(Stand 25. 4. 2020)

Geistlicher Impuls für den Tag

 

Losung und Lehrtext für Samstag, 25. 4. 2020

5. Mose 30,9

Der HERR wird sich wieder über dich freuen, dir zugut, wie er sich über deine Väter gefreut hat.

Johannesevangelium 15, 10.11

Jesus spricht: Wenn ihr meine Gebote haltet, bleibt ihr in meiner Liebe, so wie ich meines Vaters Gebote gehalten habe und bleibe in seiner Liebe. Das habe ich euch gesagt, auf dass meine Freude in euch sei und eure Freude vollkommen werde.

 

Heute um 15 Uhr werde ich heulen!

Heute brummt es wieder bei uns in Winzenheim. Aus ganz Deutschland kommen sie angeknattert auf ihren Harley’s, BMW’s, auf Yamaha, Triumph, Suzuki, Honda, Enfield, Norton und was es alles sonst noch gibt! Wilde Gesellinnen und Gesellen in ihren Lederklamotten, Sportfahrer in ihren Outfits. Rocker aus verschiedenen Clubs und Chartern friedlich vereint mit Oldtimern und Youngtimern, für die ein Motorrad ein Sportgerät, ein Verkehrsmittel ist und keine Lebensphilosophie. Zu Hunderten werden sie kommen, es wird brummen es wird knattern. Dicht gedrängt werden sie auf unserem Dorfplatz in der Mitte unseres Ortes parken und sitzen. Herzliche Umarmungen, weil man sich vielleicht ein ganzes Jahr nicht gesehen hat! Der Grill ist an, das Bier ist kalt. Da ist ein Geschnatter an Stimmen, da ist herzliches Lachen. 

Und dazwischen viele, viele Winzenheimerinnen und Winzenheimer. Besonders die Seniorinnen und Senioren lieben dieses Fest! Viele von ihnen begannen vor vielen Jahrzehnten auch mit einem Motorrad bevor das erste Auto kam. Wehmütige Erinnerungen an die alten Maschinen mit ihren 23 PS. Und manchmal ungläubiges Staunen über die heutigen Geschosse. 200 PS und mehr! Da werden Dutzende von Kuchen von ihnen mitgebracht und angeboten. Frauen aus der Gemeinde helfen. Ein ungemein rühriger Motorradclub mit etwa 25 Mitgliedern stemmt dieses Fest! Ich gehörte, solange ich noch Motorrad fuhr, auch dazu. 

Ich werde also um 15 Uhr im Talar mit katholischen und evangelischen Kollegen auf der Rolle stehen. So nennt man bei uns einen Anhänger für Traktoren. Und dann werde ich meine Gitarre nehmen und zu spielen beginnen. Es wird ruhiger und ruhiger werden. Sie kommen alle näher heran. Mehr als tausend sind es in diesem Moment! Einige, die das jetzt hier lesen, sehe ich dort unten auch sitzen! Die Kinder verteilen die Liedblätter. Und dann singen sie. Es ist die unglaublichste Gemeinde, die ich kenne! Rocker neben Rentnern! Einheimische und Fremde! Bikerinnen und Biker zwischen Nichtbikerinnen und Nichtbikern! Sie hören zu, wir denken an die Opfer der vergangenen Saison und werden still. Wir denken über die neue Motorradsaison nach und über die Gefahren, die an jeder Kreuzung lauern. Dann werden wir beten und singen. „Oh Lord, hear my pray’r!“ 

Zum Schluss segne ich sie. Ich segne niemals die Maschinen, das sollen andere machen, wenn sie es möchten. Ich segne die Menschen, die darauf fahren, die Väter und Mütter, die von ihren Kindern zu Hause erwartet werden; die Männer und Frauen unter den Helmen, die geliebt werden und die oft auch sorgenvoll zurückerwartet werden. Jede einzelne und jeder einzelne von ihnen ist mir unendlich mehr wert als irgendeine Maschine, auch wenn sie noch so chromblitzend daher kommt. Ich weiß nämlich, wie es ist, wenn jemand nicht mehr nach Hause kommt. Ich musste einen Freund aus unserem Club beerdigen. Diese Wunde heilt bei mir nicht, sie heilt bis heute bei der Familie nicht und auch nicht bei den anderen Clubmitgliedern. Und wenn ich auf dem Friedhof bin, um ein wenig mit meiner Mutter zu reden, dann gehe ich auch immer zu ihm! Ich werde es auch weiter tun! 

Ich segne lieber die Menschen auf den Maschinen. Worte werden ihnen zugesprochen, die Kollegen tun es. Ich selbst segne sie singend. „Seid behütet auf euren Wegen!“ Ich habe dazu extra Bikerstrophen geschrieben! Dann kommt unser Schlusslied. Wen wundert’s: „Möge die Straße uns zusammenführen!“ Nach nun 26 Jahren „Ökumenischer Gottesdienst für Bikerinnen und Biker“ bei uns in Winzenheim können doch tatsächlich einige dieser wunderbaren Menschen, von denen viele sofort zugeben würden, eine Kirche höchst selten von innen zu sehen, manche Lieder auswendig singen. Ach ja, ich werde da auf dem Dorfplatz wohl auch wieder ein Kind taufen. Eine Hochzeit haben wir in diesem Jahr nicht, hatten wir aber auch schon! 

Und dann werden sie, wenn das letzte Lied verklungen ist, alle auf ihre „Böcke“ springen und sie gemeinsam anlassen! Ein unglaublicher Moment! 

Ich nehme in diesem Moment alle ökologischen Beschwerden entgegen, weil sie berechtigt sind, keine Frage! Aber als ehemaliger Biker nehme ich sie entgegen und dann genieße ich trotzdem diesen Augenblick, wenn es unglaublich brummen wird, wenn sie sich alle auf der Straße aufstellen, um dann die gemeinsame Rundfahrt zu starten, bei der ich selbst so oft und gern dabei war. Manchmal sogar mit den katholischen Kollegen auf dem Sozius hinten! Wenn die beiden Ihnen übrigens einmal etwas vom Vertrauen erzählen, glauben sie Ihnen nur bedingt. Denn hinten auf einem Motorrad, das ein evangelischer Kollege steuert, scheint Vertrauen nicht ihre Stärke zu sein! Ich hab’s erlebt!

Nach einer Dreiviertelstunde werden sie dann alle wieder auf dem Platz eintreffen. Und es beginnt das gemütlichste und größte eintägige Fest im Jahreskalender unseres Ortes! Abends gibt es dann die große Bikerparty in der Dorfscheune. Eine Band namens „Faltenrock“ wird einheizen. Sie war schon beim ersten Gottesdienst vor 26 Jahren dabei, sie ist es noch immer! Die Falten sind aber nicht auf irgendwelchen Röcken, sondern längst in den Gesichtern der Bandmitglieder angekommen! Es wird lange gehen! Es wird getanzt! Es wird gefeiert! Hunderte dichtgedrängt in unserer historischen Scheune! Und es wird natürlich darauf geachtet, dass dann niemand mehr fährt! Einige haben längst als Freunde Quartier in Familien des Ortes gefunden. All das startet immer am letzten Samstag im April. Also heute! Um 15 Uhr!

Liebe Leserinnen und Leser! 

Heute um 15 Uhr werde ich heulen! Und ich werde mich dafür nicht schämen! Ich werde heulen, weil heute wieder so ein Tag ist, an dem ich die ganze Grausamkeit dieser Zeit in mir selbst erlebe! Natürlich finden der Gottesdienst, Rundfahrt und Party  nicht statt! Kein Singen, kein Beten! Keine Gebrumme! Keine Bikerparty! Nichts! Nada! Niente! Es ist zum Heulen! 

Und wie viele Vereine und Veranstaltungen haben diesen Moment noch vor sich! Diesen Moment, in dem man da steht und denkt: „Jetzt! Jetzt wäre es losgegangen!“ Gemeindefeste! Jahrmärkte! Kirmesveranstaltungen! Die Vereinsfeste der vielen Vereine, die an solchen Tagen oft das einnehmen, um eine ganze Saison bestreiten zu können! Auch der Motorradclub in Winzenheim wird dieses Jahr seinen Reinerlös nicht für eine gute Sache spenden können. Weit über 40.000 Euro haben die Mitglieder bei diesen Gottesdiensten schon gesammelt für ganz verschiedene Aktionen. Dieses Jahr eben nicht! Wie so viele andere Clubs und Vereine auch nicht! Ja, ich könnte heulen! Und ich werde es auch tun!

Und dann – dann wische ich mir die Tränen ab und werde denken: Richtig so! Hunderte Tote immer noch jeden Tag! Kein Impfstoff in der Nähe in Sicht! Das Virus ist immer noch mitten unter uns. Bei tausend Menschen auf dem Platz hätte es so richtig loslegen und sich satt fressen können! Und wenn ich sonst immer da auf der Rolle stehe und auf diese so wunderbar verschiedene Gemeinde schaue und jede und jeden segne, damit alle gut durch die Saison kommen, um wie vieles mehr ist es mir dann wert, dass sich niemand auf diesem Fest der Herzlichkeit ansteckt und dass alle einfach ihr Leben behalten. Denn jedes Leben ist so unendlich wertvoll in Gottes Augen. 

„So werde mein Leben wert geachtet in den Augen des Herrn, und er errettet mich aus aller Not!“ (1. Samuel 26,24) So heißt es im Buch Samuel im Alten Testament und genau so ist es! Und deshalb ist es gut, dass diese Großveranstaltung eben heute nicht stattfindet! Jedes Leben ist wertvoll, nicht nur in Gottes Augen, auch in unseren! Weil wir uns so als Gemeinde Gottes anschauen, weil wir als Geschwister vor Gott gegenseitig Verantwortung für uns tragen, sollten wir alles tun, um andere nicht anzustecken und um selbst nicht angesteckt zu werden. Und deshalb kann eben diese wunderbare Veranstaltung heute nicht stattfinden! Der Verstand sagt: „Richtig so!“ Das Herz schweigt und blutet! 

Meine Erfahrung von heute werden einige andere auch noch machen, die sich in so vielen Vereinen engagieren. Und all denen wünsche ich jetzt schon, dass der Verstand ihnen dann auch sagt: „Jedes Leben ist zu wertvoll, um es zu gefährden! Richtig so!“ Und auch ihr Herz wird wohl bluten! Aber spätestens dann hören wir die Worte aus dem Buch Samuel eben auch für uns! „Und er errettet mich aus aller Not!“ Das wünsche ich allen! Darauf unser Vertrauen!

Ach übrigens: Bei aller Maskenpflicht – es gibt zumindest für Motorradfahrerinnen und Motorradfahrer eine Alternative! Einfach den Helm auflassen und das Visier schließen! Kleiner Scherz!

Kommt gut durch den Tag, passt auf euch auf und bleibt gesund! Wir sehen uns wieder! Gott segne euch!

Rüdiger Dunkel 

 

(Stand 24. 4. 2020)

 

Geistlicher Impuls für den Tag

 

Losung und Lehrtext für Freitag, 24. 4. 2020

 Jeremia 14,21

HERR, gedenke doch an deinen Bund mit uns und lass ihn nicht aufhören!

1. Korintherbrief 1,9

Gott ist treu, durch den ihr berufen seid zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn.

 

Ich will mich nicht verändern!

Ich hab’s wieder getan! Gestern! Ich tue es jeden Tag! Ich stelle mich vor den Spiegel und schaue hinein! Mehrere Minuten – jeden Tag! Die mich kennen, wissen das. Manchmal gefällt mir das, was ich sehe! Ganz ehrlich – und das kennen doch einige männliche Leser doch auch – Eitelkeit ist ja kein Fremdwort! Art van Rheyn, dieser niederrheinische Dichter und Schreiberling, hat einmal in einem seiner Aphorismensammlungen geschrieben: „Ich kenne Männer, die nehmen jeden Tag vor dem Spiegel Siegerehrungen vor!“ Ja, solche Tage – wenn ich ehrlich bleibe –  kenne ich. Und ich bin nicht der einzige!

Aber solch ein Tag war gestern nicht! Die Haare sind jetzt doch merklich gewachsen! Ich sah in den Spiegel und sah zwei ganz müde Augen, obwohl es noch morgens war. Es waren Augen, die den gestrigen Tag aber wohl schon voraussehend anschauten. Er sollte wohl wie die anderen davor werden! Ich sah die Ringe unter den Augen. Sie strengten sich an, die Fröhlichkeit, die sonst so oft aus diesen Augen scheint, zu unterdrücken!

