Geistliche Impulse

Losung und Lehrtext für Samstag, 25. 04. 2020

5. Mose 30,9

Der HERR wird sich wieder über dich freuen, dir zugut, wie er sich über deine Väter gefreut hat.

Johannesevangelium 15, 10.11

Jesus spricht: Wenn ihr meine Gebote haltet, bleibt ihr in meiner Liebe, so wie ich meines Vaters Gebote gehalten habe und bleibe in seiner Liebe. Das habe ich euch gesagt, auf dass meine Freude in euch sei und eure Freude vollkommen werde.

 

Heute um 15 Uhr werde ich heulen!

Heute brummt es wieder bei uns in Winzenheim. Aus ganz Deutschland kommen sie angeknattert auf ihren Harley’s, BMW’s, auf Yamaha, Triumph, Suzuki, Honda, Enfield, Norton und was es alles sonst noch gibt! Wilde Gesellinnen und Gesellen in ihren Lederklamotten, Sportfahrer in ihren Outfits. Rocker aus verschiedenen Clubs und Chartern friedlich vereint mit Oldtimern und Youngtimern, für die ein Motorrad ein Sportgerät, ein Verkehrsmittel ist und keine Lebensphilosophie. Zu Hunderten werden sie kommen, es wird brummen es wird knattern. Dicht gedrängt werden sie auf unserem Dorfplatz in der Mitte unseres Ortes parken und sitzen. Herzliche Umarmungen, weil man sich vielleicht ein ganzes Jahr nicht gesehen hat! Der Grill ist an, das Bier ist kalt. Da ist ein Geschnatter an Stimmen, da ist herzliches Lachen.

Und dazwischen viele, viele Winzenheimerinnen und Winzenheimer. Besonders die Seniorinnen und Senioren lieben dieses Fest! Viele von ihnen begannen vor vielen Jahrzehnten auch mit einem Motorrad bevor das erste Auto kam. Wehmütige Erinnerungen an die alten Maschinen mit ihren 23 PS. Und manchmal ungläubiges Staunen über die heutigen Geschosse. 200 PS und mehr! Da werden Dutzende von Kuchen von ihnen mitgebracht und angeboten. Frauen aus der Gemeinde helfen. Ein ungemein rühriger Motorradclub mit etwa 25 Mitgliedern stemmt dieses Fest! Ich gehörte, solange ich noch Motorrad fuhr, auch dazu.

Ich werde also um 15 Uhr im Talar mit katholischen und evangelischen Kollegen auf der Rolle stehen. So nennt man bei uns einen Anhänger für Traktoren. Und dann werde ich meine Gitarre nehmen und zu spielen beginnen. Es wird ruhiger und ruhiger werden. Sie kommen alle näher heran. Mehr als tausend sind es in diesem Moment! Einige, die das jetzt hier lesen, sehe ich dort unten auch sitzen! Die Kinder verteilen die Liedblätter. Und dann singen sie. Es ist die unglaublichste Gemeinde, die ich kenne! Rocker neben Rentnern! Einheimische und Fremde! Bikerinnen und Biker zwischen Nichtbikerinnen und Nichtbikern! Sie hören zu, wir denken an die Opfer der vergangenen Saison und werden still. Wir denken über die neue Motorradsaison nach und über die Gefahren, die an jeder Kreuzung lauern. Dann werden wir beten und singen. „Oh Lord, hear my pray’r!“

Zum Schluss segne ich sie. Ich segne niemals die Maschinen, das sollen andere machen, wenn sie es möchten. Ich segne die Menschen, die darauf fahren, die Väter und Mütter, die von ihren Kindern zu Hause erwartet werden; die Männer und Frauen unter den Helmen, die geliebt werden und die oft auch sorgenvoll zurückerwartet werden. Jede einzelne und jeder einzelne von ihnen ist mir unendlich mehr wert als irgendeine Maschine, auch wenn sie noch so chromblitzend daher kommt. Ich weiß nämlich, wie es ist, wenn jemand nicht mehr nach Hause kommt. Ich musste einen Freund aus unserem Club beerdigen. Diese Wunde heilt bei mir nicht, sie heilt bis heute bei der Familie nicht und auch nicht bei den anderen Clubmitgliedern. Und wenn ich auf dem Friedhof bin, um ein wenig mit meiner Mutter zu reden, dann gehe ich auch immer zu ihm! Ich werde es auch weiter tun!

Ich segne lieber die Menschen auf den Maschinen. Worte werden ihnen zugesprochen, die Kollegen tun es. Ich selbst segne sie singend. „Seid behütet auf euren Wegen!“ Ich habe dazu extra Bikerstrophen geschrieben! Dann kommt unser Schlusslied. Wen wundert’s: „Möge die Straße uns zusammenführen!“ Nach nun 26 Jahren „Ökumenischer Gottesdienst für Bikerinnen und Biker“ bei uns in Winzenheim können doch tatsächlich einige dieser wunderbaren Menschen, von denen viele sofort zugeben würden, eine Kirche höchst selten von innen zu sehen, manche Lieder auswendig singen. Ach ja, ich werde da auf dem Dorfplatz wohl auch wieder ein Kind taufen. Eine Hochzeit haben wir in diesem Jahr nicht, hatten wir aber auch schon!

Und dann werden sie, wenn das letzte Lied verklungen ist, alle auf ihre „Böcke“ springen und sie gemeinsam anlassen! Ein unglaublicher Moment!

Ich nehme in diesem Moment alle ökologischen Beschwerden entgegen, weil sie berechtigt sind, keine Frage! Aber als ehemaliger Biker nehme ich sie entgegen und dann genieße ich trotzdem diesen Augenblick, wenn es unglaublich brummen wird, wenn sie sich alle auf der Straße aufstellen, um dann die gemeinsame Rundfahrt zu starten, bei der ich selbst so oft und gern dabei war. Manchmal sogar mit den katholischen Kollegen auf dem Sozius hinten! Wenn die beiden Ihnen übrigens einmal etwas vom Vertrauen erzählen, glauben sie Ihnen nur bedingt. Denn hinten auf einem Motorrad, das ein evangelischer Kollege steuert, scheint Vertrauen nicht ihre Stärke zu sein! Ich hab’s erlebt!

Nach einer Dreiviertelstunde werden sie dann alle wieder auf dem Platz eintreffen. Und es beginnt das gemütlichste und größte eintägige Fest im Jahreskalender unseres Ortes! Abends gibt es dann die große Bikerparty in der Dorfscheune. Eine Band namens „Faltenrock“ wird einheizen. Sie war schon beim ersten Gottesdienst vor 26 Jahren dabei, sie ist es noch immer! Die Falten sind aber nicht auf irgendwelchen Röcken, sondern längst in den Gesichtern der Bandmitglieder angekommen! Es wird lange gehen! Es wird getanzt! Es wird gefeiert! Hunderte dichtgedrängt in unserer historischen Scheune! Und es wird natürlich darauf geachtet, dass dann niemand mehr fährt! Einige haben längst als Freunde Quartier in Familien des Ortes gefunden. All das startet immer am letzten Samstag im April. Also heute! Um 15 Uhr!

Liebe Leserinnen und Leser!

Heute um 15 Uhr werde ich heulen! Und ich werde mich dafür nicht schämen! Ich werde heulen, weil heute wieder so ein Tag ist, an dem ich die ganze Grausamkeit dieser Zeit in mir selbst erlebe! Natürlich finden der Gottesdienst, Rundfahrt und Party  nicht statt! Kein Singen, kein Beten! Keine Gebrumme! Keine Bikerparty! Nichts! Nada! Niente! Es ist zum Heulen!

Und wie viele Vereine und Veranstaltungen haben diesen Moment noch vor sich! Diesen Moment, in dem man da steht und denkt: „Jetzt! Jetzt wäre es losgegangen!“ Gemeindefeste! Jahrmärkte! Kirmesveranstaltungen! Die Vereinsfeste der vielen Vereine, die an solchen Tagen oft das einnehmen, um eine ganze Saison bestreiten zu können! Auch der Motorradclub in Winzenheim wird dieses Jahr seinen Reinerlös nicht für eine gute Sache spenden können. Weit über 40.000 Euro haben die Mitglieder bei diesen Gottesdiensten schon gesammelt für ganz verschiedene Aktionen. Dieses Jahr eben nicht! Wie so viele andere Clubs und Vereine auch nicht! Ja, ich könnte heulen! Und ich werde es auch tun!

Und dann – dann wische ich mir die Tränen ab und werde denken: Richtig so! Hunderte Tote immer noch jeden Tag! Kein Impfstoff in der Nähe in Sicht! Das Virus ist immer noch mitten unter uns. Bei tausend Menschen auf dem Platz hätte es so richtig loslegen und sich satt fressen können! Und wenn ich sonst immer da auf der Rolle stehe und auf diese so wunderbar verschiedene Gemeinde schaue und jede und jeden segne, damit alle gut durch die Saison kommen, um wie vieles mehr ist es mir dann wert, dass sich niemand auf diesem Fest der Herzlichkeit ansteckt und dass alle einfach ihr Leben behalten. Denn jedes Leben ist so unendlich wertvoll in Gottes Augen.

„So werde mein Leben wert geachtet in den Augen des Herrn, und er errettet mich aus aller Not!“ (1. Samuel 26,24) So heißt es im Buch Samuel im Alten Testament und genau so ist es! Und deshalb ist es gut, dass diese Großveranstaltung eben heute nicht stattfindet! Jedes Leben ist wertvoll, nicht nur in Gottes Augen, auch in unseren! Weil wir uns so als Gemeinde Gottes anschauen, weil wir als Geschwister vor Gott gegenseitig Verantwortung für uns tragen, sollten wir alles tun, um andere nicht anzustecken und um selbst nicht angesteckt zu werden. Und deshalb kann eben diese wunderbare Veranstaltung heute nicht stattfinden! Der Verstand sagt: „Richtig so!“ Das Herz schweigt und blutet!

Meine Erfahrung von heute werden einige andere auch noch machen, die sich in so vielen Vereinen engagieren. Und all denen wünsche ich jetzt schon, dass der Verstand ihnen dann auch sagt: „Jedes Leben ist zu wertvoll, um es zu gefährden! Richtig so!“ Und auch ihr Herz wird wohl bluten! Aber spätestens dann hören wir die Worte aus dem Buch Samuel eben auch für uns! „Und er errettet mich aus aller Not!“ Das wünsche ich allen! Darauf unser Vertrauen!

Ach übrigens: Bei aller Maskenpflicht – es gibt zumindest für Motorradfahrerinnen und Motorradfahrer eine Alternative! Einfach den Helm auflassen und das Visier schließen! Kleiner Scherz!

Kommt gut durch den Tag, passt auf euch auf und bleibt gesund! Wir sehen uns wieder! Gott segne euch!

Rüdiger Dunkel


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Losung und Lehrtext für Freitag, 24. 04. 2020

Losung und Lehrtext für Freitag, 24. 4. 2020

 Jeremia 14,21

HERR, gedenke doch an deinen Bund mit uns und lass ihn nicht aufhören!

1. Korintherbrief 1,9

Gott ist treu, durch den ihr berufen seid zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn.

 

Ich will mich nicht verändern!

Ich hab’s wieder getan! Gestern! Ich tue es jeden Tag! Ich stelle mich vor den Spiegel und schaue hinein! Mehrere Minuten – jeden Tag! Die mich kennen, wissen das. Manchmal gefällt mir das, was ich sehe! Ganz ehrlich – und das kennen doch einige männliche Leser doch auch – Eitelkeit ist ja kein Fremdwort! Art van Rheyn, dieser niederrheinische Dichter und Schreiberling, hat einmal in einem seiner Aphorismensammlungen geschrieben: „Ich kenne Männer, die nehmen jeden Tag vor dem Spiegel Siegerehrungen vor!“ Ja, solche Tage – wenn ich ehrlich bleibe –  kenne ich. Und ich bin nicht der einzige!

Aber solch ein Tag war gestern nicht! Die Haare sind jetzt doch merklich gewachsen! Ich sah in den Spiegel und sah zwei ganz müde Augen, obwohl es noch morgens war. Es waren Augen, die den gestrigen Tag aber wohl schon voraussehend anschauten. Er sollte wohl wie die anderen davor werden! Ich sah die Ringe unter den Augen. Sie strengten sich an, die Fröhlichkeit, die sonst so oft aus diesen Augen scheint, zu unterdrücken!

Haben Ihr eigentlich auch das Gefühl, dass Ihr Euch verändert? Ich bin auf jeden Fall stiller geworden. Ich bin nachdenklicher geworden. Ja, Angst und Sorge schleichen sich so manches Mal in meine Gedanken! Aber das wisst Ihr ja schon aus vorigen Impulsen. Und Ihr kennt es wahrscheinlich auch von Euch selbst!

