtstagsbesuch sagte mir ein alter Mann, der ebenfalls in diesem Haus wohnte: „Herr Pfarrer, ich weiß ja daß die Nachbarin alt, krank und verbittert ist. Aber immer wenn ich sie sehe, dann könnte ich ihr eine ‘runterhauen. Der ewige Ärger mit ihr vermiest meiner Frau und mir jede Lebensfreude. ‘Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben’, sie kennen das ja!“ Eines Tages treffe ich die beiden und sie sind wie verwandelt. „Stellen sie sich vor, unsere Nachbarin ist in ein Altersheim umgezogen! Jetzt ist endlich Ruhe!“

Und noch ein letztes Beispiel, an das ich denken musste, als ich diesen Predigttext las und mir Situationen in den Sinn kamen, die ich in meiner Arbeit schon erlebt habe und in denen ich mich innerlich mit den Worten des Paulus irgendwie immer auseinandersetzen musste. Dieses letzte Beispiel kommt den Worten des Paulus vielleicht am nächsten. Ich denke an einen Wirt in meiner Heimatstadt, mittlerweile hat er sich leider zur Ruhe gesetzt. Aber als Freunde begegnen wir uns weiterhin. Ein Betrunkener stänkerte in seinem Lokal alle Gäste an. Und weil ihn keiner beachtete, wurde er immer wilder und lauter. Und als der Wirt – ein Schrank von einem Mann – hinter dem Tresen hervorkam, um leere Gläser einzusammeln, da kippte ihm der Betrunkene ein Glas Bier vor die Brust. Stille im Lokal, jeder dachte, nun packt er ihn endlich und schmeißt den Trunkenbold ‘raus. „Wenn ich wollte, könntest du jetzt ‘was erleben!“, sagte er, drehte sich um, sammelte die Gläser weiter ein und ging wieder hinter den Tresen, um weiterzuarbeiten. Der Betrunkene schaut sich um, sagte nichts mehr, legte Geld auf den Tisch und verschwand. Diese Szene bleibt mir unvergesslich.

Dieser Wirt, dieser Freund bewegte sich, vermutlich natürlich ohne es zu wissen, genau auf dem Kurs des Paulus. Während ein labiler Gegner Streit sucht, konnte er es sich leisten, einen eskalierenden Konflikt zu entschärfen. Dieser Wirt und Freud ist wahrlich kein Mensch, der sich alles gefallen läßt. Aber in einer Zeit wachsender Gereiztheit und vorschneller Gewaltbereitschaft war er ein lebendiger Beweis dafür, daß eigentliche Stärke und Gewalt eben nicht das gleiche sind.

Dem Einwand, den jetzt einige im Kopf haben, dass dieser Wirt ja nicht besonders christlich, sondern allenfalls klug und umsichtig gehandelt habe, dem kann ich zumindest mit dem Hinweis begegnen, daß Jesus selbst diejenigen klug nennt, die sich nach seinen Worten richten. Und das tat er ja, bewusst oder unbewusst. Und so sehen wir, daß das Christliche und das Vernünftige durchaus gute Partner sein können.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Was bleibt nun aber von diesem eigentlich schönen Text des Römerbriefes – einem Text, der Wut und Ohnmacht gleichermaßen auslösen kann wie Faszination und neuen Mut! Wenn uns denn nur schon einmal die Einsicht bliebe, dass die Rache nicht unsere Sache ist, dass sie göttlich ist – wenn Gott überhaupt einen Rachegedanken kennen sollte! Wenn uns doch der Glaube bliebe, dass bei Gott Rache und Vergeltung nicht einfach Zurückschlagen oder Draufhauen bedeutet, sondern dass Gott damit allenfalls meint, jedem die Gerechtigkeit zukommen zu lassen, die ihm zusteht, Opfern wie auch Tätern. Wenn uns der Glaube bliebe, dass Unrecht auch heute noch Unrecht bleibt, und Recht letztlich eben doch über Unrecht siegt – wenn uns das alles bliebe, dann wären wir schon weit.

Vieles spricht aber dagegen. Und manche Geschehnisse, Ereignisse, die uns manchmal durch die Fernsehkanäle bis ins Wohnzimmer geliefert werden, sprechen so radikal dagegen, dass bei vielen eigene Resignation über den Zustand dieser Welt schlichtweg in Wut umschlägt. Ich denke, nur deshalb können sich auch in unserem Land, aber auch in vielen anderen, wieder radikale Strömungen breit machen. Dies alles ist nur möglich, weil wir es offensichtlich verlernt haben, uns auf Wege zu begeben, die z. B. der Apostel Paulus vorzeichnet. Wer von uns ist denn heute noch bereit, sich den Mechanismen und Automatismen dieser Zeit entgegenzustellen? Wer predigt den seinen Kindern denn noch den Frieden, statt ihnen das Recht des vermeintlich Stärkeren nahezubringen?