Haben Ihr eigentlich auch das Gefühl, dass Ihr Euch verändert? Ich bin auf jeden Fall stiller geworden. Ich bin nachdenklicher geworden. Ja, Angst und Sorge schleichen sich so manches Mal in meine Gedanken! Aber das wisst Ihr ja schon aus vorigen Impulsen. Und Ihr kennt es wahrscheinlich auch von Euch selbst!

Wie gut tat da gestern ein Anruf bei einem 11jährigen Geburtstagskind in „meiner“ Gemeinde. Meist sind es ältere Menschen, mit denen ich am Telefon verbunden bin. Es sind dann eher ernstere Gespräche. Gestern hatte ich ein so ganz erfrischend anderes Gespräch! Wunderbar wie Gott mir durch einen anderen Menschen meine Fröhlichkeit zumindest kurz zurückgeben konnte. Mit einer derartigen Lebenslust und fröhlichen Stimme erzählte mir diese junge 11jährige Dame am anderen Ende, wie sie ihren gestrigen Geburtstag verbringen wollte. Mit zwei Freundinnen auf Abstand und mit Maske spazieren gehen und die neue Kamera ausprobieren. Die Schule wird zwar vermisst, aber eher das unbekümmerte Zusammensein mit den anderen dort als der Unterricht. Unterricht macht man ja jetzt zu Hause. Alles nicht so schlimm! Das geht schon!

Diese fröhliche Kinderstimme, herrlich! „Du willst bestimmt auch den Papa sprechen, ich ruf’ ihn!“ Und weg war sie! Klar habe ich mit dem Vater gesprochen. Wir sind seit nun fast 30 Jahren befreundet! Seine Mutter, eine wunderbare Frau, war die Ersatzoma für meine Kinder, weil die eigenen Großmütter zu ihren Lebzeiten so weit weg wohnten! Sie ist unvergessen, war Küsterin und pfälzische Landfrau im allerbesten Sinne! Das Gespräch mit dem Vater war dann wieder ernster! Beide sind wir gleichermaßen vorerkrankt und deshalb auch jetzt gleichermaßen vorsichtig!

Nach dem Gespräch war aber alles wieder da – die Stille im Haus, die Gedanken, die jeden Tag kreisen, weil sie noch keinen Ausweg in die Zukunft finden, meine Sorge, um die, die ich liebe! Und es kam noch etwas dazu! In dieser Stimmung fuhr ich nämlich zu einem Getränkemarkt, um mich dort neu zu versorgen. Direkt neben dem Eingang acht(!) Menschen in kleinem Kreis zusammen, alle ohne Maske aber dafür jeder mit einer Flasche Bier! Zu meinen trüben Gedanken kam in diesem Augenblick auch noch die Wut! Über so viel Dummheit! Also Maske auf, Einmalhandschuhe an und einen Wagen geholt. Gelächter musste ich mir anhören, über mich! „Auch einen Schluck!“ fragte mich jemand aus dieser Runde und lachte sich halbtot, weil er das für einen unglaublich guten Witz hielt!

Aber die Wut war nicht das einzige. Es kam noch etwas dazu. Mein eigenes Unwohlsein, wenn ich in diesen Tagen einkaufen gehe! Wenn ich Menschen begegnen muss. Es sind für mich Momente, in denen ich merke, dass ich viele Dinge nicht in der eigenen Hand habe! Eigentlich habe ich in diesen Tagen nichts sicher in meinen eigenen Händen! Ganz ehrlich, einzukaufen stresst mich gerade gewaltig! Dann bin ich immer wieder froh, wenn ich wieder zu Hause bin! Trotz aller Stille! Trotz aller Unaufgeräumtheiten in den Zimmern und in meiner Seele!

Natürlich habe ich in meinem Hausflur eine Garderobe mit einem Spiegel. Und genau dort landete ich wieder, als ich zu Hause ankam. Ich schaute wieder hinein! Die Wut war noch nicht ganz verflogen, ich konnte sie noch sehen! Nichts regt mich so sehr auf, wie die Dummheit! Nicht nur die bei anderen, nicht dass Ihr mich missversteht! Natürlich auch meine eigene, über die ich so manches Mal stolpere. Auch dieses Gefühl, den Einkauf geschafft zu haben – ich glaube auch das sprach durch meine Augen und durch die Falten auf der Stirn. Und ich sah die Abdrücke der Maske, soll ja eng anliegen! Alles was ich sah, machte mich nicht gerade fröhlicher! Da war immer noch Müdigkeit. Da war immer  noch dieses ungläubige Staunen darüber, was mir so alles Sorgen macht.

Ja, ich habe mich verändert! Hätte mir vor einigen Wochen jemand gesagt, dass es mir Unbehagen bereiten wird, wenn ich einkaufen gehe und Leute treffe, ich hätte gelacht. Wie schön war es immer, wenn man sich unverhofft begegnete! Auch in engen Supermarktgängen, an der Fleischtheke, im Getränkemarkt. Jetzt ist das ganz anders! Ich weiche aus, so weit wie eben möglich. Jetzt schaue ich auf die aufgeklebten Streifen auf dem Boden, die mir ein deutliches Stopp in der Warteschlange signalisieren, halte natürlich und drehe mich sofort um, ob auch der Mensch hinter mir auf mich achtet! Es hat sich so vieles verändert! Ich habe mich verändert! Ich will meine Leichtigkeit zurück. Ich will meinen Sinn für jeden Unsinn wieder! Ich will meine Schlagfertigkeit zurück! Meinen Sinn für Humor, mit dem ich mich aus manchen Situationen retten kann! Allein ich Haus lache ich kaum! Ich merke, dass ich kaum rede! Gott sei es gedankt, er tut es. Er redet zu mir, reißt mich aus trüben Gedanken! Schenkt mir neue Kraft. Manchmal sogar, in dem er mich durch mein Spiegelbild anschaut und zu reden beginnt! Gott kann das! „Erinnerst du dich an sie? Jetzt genießt sie gerade an ihrem Geburtstag mit ihren Freundinnen auf Abstand das Leben! Dann wird sie Bilder malen mit ihren neuen Stiften, wird erste Fotos anschauen, die sie mit der neuen Kamera gemacht hat! Und sie wird lachen! Und es wird ansteckend sein!“

Recht hat er, der liebe Gott. Die Erinnerung an das seit gestern 11jährige Mädchen und das lustige Telefonat ließ mich zumindest Schmunzeln. Und tief atmen! Es ließ mich dankbar werden. Es gab mir die Erinnerung zurück, an all das zu denken, was mich wirklich ausmacht. Es ist vieles im Moment irgendwie auch ins Wanken geraten, wie bei so vielen anderen auch! Aber ich kann doch jetzt nicht nur auf das schauen, was mich gerade klein machen und mich vielleicht sogar runterziehen will.

Nein, Gott hat mir, besser anders: Gott hat uns allen so viele gute Gaben geschenkt, die uns ausmachen und die wir einsetzen können! Vielleicht ja sogar auch einmal für uns selbst, wenn es bei anderen gerade vielleicht nicht geht!

Wir sind nicht klein vor Gott! Nein! Wir können so vieles, jede und jeder von uns! Zumindest so viel, dass wir uns damit vor Gott stellen können, der uns tiefer anschaut als jedes Spiegelbild es kann. Wir können uns vor Gott stellen, dankbar werden für das viele, das er in uns gelegt hat und ihm dann völlig zu Recht mit den Worten antworten, die ein Beter in einem alten Psalm einmal so gesagt hat: „Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.“ (Psalm 139,14)

Ja, wunderbar ist jede und jeder von uns – mit all den Eigenheiten, Sonderlichkeiten, Unzulänglichkeiten, Talenten und guten Gaben. Wunderbar, weil Gottesgeschöpf!

Ja, wunderbar sind deine Werke, Gott, die du an uns tust und die unser Leben reich machen! Und durch uns, so wie wir eben sind, tust du gute Werke an den Menschen um uns herum. Du nimmst uns für dich in deinen Dienst. Und der sieht bei jeder und jedem anders aus! Wunderbar!

Ja, und ich erkenne dich tief in meiner Seele. Du lebst und betest in mir! Verlässt mich nie! Ich hab’s erkannt! Das ist wunderbar!

Ich wünsche euch, dass Ihr Euch selbst anschauen könnt, eure Einzigartigkeit vor Gott erkennt und dass die Worte des Psalmbeters dann auch Eure sein werden!

Ich hab’s probiert! Klappt!

 

Kommt gut durch den Tag, passt auf euch auf und bleibt gesund! Wir sehen uns wieder! Gott segne euch!

Rüdiger Dunkel

 

 

(Stand 23. 4. 2020)

 

Geistlicher Impuls für den Tag

Losung und Lehrtext für Donnerstag, 23. 4. 2020

 Jesaja 44,21

Ich habe dich bereitet, dass du mein Knecht seist. Israel, ich vergesse dich nicht!

Hebräerbrief 10,35

Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat.

 

Meine Kurve mit der Abendsonne!

Gestern war wieder so ein Tag! Ein „Gänsehauttag“! Ich hab’ wieder telefoniert – mit Gemeindegliedern, mit Geburtstagskindern! Mit meinem Vater! Und einfach so! Ein Gespräch ging mir dabei besonders unter die Haut! Ich habe einem Gemeindeglied zum Geburtstag gratuliert! Über achtzig Jahre alt wurde er, um es wenigstens nicht ganz genau zu verraten! Wir unterhielten uns. Er erzählte, dass es ihm und seiner Frau gut gehe, auch der ganzen anderen Familie und dass er sich eben mit seiner Frau ganz streng an die Regeln hält. Also keine Kontakte nach außen, die Kinder versorgen ihn und seine Frau. Den Rest des Tages verbringen die beiden auf der Terrasse und im Garten ihres Hauses. Das alles erzählte er. Wir beide können gut miteinander! Auf einmal stockte das Gespräch. Kurze Stille! Dann sagte er etwas, was mir den ganzen Tag nicht mehr aus dem Kopf ging. Nach einer kurzen Stille sagte er: „Du, Rudi, wir Alten haben das nicht verdient! Ich hätte niemals gedacht, dass ich so etwas noch einmal erleben muss!“ Als er aufgelegt hatte, musste ich tief durchatmen!

Wie viele Menschen sitzen jetzt irgendwo in ihren Wohnungen und Häusern, wollten nur noch ihren verdienten Lebensabend genießen! Sie haben so hart gearbeitet, haben so vieles erreicht, so vieles aufgebaut, so vielen Kindern und Enkeln ermöglicht, heute gut zu leben! Und von heute auf morgen wurden sie zu einer schutzbedürftigen Risikogruppe, deren Gesundheit mehr gefährdet zu sein scheint als bei anderen! Allein an diesem einen Gespräch wurde mir noch einmal deutlich, dass ich mich für sie wahrscheinlich sogar in einen Taucheranzug pressen würde, wenn ich damit auch nur eines ihrer Leben zu bewahren helfen würde. Und da ist doch eine Maske wirklich gar nichts dagegen!

Ich hatte alle meine mir liebgewordenen Seniorinnen und Senioren vor Augen, dachte an die vielen alten Menschen, die mir immer in den vielen Gesprächen, die ich mit ihnen führe, ihre Ängste signalisiert hatten, aber mich auch schon so oft getröstet haben – mit ihrem Glauben und mit ihrer Fähigkeit, zuversichtlich trotz aller Sorgen zu bleiben!

Ja, gestern habe ich zum ersten Mal da gesessen und ein wenig Bilanz über die vergangenen Wochen gezogen. So vielen wunderbaren Menschen durfte ich auf nie gedachten Wegen begegnen. Im Gespräch am Telefon und über E-Mail-Nachrichten! Ich musste an sie denken und tat es gern! Bis ich erschrak!

Denn es passierte das, was meistens in diesen Tagen passiert. Ich schaltete den Fernseher ein! Und was lief? Corona-TV, beinahe egal auf welchem Sender! Und natürlich wieder mit einem Virologen und Arzt, der gebetsmühlenartig noch einmal alles aufzählte: Hände waschen, Abstand halten, Maske tragen! Also ehrlich, wer das jetzt noch nicht weiß, den sollte man isolieren! Entschuldigung, aber das kam jetzt schneller aus meinem Bauchgefühl, als dass ich es hätte hier stoppen können!