Wie gut tat da gestern ein Anruf bei einem 11jährigen Geburtstagskind in „meiner“ Gemeinde. Meist sind es ältere Menschen, mit denen ich am Telefon verbunden bin. Es sind dann eher ernstere Gespräche. Gestern hatte ich ein so ganz erfrischend anderes Gespräch! Wunderbar wie Gott mir durch einen anderen Menschen meine Fröhlichkeit zumindest kurz zurückgeben konnte. Mit einer derartigen Lebenslust und fröhlichen Stimme erzählte mir diese junge 11jährige Dame am anderen Ende, wie sie ihren gestrigen Geburtstag verbringen wollte. Mit zwei Freundinnen auf Abstand und mit Maske spazieren gehen und die neue Kamera ausprobieren. Die Schule wird zwar vermisst, aber eher das unbekümmerte Zusammensein mit den anderen dort als der Unterricht. Unterricht macht man ja jetzt zu Hause. Alles nicht so schlimm! Das geht schon!

Diese fröhliche Kinderstimme, herrlich! „Du willst bestimmt auch den Papa sprechen, ich ruf’ ihn!“ Und weg war sie! Klar habe ich mit dem Vater gesprochen. Wir sind seit nun fast 30 Jahren befreundet! Seine Mutter, eine wunderbare Frau, war die Ersatzoma für meine Kinder, weil die eigenen Großmütter zu ihren Lebzeiten so weit weg wohnten! Sie ist unvergessen, war Küsterin und pfälzische Landfrau im allerbesten Sinne! Das Gespräch mit dem Vater war dann wieder ernster! Beide sind wir gleichermaßen vorerkrankt und deshalb auch jetzt gleichermaßen vorsichtig!

Nach dem Gespräch war aber alles wieder da – die Stille im Haus, die Gedanken, die jeden Tag kreisen, weil sie noch keinen Ausweg in die Zukunft finden, meine Sorge, um die, die ich liebe! Und es kam noch etwas dazu! In dieser Stimmung fuhr ich nämlich zu einem Getränkemarkt, um mich dort neu zu versorgen. Direkt neben dem Eingang acht(!) Menschen in kleinem Kreis zusammen, alle ohne Maske aber dafür jeder mit einer Flasche Bier! Zu meinen trüben Gedanken kam in diesem Augenblick auch noch die Wut! Über so viel Dummheit! Also Maske auf, Einmalhandschuhe an und einen Wagen geholt. Gelächter musste ich mir anhören, über mich! „Auch einen Schluck!“ fragte mich jemand aus dieser Runde und lachte sich halbtot, weil er das für einen unglaublich guten Witz hielt!

Aber die Wut war nicht das einzige. Es kam noch etwas dazu. Mein eigenes Unwohlsein, wenn ich in diesen Tagen einkaufen gehe! Wenn ich Menschen begegnen muss. Es sind für mich Momente, in denen ich merke, dass ich viele Dinge nicht in der eigenen Hand habe! Eigentlich habe ich in diesen Tagen nichts sicher in meinen eigenen Händen! Ganz ehrlich, einzukaufen stresst mich gerade gewaltig! Dann bin ich immer wieder froh, wenn ich wieder zu Hause bin! Trotz aller Stille! Trotz aller Unaufgeräumtheiten in den Zimmern und in meiner Seele!

Natürlich habe ich in meinem Hausflur eine Garderobe mit einem Spiegel. Und genau dort landete ich wieder, als ich zu Hause ankam. Ich schaute wieder hinein! Die Wut war noch nicht ganz verflogen, ich konnte sie noch sehen! Nichts regt mich so sehr auf, wie die Dummheit! Nicht nur die bei anderen, nicht dass Ihr mich missversteht! Natürlich auch meine eigene, über die ich so manches Mal stolpere. Auch dieses Gefühl, den Einkauf geschafft zu haben – ich glaube auch das sprach durch meine Augen und durch die Falten auf der Stirn. Und ich sah die Abdrücke der Maske, soll ja eng anliegen! Alles was ich sah, machte mich nicht gerade fröhlicher! Da war immer noch Müdigkeit. Da war immer  noch dieses ungläubige Staunen darüber, was mir so alles Sorgen macht.

Ja, ich habe mich verändert! Hätte mir vor einigen Wochen jemand gesagt, dass es mir Unbehagen bereiten wird, wenn ich einkaufen gehe und Leute treffe, ich hätte gelacht. Wie schön war es immer, wenn man sich unverhofft begegnete! Auch in engen Supermarktgängen, an der Fleischtheke, im Getränkemarkt. Jetzt ist das ganz anders! Ich weiche aus, so weit wie eben möglich. Jetzt schaue ich auf die aufgeklebten Streifen auf dem Boden, die mir ein deutliches Stopp in der Warteschlange signalisieren, halte natürlich und drehe mich sofort um, ob auch der Mensch hinter mir auf mich achtet! Es hat sich so vieles verändert! Ich habe mich verändert! Ich will meine Leichtigkeit zurück. Ich will meinen Sinn für jeden Unsinn wieder! Ich will meine Schlagfertigkeit zurück! Meinen Sinn für Humor, mit dem ich mich aus manchen Situationen retten kann! Allein ich Haus lache ich kaum! Ich merke, dass ich kaum rede! Gott sei es gedankt, er tut es. Er redet zu mir, reißt mich aus trüben Gedanken! Schenkt mir neue Kraft. Manchmal sogar, in dem er mich durch mein Spiegelbild anschaut und zu reden beginnt! Gott kann das! „Erinnerst du dich an sie? Jetzt genießt sie gerade an ihrem Geburtstag mit ihren Freundinnen auf Abstand das Leben! Dann wird sie Bilder malen mit ihren neuen Stiften, wird erste Fotos anschauen, die sie mit der neuen Kamera gemacht hat! Und sie wird lachen! Und es wird ansteckend sein!“

Recht hat er, der liebe Gott. Die Erinnerung an das seit gestern 11jährige Mädchen und das lustige Telefonat ließ mich zumindest Schmunzeln. Und tief atmen! Es ließ mich dankbar werden. Es gab mir die Erinnerung zurück, an all das zu denken, was mich wirklich ausmacht. Es ist vieles im Moment irgendwie auch ins Wanken geraten, wie bei so vielen anderen auch! Aber ich kann doch jetzt nicht nur auf das schauen, was mich gerade klein machen und mich vielleicht sogar runterziehen will.

Nein, Gott hat mir, besser anders: Gott hat uns allen so viele gute Gaben geschenkt, die uns ausmachen und die wir einsetzen können! Vielleicht ja sogar auch einmal für uns selbst, wenn es bei anderen gerade vielleicht nicht geht!

Wir sind nicht klein vor Gott! Nein! Wir können so vieles, jede und jeder von uns! Zumindest so viel, dass wir uns damit vor Gott stellen können, der uns tiefer anschaut als jedes Spiegelbild es kann. Wir können uns vor Gott stellen, dankbar werden für das viele, das er in uns gelegt hat und ihm dann völlig zu Recht mit den Worten antworten, die ein Beter in einem alten Psalm einmal so gesagt hat: „Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.“ (Psalm 139,14)

Ja, wunderbar ist jede und jeder von uns – mit all den Eigenheiten, Sonderlichkeiten, Unzulänglichkeiten, Talenten und guten Gaben. Wunderbar, weil Gottesgeschöpf!

Ja, wunderbar sind deine Werke, Gott, die du an uns tust und die unser Leben reich machen! Und durch uns, so wie wir eben sind, tust du gute Werke an den Menschen um uns herum. Du nimmst uns für dich in deinen Dienst. Und der sieht bei jeder und jedem anders aus! Wunderbar!

Ja, und ich erkenne dich tief in meiner Seele. Du lebst und betest in mir! Verlässt mich nie! Ich hab’s erkannt! Das ist wunderbar!

Ich wünsche euch, dass Ihr Euch selbst anschauen könnt, eure Einzigartigkeit vor Gott erkennt und dass die Worte des Psalmbeters dann auch Eure sein werden!

Ich hab’s probiert! Klappt!

 

Kommt gut durch den Tag, passt auf euch auf und bleibt gesund! Wir sehen uns wieder! Gott segne euch!

Rüdiger Dunkel


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Losung und Lehrtext für Donnerstag, 23. 04. 2020

Losung und Lehrtext für Donnerstag, 23. 4. 2020

 Jesaja 44,21

Ich habe dich bereitet, dass du mein Knecht seist. Israel, ich vergesse dich nicht!

Hebräerbrief 10,35

Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat.

 

Meine Kurve mit der Abendsonne!

Gestern war wieder so ein Tag! Ein „Gänsehauttag“! Ich hab’ wieder telefoniert – mit Gemeindegliedern, mit Geburtstagskindern! Mit meinem Vater! Und einfach so! Ein Gespräch ging mir dabei besonders unter die Haut! Ich habe einem Gemeindeglied zum Geburtstag gratuliert! Über achtzig Jahre alt wurde er, um es wenigstens nicht ganz genau zu verraten! Wir unterhielten uns. Er erzählte, dass es ihm und seiner Frau gut gehe, auch der ganzen anderen Familie und dass er sich eben mit seiner Frau ganz streng an die Regeln hält. Also keine Kontakte nach außen, die Kinder versorgen ihn und seine Frau. Den Rest des Tages verbringen die beiden auf der Terrasse und im Garten ihres Hauses. Das alles erzählte er. Wir beide können gut miteinander! Auf einmal stockte das Gespräch. Kurze Stille! Dann sagte er etwas, was mir den ganzen Tag nicht mehr aus dem Kopf ging. Nach einer kurzen Stille sagte er: „Du, Rudi, wir Alten haben das nicht verdient! Ich hätte niemals gedacht, dass ich so etwas noch einmal erleben muss!“ Als er aufgelegt hatte, musste ich tief durchatmen!

Wie viele Menschen sitzen jetzt irgendwo in ihren Wohnungen und Häusern, wollten nur noch ihren verdienten Lebensabend genießen! Sie haben so hart gearbeitet, haben so vieles erreicht, so vieles aufgebaut, so vielen Kindern und Enkeln ermöglicht, heute gut zu leben! Und von heute auf morgen wurden sie zu einer schutzbedürftigen Risikogruppe, deren Gesundheit mehr gefährdet zu sein scheint als bei anderen! Allein an diesem einen Gespräch wurde mir noch einmal deutlich, dass ich mich für sie wahrscheinlich sogar in einen Taucheranzug pressen würde, wenn ich damit auch nur eines ihrer Leben zu bewahren helfen würde. Und da ist doch eine Maske wirklich gar nichts dagegen!

Ich hatte alle meine mir liebgewordenen Seniorinnen und Senioren vor Augen, dachte an die vielen alten Menschen, die mir immer in den vielen Gesprächen, die ich mit ihnen führe, ihre Ängste signalisiert hatten, aber mich auch schon so oft getröstet haben – mit ihrem Glauben und mit ihrer Fähigkeit, zuversichtlich trotz aller Sorgen zu bleiben!

Ja, gestern habe ich zum ersten Mal da gesessen und ein wenig Bilanz über die vergangenen Wochen gezogen. So vielen wunderbaren Menschen durfte ich auf nie gedachten Wegen begegnen. Im Gespräch am Telefon und über E-Mail-Nachrichten! Ich musste an sie denken und tat es gern! Bis ich erschrak!

Denn es passierte das, was meistens in diesen Tagen passiert. Ich schaltete den Fernseher ein! Und was lief? Corona-TV, beinahe egal auf welchem Sender! Und natürlich wieder mit einem Virologen und Arzt, der gebetsmühlenartig noch einmal alles aufzählte: Hände waschen, Abstand halten, Maske tragen! Also ehrlich, wer das jetzt noch nicht weiß, den sollte man isolieren! Entschuldigung, aber das kam jetzt schneller aus meinem Bauchgefühl, als dass ich es hätte hier stoppen können!

Aber das alles, was dieser Fachmann aufzählte, war nicht das, was mich erschreckte. Es war sein Satz zum Abschluss des Berichts: „Wir machen das alles ja auch, um die besondere Risikogruppe – also die Ü60jährigen, besonders die mit Vorerkrankungen – zu schützen!“ Und jetzt erschrak ich! Sie ahnen, weshalb!

Er meinte nämlich nicht nur die über 80jährigen wie das Geburtstagskind gestern oder meinen Vater oder meine Schwiegermutter. Nein er sprach über die Ü60jährigen mit Vorerkrankungen. Und dann nannte er sogar eine dieser Erkrankungen. Er nannte meine! Und ich bin jetzt wahrscheinlich nicht der einzige, der hier schreibt oder liest, der dazugehört! Einige von Euch, liebe Leserinnen und Leser, gehören auch dazu! Ich weiß es aus vielen Rückmeldungen!

Ja, ich hatte oft weggehört! Hatte es mit der Zeit immer besser geschafft, das zu tun! Aber gestern da traf es mich voll! Und da waren auf einmal wieder die Worte meines gestrigen Geburtstagsseniors in mir. „Wir Alten haben das nicht verdient!“ Ich hab’ sie dem lieben Gott, dann etwas anders vorgelegt, denn so alt bin ich ja schließlich auch noch nicht! „Lieber Gott“, dachte ich, „das darf doch nicht wahr sein! Ich hab’ noch so vieles vor! Ich hab’s doch auch nicht verdient! Niemand hat das verdient! Niemand!“

Mit solch trüben Gedanken startete ich am späteren Nachmittag zum wöchentlichen Einkauf. Eigentlich nur in unserem kleinen Örtchen! Aber dann dachte ich mir, Getränke zu holen, wäre eine gute Sache. Also doch in die Stadt! Blöd, Leergut vergessen! Deshalb wieder zurück und nach Hause. B 41, Abfahrt Roxheim! Und jetzt erschrak ich schon wieder! Denn ich wusste genau, was jetzt kommen sollte!