Um Böses nicht mehr mit Bösem zu vergelten, um gut gegen jedermann zu werden, um Frieden zu bringen denen, die auf Frieden warten, um vor dem Bösen niemals einfach zu kapitulieren, da bedarf es eines inneren Friedens, den wir Christinnen und Christen wiederfinden müssen. Wie erschüttert ist er aber gerade bei so vielen Menschen! Aber dieser innere Frieden muss wieder so stark werden, dass er auch außerhalb unserer Kirchenmauern trägt, uns durch den Alltag hindurchträgt und so dann auch wieder unseren Alltag verändert.

Ich habe dafür keine Patentrezepte. Aber eines weiß ich: Solange wir an unseren Stammtischen weiterhin unsere radikalen Sprüche loslassen, die so ganz anders klingen, als die Worte, die wir uns z.B. in unseren Kirchen sagen,  solange wir weiter versuchen, unser Glück und Frieden auf dem Rücken derer aufzubauen versuchen, die wir für all unsere gesellschaftlichen Miseren verantwortlich machen, seien es Arbeitslose, Asylsuchende, Zugezogene, Menschen, die irgendwie aus der Norm fallen, – solange wir auf so manch versteckte Art selbst Gewalt schüren und letztendlich Gewalt dadurch hoffähig machen, solange geben wir dem Paulus, nein, solange geben wir uns selbst, keine Chance, unser Leben anders, eben gottgefällig zu gestalten.

Wenn Politikerinnen und Politiker den inneren Frieden in unserem Land bedroht sehen, dann sehen sie nur kurz. Wir selbst müssen uns fragen, wieviel an Frieden in uns selbst schon zerbrochen ist. Sind wir noch friedensfähig? Sind wir noch dazu fähig, aus einem vertrauensvollen Glauben heraus, Frieden in uns wachsen zu lassen? Einen Frieden, der uns auch wieder fähig macht, uns selbst aus so manch dummen radikalen Geschwätz herauszuhalten. Gerade in der letzten Zeit, den letzten Wochen und Monaten waren da auf einmal so viele verworrene Köpfe, die ihre abstrusen Meinungen herausposaunen konnten, dass mir selbst mein Kopfschütteln dafür schon zu viel an Reaktion war. Aber genau in solchen Momenten erlebte ich es eben auch wieder an mir selbst: Menschen, die Frieden bringen, müssen selbst vom Frieden erfüllt sein. Und das ist manchmal eine wirklich schwere Übung!

Deshalb bleibt einiges für uns selbst zu tun, ehe wir mit dem Finger auf andere zeigen. Wir müssen uns wohl selbst erst wieder neu zu dem erziehen, was Paulus hier sagt. Müssen neu verstehen lernen, was er uns sagen will: Tu dir selbst nichts Böses an, dann tust du es wohl auch keinem anderen! Sei gut zu dir, dann strahlt deine Güte aus! Finde deinen eigenen Frieden, dann machst du deine Umgebung friedlich! Und kapituliere nicht vor dem Bösen, denn dann kapitulierst du vor dieser Welt! Vielleicht verschaffst du der Welt nicht ihr Recht, aber setz dich für das Recht ein, wo du es nur kannst. Und dabei glaube daran und vertraue darauf: Gott will Gerechtigkeit, für diese Welt, für die Menschen in dieser Welt, er will sie für dich!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Fürbittgebet

Herr, unser Gott.

Wir haben deine Gebote gelernt.

Aber noch öfter haben wir sie umgangen.

Wir kennen deine Gebote oftmals nur von ferne.

Wir bitten dich:

Herr, erbarme dich!

 

Gib uns zu verstehen,

daß wir für unsere Gedanken und Taten

Maßstäbe brauchen.

Deine Gebote führen in die Freiheit,

sie sind Wegweiser zum Leben.

Hilf uns Menschen,

dies endlich zu verstehen.

Wir bitten dich:

Herr, erbarme dich!

 

An vielen Orten dieser Erde

werden deine Gebote mit Füßen getreten.

Da wird die Erde ausgebeutet und zerstört,

da gelten Menschenrechte nichts,

da leben Menschen auf Kosten anderer.

Unrecht schreit zum Himmel.

Wir bitten dich:

Herr, erbarme dich!

 

Herr, wir sehen auf unser Leben.

So vieles ist anders geworden.

Wir schauen nicht nur auf uns,

sehen vielmehr auch auf andere.

Befreie uns von allem Neid.

Herr, schenke du uns die Ruhe und Gelassenheit,

in unserem Leben das Schöne zu sehen.

Dann bleiben wir auch hellhörig

für die Nöte der anderen.

Wir bitten dich:

Herr, erbarme dich!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

 Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger Dunkel

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