Aber das alles, was dieser Fachmann aufzählte, war nicht das, was mich erschreckte. Es war sein Satz zum Abschluss des Berichts: „Wir machen das alles ja auch, um die besondere Risikogruppe – also die Ü60jährigen, besonders die mit Vorerkrankungen – zu schützen!“ Und jetzt erschrak ich! Sie ahnen, weshalb!

Er meinte nämlich nicht nur die über 80jährigen wie das Geburtstagskind gestern oder meinen Vater oder meine Schwiegermutter. Nein er sprach über die Ü60jährigen mit Vorerkrankungen. Und dann nannte er sogar eine dieser Erkrankungen. Er nannte meine! Und ich bin jetzt wahrscheinlich nicht der einzige, der hier schreibt oder liest, der dazugehört! Einige von Euch, liebe Leserinnen und Leser, gehören auch dazu! Ich weiß es aus vielen Rückmeldungen!

Ja, ich hatte oft weggehört! Hatte es mit der Zeit immer besser geschafft, das zu tun! Aber gestern da traf es mich voll! Und da waren auf einmal wieder die Worte meines gestrigen Geburtstagsseniors in mir. „Wir Alten haben das nicht verdient!“ Ich hab’ sie dem lieben Gott, dann etwas anders vorgelegt, denn so alt bin ich ja schließlich auch noch nicht! „Lieber Gott“, dachte ich, „das darf doch nicht wahr sein! Ich hab’ noch so vieles vor! Ich hab’s doch auch nicht verdient! Niemand hat das verdient! Niemand!“

Mit solch trüben Gedanken startete ich am späteren Nachmittag zum wöchentlichen Einkauf. Eigentlich nur in unserem kleinen Örtchen! Aber dann dachte ich mir, Getränke zu holen, wäre eine gute Sache. Also doch in die Stadt! Blöd, Leergut vergessen! Deshalb wieder zurück und nach Hause. B 41, Abfahrt Roxheim! Und jetzt erschrak ich schon wieder! Denn ich wusste genau, was jetzt kommen sollte!

Vielleicht kennen einige diese Stelle! Man fährt von der B41 an der Abfahrt Roxheim ab. Dann biegt man links ab! Nach zweihundert Metern kommt eine Rechtskurve und die Straße führt ein Stück hinauf. Und wenn ich sie dann hochfahre, taucht immer etwas wieder auf, was der liebe Gott mir genau an dieser Stelle schon so oft als „Seelenkino“ geschenkt hat. Auch gestern! Denn auf einmal eröffnet sich den Augen und der Seele ein riesiges Feld. Darüber die Abendsonne! Sie schien gestern an dieser Stelle wie immer genau auf mich. Und es war sofort auch der immer gleiche Gedanke in mir, den Gott mir in dieser kleinen Kurve der Straße nach Roxheim immer wieder neu schenkt. Ich schaue, ich staune, ich freue mich, und ich hab’ es ganz tief in mir: „Ich liebe mein Leben!“

Gott selbst lässt mich dann immer auch lächeln! Ich freue mich, weil ich daran denke, wie viel mir an Liebe geschenkt ist für mein Leben! Da sind Menschen an meiner Seite! Ich freue mich über sie! Da ist ein Beruf, der mir von Anfang an zur Berufung wurde, auch wenn mein eigener Plan zu Beginn so ganz anders war! Da ist die Musik und die nach Jahrzehnten wiedergefundene Freundschaft zu meinem Musikbruder Ralf, der mit mir meine Lieder und damit meine Seele zum Klingen bringt! Bald, aber mit Sicherheit leider später als gedacht, auch auf unserer neuen CD mit vielen neuen Liedern! Ein solch wunderbarer Mensch und Musiker aus Jugendtagen! Mein Freund! Mein Bruder!

Abends saß ich wieder in meinem Garten, auf einem meiner neuen Gartenstühle! Aber davon erzählte ich ja hier schon! Jetzt sah meine Bilanz schon ganz anders aus, als wenn ich sie vorher aus trüben Gedanken geboren hätte.

Ja, es war nicht immer leicht! Einiges ist zerbrochen in den Jahren! Vieles ist ganz anders gekommen als gedacht! Natürlich habe ich mir das Leben manchmal selbst schwer gemacht. Manchmal haben sogar andere versucht das zu tun. Zeitweise ist es ihnen sogar gelungen. Aber was ist geworden? Ich dachte gestern auf der Terrasse wie jeden Abend an unsere Kinder und ich freute mich! Ich dachte an den Menschen an meiner Seite, und ich freute mich! Ich dachte auch an meine verstorbene Mutter. Sie lächelte mich durch die Abendsonne an. Vorgestern vor drei Jahren ist sie gestorben! Warte ab, Mutter, du bekommst auch noch deinen eigenen Geistlichen Impuls! Hast du verdient!

Ich dachte auch an das, was ich noch leben möchte und wie gern ich das tun werde!

„Richtig!“ mischte sich der liebe Gott in meine Gedanken ein! „So ist es richtig! Bleib dankbar für das, was da alles war! Wenn es auch nicht immer leicht war! Aber schau nach vorn! Vor dir liegt dein Leben! Und dann hör doch noch einmal hin, was ich dir als Tagesgedanken schon so oft in dein Herz gelegt habe: Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat! (Hebräerbrief 10,35) Hör’ es immer wieder neu! Höre es heute! Und hör’ es einmal ganz für dich! Wirf dein Vertrauen nicht weg, niemals; es wird sich für dich lohnen, die Liebe zu leben!“

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Klar, wir haben in unserem Leben vielleicht nicht immer alles bekommen, was wir wollten!

Viele Dinge sind vielleicht ganz anders gekommen, als wir es wollten!

Vieles wird auch vielleicht anders werden als wir es wollen!

Aber ich wünsche Euch, dass Ihr, wenn Ihr jetzt das Wörtchen „vielleicht“ aus den letzten drei Sätzen streicht und diese Sätze dann noch einmal eindeutiger und unzweifelhafter lesen und vielleicht sogar laut sprechen könnt, dass Ihr Euch dann umschauen und auch in diese schwierige Situation hinein, in der wir alle gemeinsam stecken, sagen könnt: „Ja, ich liebe mein Leben!“ Diesen Satz wünsche ich Euch von ganzem Herzen!

Kommt gut durch den Tag, passt auf euch auf und bleibt gesund! Wir sehen uns wieder! Gott segne euch!

Rüdiger Dunkel

 

(Stand 22. 4. 2020)

 

Geistlicher Impuls für den Tag

Losung und Lehrtext für Mittwoch, 22. 4. 2020

 Hesekiel 16,8

Ich schwor dir’s und schloss mit dir einen Bund, spricht Gott der HERR, und, du wurdest mein.

Galaterbrief 3,26

Ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus.

 

Wenn das alles vorbei ist, …

„Wenn das Wörtchen ‘wenn‘ nicht wär, …?“ Na, kennen Sie das alte Sprichwort noch? Wie geht’s weiter? Richtig! „…, dann wär’ mein Vater Millionär!“ Ist er aber nicht. Bergmann, war er. 85 Jahre ist er und sitzt gut versorgt zu Hause!

„Wenn…“ – Ein einziges kleines Wörtchen kann einem einen Spiegel vorhalten! War ich in vielen Dingen zu sorglos? Habe ich die Hinweise erkannt, die meine Entscheidungen vielleicht so manches mal beeinflusst hätten?

„Wenn er doch früher zum Arzt gegangen wäre! Hätte ich ihn doch dazu gebracht!“ Eine Frau trauert um ihren Mann und macht sich Vorwürfe. Ich denke an sie! Wie oft habe ich einen solchen Satz so oder ähnlich in den vielen Trauergesprächen, die ich in meinem Dienst bisher führen musste, schon gehört.

„Wenn ich gewusst hätte, dass es sich mit dem Rollator doch viel leichter gehen lässt, ich hätte ihn viel früher genommen!“ Eine Frau hoch in den 80ern, die es lange ohne dieses Hilfsmittel gemacht hat, kam bis vor einigen Wochen nun auch viel entspannter zu Fuß an unserer Kirche an. Im Moment leider nicht, die Kirche ist geschlossen!

„Wenn mir im letzten Jahr jemand gesagt hätte, dass ich nächstes Jahr mein Geschäft für Wochen schließen und ich so ganz anders für uns sorgen muss, wir hätten mit dem Hausbau gewartet. Jetzt wird es richtig eng!“ klagte ein Familienvater in meinem Bekanntenkreis, der sich vor kurzem selbstständig gemacht hat und den ich vor ein paar Tagen anrief, um ihm zum Geburtstag zu gratulieren. Seine Nerven lagen blank! Das war ein sehr trauriges Gespräch!

Und bei mir? Hätten da auch viele Dinge anders sein können? Ich schaue zurück und denke zum Beispiel an meinen brasilianischen Freund Ricardo und seine Frau Maria. Er hätte sein wunderbares Orchester, das aus Südbrasilien noch im Januar bei uns in der Gemeinde zu Gast war, als Dirigent anführen wollen.  Wie immer hätte er meine Frau und mich beim Abschied wieder nach Brasilien eingeladen. Und diesmal hätten wir beide die Einladung angenommen. Wir hätten sie besucht! Wenn… – ja, wenn uns nicht die Nachricht erreicht hätte, dass beide, Maria und Ricardo, im vergangenen September innerhalb einer Woche plötzlich verstarben! Wären wir doch nicht so zögerlich gewesen! Eine unwiederbringliche Chance – verpasst!

Aber da sind auch die kleinen Dinge des Lebens. Wenn ich im Februar gewusst hätte, dass die Fußballbundesliga ausfällt, hätte ich mein Sky-Bundesliga-Abonnement bestimmt nicht verlängert! Wenn ich früher gewusst hätte, dass unser Skiurlaub in Südtirol im März ins Wasser fällt, dann wären wir etwas früher gefahren! Obwohl, es war wohl besser, dass er diesmal einfach ausfällt, denn viel früher wäre es dann auch nicht gewesen. Nur wir wären wohl etwas blauäugiger gewesen! Und wer weiß, wenn … ich denke lieber nicht darüber nach!

Das Wörtchen „wenn“ leitet oft Sätze über verpasste Chancen ein. Es weist darauf hin, dass wir im Leben vielleicht einiges anders gemacht hätten, wenn wir eben den Ausgang vieler unserer Handlungen vorher gewusst hätten.

Es gibt viele Menschen, die immer gern vorher wissen möchten, wie etwas ausgeht oder wie etwas werden wird. Sie möchten vorher jede Sicherheit haben, um etwas zu wagen. Sie möchten, dass jemand ihnen schon vorher alle offenen Fragen beantwortet.

Aber so können wir nicht leben! Leben ist immer ein Wagnis! Leben in Fülle wird aus Mut gemacht! Liebe wird aus Mut gemacht! Sogar Glaube in diesen Tagen wird aus Mut gemacht! Aus dem Mut, das Vertrauen auf Gott nicht zu verlieren! Niemals!

Ja, vielleicht sind wir mit offenen Augen in diese Krise geschlittert, als sie in China noch so weit weg schien! Niemand von uns hätte doch gedacht, dass es einmal so werden würde, wie es gerade ist! Und irgendwie haben viele die ersten Tage der Beschränkungen zu Hause als eine Art Auszeit betrachtet, so nach dem Motto: so, ein paar Tage zu Hause und dann wird’s schon wieder gehen! Und nun? – Nun drängeln alle! Wollen wieder Fußball sehen! Da kommt mir gerade wieder mein Sky-Abonnement ins Gedächtnis. Als ob es nichts Wichtigeres gäbe! Da werden Lockerungen verstanden als Startschuss in eine wieder unbeschwertere Zeit, die es so aber noch lange nicht gibt. Die Mahner und die unbequeme Wahrheiten aussprechenden Virologen, Ärzte, Politikerinnen und Politiker werden schon wieder belächelt, ignoriert. Oder ihnen wird wieder Wahlkampf vorgeworfen!