Vielleicht kennen einige diese Stelle! Man fährt von der B41 an der Abfahrt Roxheim ab. Dann biegt man links ab! Nach zweihundert Metern kommt eine Rechtskurve und die Straße führt ein Stück hinauf. Und wenn ich sie dann hochfahre, taucht immer etwas wieder auf, was der liebe Gott mir genau an dieser Stelle schon so oft als „Seelenkino“ geschenkt hat. Auch gestern! Denn auf einmal eröffnet sich den Augen und der Seele ein riesiges Feld. Darüber die Abendsonne! Sie schien gestern an dieser Stelle wie immer genau auf mich. Und es war sofort auch der immer gleiche Gedanke in mir, den Gott mir in dieser kleinen Kurve der Straße nach Roxheim immer wieder neu schenkt. Ich schaue, ich staune, ich freue mich, und ich hab’ es ganz tief in mir: „Ich liebe mein Leben!“

Gott selbst lässt mich dann immer auch lächeln! Ich freue mich, weil ich daran denke, wie viel mir an Liebe geschenkt ist für mein Leben! Da sind Menschen an meiner Seite! Ich freue mich über sie! Da ist ein Beruf, der mir von Anfang an zur Berufung wurde, auch wenn mein eigener Plan zu Beginn so ganz anders war! Da ist die Musik und die nach Jahrzehnten wiedergefundene Freundschaft zu meinem Musikbruder Ralf, der mit mir meine Lieder und damit meine Seele zum Klingen bringt! Bald, aber mit Sicherheit leider später als gedacht, auch auf unserer neuen CD mit vielen neuen Liedern! Ein solch wunderbarer Mensch und Musiker aus Jugendtagen! Mein Freund! Mein Bruder!

Abends saß ich wieder in meinem Garten, auf einem meiner neuen Gartenstühle! Aber davon erzählte ich ja hier schon! Jetzt sah meine Bilanz schon ganz anders aus, als wenn ich sie vorher aus trüben Gedanken geboren hätte.

Ja, es war nicht immer leicht! Einiges ist zerbrochen in den Jahren! Vieles ist ganz anders gekommen als gedacht! Natürlich habe ich mir das Leben manchmal selbst schwer gemacht. Manchmal haben sogar andere versucht das zu tun. Zeitweise ist es ihnen sogar gelungen. Aber was ist geworden? Ich dachte gestern auf der Terrasse wie jeden Abend an unsere Kinder und ich freute mich! Ich dachte an den Menschen an meiner Seite, und ich freute mich! Ich dachte auch an meine verstorbene Mutter. Sie lächelte mich durch die Abendsonne an. Vorgestern vor drei Jahren ist sie gestorben! Warte ab, Mutter, du bekommst auch noch deinen eigenen Geistlichen Impuls! Hast du verdient!

Ich dachte auch an das, was ich noch leben möchte und wie gern ich das tun werde!

„Richtig!“ mischte sich der liebe Gott in meine Gedanken ein! „So ist es richtig! Bleib dankbar für das, was da alles war! Wenn es auch nicht immer leicht war! Aber schau nach vorn! Vor dir liegt dein Leben! Und dann hör doch noch einmal hin, was ich dir als Tagesgedanken schon so oft in dein Herz gelegt habe: Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat! (Hebräerbrief 10,35) Hör’ es immer wieder neu! Höre es heute! Und hör’ es einmal ganz für dich! Wirf dein Vertrauen nicht weg, niemals; es wird sich für dich lohnen, die Liebe zu leben!“

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Klar, wir haben in unserem Leben vielleicht nicht immer alles bekommen, was wir wollten!

Viele Dinge sind vielleicht ganz anders gekommen, als wir es wollten!

Vieles wird auch vielleicht anders werden als wir es wollen!

Aber ich wünsche Euch, dass Ihr, wenn Ihr jetzt das Wörtchen „vielleicht“ aus den letzten drei Sätzen streicht und diese Sätze dann noch einmal eindeutiger und unzweifelhafter lesen und vielleicht sogar laut sprechen könnt, dass Ihr Euch dann umschauen und auch in diese schwierige Situation hinein, in der wir alle gemeinsam stecken, sagen könnt: „Ja, ich liebe mein Leben!“ Diesen Satz wünsche ich Euch von ganzem Herzen!

Kommt gut durch den Tag, passt auf euch auf und bleibt gesund! Wir sehen uns wieder! Gott segne euch!

Rüdiger Dunkel


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Losung und Lehrtext für Mittwoch, 22. 04. 2020

Losung und Lehrtext für Mittwoch, 22. 4. 2020

 Hesekiel 16,8

Ich schwor dir’s und schloss mit dir einen Bund, spricht Gott der HERR, und, du wurdest mein.

Galaterbrief 3,26

Ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus.

 

Wenn das alles vorbei ist, …

„Wenn das Wörtchen ‘wenn‘ nicht wär, …?“ Na, kennen Sie das alte Sprichwort noch? Wie geht’s weiter? Richtig! „…, dann wär’ mein Vater Millionär!“ Ist er aber nicht. Bergmann, war er. 85 Jahre ist er und sitzt gut versorgt zu Hause!

„Wenn…“ – Ein einziges kleines Wörtchen kann einem einen Spiegel vorhalten! War ich in vielen Dingen zu sorglos? Habe ich die Hinweise erkannt, die meine Entscheidungen vielleicht so manches mal beeinflusst hätten?

„Wenn er doch früher zum Arzt gegangen wäre! Hätte ich ihn doch dazu gebracht!“ Eine Frau trauert um ihren Mann und macht sich Vorwürfe. Ich denke an sie! Wie oft habe ich einen solchen Satz so oder ähnlich in den vielen Trauergesprächen, die ich in meinem Dienst bisher führen musste, schon gehört.

„Wenn ich gewusst hätte, dass es sich mit dem Rollator doch viel leichter gehen lässt, ich hätte ihn viel früher genommen!“ Eine Frau hoch in den 80ern, die es lange ohne dieses Hilfsmittel gemacht hat, kam bis vor einigen Wochen nun auch viel entspannter zu Fuß an unserer Kirche an. Im Moment leider nicht, die Kirche ist geschlossen!

„Wenn mir im letzten Jahr jemand gesagt hätte, dass ich nächstes Jahr mein Geschäft für Wochen schließen und ich so ganz anders für uns sorgen muss, wir hätten mit dem Hausbau gewartet. Jetzt wird es richtig eng!“ klagte ein Familienvater in meinem Bekanntenkreis, der sich vor kurzem selbstständig gemacht hat und den ich vor ein paar Tagen anrief, um ihm zum Geburtstag zu gratulieren. Seine Nerven lagen blank! Das war ein sehr trauriges Gespräch!

Und bei mir? Hätten da auch viele Dinge anders sein können? Ich schaue zurück und denke zum Beispiel an meinen brasilianischen Freund Ricardo und seine Frau Maria. Er hätte sein wunderbares Orchester, das aus Südbrasilien noch im Januar bei uns in der Gemeinde zu Gast war, als Dirigent anführen wollen.  Wie immer hätte er meine Frau und mich beim Abschied wieder nach Brasilien eingeladen. Und diesmal hätten wir beide die Einladung angenommen. Wir hätten sie besucht! Wenn… – ja, wenn uns nicht die Nachricht erreicht hätte, dass beide, Maria und Ricardo, im vergangenen September innerhalb einer Woche plötzlich verstarben! Wären wir doch nicht so zögerlich gewesen! Eine unwiederbringliche Chance – verpasst!

Aber da sind auch die kleinen Dinge des Lebens. Wenn ich im Februar gewusst hätte, dass die Fußballbundesliga ausfällt, hätte ich mein Sky-Bundesliga-Abonnement bestimmt nicht verlängert! Wenn ich früher gewusst hätte, dass unser Skiurlaub in Südtirol im März ins Wasser fällt, dann wären wir etwas früher gefahren! Obwohl, es war wohl besser, dass er diesmal einfach ausfällt, denn viel früher wäre es dann auch nicht gewesen. Nur wir wären wohl etwas blauäugiger gewesen! Und wer weiß, wenn … ich denke lieber nicht darüber nach!

Das Wörtchen „wenn“ leitet oft Sätze über verpasste Chancen ein. Es weist darauf hin, dass wir im Leben vielleicht einiges anders gemacht hätten, wenn wir eben den Ausgang vieler unserer Handlungen vorher gewusst hätten.

Es gibt viele Menschen, die immer gern vorher wissen möchten, wie etwas ausgeht oder wie etwas werden wird. Sie möchten vorher jede Sicherheit haben, um etwas zu wagen. Sie möchten, dass jemand ihnen schon vorher alle offenen Fragen beantwortet.

Aber so können wir nicht leben! Leben ist immer ein Wagnis! Leben in Fülle wird aus Mut gemacht! Liebe wird aus Mut gemacht! Sogar Glaube in diesen Tagen wird aus Mut gemacht! Aus dem Mut, das Vertrauen auf Gott nicht zu verlieren! Niemals!

Ja, vielleicht sind wir mit offenen Augen in diese Krise geschlittert, als sie in China noch so weit weg schien! Niemand von uns hätte doch gedacht, dass es einmal so werden würde, wie es gerade ist! Und irgendwie haben viele die ersten Tage der Beschränkungen zu Hause als eine Art Auszeit betrachtet, so nach dem Motto: so, ein paar Tage zu Hause und dann wird’s schon wieder gehen! Und nun? – Nun drängeln alle! Wollen wieder Fußball sehen! Da kommt mir gerade wieder mein Sky-Abonnement ins Gedächtnis. Als ob es nichts Wichtigeres gäbe! Da werden Lockerungen verstanden als Startschuss in eine wieder unbeschwertere Zeit, die es so aber noch lange nicht gibt. Die Mahner und die unbequeme Wahrheiten aussprechenden Virologen, Ärzte, Politikerinnen und Politiker werden schon wieder belächelt, ignoriert. Oder ihnen wird wieder Wahlkampf vorgeworfen!

Mich macht das alles eher traurig! Denn ich möchte nach vorne schauen! Aber ich möchte es in aller Ruhe tun, besonnen, ohne mich selbst unter Druck setzen zu müssen! Ich möchte mir meine Zukunft entwerfen, in dem Vertrauen, dass ich sie auch erleben darf! Ich möchte all meine Ängste, die natürlich immer wieder hoch kommen in diesen Tagen – Ängste um die Alten in unseren Familien, die Sorge um unsere Kinder und natürlich auch die Sorge um meine Frau und mich – all diese Ängste möchte konfrontieren mit meinen Ideen, mit meinen Visionen für eine Zukunft hinter dieser düsteren Zeit, auf die ich mich unglaublich freue! Ich freue mich, weil ich weiß, dass Gott mich, dass Gott uns dabei nicht verlässt, wenn wir heute schon beginnen, nach vorne zu schauen. Ja, Gott selbst kennt schon die Zukunft, die er für uns bereitet hat und nach der wir uns so sehr sehnen! Und er möchte, dass wir auf dem Weg dorthin mit ihm gehen, auch wenn der Weg noch weit ist. So hat er es einmal vor langer Zeit einem Beter in einem alten Psalm versprochen. Und so verspricht er es jeder und jedem von uns heute neu, wenn er auch zu uns allen sagt: „Ich will dich unterweisen und dir den Weg zeigen, den du gehen sollst; ich will dich mit meinen Augen leiten.“ (Psalm 32,8) Darauf möchte ich vertrauen! Und ich hoffe, viele andere können das auch! Gott führt uns in eine neue und andere Zukunft. Und für diese Zukunft finde ich auch jetzt schon Sätze. Sie fangen auch mit dem kleinen Wörtchen „wenn“ an!

Wenn das alles einmal überwunden ist, dann möchte ich niemals mehr vergessen, welchen Wert die Menschen, die ich lieben darf, für mich haben!

Wenn das alles einmal überwunden ist, dann werde ich meine Arbeit auf den Prüfstand stellen, weil ich in diesen Tagen lerne, was wirklich wichtig ist!

Wenn das alles einmal überwunden ist, dann weiß ich aber auch, welche Reihenfolge ich einzuhalten versuchen werde! Da sind die Menschen, die ich liebe, und dann erst kommt die Arbeit, die ich auch liebe, aber anders! So, das musste mal raus!

Ach ja, und dann kommen die anderen „Wenn“-Sätze in zweiter Reihe!

Wenn das alles vorbei ist, möchte ich mit meinem Vater spazieren gehen!

Wenn das alles vorbei ist, möchte ich wieder in meinem kleinen Paradies in Sulden in Südtirol mit meiner Frau auf eine Berghütte nahe am Ortler wandern und in diese einmalige und wunderbare Gegend schauen, in dieses kleine Fleckchen Paradies! Dann möchte ich all meine Freudentränen weinen dürfen und endlich wieder einen Williams Christ trinken! Oder zwei!

Wenn das alles vorbei ist, möchte ich wieder, wie ich es immer tue, eine Blume auf das Grab von Frère Wilhelm, einem alten Schulfreund aus gemeinsamen Tagen in meiner Heimatstadt  Dinslaken, auf dem Friedhof in Taizé legen und mich an sein Lächeln erinnern! Ein Gesicht voller Güte, unvergesslich!

Wenn das alles vorbei ist, möchte ich grillen – mit unseren ganzen Familien, mit allen, die sich dazugehörig fühlen. Wir werden lachen, wir werden feiern! Und ich werde wie immer die Würstchen anbrennen lassen. Etwas wird eben schon noch wie früher sein!

Vor allem aber, wenn das alles einmal vorbei ist, werde ich glücklich leben! Mit dem Menschen an meiner Seite! Gemeinsam leben, weil wir neu gelernt haben, wie wertvoll jedes Leben ist, das der anderen und das eigene!

Vielleicht geht es ja einigen anderen auch so! Dann lasst uns doch gemeinsam darauf vertrauen, dass Gott uns leitet und uns den Weg zeigen wird! Er will, dass wir leben!

Wenn das alles vorbei ist, … ach wär’s doch schon so weit! Wär’ ja schon schön, wenn es nicht allzu lange dauern würde!

Aber da ist es schon wieder! Wenn …

Kommt gut durch den Tag, passt auf euch auf und bleibt gesund! Wir sehen uns wieder! Gott segne euch!

Rüdiger Dunkel


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Losung und Lehrtext für Dienstag, 21. 04. 2020

Losung und Lehrtext für Dienstag, 21. 4. 2020

 Daniel 6,24

„Sie zogen Daniel aus der Grube heraus, und man fand keine Verletzung an ihm; denn er hatte seinem Gott vertraut.“

1. Korintherbrief 16,13

Wachet, steht im Glauben, seid mutig und seid stark!

 

Einfach kostbar und unwiederbringlich – die Zeit!

Gestern durfte ich wieder einmal am eigenen Leibe erfahren, wie nutzlos wir Menschen unsere Zeit manchmal mit dem Warten verbringen. Neue Möbel sollten geliefert werden, für den Garten! Am Freitag sollten sie kommen – und ich wartete! Abends dann in der Sendungsverfolgung im Internet: „Verspätet! Neuer Termin Samstag 13 Uhr!“ Es wurde Samstag – und ich wartete! Abends, Sendungsverfolgung im Internet: „Lieferverzögerung! Neuer Termin Montag 9.00 Uhr!“ –  Es wurde Montag – und ich wartete! Bis um 10 Uhr, 11 Uhr, 12 Uhr, 13 Uhr, 14 Uhr!

Kennen Sie das von sich auch? Wenn man auf irgendetwas wartet, dann kann man sich irgendwie auf nichts anderes mehr wirklich konzentrieren! Ein Ohr, ein Auge hält immer Ausschau! Ich erinnere mich zum Beispiel noch gut an die Zeit, als die Kinder größer wurden und auch abends länger weg blieben, manchmal bis in die Nacht! Sie hatten immer gesagt, wann sie nach Hause. Und alle drei waren sehr verlässlich, keine Frage! Aber glauben Sie bloß nicht, ich hätte einfach ins Bett gehen können, um zu schlafen. Wie gerade schon erwähnt. Ein Ohr und ein Auge blieben immer wartend offen! Und mit nur einem geschlossenen Auge und einem ruhenden Ohr kann man nicht schlafen, geht nicht!

15 Uhr – der Kleinlaster hält vor meinem Haus! „Und da sind wir auch schon!“ Die ersten Worte des Auslieferers, als er aus dem Auto stieg. Ich hatte eigentlich schon tief Luft geholt, um Dampf abzulassen. Aber erstens hätte es wohl absolut den Falschen getroffen. Und zweitens verwandelten seine Worte meinen angestauten Dampf sofort in ein lautes Lachen! Humor hilft wirklich manchmal aus Situationen! Wie schön!

Aber als ich dann nachmittags im Garten saß, musste ich doch noch einmal daran denken, wie viel Zeit ich allein bei meiner ersten großen Online-Bestellung mit dem Warten verbracht hatte. Dabei ist die Zeit so kostbar! Sie ist unwiederbringlich! Im Moment haben wir – so werden es einige vielleicht gerade empfinden – so unendlich viel davon, und manchmal scheint sie gar nicht zu vergehen! Und da sind diejenigen – und da gehöre ich dazu –, die in diesen Tagen manchmal auch daran denken, wie wenig man darüber weiß, wie viel Zeit eigentlich noch bleibt. Zeit ist kostbar, Lebenszeit ist kostbar! Zeit ist ein Geschenk Gottes! Und der Wert vermehrt sich, je länger sie Gott mit uns lebt! Darüber musste ich nachdenken, nachmittags im Garten. Zeit genug dazu hatte ich ja!

Natürlich fielen mir auch die biblischen Worte zur Zeit und ihrer Verwendung ein, die einige bestimmt auch kennen und die mit den schönen Worten „Alles hat seine Zeit“  (Prediger 3,1) beginnen. Elf Verse lang beschreibt da jemand, wozu wir die Zeit nutzen können. Ich schaute also rein in diese Verse. Und bei einigen blieb ich hängen!

„Heilen hat seine Zeit!“ (Prediger 3,3) Ja, da sind unendlich viele, die sich jetzt um Erkrankte bemühen! Aber ich dachte an die anderen. Wie viele Menschen arbeiten jetzt gerade in den Laboren und Forschungsstätten dieser Welt, um uns allen so bald wie möglich zu helfen. Ein Serum werden sie entwickeln, damit wir uns endlich impfen lassen können und dieser Alptraum aufhört. Es sind Mütter und Väter, die tagsüber unter Hochdruck arbeiten und abends oder nachts erschöpft nach Hause kommen, weil sie gemacht haben, was an einem einzigen Tag eben möglich war. Sie haben alles verdient, aber nicht, dass man ihnen vorwirft, dass das alles nicht schnell genug gehe! Sie haben all unsere Ungeduld nicht verdient! Eher unseren Dank dafür, dass sie uns helfen wollen und werden. Deshalb: All ihr Namenlosen in den Laboren und Forschungsstätten dieser Welt! Danke!

„Weinen hat seine Zeit! Klagen hat seine Zeit“ (Prediger 3,4) Beides habe ich hinter mir in den vergangenen Wochen! Und es wird bestimmt wiederkommen! Da bin ich sicher nicht der einzige! Nicht mit denen zusammen sein zu können, die ich liebe, es zerreißt mir das Herz! Die Sorge um die Alten in unseren Familien lässt mich in manchen Augenblicken so unendlich traurig werden. Ich bin nicht der einzige! Meine Rückblicke in die Zeit, die ich bisher leben durfte, und mein Blick in eine Zukunft, von der ich jetzt schon ahne, dass sie anders werden wird – sie machen mich im Moment noch ein wenig ratlos!

Ich weiß, dass ich einiges jetzt schon ruhen lasse und wohl nicht mehr tun kann; manche Möglichkeiten werden sich vielleicht gar nicht mehr ergeben. Dabei wäre die Gegenwart ohne dieses Virus gerade so wunderbar gewesen. Der Vater mit 85 Jahren wieder genesen nach langer Krankheit! Die Kinder alle gut im Beruf und in ihrem privaten Leben gelandet! Ich darf mein Glück mit einem wunderbaren Menschen an meiner Seite teilen und will es noch lange tun! Es wäre alles wunderbar gewesen! Und jetzt! Was wird werden, lieber Gott? Wie wird’s werden? Ich bin nicht der einzige, der so fragt!

„Zu herzen hat seine Zeit! Zu lieben hat seine Zeit!“ (Prediger 3,5.8) Wir haben doch alle nie wirklich darüber nachgedacht, dass das einmal ein Problem werden könnte! Jemanden zu herzen, in den Arm zu nehmen! Es war eine unsere Arten, unsere Wertschätzung zu zeigen! Es war eine Art, dem Menschen, den ich liebe, zu zeigen, wo rein er sich fallen lassen darf! In meine Arme, um zu spüren, dass ich ihn halte! Und andersherum tat es mir auch gut! Wird es wieder so werden? Oder werde ich meinen Freunden demnächst aus sicherem Abstand eher zuwinken; Freunden mit einer Hand, besonders guten Freunden mit beiden Händen. Ich hoffe nicht!

Und da hat die Liebe ihre Zeit! Und das ist wunderbar! Zu wissen, geliebt zu werden und zu wissen, jemanden lieben zu dürfen! So etwas trägt, gerade auch durch diese Zeit! Es ist etwas, das uns reich macht in dieser Zeit! Das gilt von Mensch zu Mensch! Besonders aber auch von Gott zu Mensch! Gott selbst will es in diesen Tagen! Er mochte uns spürbar nahe sein, damit wir merken, wir sind geborgen! Er hält uns in seinen Armen! Er begegnet uns mit all seiner Liebe! Es gibt niemanden, der nicht geliebt wird! Denn Gott selbst liebt! Darauf dürfen wir vertrauen!

Und ein letztes! Ich kann es mir einfach nicht verkneifen!

„Lachen hat seine Zeit!“ (Prediger 4,4) Es gibt ja momentan unglaubliche und unendlich viele Dinge zu lesen. Das Virus beherrscht alle Medien. Es gibt Verschwörungstheorien genau so wie viele ernsthafte Auseinandersetzungen und Anregungen. Und dazwischen gibt es einfach auch manchmal unglaubliche Dinge zu lesen! Gestern musste ich so laut lachen, dass es wohl alle Nachbarn hören konnte. Vielleicht haben es ja einige auch gelesen! In einem Beitrag von SWR 3 las ich doch tatsächlich über einen australischen Arzt! Entschuldigung – aber jetzt wird es ein wenig derb! Er meint, das Virus in menschlichen Fäkalien nachgewiesen zu haben und wies überzeugt darauf hin, dass auch ein kräftiger Furz – mir fällt gerade kein anderes Wort ein, aber genau das Wort wurde im Artikel auch gebraucht – ansteckend wirken kann! Ich muss schon wieder lachen! Moment, ist gleich vorbei! Zum einen, weil ich jetzt weiß, dass ich manchen Menschen dann doch besser nicht begegnen sollte. Und zum anderen war da kurz die Frage, ob dann einige Menschen – wenn dann bald die Maskenpflicht kommt – wohl in Zukunft besser zwei Masken tragen sollten! Aber lassen wir das lieber! Gestern hat es jedenfalls gestimmt, das Lachen hatte seine Zeit!

Ich weiß nicht, ob es Ihnen auch so geht wie mir. Aber ich habe gerade in diesen Tagen das Gefühl, in einer Art „Zwischenzeit“ zu leben. An die vergangene Zeit denke ich – sogar mit all ihren schwierigen Abschnitten – beinahe wehmütig zurück. Die neuen und wieder unbeschwerten Zeiten scheinen auf einmal so weit weg! Und ich merke, dass auch in diesen Tagen die Zeit eben nicht still steht! Aber auch jetzt ist jeder Augenblick unwiederbringlich! Einzigartig! Und deshalb möchte ich keinen Augenblick mehr mit dem Warten auf bessere Zeiten verschwenden! Ich möchte die neue und bessere Zeit jetzt schon in mir beginnen lassen, mit allen vielleicht eher bescheidenen Mitteln, die mir gerade zur Verfügung sind. Und wenn es eben sein soll – auch mit Maske, mit aller Vorsicht, in meinen vier Wänden und mit vielen vielleicht erst einmal wieder zaghaften Begegnungen!

Aber immer auch mit dem vertrauenden Glauben und der stärkenden Hoffnung, Gott selbst startet mit mir und uns allen neu! In eine Zukunft, die Gott eine Freude mit uns sein wird und zu der er jetzt schon uns anstiften möchte! Lasst uns neu leben! Und lasst uns heute damit beginnen!

Kommt gut durch den Tag, passt auf euch auf und bleibt gesund! Wir sehen uns wieder! Gott segne euch!

Rüdiger Dunkel


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Losung und Lehrtext für Montag, 20. 04. 2020

Losung und Lehrtext für Montag, 20. 4. 2020

1.Mose 18,19

Der HERR sprach: Dazu habe ich Abraham auserkoren, dass er seinen Kindern befehle und seinem Hause nach ihm, dass sie des HERRN Wege halten und tun, was recht und gut ist.

Römerbrief 6,22

Befreit von der Sünde und in den Dienst Gottes gestellt, habt ihr die Frucht, die Heiligung schafft, und als Ziel ewiges Leben.

 

Vielleicht einfach ‘mal segnen!