Mich macht das alles eher traurig! Denn ich möchte nach vorne schauen! Aber ich möchte es in aller Ruhe tun, besonnen, ohne mich selbst unter Druck setzen zu müssen! Ich möchte mir meine Zukunft entwerfen, in dem Vertrauen, dass ich sie auch erleben darf! Ich möchte all meine Ängste, die natürlich immer wieder hoch kommen in diesen Tagen – Ängste um die Alten in unseren Familien, die Sorge um unsere Kinder und natürlich auch die Sorge um meine Frau und mich – all diese Ängste möchte konfrontieren mit meinen Ideen, mit meinen Visionen für eine Zukunft hinter dieser düsteren Zeit, auf die ich mich unglaublich freue! Ich freue mich, weil ich weiß, dass Gott mich, dass Gott uns dabei nicht verlässt, wenn wir heute schon beginnen, nach vorne zu schauen. Ja, Gott selbst kennt schon die Zukunft, die er für uns bereitet hat und nach der wir uns so sehr sehnen! Und er möchte, dass wir auf dem Weg dorthin mit ihm gehen, auch wenn der Weg noch weit ist. So hat er es einmal vor langer Zeit einem Beter in einem alten Psalm versprochen. Und so verspricht er es jeder und jedem von uns heute neu, wenn er auch zu uns allen sagt: „Ich will dich unterweisen und dir den Weg zeigen, den du gehen sollst; ich will dich mit meinen Augen leiten.“ (Psalm 32,8) Darauf möchte ich vertrauen! Und ich hoffe, viele andere können das auch! Gott führt uns in eine neue und andere Zukunft. Und für diese Zukunft finde ich auch jetzt schon Sätze. Sie fangen auch mit dem kleinen Wörtchen „wenn“ an!

Wenn das alles einmal überwunden ist, dann möchte ich niemals mehr vergessen, welchen Wert die Menschen, die ich lieben darf, für mich haben!

Wenn das alles einmal überwunden ist, dann werde ich meine Arbeit auf den Prüfstand stellen, weil ich in diesen Tagen lerne, was wirklich wichtig ist!

Wenn das alles einmal überwunden ist, dann weiß ich aber auch, welche Reihenfolge ich einzuhalten versuchen werde! Da sind die Menschen, die ich liebe, und dann erst kommt die Arbeit, die ich auch liebe, aber anders! So, das musste mal raus!

Ach ja, und dann kommen die anderen „Wenn“-Sätze in zweiter Reihe!

Wenn das alles vorbei ist, möchte ich mit meinem Vater spazieren gehen!

Wenn das alles vorbei ist, möchte ich wieder in meinem kleinen Paradies in Sulden in Südtirol mit meiner Frau auf eine Berghütte nahe am Ortler wandern und in diese einmalige und wunderbare Gegend schauen, in dieses kleine Fleckchen Paradies! Dann möchte ich all meine Freudentränen weinen dürfen und endlich wieder einen Williams Christ trinken! Oder zwei!

Wenn das alles vorbei ist, möchte ich wieder, wie ich es immer tue, eine Blume auf das Grab von Frère Wilhelm, einem alten Schulfreund aus gemeinsamen Tagen in meiner Heimatstadt  Dinslaken, auf dem Friedhof in Taizé legen und mich an sein Lächeln erinnern! Ein Gesicht voller Güte, unvergesslich!

Wenn das alles vorbei ist, möchte ich grillen – mit unseren ganzen Familien, mit allen, die sich dazugehörig fühlen. Wir werden lachen, wir werden feiern! Und ich werde wie immer die Würstchen anbrennen lassen. Etwas wird eben schon noch wie früher sein!

Vor allem aber, wenn das alles einmal vorbei ist, werde ich glücklich leben! Mit dem Menschen an meiner Seite! Gemeinsam leben, weil wir neu gelernt haben, wie wertvoll jedes Leben ist, das der anderen und das eigene!

Vielleicht geht es ja einigen anderen auch so! Dann lasst uns doch gemeinsam darauf vertrauen, dass Gott uns leitet und uns den Weg zeigen wird! Er will, dass wir leben!

Wenn das alles vorbei ist, … ach wär’s doch schon so weit! Wär’ ja schon schön, wenn es nicht allzu lange dauern würde!

Aber da ist es schon wieder! Wenn …

Kommt gut durch den Tag, passt auf euch auf und bleibt gesund! Wir sehen uns wieder! Gott segne euch!

Rüdiger Dunkel

 

 

(Stand 21. 4. 2020)

 

Geistlicher Impuls für den Tag

Losung und Lehrtext für Dienstag, 21. 4. 2020

 Daniel 6,24

„Sie zogen Daniel aus der Grube heraus, und man fand keine Verletzung an ihm; denn er hatte seinem Gott vertraut.“

1. Korintherbrief 16,13

Wachet, steht im Glauben, seid mutig und seid stark!

 

Einfach kostbar und unwiederbringlich – die Zeit!

Gestern durfte ich wieder einmal am eigenen Leibe erfahren, wie nutzlos wir Menschen unsere Zeit manchmal mit dem Warten verbringen. Neue Möbel sollten geliefert werden, für den Garten! Am Freitag sollten sie kommen – und ich wartete! Abends dann in der Sendungsverfolgung im Internet: „Verspätet! Neuer Termin Samstag 13 Uhr!“ Es wurde Samstag – und ich wartete! Abends, Sendungsverfolgung im Internet: „Lieferverzögerung! Neuer Termin Montag 9.00 Uhr!“ –  Es wurde Montag – und ich wartete! Bis um 10 Uhr, 11 Uhr, 12 Uhr, 13 Uhr, 14 Uhr!

Kennen Sie das von sich auch? Wenn man auf irgendetwas wartet, dann kann man sich irgendwie auf nichts anderes mehr wirklich konzentrieren! Ein Ohr, ein Auge hält immer Ausschau! Ich erinnere mich zum Beispiel noch gut an die Zeit, als die Kinder größer wurden und auch abends länger weg blieben, manchmal bis in die Nacht! Sie hatten immer gesagt, wann sie nach Hause. Und alle drei waren sehr verlässlich, keine Frage! Aber glauben Sie bloß nicht, ich hätte einfach ins Bett gehen können, um zu schlafen. Wie gerade schon erwähnt. Ein Ohr und ein Auge blieben immer wartend offen! Und mit nur einem geschlossenen Auge und einem ruhenden Ohr kann man nicht schlafen, geht nicht!

15 Uhr – der Kleinlaster hält vor meinem Haus! „Und da sind wir auch schon!“ Die ersten Worte des Auslieferers, als er aus dem Auto stieg. Ich hatte eigentlich schon tief Luft geholt, um Dampf abzulassen. Aber erstens hätte es wohl absolut den Falschen getroffen. Und zweitens verwandelten seine Worte meinen angestauten Dampf sofort in ein lautes Lachen! Humor hilft wirklich manchmal aus Situationen! Wie schön!

Aber als ich dann nachmittags im Garten saß, musste ich doch noch einmal daran denken, wie viel Zeit ich allein bei meiner ersten großen Online-Bestellung mit dem Warten verbracht hatte. Dabei ist die Zeit so kostbar! Sie ist unwiederbringlich! Im Moment haben wir – so werden es einige vielleicht gerade empfinden – so unendlich viel davon, und manchmal scheint sie gar nicht zu vergehen! Und da sind diejenigen – und da gehöre ich dazu –, die in diesen Tagen manchmal auch daran denken, wie wenig man darüber weiß, wie viel Zeit eigentlich noch bleibt. Zeit ist kostbar, Lebenszeit ist kostbar! Zeit ist ein Geschenk Gottes! Und der Wert vermehrt sich, je länger sie Gott mit uns lebt! Darüber musste ich nachdenken, nachmittags im Garten. Zeit genug dazu hatte ich ja!

Natürlich fielen mir auch die biblischen Worte zur Zeit und ihrer Verwendung ein, die einige bestimmt auch kennen und die mit den schönen Worten „Alles hat seine Zeit“  (Prediger 3,1) beginnen. Elf Verse lang beschreibt da jemand, wozu wir die Zeit nutzen können. Ich schaute also rein in diese Verse. Und bei einigen blieb ich hängen!

„Heilen hat seine Zeit!“ (Prediger 3,3) Ja, da sind unendlich viele, die sich jetzt um Erkrankte bemühen! Aber ich dachte an die anderen. Wie viele Menschen arbeiten jetzt gerade in den Laboren und Forschungsstätten dieser Welt, um uns allen so bald wie möglich zu helfen. Ein Serum werden sie entwickeln, damit wir uns endlich impfen lassen können und dieser Alptraum aufhört. Es sind Mütter und Väter, die tagsüber unter Hochdruck arbeiten und abends oder nachts erschöpft nach Hause kommen, weil sie gemacht haben, was an einem einzigen Tag eben möglich war. Sie haben alles verdient, aber nicht, dass man ihnen vorwirft, dass das alles nicht schnell genug gehe! Sie haben all unsere Ungeduld nicht verdient! Eher unseren Dank dafür, dass sie uns helfen wollen und werden. Deshalb: All ihr Namenlosen in den Laboren und Forschungsstätten dieser Welt! Danke!

„Weinen hat seine Zeit! Klagen hat seine Zeit“ (Prediger 3,4) Beides habe ich hinter mir in den vergangenen Wochen! Und es wird bestimmt wiederkommen! Da bin ich sicher nicht der einzige! Nicht mit denen zusammen sein zu können, die ich liebe, es zerreißt mir das Herz! Die Sorge um die Alten in unseren Familien lässt mich in manchen Augenblicken so unendlich traurig werden. Ich bin nicht der einzige! Meine Rückblicke in die Zeit, die ich bisher leben durfte, und mein Blick in eine Zukunft, von der ich jetzt schon ahne, dass sie anders werden wird – sie machen mich im Moment noch ein wenig ratlos!

Ich weiß, dass ich einiges jetzt schon ruhen lasse und wohl nicht mehr tun kann; manche Möglichkeiten werden sich vielleicht gar nicht mehr ergeben. Dabei wäre die Gegenwart ohne dieses Virus gerade so wunderbar gewesen. Der Vater mit 85 Jahren wieder genesen nach langer Krankheit! Die Kinder alle gut im Beruf und in ihrem privaten Leben gelandet! Ich darf mein Glück mit einem wunderbaren Menschen an meiner Seite teilen und will es noch lange tun! Es wäre alles wunderbar gewesen! Und jetzt! Was wird werden, lieber Gott? Wie wird’s werden? Ich bin nicht der einzige, der so fragt!

„Zu herzen hat seine Zeit! Zu lieben hat seine Zeit!“ (Prediger 3,5.8) Wir haben doch alle nie wirklich darüber nachgedacht, dass das einmal ein Problem werden könnte! Jemanden zu herzen, in den Arm zu nehmen! Es war eine unsere Arten, unsere Wertschätzung zu zeigen! Es war eine Art, dem Menschen, den ich liebe, zu zeigen, wo rein er sich fallen lassen darf! In meine Arme, um zu spüren, dass ich ihn halte! Und andersherum tat es mir auch gut! Wird es wieder so werden? Oder werde ich meinen Freunden demnächst aus sicherem Abstand eher zuwinken; Freunden mit einer Hand, besonders guten Freunden mit beiden Händen. Ich hoffe nicht!

Und da hat die Liebe ihre Zeit! Und das ist wunderbar! Zu wissen, geliebt zu werden und zu wissen, jemanden lieben zu dürfen! So etwas trägt, gerade auch durch diese Zeit! Es ist etwas, das uns reich macht in dieser Zeit! Das gilt von Mensch zu Mensch! Besonders aber auch von Gott zu Mensch! Gott selbst will es in diesen Tagen! Er mochte uns spürbar nahe sein, damit wir merken, wir sind geborgen! Er hält uns in seinen Armen! Er begegnet uns mit all seiner Liebe! Es gibt niemanden, der nicht geliebt wird! Denn Gott selbst liebt! Darauf dürfen wir vertrauen!

Und ein letztes! Ich kann es mir einfach nicht verkneifen!