Als Risikogruppenmitglied mit mindestens zwei Treffern – Ü60 und chronischer Bluthochdruck – halte ich mich in dieser Zeit vorwiegend zu Hause auf. Ich versuche den Kontakt so gut es geht zu so vielen wie möglich zu halten. Da sind E-Mails auf meine Impulse und auch auf die Lesegottesdienste zu beantworten. Da mailen einige einfach „nur ’mal so“, und daraus wird dann doch oft ein längerer Austausch von Nachrichten daraus. Ich telefoniere viel mit Gemeindegliedern! Und ich bin immer sehr dankbar, wenn ich spüren darf, dass am anderen Ende ein Mensch sitzt, der mich auch spüren lässt, wie gut es tut, mal miteinander zu reden. Dann gibt es immer auch gemeindliche Dinge zu regeln.  Und so geht ein Tag meist sehr schnell rum! Das hätte ich niemals gedacht! Manchmal habe ich gar keine Zeit, mir selbst auf die Nerven zu gehen oder mich in Selbstmitleid zu wälzen. Ist wohl auch besser so! Und abends bin ich dann meist einfach „platt“!

Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich vergessen habe, welcher Tag eigentlich ist! Der Lebensrhythmus ist so ganz anders geworden. Zeit und Termine, alles irgendwie anders! Aber gestern war Sonntag. Und Sonntag ist der Tag des Herrn. Da sollte eigentlich alles einfach auch ’mal ruhen! Eigentlich!

Gestern habe ich es tatsächlich auch fast geschafft! Ich bin einmal um den Block spaziert, über’s Feld gelaufen! Und zu Hause auf der Terrasse habe ich dann später eine Übung gemacht, die ich täglich mache, einfach auch um meine Konzentration ein wenig zu üben. Ich schließe dann die Augen und mache meinen „Gedankenspaziergang“. Ich gehe gedanklich durch die Straßen „meiner“ Kirchengemeinde. Aber nicht nur das. Ich gehe durch die Straßen und bleibe gedanklich vor den Häusern stehen, um zu überlegen, wer dahinter wohnt. Und dann fällt mir nicht nur immer ein, wer da wohnt. Nein, ich denke auch daran, wie da gerade in der Wohnung oder in den Häusern Menschen, die ich kenne, wohnen.

So stand ich gestern zum Beispiel in einer Straße gedanklich vor einem Haus und erinnerte mich an ein älteres Ehepaar, das ich von Anfang an kenne. Meine Kinder turnten bei ihr, mit beiden gibt es immer amüsante Unterhaltungen. Und dann hatte ich auf einmal einen Duft in der Nase. Denn dort gibt es den besten Käsekuchen, den ich kenne. Ich konnte ihn förmlich riechen. Und ich weiß, wenn das alles einmal vorbei ist, dass ich mir bestimmt auch wieder einen abholen darf. Ein wenig weiter wohnt ein Engel, ich kann es nicht anders sagen! Ein Engel, der jetzt im Alter leider wegen einer ganz gemeinen Krankheit von Tag zu Tag mehr vergisst, dass er einer war. Ein Engel nicht nur für mich in meinen persönlich schwersten Tagen, sondern für so viele Menschen in unserer Kirchengemeinde, in unserem Ort! Ich stehe vor dem Haus und bin unendlich traurig! Und so traurig ging ich weiter. Vor einem nächsten Haus blieb ich gedanklich stehen, von dem ich weiß, dass darin ein Mädchen auf mich wartet, weil es mit mir sprechen möchte, um Antworten auf ihre offenen Fragen über Gott zu bekommen; und dann möchte sie sich taufen lassen! Ich lächele, weil ich mich darauf freue! Dann ist da das Haus der beiden über 90jährigen! Sie waren immer im Gottesdienst. Es waren die Menschen, bei denen ich die Glocken vor dem Gottesdienst einfach hätte läuten lassen, solange bis sie da gewesen wären. Denn ohne sie hätten wir nicht angefangen! Ich komme ans Haus einer jungen Familie. Ich höre das Lachen darin und erinnere mich, dass sie, wenn ein Familiengottesdienst stattfand, immer da waren, die ganze Familie. Herrliche Zeiten! Ich bleibe vor dem Haus stehen, in dem Menschen leben, denen die Sucht die ganze Familie zerstört hat! Für mich manchmal ganz unglaublich, was Menschen sich selbst antun können! Und dann komme ich an dem Haus vorbei, in dem ich so oft und so gern war. Ich habe erst beide besucht, dann später ihn allein. Niemand von uns konnte ihm die Liebe zu seiner Frau ersetzen, als sie nicht mehr da war. Nun ist er wieder bei ihr. Und als guter Freund für immer in mir! Manchmal sehe ich ihn sogar abends am Himmel im Abendrot! Ich stehe gedanklich vor diesen und vielen anderen Häusern! Ich erinnere mich an die Menschen; und ich setze mich gedanklich auf eine Bank mitten im Ort.

Zwei Gedanken sind es dann, die sie sich regelmäßig in meine Erinnerungen einschleichen.

Der erste, und er mag nun eigenartig zu lesen sein: Unser Ort ist gar nicht so schön! Nicht so schön, wie viele andere –  mit Fachwerk und mehr Weinranken, historischen Ortskernen aus vergangenen Jahrhunderten oder so. Aber er ist eben unverwechselbare Heimat für viele, die hier leben! Meine Heimat ist der Niederrhein! Und bleibt es auch! Ich bin und bleibe niederrheinischer Biertrinker. Und kein Weinberg der Welt wird es schaffen, mir seine Reben einzuverleiben. Mit einer Ausnahme natürlich! Wenn sie sich edel verarbeitet im Kelch des Herrn beim Abendmahl wiederfinden!

So ist es für mich eben nicht der Ort, auch nicht die Gegend, die mir nach nun fast 30 Jahren meines Dienstes in diesem Fleckchen Erde zur Heimat geworden sind. Es sind die Menschen! Die Menschen, denen ich begegnen darf! Mit denen ich Gemeinde bauen und leben darf. Und es sind die Freunde, die ich gefunden habe! Meine Heimat hat Gesichter, hat offene Arme, spricht manchmal Kreuznacher Platt! Auch schön, finde ich!

Und der andere Gedanke ist der: ich möchte mit niemandem der Menschen in den Häusern, an denen ich gedanklich vorbei spaziere und an die ich denke, tauschen. Den Glücklichen unter ihnen gönne ich ihr Glück von ganzem Herzen! Ich schaue auf mich, und ich weiß, Glück kenn’ ich auch. Also lebe ich mein eigenes! Den Beladenen, den Traurigen und den Einsamen unter ihnen kann ich die Last nicht abnehmen, vielleicht mittragen! Ja, das tue ich gern. Aber ich schaue auf mich und weiß, Lasten tragen und aushalten müssen, das kenne ich auch! Zur Genüge! Ich blieb’ nicht verschont! Wie gut, dass einige mitgetragen haben!

Ach ja, das Wichtigste hätte ich jetzt doch glatt fast vergessen zu schreiben! Von jedem Haus und von jeder Wohnung, vor denen ich stehen bleibe und mich an die Menschen darin erinnere, gehe ich nicht weg ohne den Satz, den ich dann auch gedanklich spreche: „Gott segne euch und behüte euch!“ Denn mit jedem dieser Menschen habe ich meine Geschichte. Mir fallen dazu Worte ein, die Gott zu Abraham einmal sagte: „Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein!“ (Gen 12,2)

Ja, auf ihre ganz eigene Weise sind mir all diese Menschen von Gott auf meinen Weg gestellt worden. Mit den einen war es ein Vergnügen, mit anderen war es nicht immer leicht. Aber alle zusammen haben daran mitgewirkt, so ahne ich es, mich auch zu demjenigen zu machen, der ich eben heute bin! Deshalb stehe ich bei meinem „Gedankenspaziergang“ vor den Häusern und spreche einen kurzen Segen. Und dann ist es mir eine wirkliche Freude, dass ich die Menschen darin von Gott gesegnet und begleitet wissen darf – vielleicht sogar, ohne dass sie selbst daran denken oder es merken!

Vor welchen Häusern würden Sie eigentlich stehenbleiben, wenn Sie, wo immer das auch sein mag, durch Ihren Ort gehen? Wen hat Gott auf ihren Weg gestellt? Wen würden Sie segnen? Und an welche Geschichten würden Sie sich erinnern?

Die Sonne soll heute scheinen! Gehen Sie doch einfach! Oder tun Sie es mit geschlossenen Augen und in Gedanken von zu Hause aus! Gehen Sie und segnen Sie Menschen! Das wär’ doch vielleicht ‘mal ‘was anderes an diesem Tag!

 Kommt gut durch den Tag, passt auf euch auf und bleibt gesund! Wir sehen uns wieder! Gott segne euch!

Rüdiger Dunkel


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Losung und Lehrtext für Samstag, 18. 04. 2020

Losung und Lehrtext für Samstag, 18. 4. 2020

 Jeremia 8,7

„Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit, Turteltaube, Schwalbe und Drossel halten die Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des HERRN nicht wissen.“

Titusbrief 2,14

Jesus Christus hat sich selbst für uns gegeben, damit er uns erlöste von aller Ungerechtigkeit und reinigte sich selbst ein Volk zum Eigentum, das eifrig wäre zu guten Werken.

 

Auch ’mal auf sich selbst schauen!

Manchmal könnte ich aus der Haut fahren! Im Moment kann ich es, weil ich spüre, wie Ungeduld um sich greift und wir alle gleich wieder in alte Muster verfallen. Da soll die Besonnenheit unserer Politikerinnen und Politiker dem Druck nachgeben, den viele, die selbst nicht in der Verantwortung stehen, machen. Da denken einige, „Lockerungen“ hieße, alles wieder auf null und los wie sonst, am besten morgen schon! Da fordern auf einmal Menschen die Wiederzulassung von Gottesdiensten, die ich, wenn ich sonntags in die Kirche fahre und am Bäcker in der Nähe vorbeikomme, dort in Schlange stehen sehe, um Brötchen zu holen und dann den Sonntag eher im Garten als in der Kirche zu verbringen!

Stop! Halt! Was rege ich mich auf! Das ist hier nicht der Ort! Aber ich denke, wir alle kennen Situationen, wo wir alle mal so richtig aus der Haut fahren können. Aber wo wären wir dann! Und kennen Sie das auch? Manchmal möchte ich auch aus meiner Haut, um ein ganz anderer zu sein. Zwei Gründe dazu kenne ich von mir.

Der erste Grund sind meine eigenen Defizite; sind die Dinge, die ich nicht kann, nicht mehr kann! Wie schön, wenn ich zum Beispiel noch einmal jünger sein könnte! Vor 14 Jahren habe ich es bis an den Hörnligrat am Matterhorn geschafft! Zu Fuß! Und vor einigen Jahren ebenfalls zu Fuß bis an den Rand des Ortlergletschers! Jetzt mit einigen Kilos mehr – und ich verrate jetzt nicht, wie viele es sind – einfach im Moment undenkbar! Das macht mich traurig! Wenn ich doch wieder so wäre, wie … Und ich war ein richtig guter Sportler. Das schreibe ich in meiner mir geradezu angeborenen Bescheidenheit! Handballoberligatorwart und hochklassiger Tischtennisspieler! Bis ich mich heute an der Platte einmal gedreht habe – denn Tischtennis spiele ich wieder in meinem alten Verein – haben mir die jungen Wilden die Bälle längst um die Ohren gehauen! Nichts ist mehr so, wie es einmal war. Oder besser: ich bin nicht mehr so, wie ich einmal war!

Der andere Grund: Ich würde gern einige Dinge können, kann sie aber nicht! Ich bin zum Beispiel kein guter Tänzer! Und das macht einen ganz besonderen Menschen in meinem Leben traurig! Für einen Tag mal leichtfüßig wie Fred Astaire sein, dann würde ich sie herumwirbeln! Das wär`s! Und das mach’ ich auch noch irgendwann! Oder ich bewundere einen Kollegen in der Nachbarschaft und wäre gern manchmal wie er. Neben seinem Pfarrdienst schafft er es, lange in der Natur zu laufen und für die Marathonläufe zu trainieren, an denen er teilnimmt. In diesem Jahr aus bekannten Gründen allerdings wohl nicht! Ich hab’s versucht, war beim Halbmarathontraining vor einigen Jahren auch richtig weit! Muskelbündelriss und aus! Nie wieder versucht!

Viele andere Dinge könnte ich nennen, warum ich manchmal aus meiner Haut und mal ein anderer sein möchte. Ich schaue mich an und muss es einfach annehmen lernen! Manche Dinge kann ich eben nicht! Kein Talent! Und andere Dinge kann ich vielleicht einfach nicht mehr! Motorradfahren zum Beispiel! Vor einigen Jahren schlich sich auf einmal – irgendwie einfach so – die Angst auf den Rücksitz und klammerte sich an mich! Also habe ich  meine geliebte BMW 1200C Cruiser in die Garage gefahren und sofort verkauft. Es war einfach irgendwie vorbei! Da war die Angst, vor der einen Fahrt zuviel!

So nach und nach lerne ich es zu akzeptieren, dass es bei einigem anderen eben auch so geht! Das sind dann manchmal oft aber auch die Momente, in denen ich mich selbst ganz kurz mal selbst nicht leiden kann! Kennen Sie das auch von sich – irgendwie neben sich zu stehen, unzufrieden und manchmal sogar traurig zu sein über Dinge, die einfach nicht mehr sein können?