„Lachen hat seine Zeit!“ (Prediger 4,4) Es gibt ja momentan unglaubliche und unendlich viele Dinge zu lesen. Das Virus beherrscht alle Medien. Es gibt Verschwörungstheorien genau so wie viele ernsthafte Auseinandersetzungen und Anregungen. Und dazwischen gibt es einfach auch manchmal unglaubliche Dinge zu lesen! Gestern musste ich so laut lachen, dass es wohl alle Nachbarn hören konnte. Vielleicht haben es ja einige auch gelesen! In einem Beitrag von SWR 3 las ich doch tatsächlich über einen australischen Arzt! Entschuldigung – aber jetzt wird es ein wenig derb! Er meint, das Virus in menschlichen Fäkalien nachgewiesen zu haben und wies überzeugt darauf hin, dass auch ein kräftiger Furz – mir fällt gerade kein anderes Wort ein, aber genau das Wort wurde im Artikel auch gebraucht – ansteckend wirken kann! Ich muss schon wieder lachen! Moment, ist gleich vorbei! Zum einen, weil ich jetzt weiß, dass ich manchen Menschen dann doch besser nicht begegnen sollte. Und zum anderen war da kurz die Frage, ob dann einige Menschen – wenn dann bald die Maskenpflicht kommt – wohl in Zukunft besser zwei Masken tragen sollten! Aber lassen wir das lieber! Gestern hat es jedenfalls gestimmt, das Lachen hatte seine Zeit!

Ich weiß nicht, ob es Ihnen auch so geht wie mir. Aber ich habe gerade in diesen Tagen das Gefühl, in einer Art „Zwischenzeit“ zu leben. An die vergangene Zeit denke ich – sogar mit all ihren schwierigen Abschnitten – beinahe wehmütig zurück. Die neuen und wieder unbeschwerten Zeiten scheinen auf einmal so weit weg! Und ich merke, dass auch in diesen Tagen die Zeit eben nicht still steht! Aber auch jetzt ist jeder Augenblick unwiederbringlich! Einzigartig! Und deshalb möchte ich keinen Augenblick mehr mit dem Warten auf bessere Zeiten verschwenden! Ich möchte die neue und bessere Zeit jetzt schon in mir beginnen lassen, mit allen vielleicht eher bescheidenen Mitteln, die mir gerade zur Verfügung sind. Und wenn es eben sein soll – auch mit Maske, mit aller Vorsicht, in meinen vier Wänden und mit vielen vielleicht erst einmal wieder zaghaften Begegnungen!

Aber immer auch mit dem vertrauenden Glauben und der stärkenden Hoffnung, Gott selbst startet mit mir und uns allen neu! In eine Zukunft, die Gott eine Freude mit uns sein wird und zu der er jetzt schon uns anstiften möchte! Lasst uns neu leben! Und lasst uns heute damit beginnen!

Kommt gut durch den Tag, passt auf euch auf und bleibt gesund! Wir sehen uns wieder! Gott segne euch!

Rüdiger Dunkel

 

(Stand 20. 4. 2020)

 

Geistlicher Impuls für den Tag

Losung und Lehrtext für Montag, 20. 4. 2020

1.Mose 18,19

Der HERR sprach: Dazu habe ich Abraham auserkoren, dass er seinen Kindern befehle und seinem Hause nach ihm, dass sie des HERRN Wege halten und tun, was recht und gut ist.

Römerbrief 6,22

Befreit von der Sünde und in den Dienst Gottes gestellt, habt ihr die Frucht, die Heiligung schafft, und als Ziel ewiges Leben.

 

Vielleicht einfach ‘mal segnen!

Als Risikogruppenmitglied mit mindestens zwei Treffern – Ü60 und chronischer Bluthochdruck – halte ich mich in dieser Zeit vorwiegend zu Hause auf. Ich versuche den Kontakt so gut es geht zu so vielen wie möglich zu halten. Da sind E-Mails auf meine Impulse und auch auf die Lesegottesdienste zu beantworten. Da mailen einige einfach „nur ’mal so“, und daraus wird dann doch oft ein längerer Austausch von Nachrichten daraus. Ich telefoniere viel mit Gemeindegliedern! Und ich bin immer sehr dankbar, wenn ich spüren darf, dass am anderen Ende ein Mensch sitzt, der mich auch spüren lässt, wie gut es tut, mal miteinander zu reden. Dann gibt es immer auch gemeindliche Dinge zu regeln.  Und so geht ein Tag meist sehr schnell rum! Das hätte ich niemals gedacht! Manchmal habe ich gar keine Zeit, mir selbst auf die Nerven zu gehen oder mich in Selbstmitleid zu wälzen. Ist wohl auch besser so! Und abends bin ich dann meist einfach „platt“!

Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich vergessen habe, welcher Tag eigentlich ist! Der Lebensrhythmus ist so ganz anders geworden. Zeit und Termine, alles irgendwie anders! Aber gestern war Sonntag. Und Sonntag ist der Tag des Herrn. Da sollte eigentlich alles einfach auch ’mal ruhen! Eigentlich!

Gestern habe ich es tatsächlich auch fast geschafft! Ich bin einmal um den Block spaziert, über’s Feld gelaufen! Und zu Hause auf der Terrasse habe ich dann später eine Übung gemacht, die ich täglich mache, einfach auch um meine Konzentration ein wenig zu üben. Ich schließe dann die Augen und mache meinen „Gedankenspaziergang“. Ich gehe gedanklich durch die Straßen „meiner“ Kirchengemeinde. Aber nicht nur das. Ich gehe durch die Straßen und bleibe gedanklich vor den Häusern stehen, um zu überlegen, wer dahinter wohnt. Und dann fällt mir nicht nur immer ein, wer da wohnt. Nein, ich denke auch daran, wie da gerade in der Wohnung oder in den Häusern Menschen, die ich kenne, wohnen.

So stand ich gestern zum Beispiel in einer Straße gedanklich vor einem Haus und erinnerte mich an ein älteres Ehepaar, das ich von Anfang an kenne. Meine Kinder turnten bei ihr, mit beiden gibt es immer amüsante Unterhaltungen. Und dann hatte ich auf einmal einen Duft in der Nase. Denn dort gibt es den besten Käsekuchen, den ich kenne. Ich konnte ihn förmlich riechen. Und ich weiß, wenn das alles einmal vorbei ist, dass ich mir bestimmt auch wieder einen abholen darf. Ein wenig weiter wohnt ein Engel, ich kann es nicht anders sagen! Ein Engel, der jetzt im Alter leider wegen einer ganz gemeinen Krankheit von Tag zu Tag mehr vergisst, dass er einer war. Ein Engel nicht nur für mich in meinen persönlich schwersten Tagen, sondern für so viele Menschen in unserer Kirchengemeinde, in unserem Ort! Ich stehe vor dem Haus und bin unendlich traurig! Und so traurig ging ich weiter. Vor einem nächsten Haus blieb ich gedanklich stehen, von dem ich weiß, dass darin ein Mädchen auf mich wartet, weil es mit mir sprechen möchte, um Antworten auf ihre offenen Fragen über Gott zu bekommen; und dann möchte sie sich taufen lassen! Ich lächele, weil ich mich darauf freue! Dann ist da das Haus der beiden über 90jährigen! Sie waren immer im Gottesdienst. Es waren die Menschen, bei denen ich die Glocken vor dem Gottesdienst einfach hätte läuten lassen, solange bis sie da gewesen wären. Denn ohne sie hätten wir nicht angefangen! Ich komme ans Haus einer jungen Familie. Ich höre das Lachen darin und erinnere mich, dass sie, wenn ein Familiengottesdienst stattfand, immer da waren, die ganze Familie. Herrliche Zeiten! Ich bleibe vor dem Haus stehen, in dem Menschen leben, denen die Sucht die ganze Familie zerstört hat! Für mich manchmal ganz unglaublich, was Menschen sich selbst antun können! Und dann komme ich an dem Haus vorbei, in dem ich so oft und so gern war. Ich habe erst beide besucht, dann später ihn allein. Niemand von uns konnte ihm die Liebe zu seiner Frau ersetzen, als sie nicht mehr da war. Nun ist er wieder bei ihr. Und als guter Freund für immer in mir! Manchmal sehe ich ihn sogar abends am Himmel im Abendrot! Ich stehe gedanklich vor diesen und vielen anderen Häusern! Ich erinnere mich an die Menschen; und ich setze mich gedanklich auf eine Bank mitten im Ort.

Zwei Gedanken sind es dann, die sie sich regelmäßig in meine Erinnerungen einschleichen.

Der erste, und er mag nun eigenartig zu lesen sein: Unser Ort ist gar nicht so schön! Nicht so schön, wie viele andere –  mit Fachwerk und mehr Weinranken, historischen Ortskernen aus vergangenen Jahrhunderten oder so. Aber er ist eben unverwechselbare Heimat für viele, die hier leben! Meine Heimat ist der Niederrhein! Und bleibt es auch! Ich bin und bleibe niederrheinischer Biertrinker. Und kein Weinberg der Welt wird es schaffen, mir seine Reben einzuverleiben. Mit einer Ausnahme natürlich! Wenn sie sich edel verarbeitet im Kelch des Herrn beim Abendmahl wiederfinden!

So ist es für mich eben nicht der Ort, auch nicht die Gegend, die mir nach nun fast 30 Jahren meines Dienstes in diesem Fleckchen Erde zur Heimat geworden sind. Es sind die Menschen! Die Menschen, denen ich begegnen darf! Mit denen ich Gemeinde bauen und leben darf. Und es sind die Freunde, die ich gefunden habe! Meine Heimat hat Gesichter, hat offene Arme, spricht manchmal Kreuznacher Platt! Auch schön, finde ich!

Und der andere Gedanke ist der: ich möchte mit niemandem der Menschen in den Häusern, an denen ich gedanklich vorbei spaziere und an die ich denke, tauschen. Den Glücklichen unter ihnen gönne ich ihr Glück von ganzem Herzen! Ich schaue auf mich, und ich weiß, Glück kenn’ ich auch. Also lebe ich mein eigenes! Den Beladenen, den Traurigen und den Einsamen unter ihnen kann ich die Last nicht abnehmen, vielleicht mittragen! Ja, das tue ich gern. Aber ich schaue auf mich und weiß, Lasten tragen und aushalten müssen, das kenne ich auch! Zur Genüge! Ich blieb’ nicht verschont! Wie gut, dass einige mitgetragen haben!

Ach ja, das Wichtigste hätte ich jetzt doch glatt fast vergessen zu schreiben! Von jedem Haus und von jeder Wohnung, vor denen ich stehen bleibe und mich an die Menschen darin erinnere, gehe ich nicht weg ohne den Satz, den ich dann auch gedanklich spreche: „Gott segne euch und behüte euch!“ Denn mit jedem dieser Menschen habe ich meine Geschichte. Mir fallen dazu Worte ein, die Gott zu Abraham einmal sagte: „Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein!“ (Gen 12,2)

Ja, auf ihre ganz eigene Weise sind mir all diese Menschen von Gott auf meinen Weg gestellt worden. Mit den einen war es ein Vergnügen, mit anderen war es nicht immer leicht. Aber alle zusammen haben daran mitgewirkt, so ahne ich es, mich auch zu demjenigen zu machen, der ich eben heute bin! Deshalb stehe ich bei meinem „Gedankenspaziergang“ vor den Häusern und spreche einen kurzen Segen. Und dann ist es mir eine wirkliche Freude, dass ich die Menschen darin von Gott gesegnet und begleitet wissen darf – vielleicht sogar, ohne dass sie selbst daran denken oder es merken!

Vor welchen Häusern würden Sie eigentlich stehenbleiben, wenn Sie, wo immer das auch sein mag, durch Ihren Ort gehen? Wen hat Gott auf ihren Weg gestellt? Wen würden Sie segnen? Und an welche Geschichten würden Sie sich erinnern?

Die Sonne soll heute scheinen! Gehen Sie doch einfach! Oder tun Sie es mit geschlossenen Augen und in Gedanken von zu Hause aus! Gehen Sie und segnen Sie Menschen! Das wär’ doch vielleicht ‘mal ‘was anderes an diesem Tag!

 Kommt gut durch den Tag, passt auf euch auf und bleibt gesund! Wir sehen uns wieder! Gott segne euch!

Rüdiger Dunkel

(Stand 18. 4. 2020)

 

Geistlicher Impuls für den Tag

Losung und Lehrtext für Samstag, 18. 4. 2020

 Jeremia 8,7

„Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit, Turteltaube, Schwalbe und Drossel halten die Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des HERRN nicht wissen.“

Titusbrief 2,14

Jesus Christus hat sich selbst für uns gegeben, damit er uns erlöste von aller Ungerechtigkeit und reinigte sich selbst ein Volk zum Eigentum, das eifrig wäre zu guten Werken.

 

Auch ’mal auf sich selbst schauen!

Manchmal könnte ich aus der Haut fahren! Im Moment kann ich es, weil ich spüre, wie Ungeduld um sich greift und wir alle gleich wieder in alte Muster verfallen. Da soll die Besonnenheit unserer Politikerinnen und Politiker dem Druck nachgeben, den viele, die selbst nicht in der Verantwortung stehen, machen. Da denken einige, „Lockerungen“ hieße, alles wieder auf null und los wie sonst, am besten morgen schon! Da fordern auf einmal Menschen die Wiederzulassung von Gottesdiensten, die ich, wenn ich sonntags in die Kirche fahre und am Bäcker in der Nähe vorbeikomme, dort in Schlange stehen sehe, um Brötchen zu holen und dann den Sonntag eher im Garten als in der Kirche zu verbringen!

Stop! Halt! Was rege ich mich auf! Das ist hier nicht der Ort! Aber ich denke, wir alle kennen Situationen, wo wir alle mal so richtig aus der Haut fahren können. Aber wo wären wir dann! Und kennen Sie das auch? Manchmal möchte ich auch aus meiner Haut, um ein ganz anderer zu sein. Zwei Gründe dazu kenne ich von mir.

Der erste Grund sind meine eigenen Defizite; sind die Dinge, die ich nicht kann, nicht mehr kann! Wie schön, wenn ich zum Beispiel noch einmal jünger sein könnte! Vor 14 Jahren habe ich es bis an den Hörnligrat am Matterhorn geschafft! Zu Fuß! Und vor einigen Jahren ebenfalls zu Fuß bis an den Rand des Ortlergletschers! Jetzt mit einigen Kilos mehr – und ich verrate jetzt nicht, wie viele es sind – einfach im Moment undenkbar! Das macht mich traurig! Wenn ich doch wieder so wäre, wie … Und ich war ein richtig guter Sportler. Das schreibe ich in meiner mir geradezu angeborenen Bescheidenheit! Handballoberligatorwart und hochklassiger Tischtennisspieler! Bis ich mich heute an der Platte einmal gedreht habe – denn Tischtennis spiele ich wieder in meinem alten Verein – haben mir die jungen Wilden die Bälle längst um die Ohren gehauen! Nichts ist mehr so, wie es einmal war. Oder besser: ich bin nicht mehr so, wie ich einmal war!

Der andere Grund: Ich würde gern einige Dinge können, kann sie aber nicht! Ich bin zum Beispiel kein guter Tänzer! Und das macht einen ganz besonderen Menschen in meinem Leben traurig! Für einen Tag mal leichtfüßig wie Fred Astaire sein, dann würde ich sie herumwirbeln! Das wär`s! Und das mach’ ich auch noch irgendwann! Oder ich bewundere einen Kollegen in der Nachbarschaft und wäre gern manchmal wie er. Neben seinem Pfarrdienst schafft er es, lange in der Natur zu laufen und für die Marathonläufe zu trainieren, an denen er teilnimmt. In diesem Jahr aus bekannten Gründen allerdings wohl nicht! Ich hab’s versucht, war beim Halbmarathontraining vor einigen Jahren auch richtig weit! Muskelbündelriss und aus! Nie wieder versucht!

Viele andere Dinge könnte ich nennen, warum ich manchmal aus meiner Haut und mal ein anderer sein möchte. Ich schaue mich an und muss es einfach annehmen lernen! Manche Dinge kann ich eben nicht! Kein Talent! Und andere Dinge kann ich vielleicht einfach nicht mehr! Motorradfahren zum Beispiel! Vor einigen Jahren schlich sich auf einmal – irgendwie einfach so – die Angst auf den Rücksitz und klammerte sich an mich! Also habe ich  meine geliebte BMW 1200C Cruiser in die Garage gefahren und sofort verkauft. Es war einfach irgendwie vorbei! Da war die Angst, vor der einen Fahrt zuviel!

So nach und nach lerne ich es zu akzeptieren, dass es bei einigem anderen eben auch so geht! Das sind dann manchmal oft aber auch die Momente, in denen ich mich selbst ganz kurz mal selbst nicht leiden kann! Kennen Sie das auch von sich – irgendwie neben sich zu stehen, unzufrieden und manchmal sogar traurig zu sein über Dinge, die einfach nicht mehr sein können?

Gott sei es gedankt, sind es die Momente, in denen ich dann oft spüren darf, dass Gott mich eben anschaut! Momente, in denen ich seine Güte spüren darf. Ich darf spüren, dass ich geborgen bin. Ich höre dann geradezu, wie Gott selbst zur mir sagt: „Ich weiß, du kannst nicht alles; brauchst du auch nicht! Ich weiß, du weißt nicht alles; brauchst du auch nicht! Ich weiß, du willst manchmal einfach zu viel; das brauchst du aber nicht! Denn ich gebe dir, was du brauchst! Ich weiß, du möchtest manchmal ein ganz anderes Leben. Das geht allerdings nicht; denn du hast nur dieses eine! Aber eines sage ich dir, ich kenne dich! Und ich weiß jetzt schon, dass du dich wohl nie mehr ändern wirst! Deshalb vertrau’ einfach drauf, ich weiß das alles! Und dann bleib’ wie du eben bist! Mein Geschöpf! Und so, wie du eben bist, denke immer dran: „Ich habe nie aufgehört, dich zu lieben. Ich bin dir treu wie am ersten Tag!“ (Jeremia 31,3)

Ja, es tut gut, Gott so reden zu hören! Es tut gut, sich immer und immer wieder neu daran zu erinnern, dass Gott mich, dass Gott Sie liebt – so wie wir eben alle sind. Und wir sind so verschieden! Dem lieben Gott wird es deshalb bestimmt niemals langweilig mit uns!

Und aus diesem dann wieder guten Gefühl schaue ich auch wieder gern auf mich! Ich erkenne die Dinge, die ich vielleicht jetzt schon lassen darf, vielleicht auch besser erst gar nicht mehr anfange! Ich lerne zwischen meinen gebauten Luftschlössern und den Dingen, die ich noch tun möchte und auch erreichen kann, zu unterscheiden! Vor allem aber lerne ich, wieder gern auf mich zu schauen! Ich lerne neu zu schätzen, was ich bin und was ich kann! Wenn Gott selbst mich schon so liebt, wie ich gerade bin, warum sollte es mir dann nicht auch gelingen! Und wenn ich mich so auch wieder zu lieben lerne, auch wenn ich gerade vielleicht da hocke und mir diese Zeit, in der ich gerade meine Tage verbringen muss, ein wenig auf die Nerven geht – und damit manchmal leider auch ich mir selbst – dann lerne ich immer auch wieder neu, andere zu lieben. Denn manchen von Ihnen geht es gerade ja auch nicht besser! Und das ist etwas, was ich jedem Menschen wünsche. Nämlich zu erkennen, dass er wunderbar gemacht ist, mit allem, was er ist und kann, und auch mit allem, was er eben nicht ist und nicht zu können braucht! Und wenn wir es dann noch schaffen würden, das alles auch in unseren Mitmenschen zu erkennen, das wär’s doch!

Also, bleiben wir, wie wir eben sind, denn anders gibt es uns ja sowieso nicht!

Kommt gut durch den Tag, passt auf Euch auf und bleibt gesund! Gott segne Euch!

Rüdiger Dunkel, Pfr.

 

(Stand 17. 4. 2020)

 

Geistlicher Impuls für den Tag

Losung und Lehrtext für Freitag, 17. 4. 2020

 Ps 71,3

Sei mir ein starker Hort, dahin ich immer fliehen kann, der du zugesagt hast, mir zu helfen.

2. Timotheusbrief 4,18

Der Herr wird mich erlösen von allem Übel und mich retten in sein himmlisches Reich.

 

Wer ist schwach, wer ist stark?

Gestern ging ich spazieren. Einmal um den Block bei mir zu Hause. Und dann im Garten mit meinen geschlossenen Augen durch einen meiner Lieblingsplätze in der Nähe! Da sie wahrscheinlich niemals darauf kommen werden, wo er liegt, schreibe ich es Ihnen lieber gleich! Es ist das Gelände der kreuznacher diakonie! Meine erste Gemeinde als Pfarrer! Ich durfte dort als Pfarrer im Bereich für Menschen mit körperlichen Behinderungen arbeiten. Ich war dort an der Schule für Kinder mit ganz verschiedenen Arten von Behinderungen tätig. Dort gab es für mich auch meine erste Konfirmandengruppe. Die Kindergottesdienstgemeinde dort war eine ganz besondere, denn auch viele ältere Menschen mit Beeinträchtigungen kamen dorthin. Es war alles für mich neu und so unerwartet! Denn eigentlich kam ich „auf Befehl“ eines Altsuperintendenten dorthin! „Dunkel, wir brauchen Sie dort!“ Und so fing ich eben dort an! Und heute bin ich mir sicher, der liebe Gott wusste damals auch warum!

Ganz ehrlich hatte ich zu Beginn dort als junger Pfarrer, der ich ja auch einmal war, eher Angst vor den Begegnungen mit Menschen, die ich erst einmal so ganz anders erlebte. Wie kann ich reden? Was können wir gemeinsam machen? Werde ich verstanden? Meine Fragen damals waren ganz einfach, wohl auch verständlich! Und dann? Dann wurde ich beschenkt, jeden Tag mehr! Von Gott, besonders aber von Menschen, durch die mich Gott anschaute und die mir allesamt sagten: „Komm, trau dich! Lass uns leben, lass uns lieben!“

Vier Jahre durfte ich dort sein. Es waren die intensivsten meines Lebens. Mit so vielen wunderbaren Menschen, mit so vielen wunderbaren Erlebnissen. Ich durfte so vieles lernen! Wunderbar! Das alles ist nun 29 Jahre her! Aber wenn es mir danach ist, gehe ich heute noch gern durch’s Gelände!

Ich stehe dann vor dem Wohnheim für Seniorinnen und Senioren und erinnere mich an die Jahre, an denen ich fast täglich dort war, weil meine Mutter dort ihre letzten Jahre verbrachte. Ich stehe vor dem Hospiz, in dem ich nun schon einige Menschen begleiten durfte; in dem ich aber auch ein für mich ganz besonderes Konzert mit meinen Liedern geben durfte. Ich stehe vor der Schule und habe sie alle vor meinem Herzen! Meine ersten Konfi’s, manche gestützt stehend, die anderen in ihren Rollstühlen. Und ich stehe vor dem Mutterhaus der Diakonissen. Ein Stück weit gemeinsames Mitleben in einer geistlichen Gemeinschaft! Selbst mein Büro war in diesem Haus! Eine ganz besondere Atmosphäre!

Bis heute gibt es bei jedem Rundgang dort mindestens einmal diesen Moment, an dem ich vor Glück bis an den Himmel hüpfen könnte, wenn mich nicht meine zu vielen Kilos schon an dem Versuch hindern würden! „Hallo, Pfarrer Dunkel! Huhu!“ Noch heute begegne ich dort Menschen, die mich nicht vergessen haben; so wenig wie ich sie. Noch heute gibt es dort Menschen, die mich erkennen und sich freuen mich zu sehen! Diese Freude rührt mich jedes Mal neu und ist dann immer ganz meinerseits! Es braucht dann meist etwas Zeit für in kleines Gespräch über vergangene Zeiten! Aber die nehme ich mir gern. In diesen Momenten werde ich dann immer dankbar; ich werde demütig! Für alles, was ich dort leben und erleben durfte!

Gestern aber wurde ich traurig! Ja, ich musste sogar ein oder zwei Tränen fließen lassen. Denn als ich nach meiner Phantasiereise im Garten den Fernseher anmachte und auf eines der sogenannten dritten Programme – die Älteren der Leserinnen und Leser hier wissen bestimmt noch, was ich damit meine – schaltete, war da gerade wieder eine Reportage über die Coronazeit in Einrichtungen für ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen. Ich konnte das, wenn ich ehrlich bleibe, nur schwer ertragen. Warum? Weil ich mich auf einmal an Menschen erinnerte, die dort wohl gerade ähnlich, wie es gezeigt wurde, leben müssen. Und ich kenne sie! Auf ihren Zimmern sitzen sie, für manche auf Grund ihrer Lebensbefindlichkeit ganz unverständlich! Manche kamen zu Wort und es  war rührend!