Gott sei es gedankt, sind es die Momente, in denen ich dann oft spüren darf, dass Gott mich eben anschaut! Momente, in denen ich seine Güte spüren darf. Ich darf spüren, dass ich geborgen bin. Ich höre dann geradezu, wie Gott selbst zur mir sagt: „Ich weiß, du kannst nicht alles; brauchst du auch nicht! Ich weiß, du weißt nicht alles; brauchst du auch nicht! Ich weiß, du willst manchmal einfach zu viel; das brauchst du aber nicht! Denn ich gebe dir, was du brauchst! Ich weiß, du möchtest manchmal ein ganz anderes Leben. Das geht allerdings nicht; denn du hast nur dieses eine! Aber eines sage ich dir, ich kenne dich! Und ich weiß jetzt schon, dass du dich wohl nie mehr ändern wirst! Deshalb vertrau’ einfach drauf, ich weiß das alles! Und dann bleib’ wie du eben bist! Mein Geschöpf! Und so, wie du eben bist, denke immer dran: „Ich habe nie aufgehört, dich zu lieben. Ich bin dir treu wie am ersten Tag!“ (Jeremia 31,3)

Ja, es tut gut, Gott so reden zu hören! Es tut gut, sich immer und immer wieder neu daran zu erinnern, dass Gott mich, dass Gott Sie liebt – so wie wir eben alle sind. Und wir sind so verschieden! Dem lieben Gott wird es deshalb bestimmt niemals langweilig mit uns!

Und aus diesem dann wieder guten Gefühl schaue ich auch wieder gern auf mich! Ich erkenne die Dinge, die ich vielleicht jetzt schon lassen darf, vielleicht auch besser erst gar nicht mehr anfange! Ich lerne zwischen meinen gebauten Luftschlössern und den Dingen, die ich noch tun möchte und auch erreichen kann, zu unterscheiden! Vor allem aber lerne ich, wieder gern auf mich zu schauen! Ich lerne neu zu schätzen, was ich bin und was ich kann! Wenn Gott selbst mich schon so liebt, wie ich gerade bin, warum sollte es mir dann nicht auch gelingen! Und wenn ich mich so auch wieder zu lieben lerne, auch wenn ich gerade vielleicht da hocke und mir diese Zeit, in der ich gerade meine Tage verbringen muss, ein wenig auf die Nerven geht – und damit manchmal leider auch ich mir selbst – dann lerne ich immer auch wieder neu, andere zu lieben. Denn manchen von Ihnen geht es gerade ja auch nicht besser! Und das ist etwas, was ich jedem Menschen wünsche. Nämlich zu erkennen, dass er wunderbar gemacht ist, mit allem, was er ist und kann, und auch mit allem, was er eben nicht ist und nicht zu können braucht! Und wenn wir es dann noch schaffen würden, das alles auch in unseren Mitmenschen zu erkennen, das wär’s doch!

Also, bleiben wir, wie wir eben sind, denn anders gibt es uns ja sowieso nicht!

Kommt gut durch den Tag, passt auf Euch auf und bleibt gesund! Gott segne Euch!

Rüdiger Dunkel, Pfr.


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Losung und Lehrtext für Freitag, 17. 04. 2020

Losung und Lehrtext für Freitag, 17. 4. 2020

 Ps 71,3

Sei mir ein starker Hort, dahin ich immer fliehen kann, der du zugesagt hast, mir zu helfen.

2. Timotheusbrief 4,18

Der Herr wird mich erlösen von allem Übel und mich retten in sein himmlisches Reich.

 

Wer ist schwach, wer ist stark?

Gestern ging ich spazieren. Einmal um den Block bei mir zu Hause. Und dann im Garten mit meinen geschlossenen Augen durch einen meiner Lieblingsplätze in der Nähe! Da sie wahrscheinlich niemals darauf kommen werden, wo er liegt, schreibe ich es Ihnen lieber gleich! Es ist das Gelände der kreuznacher diakonie! Meine erste Gemeinde als Pfarrer! Ich durfte dort als Pfarrer im Bereich für Menschen mit körperlichen Behinderungen arbeiten. Ich war dort an der Schule für Kinder mit ganz verschiedenen Arten von Behinderungen tätig. Dort gab es für mich auch meine erste Konfirmandengruppe. Die Kindergottesdienstgemeinde dort war eine ganz besondere, denn auch viele ältere Menschen mit Beeinträchtigungen kamen dorthin. Es war alles für mich neu und so unerwartet! Denn eigentlich kam ich „auf Befehl“ eines Altsuperintendenten dorthin! „Dunkel, wir brauchen Sie dort!“ Und so fing ich eben dort an! Und heute bin ich mir sicher, der liebe Gott wusste damals auch warum!

Ganz ehrlich hatte ich zu Beginn dort als junger Pfarrer, der ich ja auch einmal war, eher Angst vor den Begegnungen mit Menschen, die ich erst einmal so ganz anders erlebte. Wie kann ich reden? Was können wir gemeinsam machen? Werde ich verstanden? Meine Fragen damals waren ganz einfach, wohl auch verständlich! Und dann? Dann wurde ich beschenkt, jeden Tag mehr! Von Gott, besonders aber von Menschen, durch die mich Gott anschaute und die mir allesamt sagten: „Komm, trau dich! Lass uns leben, lass uns lieben!“

Vier Jahre durfte ich dort sein. Es waren die intensivsten meines Lebens. Mit so vielen wunderbaren Menschen, mit so vielen wunderbaren Erlebnissen. Ich durfte so vieles lernen! Wunderbar! Das alles ist nun 29 Jahre her! Aber wenn es mir danach ist, gehe ich heute noch gern durch’s Gelände!

Ich stehe dann vor dem Wohnheim für Seniorinnen und Senioren und erinnere mich an die Jahre, an denen ich fast täglich dort war, weil meine Mutter dort ihre letzten Jahre verbrachte. Ich stehe vor dem Hospiz, in dem ich nun schon einige Menschen begleiten durfte; in dem ich aber auch ein für mich ganz besonderes Konzert mit meinen Liedern geben durfte. Ich stehe vor der Schule und habe sie alle vor meinem Herzen! Meine ersten Konfi’s, manche gestützt stehend, die anderen in ihren Rollstühlen. Und ich stehe vor dem Mutterhaus der Diakonissen. Ein Stück weit gemeinsames Mitleben in einer geistlichen Gemeinschaft! Selbst mein Büro war in diesem Haus! Eine ganz besondere Atmosphäre!

Bis heute gibt es bei jedem Rundgang dort mindestens einmal diesen Moment, an dem ich vor Glück bis an den Himmel hüpfen könnte, wenn mich nicht meine zu vielen Kilos schon an dem Versuch hindern würden! „Hallo, Pfarrer Dunkel! Huhu!“ Noch heute begegne ich dort Menschen, die mich nicht vergessen haben; so wenig wie ich sie. Noch heute gibt es dort Menschen, die mich erkennen und sich freuen mich zu sehen! Diese Freude rührt mich jedes Mal neu und ist dann immer ganz meinerseits! Es braucht dann meist etwas Zeit für in kleines Gespräch über vergangene Zeiten! Aber die nehme ich mir gern. In diesen Momenten werde ich dann immer dankbar; ich werde demütig! Für alles, was ich dort leben und erleben durfte!

Gestern aber wurde ich traurig! Ja, ich musste sogar ein oder zwei Tränen fließen lassen. Denn als ich nach meiner Phantasiereise im Garten den Fernseher anmachte und auf eines der sogenannten dritten Programme – die Älteren der Leserinnen und Leser hier wissen bestimmt noch, was ich damit meine – schaltete, war da gerade wieder eine Reportage über die Coronazeit in Einrichtungen für ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen. Ich konnte das, wenn ich ehrlich bleibe, nur schwer ertragen. Warum? Weil ich mich auf einmal an Menschen erinnerte, die dort wohl gerade ähnlich, wie es gezeigt wurde, leben müssen. Und ich kenne sie! Auf ihren Zimmern sitzen sie, für manche auf Grund ihrer Lebensbefindlichkeit ganz unverständlich! Manche kamen zu Wort und es  war rührend!

Aber dann zeigte dieser Bericht auch die Menschen, die dort nun mitleben, weil sie dort arbeiten. Auch sie kamen zu Wort. Und ich hörte aus ihren Worten beides heraus, ihr Engagement und auch ihre Müdigkeit. Keine Angst! Ich fordere jetzt nicht dazu auf, für sie zu applaudieren. Das wollen die meisten von ihnen überhaupt nicht mehr! Nein, ich musste an etwas anderes denken. An einen Satz des Apostel Paulus. Er sagt an einer Stelle in seinem Brief an die Römer: „Wir müssen als die Starken die Schwäche derer tragen, die schwach sind, und dürfen nicht nur für uns selbst leben.“ (Römerbrief 15,1)

Paulus redet, wenn ich es richtig lese, alle in der Gemeinde in Rom an! Die Starken müssen Schwäche mittragen, sagt er. Wir dürfen nicht nur für uns selbst leben! An diesen Worten wird mir noch einmal neu bewusst, dass alle, die dort jetzt mitleben und arbeiten, es eigentlich ja stellvertretend für uns alle machen. Menschen, die besondere Aufmerksamkeit und Pflege brauchen, sie kommen aus unseren Gemeinden dort hin! Manche können nicht mehr in ihren eigenen Familien leben. Dafür gibt es oft ganz verschiedene Gründe. Aber wäre es nicht trotzdem wunderbar, wenn wir den Satz des Paulus für uns alle neu entdecken könnten. Wenn wir es neu entdecken könnten, das besonders bedürftiges Leben immer auch zu unserem eigenen Leben gehört und dass es in unsere eigenen Gemeinden gehört! Und dass alle Einrichtungen dieser Welt, deren Liebe altem oder behindertem Leben gilt, immer nur Stellvertreter für uns alle sind!

Es wird nicht möglich sein, diese vielen Menschen, die solche Einrichtungen brauchen, in die Mitte unserer Gemeinden zurückzuholen. Das weiß ich auch! Aber das entbindet mich, das entbindet uns nicht davon, die Frage zu beantworten, die der Apostel Paulus uns allen mit seinem Satz ans Herz legt. Mit wem teilst du deine Stärke? Welche Schwächen anderer trägst du mit? Wo lebst du nicht nur für dich selbst?

Und dazu braucht es jetzt keine großen Worte, keine großen Taten. Es braucht meine, es braucht deine Bereitschaft, das Leben als ein kostbares Geschenk zu sehen, das sich zu teilen lohnt! Es braucht den liebenden Blick in unser eigenes Umfeld, um dann auch zu sehen, dass jede und jeder von uns so vieles in sich trägt, was anderen zu einer guten Gabe Gottes werden kann. Wir alle können Schenkende und Beschenkte werden, denn vor Gott sind wir alle gleichermaßen stark und schwach!

Mir kommen dabei Menschen in mein Herz, an die ich gerade denken muss. Zum einen durfte ich im vergangenen Jahr ganz unverhofft einen spontan eingerichteten Konfirmandenunterricht an einer Förderschule für Kinder mit ganz verschiedenen Behinderungen halten. Ich lernte die jungen und so ganz verschiedenen Jugendlichen kennen, und es war eine Freude. Eine kleine Rückkehr in meine erste Arbeit! Wunderbar! Ich durfte die Familien kennenlernen, in denen „meine“ Konfi’s leben. Allesamt wunderbare Menschen, die ihren ganz persönlichen Gottesdienst Tag für Tag in der Familie leisten, meist ohne dass sie es ahnen! Da war so viel Lebensfreude! Da war so viel lebendige Hoffnung! Und dann feierten wir im vergangenen Jahr die Konfirmation als ein Fest des Lebens! Die Konfi’s und ihre Familien kamen aus vielen umliegenden Gemeinden zu uns. Denn wir wollten ihnen in unserer Kirche ein Fest bereiten, wollten mit ihnen das Leben mit Gott feiern! An diesem Tag wuchs die ganze Gemeinde über sich hinaus. Der Gospelchor gestaltete den Gottesdienst, es wurde geklatscht und getanzt! Gemeindeglieder brachten Kuchen um Kuchen, um alle Gäste zu bewirten. Die Konfi’s unserer eigenen Gemeinde bewirteten alle Gäste vor und im Gemeindehaus! Ich bin zutiefst überzeugt, der Apostel Paulus und der liebe Gott selbst konnten sich an diesem Tag ein gütiges und erfreutes Lächeln über dieses Fest des Lebens nicht verkneifen. Vieles geht! Wir können immer viel mehr als wir es ahnen! Davon bin ich zutiefst überzeugt. Wir können es dann, wenn niemand es allein tun muss!

Und da ist etwas anderes, an das ich denken muss. Seit einigen Jahren lebt ein Mensch mit Behinderung in meiner Familie. Dafür bin ich unendlich dankbar! Denn an ihm wird für mich ganz persönlich erlebbar, wie schnell die Rollen von Schenkendem und Beschenktem wechseln können. Sind wir zusammen, dann schaue ich immer danach, dass alles gut für ihn läuft. Und auch dabei bin ich nicht allein. Wir machen es zu zweit für ihn, der wunderbare Mensch an meiner Seite und ich.

Eines weiß ich heute. Ich werde niemals müde werden, ihn zu beobachten. Er kann das Wetter fühlen. Er steht in der Natur und predigt den Flüssen und den Bäumen. Manchmal müsste ich einfach nur mitschreiben und die Sonntagspredigt wäre fertig. So wunderbar kann er Gott und die Welt erklären, kann er von der Liebe Gottes erzählen. Ganz in sich versunken, aber klar und deutlich! Vor allem aber – und da ist er mir weit voraus – kann er mitfühlen. Ist jemand krank, so leidet er mit. Ist jemand fröhlich, teilt er mit ihm die Freude. Ist jemand einsam, dann kann er seine Arme weit öffnen und findet Worte, die trösten! Er hat so viele Fähigkeiten, so viele gute Gaben. All die könnte er in diesen Tagen nicht einsetzen, wenn er – wie viele andere auch, die genau diese Gaben auch haben –, jetzt in seinem Zimmer in der Wohngruppe bleiben müsste!

Ja, da sind Menschen – und auch das wurde mir gestern noch einmal ganz deutlich und dafür schäme ich mich nicht –, mit denen möchte ich im Moment wirklich nicht tauschen. Ich darf das an dieser Stelle bekennen, weil sie es von mir wissen. In vielen Gesprächen damals in der kreuznacher diakonie  ging es genau darüber! Ich habe das nie verschwiegen! Ich durfte es aussprechen, denn alles andere hätten sie mir sowieso nicht geglaubt! Aber ich darf an sie denken, ich darf ihnen danken für alles, was sie mir beigebracht haben und ich darf für sie beten! Und das tue ich!

Und ich tue es natürlich auch für sie alle!

Kommt gut durch den Tag, passt auf Euch auf und bleibt gesund! Gott segne Euch!

Rüdiger Dunkel, Pfr.


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Losung und Lehrtext für Donnerstag, 16. 04. 2020

Losung und Lehrtext für Donnerstag, 16. 4. 2020

 Jesaja 5,21

Weh denen, die weise sind in ihren eigenen Augen und halten sich selbst für klug!

2. Korintherbrief 2, 12

Wir haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, damit wir wissen, was uns von Gott geschenkt ist.

 

Ein wunderbares Gefühl!

Gestern habe ich neue Gartenstühle bekommen! Online-Handel, meine erste größere Bestellung. Ich rechnete mit allen Katastrophen, mach’ ich immer! Es kam aber keine, die Stühle kamen pünktlich und unversehrt! Ich packte sie aus, stellte sie um meinen Gartentisch. Und setzte mich! Auf meinen neuen Stuhl, welch ein Gefühl!

Und dann schaute ich auf den Tisch und die anderen Stühle drum herum! Und dann tat’s wieder weh! Oder vielmehr: ich erschrak! Alle leer! Wann werden sie hier wieder sitzen, beim abendlichen Grillen, bei den Geburtstagsfeiern oder einfach mal einfach so? Meine Familie! Und wie gern hätte ich mal wieder alle meine Freunde um mich! Wie schön, wenn sie jetzt alle hier sein könnten, dachte ich! Ich stand auf und ging kurz rein, um mir ein Feierabendbier zu holen.

In meinem Haus schaute ich mich um. Und dann war da auch der andere Gedanke: Wie gut, dass jetzt niemand hier ist! Ich sah plötzlich, worüber ich bisher einfach hinweggeguckt hatte. Vieles unaufgeräumt, auf Staubtuch und Putzwasser wartend. Ausdruck von Lethargie, Einsamkeit und Traurigkeit! Dagegen werde ich morgen sofort etwas tun! Das hab’ ich mir in die eigene Hand versprochen, so kann das nicht bleiben! Ich weiß gar nicht, ob ich der einzige bin, dem es gerade so geht! Ich möchte so vieles tun, aber ich bekomme die Kurve einfach nicht! Den eigenen Antrieb behalten, den eigenen inneren Schweinehund mal überwinden – wie leicht wird das immer noch von der mittlerweile realen Unwirklichkeit blockiert.

Aber genug gegrübelt, dachte ich mir gestern am Abend. Ein Bier aus dem Kühlschrank und wieder raus in den Garten! Da saß ich dann wieder. Und trank in Gedanken das Bier auf meine Freunde! Ein Gedanke war auf einmal da. Nein, kein Gedanke, sondern ein Aphorismus eines niederrheinischen Originals, das ich kannte und vor einigen Jahren auch am Niederrhein beerdigen durfte. Art van Rheyn, neben Hanns-Dieter Hüsch das zweite niederrheinische Original, Literat und Dichter, skurriler Typ, schrieb einmal in einer seiner vielen wunderbaren Sprüchesammlungen: „Ein Haus zu bauen ist leicht! Aber versuch’ es ’mal, mit Freunden voll zu machen!“

Ich schaute auf den Tisch und die Stühle und versuchte mir vorzustellen, wen ich als Freund daran setzen würde! Was ist überhaupt ein Freund? Darüber dachte ich nach! Und wer ist es für mich geworden? Wie viele könnten Sie jetzt nennen? Und ich meine nicht, die vielen Bekannten, die man hat, Menschen mit denen man auch gern zusammen ist. Nein, ich meine diejenigen, die Sie um zwei Uhr nachts anrufen könnten, um ihnen zu sagen: „Du, ich brauche dich! Komm bitte!“ Und kurz darauf wären sie da! Ich meine diejenigen, die nicht gleich wegrennen, wenn es einmal schlecht geht, sondern bleiben, trösten, aushalten, Gott und seine Nähe ganz unaufdringlich spürbar werden lassen. Durch einfache Gesten, durch wenige Worte und durch offene Arme. Ich glaube, da bleiben dann gar nicht so viele. Jedenfalls nicht bei mir! Dachte ich! Wen hätte ich gestern gern an meinen Gartentisch gesetzt, um gemeinsam in den Himmel zu schauen? Wie wunderbar! Da waren ja doch einige.

Mein Doppelpartner in meiner Tischtennismannschaft! Nach 26 Jahren Pause spielen wir wieder gemeinsam. Er ist älter als ich und von Krankheit gezeichnet. Aber damals wie heute bewundere ich seine Freundlichkeit, seinen Ehrgeiz, einfach seinen Sportsgeist. Ein wirkliches Vorbild und ein richtig guter Freund!

Ich denke an ein altes Ehepaar. Sie laden mich oft zum gemeinsamen Essen ein. Sie kocht, und es schmeckt wie bei meiner Mutter. Und mit ihm rede ich wie mit meinem Vater! Die beiden sind mir zu einem kleinen Stückchen Heimat geworden. Und da ist die gleiche Freude, wenn sie mich sehen – und ich sie – wie sie bei meinen Eltern war und ist. Wir verbrachten alle zusammen sogar einmal vor vielen Jahren einen geradezu legendären Abend zusammen. Aber über den decke ich jetzt geflissentlich das Mäntelchen des Schweigens! Ist besser so!

Da war ein wunderbarer Mensch, der alte Bäcker unseres Ortes! Der, der so sehr an der Krankheit seiner Frau und ihrem späteren Tod litt und der jetzt wieder mit ihr zusammen vereint ist. Wie weh es tut mir heute und wohl in Zukunft, wenn ich an ihn denke, weil ich ihn einfach vermisse! Unsere gemeinsamen Stunden, Herzensgeschenke! Für ihn und für mich! Ich habe ihm Lieder gesungen und ihm ein Kapitel in meinem Buch gewidmet. Für mich ein Weg, einen Menschen für mich selbst unvergesslich zu machen!

Da sind zwei Menschen in dem Ort „meiner“ Kirchengemeinde, die müssten auch an meinen Tisch. Wie oft haben sie mir helfen können, einfach weil sie da waren. Sie tun einfach gut!

Dann könnte ich meine ganze Schulklasse vom Theodor-Heuss-Jungengymnasium in meiner Heimatstadt  an meinen Tisch setzen, egal wen! Verschworene Gemeinschaft, neun Jahre gemeinsam auf dem Gymnasium, seitdem Freunde bis heute – seit nunmehr ingesamt 53 Jahren! Bei meinem letzten runden Geburtstag vor zwei Jahren waren sie alle da, zwei Tage lang! Und wir waren alle wieder jung – wieder die alten Geschichten, wieder vertrautes Gewitzel! Herrlich!

Und einer fehlt noch an meinem Tisch! Einer darf nicht fehlen! Mein bester Freund! Seit fast 62 Jahren! Es ist mein Vater! Mitte achtzig und stark in seinen Möglichkeiten eingeschränkt! Aber nichts und niemand könnte ihn aufhalten, sofort zu kommen, wenn es nötig wäre. Und das ist keine Einbahnstraße! Ich würde es ebenso anders herum machen!

Mit all diesen Gedanken saß ich gestern am Abend in meinem Garten. Und irgendwie waren sie plötzlich alle da! Es tat so gut! Es ist ein wunderbares Gefühl, Freunde zu haben! Und mir fiel auf, was sie alle – so unterschiedlich sie auch sind – gemeinsam haben. Es ist ihre Verlässlichkeit! Es ist ihre Treue! Es ist ihre Herzlichkeit, in guten wie in schwierigen Zeiten! Das alles ist so kostbar! Auch die Bibel redet davon, wenn sie uns im Buch der Sprüche daran erinnert: Die Herzlichkeit eines Freundes erfreut mehr als duftendes Holz!“(Sprüche 27,9)

Ja, stimmt! Holz rieche ich schon gerne! Im Wald, oder auch frisch geschlagen! Aber es gibt eben auch Menschen, Freunde, die kann ich noch mehr und viel lieber richtig gut riechen!

Wen setzen Sie heute ’mal – zumindest gedanklich und herzlich –  an Ihren Garten- oder Wohnzimmertisch? Welche Freunde begleiten Sie, auch wenn Sie jetzt vielleicht nicht da sein können? Grüßen Sie sie herzlich!

Kommt gut durch den Tag, passt auf Euch auf und bleibt gesund! Gott segne Euch!

Rüdiger Dunkel, Pfr.


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Losung und Lehrtext für Mittwoch, 15. 04. 2020

Losung und Lehrtext für Mittwoch, 15. 4. 2020

5. Mose 2,7

Der HERR, dein Gott, ist bei dir gewesen. An nichts hast du Mangel gehabt.

2. Korintherbrief 6,4.10

„Paulus schreibt: In allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Bedrängnissen, in Nöten, in Ängsten; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben.“

 

Was hilft? Was trägt?

Ach Paulus! Ich könnte gerade meinen, ihr hättet bei euch damals auch gerade unter dem Coronavirus gelitten! Oder anders herum! Ich könnte gerade meinen, du ziehst mit einem Plakat und einem Lautsprecher durch unsere Straßen, damit wir lesen und hören können, was du auf ein Plakat geschrieben vor dir herträgst und uns zurufst: „In allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Bedrängnissen, in Nöten, in Ängsten; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben.“ Es wär’ vielleicht gar nicht so schlecht, wenn du es tätest!

Du erinnerst uns damit nämlich daran, geduldig zu bleiben, obwohl Ungeduld in uns zu wachsen beginnt! Du schaust auf unsere Bedrängnisse, Nöte und Ängste und weißt wohl, wie das alles an uns zu zehren beginnt! Du schreibst sogar davon, dass wir jetzt vieles wohl nicht machen können, was wir jetzt gern täten; aber auch davon, dass es immer noch etwas gibt, was wir mit anderen teilen können. Ein gutes Wort! Ein paar Gedanken! Zeit am Telefon! Und die ganz Mutigen unter uns würden vielleicht sogar Hefe, Mehl und Toilettenpapier teilen! Kleiner Scherz, aber der musste gerade ’mal sein!

Wir sind die, so schreibst du es, die nichts haben und doch alles haben! Stimmt, manche von uns hocken da und verlieren gerade viel von dem, was sie sicher glaubten! Und ich denke dabei sowohl an die Angst um den Arbeitsplatz oder das mühsam Ersparte, das nun als Reserve dienen muss und so ganz anders verplant war. Ich denke aber auch an das, was wir selbst bei uns für so sicher glaubten. Da halten die einen ihre Gesundheit für sicher, weil sie ja so viel Sport treiben! Da vertrauen andere auf ihr gesundes Selbstbewusstsein, das sie bisher noch aus jeder unangenehmen Lage herausgeführt hat! Und einige hielten bisher sogar ihren eigenen Glauben für unerschütterlich! Und gemeinsam merken wir alle gerade, wie sehr wir mehr und mehr an unsere eigenen Reserven gehen müssen. Die Gespräche, die ich meist am Telefon in diesen Tagen führe, werden ernsthafter. Offene Fragen lösen mehr und mehr die Witzeleien ab. Wie lange noch? Wenn jetzt alles gelockert wird, was dann? Hab’ ich dann umsonst die ganze Zeit zu Hause gesessen? Werde ich meine Kinder und Enkel jemals wieder ohne Angst umarmen können? Ich bemerke in diesen Gesprächen, die auch für mich selbst so oft ein kleines Trostpflästerchen sind – obwohl sie genau anders herum gedacht waren –, dann oft zweierlei. Und beides tut uns, finde ich, allen gut.