Aber dann zeigte dieser Bericht auch die Menschen, die dort nun mitleben, weil sie dort arbeiten. Auch sie kamen zu Wort. Und ich hörte aus ihren Worten beides heraus, ihr Engagement und auch ihre Müdigkeit. Keine Angst! Ich fordere jetzt nicht dazu auf, für sie zu applaudieren. Das wollen die meisten von ihnen überhaupt nicht mehr! Nein, ich musste an etwas anderes denken. An einen Satz des Apostel Paulus. Er sagt an einer Stelle in seinem Brief an die Römer: „Wir müssen als die Starken die Schwäche derer tragen, die schwach sind, und dürfen nicht nur für uns selbst leben.“ (Römerbrief 15,1)

Paulus redet, wenn ich es richtig lese, alle in der Gemeinde in Rom an! Die Starken müssen Schwäche mittragen, sagt er. Wir dürfen nicht nur für uns selbst leben! An diesen Worten wird mir noch einmal neu bewusst, dass alle, die dort jetzt mitleben und arbeiten, es eigentlich ja stellvertretend für uns alle machen. Menschen, die besondere Aufmerksamkeit und Pflege brauchen, sie kommen aus unseren Gemeinden dort hin! Manche können nicht mehr in ihren eigenen Familien leben. Dafür gibt es oft ganz verschiedene Gründe. Aber wäre es nicht trotzdem wunderbar, wenn wir den Satz des Paulus für uns alle neu entdecken könnten. Wenn wir es neu entdecken könnten, das besonders bedürftiges Leben immer auch zu unserem eigenen Leben gehört und dass es in unsere eigenen Gemeinden gehört! Und dass alle Einrichtungen dieser Welt, deren Liebe altem oder behindertem Leben gilt, immer nur Stellvertreter für uns alle sind!

Es wird nicht möglich sein, diese vielen Menschen, die solche Einrichtungen brauchen, in die Mitte unserer Gemeinden zurückzuholen. Das weiß ich auch! Aber das entbindet mich, das entbindet uns nicht davon, die Frage zu beantworten, die der Apostel Paulus uns allen mit seinem Satz ans Herz legt. Mit wem teilst du deine Stärke? Welche Schwächen anderer trägst du mit? Wo lebst du nicht nur für dich selbst?

Und dazu braucht es jetzt keine großen Worte, keine großen Taten. Es braucht meine, es braucht deine Bereitschaft, das Leben als ein kostbares Geschenk zu sehen, das sich zu teilen lohnt! Es braucht den liebenden Blick in unser eigenes Umfeld, um dann auch zu sehen, dass jede und jeder von uns so vieles in sich trägt, was anderen zu einer guten Gabe Gottes werden kann. Wir alle können Schenkende und Beschenkte werden, denn vor Gott sind wir alle gleichermaßen stark und schwach!

Mir kommen dabei Menschen in mein Herz, an die ich gerade denken muss. Zum einen durfte ich im vergangenen Jahr ganz unverhofft einen spontan eingerichteten Konfirmandenunterricht an einer Förderschule für Kinder mit ganz verschiedenen Behinderungen halten. Ich lernte die jungen und so ganz verschiedenen Jugendlichen kennen, und es war eine Freude. Eine kleine Rückkehr in meine erste Arbeit! Wunderbar! Ich durfte die Familien kennenlernen, in denen „meine“ Konfi’s leben. Allesamt wunderbare Menschen, die ihren ganz persönlichen Gottesdienst Tag für Tag in der Familie leisten, meist ohne dass sie es ahnen! Da war so viel Lebensfreude! Da war so viel lebendige Hoffnung! Und dann feierten wir im vergangenen Jahr die Konfirmation als ein Fest des Lebens! Die Konfi’s und ihre Familien kamen aus vielen umliegenden Gemeinden zu uns. Denn wir wollten ihnen in unserer Kirche ein Fest bereiten, wollten mit ihnen das Leben mit Gott feiern! An diesem Tag wuchs die ganze Gemeinde über sich hinaus. Der Gospelchor gestaltete den Gottesdienst, es wurde geklatscht und getanzt! Gemeindeglieder brachten Kuchen um Kuchen, um alle Gäste zu bewirten. Die Konfi’s unserer eigenen Gemeinde bewirteten alle Gäste vor und im Gemeindehaus! Ich bin zutiefst überzeugt, der Apostel Paulus und der liebe Gott selbst konnten sich an diesem Tag ein gütiges und erfreutes Lächeln über dieses Fest des Lebens nicht verkneifen. Vieles geht! Wir können immer viel mehr als wir es ahnen! Davon bin ich zutiefst überzeugt. Wir können es dann, wenn niemand es allein tun muss!

Und da ist etwas anderes, an das ich denken muss. Seit einigen Jahren lebt ein Mensch mit Behinderung in meiner Familie. Dafür bin ich unendlich dankbar! Denn an ihm wird für mich ganz persönlich erlebbar, wie schnell die Rollen von Schenkendem und Beschenktem wechseln können. Sind wir zusammen, dann schaue ich immer danach, dass alles gut für ihn läuft. Und auch dabei bin ich nicht allein. Wir machen es zu zweit für ihn, der wunderbare Mensch an meiner Seite und ich.

Eines weiß ich heute. Ich werde niemals müde werden, ihn zu beobachten. Er kann das Wetter fühlen. Er steht in der Natur und predigt den Flüssen und den Bäumen. Manchmal müsste ich einfach nur mitschreiben und die Sonntagspredigt wäre fertig. So wunderbar kann er Gott und die Welt erklären, kann er von der Liebe Gottes erzählen. Ganz in sich versunken, aber klar und deutlich! Vor allem aber – und da ist er mir weit voraus – kann er mitfühlen. Ist jemand krank, so leidet er mit. Ist jemand fröhlich, teilt er mit ihm die Freude. Ist jemand einsam, dann kann er seine Arme weit öffnen und findet Worte, die trösten! Er hat so viele Fähigkeiten, so viele gute Gaben. All die könnte er in diesen Tagen nicht einsetzen, wenn er – wie viele andere auch, die genau diese Gaben auch haben –, jetzt in seinem Zimmer in der Wohngruppe bleiben müsste!

Ja, da sind Menschen – und auch das wurde mir gestern noch einmal ganz deutlich und dafür schäme ich mich nicht –, mit denen möchte ich im Moment wirklich nicht tauschen. Ich darf das an dieser Stelle bekennen, weil sie es von mir wissen. In vielen Gesprächen damals in der kreuznacher diakonie  ging es genau darüber! Ich habe das nie verschwiegen! Ich durfte es aussprechen, denn alles andere hätten sie mir sowieso nicht geglaubt! Aber ich darf an sie denken, ich darf ihnen danken für alles, was sie mir beigebracht haben und ich darf für sie beten! Und das tue ich!

Und ich tue es natürlich auch für sie alle!

Kommt gut durch den Tag, passt auf Euch auf und bleibt gesund! Gott segne Euch!

Rüdiger Dunkel, Pfr.

 

(Stand 16. 4. 2020)

Geistlicher Impuls für den Tag

Losung und Lehrtext für Donnerstag, 16. 4. 2020

 Jesaja 5,21

Weh denen, die weise sind in ihren eigenen Augen und halten sich selbst für klug!

2. Korintherbrief 2, 12

Wir haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, damit wir wissen, was uns von Gott geschenkt ist.

 

Ein wunderbares Gefühl!

Gestern habe ich neue Gartenstühle bekommen! Online-Handel, meine erste größere Bestellung. Ich rechnete mit allen Katastrophen, mach’ ich immer! Es kam aber keine, die Stühle kamen pünktlich und unversehrt! Ich packte sie aus, stellte sie um meinen Gartentisch. Und setzte mich! Auf meinen neuen Stuhl, welch ein Gefühl!

Und dann schaute ich auf den Tisch und die anderen Stühle drum herum! Und dann tat’s wieder weh! Oder vielmehr: ich erschrak! Alle leer! Wann werden sie hier wieder sitzen, beim abendlichen Grillen, bei den Geburtstagsfeiern oder einfach mal einfach so? Meine Familie! Und wie gern hätte ich mal wieder alle meine Freunde um mich! Wie schön, wenn sie jetzt alle hier sein könnten, dachte ich! Ich stand auf und ging kurz rein, um mir ein Feierabendbier zu holen.

In meinem Haus schaute ich mich um. Und dann war da auch der andere Gedanke: Wie gut, dass jetzt niemand hier ist! Ich sah plötzlich, worüber ich bisher einfach hinweggeguckt hatte. Vieles unaufgeräumt, auf Staubtuch und Putzwasser wartend. Ausdruck von Lethargie, Einsamkeit und Traurigkeit! Dagegen werde ich morgen sofort etwas tun! Das hab’ ich mir in die eigene Hand versprochen, so kann das nicht bleiben! Ich weiß gar nicht, ob ich der einzige bin, dem es gerade so geht! Ich möchte so vieles tun, aber ich bekomme die Kurve einfach nicht! Den eigenen Antrieb behalten, den eigenen inneren Schweinehund mal überwinden – wie leicht wird das immer noch von der mittlerweile realen Unwirklichkeit blockiert.

Aber genug gegrübelt, dachte ich mir gestern am Abend. Ein Bier aus dem Kühlschrank und wieder raus in den Garten! Da saß ich dann wieder. Und trank in Gedanken das Bier auf meine Freunde! Ein Gedanke war auf einmal da. Nein, kein Gedanke, sondern ein Aphorismus eines niederrheinischen Originals, das ich kannte und vor einigen Jahren auch am Niederrhein beerdigen durfte. Art van Rheyn, neben Hanns-Dieter Hüsch das zweite niederrheinische Original, Literat und Dichter, skurriler Typ, schrieb einmal in einer seiner vielen wunderbaren Sprüchesammlungen: „Ein Haus zu bauen ist leicht! Aber versuch’ es ’mal, mit Freunden voll zu machen!“

Ich schaute auf den Tisch und die Stühle und versuchte mir vorzustellen, wen ich als Freund daran setzen würde! Was ist überhaupt ein Freund? Darüber dachte ich nach! Und wer ist es für mich geworden? Wie viele könnten Sie jetzt nennen? Und ich meine nicht, die vielen Bekannten, die man hat, Menschen mit denen man auch gern zusammen ist. Nein, ich meine diejenigen, die Sie um zwei Uhr nachts anrufen könnten, um ihnen zu sagen: „Du, ich brauche dich! Komm bitte!“ Und kurz darauf wären sie da! Ich meine diejenigen, die nicht gleich wegrennen, wenn es einmal schlecht geht, sondern bleiben, trösten, aushalten, Gott und seine Nähe ganz unaufdringlich spürbar werden lassen. Durch einfache Gesten, durch wenige Worte und durch offene Arme. Ich glaube, da bleiben dann gar nicht so viele. Jedenfalls nicht bei mir! Dachte ich! Wen hätte ich gestern gern an meinen Gartentisch gesetzt, um gemeinsam in den Himmel zu schauen? Wie wunderbar! Da waren ja doch einige.

Mein Doppelpartner in meiner Tischtennismannschaft! Nach 26 Jahren Pause spielen wir wieder gemeinsam. Er ist älter als ich und von Krankheit gezeichnet. Aber damals wie heute bewundere ich seine Freundlichkeit, seinen Ehrgeiz, einfach seinen Sportsgeist. Ein wirkliches Vorbild und ein richtig guter Freund!

Ich denke an ein altes Ehepaar. Sie laden mich oft zum gemeinsamen Essen ein. Sie kocht, und es schmeckt wie bei meiner Mutter. Und mit ihm rede ich wie mit meinem Vater! Die beiden sind mir zu einem kleinen Stückchen Heimat geworden. Und da ist die gleiche Freude, wenn sie mich sehen – und ich sie – wie sie bei meinen Eltern war und ist. Wir verbrachten alle zusammen sogar einmal vor vielen Jahren einen geradezu legendären Abend zusammen. Aber über den decke ich jetzt geflissentlich das Mäntelchen des Schweigens! Ist besser so!

Da war ein wunderbarer Mensch, der alte Bäcker unseres Ortes! Der, der so sehr an der Krankheit seiner Frau und ihrem späteren Tod litt und der jetzt wieder mit ihr zusammen vereint ist. Wie weh es tut mir heute und wohl in Zukunft, wenn ich an ihn denke, weil ich ihn einfach vermisse! Unsere gemeinsamen Stunden, Herzensgeschenke! Für ihn und für mich! Ich habe ihm Lieder gesungen und ihm ein Kapitel in meinem Buch gewidmet. Für mich ein Weg, einen Menschen für mich selbst unvergesslich zu machen!