Zum einen haben wir wieder begonnen, darüber nachzudenken, was uns wirklich fehlt oder was im Leben wirklich wichtig ist. Waren es in den ersten Tagen unserer „Hauszeit“ oft noch die großen Pläne und Wünsche darüber, was wir dann alles wieder machen, wenn wir wieder alles können, merke ich, wie sehr sensibel Menschen gerade auch wieder dafür sind, was eben wirklich im eigenen Leben zählt. Es ist die Nähe zu anderen, die wir lieben! Es sind die Gesten der Zärtlichkeit, die uns manchmal jetzt fehlen. „Einfach mal wieder die ganze Familie um mich haben, dann sind wir vier Generationen!“ das war der Wunsch eines alten über 90jährigen Menschen am Telefon. Einfach wieder an die Einsamkeit die drei Buchstaben „G e m“ wieder vorne dran hängen, damit wir wieder die Gemeinsamkeit leben können. Ja, die Wünsche, die ich höre haben wieder mit dem Nächsten, haben wieder mit dem Menschen, haben mit dir und mir zu tun. Werden wir uns das bewusst bewahren und neu leben können? Ich bete dafür!

Und da ist noch das andere. Ich höre, wie Menschen wieder danach fragen, was ihnen durch diese schwere Zeit hilft. Menschen fragen danach, was sie selbst trägt. Oft höre ich in diesen Tagen geradezu Glaubensbekenntnisse am Telefon. Und ich bin dann zutiefst gerührt und unendlich dankbar, wie viel ich von meist alten Menschen lernen darf! Ich höre geradezu, wie der liebe Gott durch einen anderen zu mir spricht! Und ich wünsche Ihnen auch, dass sie solche Gespräche führen und hören, wie gut Ihnen ein anderer Mensch tun kann; oder sie ihm! Auch so – und natürlich auf viele andere Arten – erweisen wir uns nämlich als das, wovon Paulus ganz am Anfang spricht, als Dienerinnen und Diener Gottes! Wir alle können gerade viel mehr tun als nichts! Davon bin ich zutiefst überzeugt!

Schön finde ich es auch, wenn ich höre, dass es fast in jedem Leben Momente der Erinnerung gibt, die dazu helfen können, wieder neue Kraft, neuen Mut zu schöpfen. Und da bin ich dann auch selbst ganz bei mir. Das kenne ich auch!

Gestern am Geburtstag meiner jüngsten Tochter, den ich nicht mit ihr zusammen feiern konnte, lief vor meinem inneren Auge ein ganzer Film ab. Mit geschlossenen Augen ging ich mit ihr noch einmal ganz verschiedene Wege unseres gemeinsamen Lebens nach. Und es machte mich nicht traurig, sondern Schritt für Schritt fröhlicher! Bis ich sie in ihrer Wohnung in der großen Domstadt am Rhein sicher mit ihrem Lebenspartner bei einer virtuellen Geburtstagsparty über den Computer mit all ihren Freundinnen und Freunden geborgen wusste! Wunderbar!

Gestern habe ich dann auch meinen Aufenthalt in Taizé im Mai endgültig abgesagt. In diesem Moment gestern starb die Hoffnung wirklich zuletzt! Ich hätte heulen können! Aber dann erinnerte ich mich an eine wunderbare Woche – und davon gab es viele, gerade auch in den letzten Jahren –, die ich dort einmal mit meinem Vater und meinem Sohn verbringen durfte, unsere erste und einzige „Dreigenerationentaizéwoche“! Es kamen noch so viele Erinnerungen dazu, die meine ganze Dankbarkeit wieder neu aufleben ließen für all das Wunderbare, das mir dieser Ort mit den vielen lieben Menschen, die ich dorthin mitnehme oder auf die ich dort treffe, schon seit 1969 schenkt! Meine geistliche Heimat! „Taizé, du kleiner Frühling!“ wie Papst Johannes Paul II. es einmal sagte. Und all die gestrigen Erinnerungen wandelten meine Trauer in Vorfreude. Taizé, wir sehen uns wieder! Und dann bete und atme ich ganz neu in dir! Ich freu’ mich drauf!

Und ein letztes trägt mich durch diese Zeit. Es ist die Erinnerung an das Sterben meiner Mutter! Auch wenn es jetzt vielleicht ein wenig düster klingt! Ist es aber nicht! Ich durfte fünf Tage ihre Hand halten, bis wir uns dann loslassen mussten. Oder besser: endlich durften! Je länger es dauerte, um so liebevoller hielt Gott uns beide im Arm. Sowohl meine Mutter – ich bin ganz sicher –  und auch ich durften genau das spüren. Gott geht alle Wege mit! Er tut es im Leben! Er tut es im Sterben! Gott ist da! Welche Momenten welche Erinnerungen Ihres Lebens helfen Ihnen nun durch diese Zeit, tragen und ermutigen Sie? Da gibt es bestimmt einige!

Mir hilft in diesen Tagen die eigene Erfahrung, die ich bei der Begleitung meiner sterbenden Mutter machen durfte, wenn ich jetzt immer wieder einen Satz höre und lese, der in den Nachrichten und in der Presse so ähnlich klingt: „Gestern nur 224 Tote! Es geht zurück – ein Zeichen der Entspannung!“

Ich werde niemals einen solchen Satz als eine gute Nachricht annehmen. Niemals! Guter Gott, bewahre mich davor! Denn hinter jedem einzelnen in der genannten Zahl steckt ein anderer Mensch, eine andere Familie, die nun irgendwo sitzen und trauern! Die meisten konnten noch nicht einmal bei ihrer Beerdigung dabei sein! Und jedem einzelnen Menschen – allen Verstorbenen, allen Trauernden – und natürlich auch uns allen wünsche ich deshalb diese Erfahrung: Gott ist da! Er trägt! Er heilt! Er liebt! Gott ist immer da! Vertraut!

Kommt gut durch den Tag, passt auf Euch auf und bleibt gesund! Gott segne Euch!

Rüdiger Dunkel, Pfr.


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Losung und Lehrtext für Dienstag, 14. 04. 2020

Losung und Lehrtext für Dienstag, 14. 4. 2020

 Jesaja 51,5

Meine Gerechtigkeit ist nahe, mein Heil tritt hervor, und meine Arme werden die Völker richten.

  1. Petrusbrief 1,3

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.

 

Heute küsse ich vielleicht den Bildschirm!

Heute ist wieder so ein Tag! Heute tut es einfach nur weh! Meine jüngste Tochter hat Geburtstag! Verbringt diesen Tag bei sich in einer großen rheinischen Domstadt! Und ich kann sie nicht in den Arm nehmen, kann sie nicht sehen! Höchstens durch das Internet am Bildschirm. Aber das kann eine Umarmung nicht ersetzen! Das kann die Nähe nicht ersetzen, die ein Mensch an solch einem Tag – und an jedem anderen natürlich auch – verdient! Und vielleicht ist es einigen von Ihnen ja in diesen letzten Wochen und Tagen auch so ergangen. Sie konnten zum Geburtstag, zu den Festtagen nicht bei denen sein, denen Ihre Liebe gilt. Oder anders herum! Sie hatten ja vielleicht selbst Ihren Geburtstag, einen Hochzeitstag, ein Familienjubiläum und konnten diejenigen auch nicht um sie haben, die sie lieben und von denen Sie geliebt werden!

Heute spüre ich am eigenen Leib, im eigenen Herzen, wie weh so etwas tut! Und für einen kleinen Moment habe ich die Augen geschlossen und geträumt, sie wären alle noch hier, kämen wieder die Treppe runtergerannt, hätte ihre Spaghetti zum Mittagessen eingefordert! Wir hätten am Tisch gesessen, sie hätten von der Schule erzählt! Ist aber alles so nicht mehr! Schon lange nicht mehr!

Sie sind längst erwachsen und in ihren Berufen, leben ihr ganz anderes und eigenes Leben. In unserem Haus haben sie alle noch ihr Zimmer. Manche Ecken sehen heute noch so aus, als kämen sie gleich wieder! Warum schaffe ich es eigentlich nicht umzuräumen, wegzuräumen? Keine Ahnung! Nein stimmt nicht, natürlich habe ich eine Ahnung, aber die behalte ich an dieser Stelle einfach einmal für mich! Aber auch hierbei bin ich ja nicht der einzige, der das kennt!

Erinnern sich einige, die es jetzt hier lesen, eigentlich noch daran, wie es bei ihnen selbst war, als die Kinder auszogen? Dieser Moment, in dem die Tür ins Schloss fiel und da plötzlich der Gedanke war: „So, jetzt sind sie weg!“ Ich habe diese Zeit in sehr tiefer Erinnerung. An anderer Stelle habe ich einmal darüber geschrieben und darüber mein Herz geöffnet! Ich weiß noch gut, wie ich mich in diesen Momenten damals  gefragt habe, ob ich Ihnen allen mitgeben konnte, was sie für ihren eigenen Weg brauchen. Sind sie stark genug für ihr eigenes Leben? Habe ich genug geliebt? Werden Sie es auch allein schaffen? Es tat mit immer unendlich leid, als sie so nach und nach das Zuhause verließen. Aber ganz ehrlich, ein bisschen stolz auf sie war ich auch immer! Denn sie hatten alle ihren Plan! Und ich weiß heute aus Gesprächen mit Familien und durch die Begleitung einiger Familien, dass das nicht immer so ist und für manche Menschen auch ein harter Schnitt sein kann!

Heute an diesem Tag spüre ich, wie mich das sogar selbst trösten kann, was ich vielen Eltern bei der Taufe ihrer Kinder ins Herz sprechen möchte. Ein Beter im 127. Psalm spricht es in einem ganz einfachen Satz aus, wenn er sagt: „Kinder sind eine Gabe des Herrn, ein Geschenk!“ (Psalm 127,3) In all meine Sorge um meine Kinder, in all meiner Traurigkeit darüber, dass ich meine Geburtstagstochter heute nicht umarmen kann, möchte mich der Beter im Psalm aber auch erinnern. Er erinnert mich daran, dass ich beschenkt bin! Und dass ich dieses Geschenk schon so lange genießen darf! Lange Zeit ganz aus der Nähe! Und nun eben aus der Ferne! Und wenn wir unsere Kinder so als Gabe Gottes verstehen, respektieren und sie auch so begleiten, dann dürfen wir gewiss sein, dass sie eben niemals allein sind! Egal wo!  Der, der sie uns schenkte, geht auch dort mit, wo wir nicht mitgehen können. Dort, wo wir heute vielleicht gerade nicht sein können, obwohl wir es gern wären! Gott ist immer da! Auch bei unseren Kindern!

Während ich dieses alles hier niederschreibe, merke ich, wie sehr sich jetzt auch alles schon gedreht hat und immer noch dreht! Meine erste Sorge galt immer meinen Kindern! Darin unterscheide ich mich wieder nicht viel von einigen, die jetzt hier mitlesen! Aber nicht erst seit diesen Tagen, in denen ich hier daheim sitze – weil ich mittlerweile auch durch Vorerkrankungen und Lebensalter auf einmal zu einer Risikogruppe gehöre –  nein, schon seit einiger Zeit spüre ich es anders herum. Sie sorgen sich um mich! Sie fragen nach, wie es mir geht. Sie fragen, ob etwas fehlt. Ihre Besuche erlebe ich als kostbare Geschenke, auf die ich aus Liebe in dieser Zeit einfach einmal verzichte. Und es ist nicht einfach zuzugeben! Durch ihr Fachwissen, das sie sich auf ihren Arbeitsgebieten mittlerweile angeeignet haben, kennen sie sich in vielen Dingen einfach besser aus. Und natürlich nehme ich ihren Rat gerne an. Auch wenn ich mir das manchmal wohl nicht anmerken lasse!

Aber ich weiß, so wie ich an sie, so denken sie auch an mich! Und ich wünsche allen Menschen, dass es ihnen auch so geht! Und diejenigen, von denen ich weiß, dass es leider nicht so ist, die schließe ich in mein Gebet mit ein und vertraue sie Gott an! Denn er kann viel besser, vor allem unverbrüchlicher lieben als ich!

So, dann werde ich es heute eben anders machen müssen! Mein Geburtstagslied über den Bildschirm zu meiner Jüngsten in ihre Wohnung in der großen Stadt am Rhein singen und dann eben einen Kuss auf die Kamera des Bildschirms drücken! Nur umarmen – umarmen werde ich den Bildschirm nicht. Das spare ich mir auf! Natürlich auch den Kuss! Bis zu dem Tag, an dem wir uns wiedersehen! Aber dann!

Übrigens: Sollten Sie in diesen Tagen Geburtstag gehabt haben, herzlichen Glückwunsch nachträglich! Sollte er noch kommen und wir alle noch unter diesen Bedingungen leben, dann denken Sie bitte jetzt schon dran. Niemand von uns ist allein, niemand! Gott ist immer da! Und feiert mit!

So, Töchterchen, herzlichen Glückwunsch! Papa denkt an dich!

Kommt gut durch den Tag, passt auf Euch auf und bleibt gesund! Gott segne Euch!

Rüdiger Dunkel, Pfr.


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