Da sind zwei Menschen in dem Ort „meiner“ Kirchengemeinde, die müssten auch an meinen Tisch. Wie oft haben sie mir helfen können, einfach weil sie da waren. Sie tun einfach gut!

Dann könnte ich meine ganze Schulklasse vom Theodor-Heuss-Jungengymnasium in meiner Heimatstadt  an meinen Tisch setzen, egal wen! Verschworene Gemeinschaft, neun Jahre gemeinsam auf dem Gymnasium, seitdem Freunde bis heute – seit nunmehr ingesamt 53 Jahren! Bei meinem letzten runden Geburtstag vor zwei Jahren waren sie alle da, zwei Tage lang! Und wir waren alle wieder jung – wieder die alten Geschichten, wieder vertrautes Gewitzel! Herrlich!

Und einer fehlt noch an meinem Tisch! Einer darf nicht fehlen! Mein bester Freund! Seit fast 62 Jahren! Es ist mein Vater! Mitte achtzig und stark in seinen Möglichkeiten eingeschränkt! Aber nichts und niemand könnte ihn aufhalten, sofort zu kommen, wenn es nötig wäre. Und das ist keine Einbahnstraße! Ich würde es ebenso anders herum machen!

Mit all diesen Gedanken saß ich gestern am Abend in meinem Garten. Und irgendwie waren sie plötzlich alle da! Es tat so gut! Es ist ein wunderbares Gefühl, Freunde zu haben! Und mir fiel auf, was sie alle – so unterschiedlich sie auch sind – gemeinsam haben. Es ist ihre Verlässlichkeit! Es ist ihre Treue! Es ist ihre Herzlichkeit, in guten wie in schwierigen Zeiten! Das alles ist so kostbar! Auch die Bibel redet davon, wenn sie uns im Buch der Sprüche daran erinnert: Die Herzlichkeit eines Freundes erfreut mehr als duftendes Holz!“(Sprüche 27,9)

Ja, stimmt! Holz rieche ich schon gerne! Im Wald, oder auch frisch geschlagen! Aber es gibt eben auch Menschen, Freunde, die kann ich noch mehr und viel lieber richtig gut riechen!

Wen setzen Sie heute ’mal – zumindest gedanklich und herzlich –  an Ihren Garten- oder Wohnzimmertisch? Welche Freunde begleiten Sie, auch wenn Sie jetzt vielleicht nicht da sein können? Grüßen Sie sie herzlich!

Kommt gut durch den Tag, passt auf Euch auf und bleibt gesund! Gott segne Euch!

Rüdiger Dunkel, Pfr.

 

(Stand 15. 4. 2020)

Geistlicher Impuls für den Tag

Losung und Lehrtext für Mittwoch, 15. 4. 2020

5. Mose 2,7

Der HERR, dein Gott, ist bei dir gewesen. An nichts hast du Mangel gehabt.

2. Korintherbrief 6,4.10

„Paulus schreibt: In allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Bedrängnissen, in Nöten, in Ängsten; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben.“

 

Was hilft? Was trägt?

Ach Paulus! Ich könnte gerade meinen, ihr hättet bei euch damals auch gerade unter dem Coronavirus gelitten! Oder anders herum! Ich könnte gerade meinen, du ziehst mit einem Plakat und einem Lautsprecher durch unsere Straßen, damit wir lesen und hören können, was du auf ein Plakat geschrieben vor dir herträgst und uns zurufst: „In allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Bedrängnissen, in Nöten, in Ängsten; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben.“ Es wär’ vielleicht gar nicht so schlecht, wenn du es tätest!

Du erinnerst uns damit nämlich daran, geduldig zu bleiben, obwohl Ungeduld in uns zu wachsen beginnt! Du schaust auf unsere Bedrängnisse, Nöte und Ängste und weißt wohl, wie das alles an uns zu zehren beginnt! Du schreibst sogar davon, dass wir jetzt vieles wohl nicht machen können, was wir jetzt gern täten; aber auch davon, dass es immer noch etwas gibt, was wir mit anderen teilen können. Ein gutes Wort! Ein paar Gedanken! Zeit am Telefon! Und die ganz Mutigen unter uns würden vielleicht sogar Hefe, Mehl und Toilettenpapier teilen! Kleiner Scherz, aber der musste gerade ’mal sein!

Wir sind die, so schreibst du es, die nichts haben und doch alles haben! Stimmt, manche von uns hocken da und verlieren gerade viel von dem, was sie sicher glaubten! Und ich denke dabei sowohl an die Angst um den Arbeitsplatz oder das mühsam Ersparte, das nun als Reserve dienen muss und so ganz anders verplant war. Ich denke aber auch an das, was wir selbst bei uns für so sicher glaubten. Da halten die einen ihre Gesundheit für sicher, weil sie ja so viel Sport treiben! Da vertrauen andere auf ihr gesundes Selbstbewusstsein, das sie bisher noch aus jeder unangenehmen Lage herausgeführt hat! Und einige hielten bisher sogar ihren eigenen Glauben für unerschütterlich! Und gemeinsam merken wir alle gerade, wie sehr wir mehr und mehr an unsere eigenen Reserven gehen müssen. Die Gespräche, die ich meist am Telefon in diesen Tagen führe, werden ernsthafter. Offene Fragen lösen mehr und mehr die Witzeleien ab. Wie lange noch? Wenn jetzt alles gelockert wird, was dann? Hab’ ich dann umsonst die ganze Zeit zu Hause gesessen? Werde ich meine Kinder und Enkel jemals wieder ohne Angst umarmen können? Ich bemerke in diesen Gesprächen, die auch für mich selbst so oft ein kleines Trostpflästerchen sind – obwohl sie genau anders herum gedacht waren –, dann oft zweierlei. Und beides tut uns, finde ich, allen gut.

Zum einen haben wir wieder begonnen, darüber nachzudenken, was uns wirklich fehlt oder was im Leben wirklich wichtig ist. Waren es in den ersten Tagen unserer „Hauszeit“ oft noch die großen Pläne und Wünsche darüber, was wir dann alles wieder machen, wenn wir wieder alles können, merke ich, wie sehr sensibel Menschen gerade auch wieder dafür sind, was eben wirklich im eigenen Leben zählt. Es ist die Nähe zu anderen, die wir lieben! Es sind die Gesten der Zärtlichkeit, die uns manchmal jetzt fehlen. „Einfach mal wieder die ganze Familie um mich haben, dann sind wir vier Generationen!“ das war der Wunsch eines alten über 90jährigen Menschen am Telefon. Einfach wieder an die Einsamkeit die drei Buchstaben „G e m“ wieder vorne dran hängen, damit wir wieder die Gemeinsamkeit leben können. Ja, die Wünsche, die ich höre haben wieder mit dem Nächsten, haben wieder mit dem Menschen, haben mit dir und mir zu tun. Werden wir uns das bewusst bewahren und neu leben können? Ich bete dafür!

Und da ist noch das andere. Ich höre, wie Menschen wieder danach fragen, was ihnen durch diese schwere Zeit hilft. Menschen fragen danach, was sie selbst trägt. Oft höre ich in diesen Tagen geradezu Glaubensbekenntnisse am Telefon. Und ich bin dann zutiefst gerührt und unendlich dankbar, wie viel ich von meist alten Menschen lernen darf! Ich höre geradezu, wie der liebe Gott durch einen anderen zu mir spricht! Und ich wünsche Ihnen auch, dass sie solche Gespräche führen und hören, wie gut Ihnen ein anderer Mensch tun kann; oder sie ihm! Auch so – und natürlich auf viele andere Arten – erweisen wir uns nämlich als das, wovon Paulus ganz am Anfang spricht, als Dienerinnen und Diener Gottes! Wir alle können gerade viel mehr tun als nichts! Davon bin ich zutiefst überzeugt!

Schön finde ich es auch, wenn ich höre, dass es fast in jedem Leben Momente der Erinnerung gibt, die dazu helfen können, wieder neue Kraft, neuen Mut zu schöpfen. Und da bin ich dann auch selbst ganz bei mir. Das kenne ich auch!

Gestern am Geburtstag meiner jüngsten Tochter, den ich nicht mit ihr zusammen feiern konnte, lief vor meinem inneren Auge ein ganzer Film ab. Mit geschlossenen Augen ging ich mit ihr noch einmal ganz verschiedene Wege unseres gemeinsamen Lebens nach. Und es machte mich nicht traurig, sondern Schritt für Schritt fröhlicher! Bis ich sie in ihrer Wohnung in der großen Domstadt am Rhein sicher mit ihrem Lebenspartner bei einer virtuellen Geburtstagsparty über den Computer mit all ihren Freundinnen und Freunden geborgen wusste! Wunderbar!

Gestern habe ich dann auch meinen Aufenthalt in Taizé im Mai endgültig abgesagt. In diesem Moment gestern starb die Hoffnung wirklich zuletzt! Ich hätte heulen können! Aber dann erinnerte ich mich an eine wunderbare Woche – und davon gab es viele, gerade auch in den letzten Jahren –, die ich dort einmal mit meinem Vater und meinem Sohn verbringen durfte, unsere erste und einzige „Dreigenerationentaizéwoche“! Es kamen noch so viele Erinnerungen dazu, die meine ganze Dankbarkeit wieder neu aufleben ließen für all das Wunderbare, das mir dieser Ort mit den vielen lieben Menschen, die ich dorthin mitnehme oder auf die ich dort treffe, schon seit 1969 schenkt! Meine geistliche Heimat! „Taizé, du kleiner Frühling!“ wie Papst Johannes Paul II. es einmal sagte. Und all die gestrigen Erinnerungen wandelten meine Trauer in Vorfreude. Taizé, wir sehen uns wieder! Und dann bete und atme ich ganz neu in dir! Ich freu’ mich drauf!

Und ein letztes trägt mich durch diese Zeit. Es ist die Erinnerung an das Sterben meiner Mutter! Auch wenn es jetzt vielleicht ein wenig düster klingt! Ist es aber nicht! Ich durfte fünf Tage ihre Hand halten, bis wir uns dann loslassen mussten. Oder besser: endlich durften! Je länger es dauerte, um so liebevoller hielt Gott uns beide im Arm. Sowohl meine Mutter – ich bin ganz sicher –  und auch ich durften genau das spüren. Gott geht alle Wege mit! Er tut es im Leben! Er tut es im Sterben! Gott ist da! Welche Momenten welche Erinnerungen Ihres Lebens helfen Ihnen nun durch diese Zeit, tragen und ermutigen Sie? Da gibt es bestimmt einige!

Mir hilft in diesen Tagen die eigene Erfahrung, die ich bei der Begleitung meiner sterbenden Mutter machen durfte, wenn ich jetzt immer wieder einen Satz höre und lese, der in den Nachrichten und in der Presse so ähnlich klingt: „Gestern nur 224 Tote! Es geht zurück – ein Zeichen der Entspannung!“

Ich werde niemals einen solchen Satz als eine gute Nachricht annehmen. Niemals! Guter Gott, bewahre mich davor! Denn hinter jedem einzelnen in der genannten Zahl steckt ein anderer Mensch, eine andere Familie, die nun irgendwo sitzen und trauern! Die meisten konnten noch nicht einmal bei ihrer Beerdigung dabei sein! Und jedem einzelnen Menschen – allen Verstorbenen, allen Trauernden – und natürlich auch uns allen wünsche ich deshalb diese Erfahrung: Gott ist da! Er trägt! Er heilt! Er liebt! Gott ist immer da! Vertraut!

Kommt gut durch den Tag, passt auf Euch auf und bleibt gesund! Gott segne Euch!

Rüdiger Dunkel, Pfr.

 

(Stand 14. 4. 2020)

Geistlicher Impuls für den Tag

Losung und Lehrtext für Dienstag, 14. 4. 2020

 Jesaja 51,5

Meine Gerechtigkeit ist nahe, mein Heil tritt hervor, und meine Arme werden die Völker richten.

  1. Petrusbrief 1,3

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.

 

Heute küsse ich vielleicht den Bildschirm!

Heute ist wieder so ein Tag! Heute tut es einfach nur weh! Meine jüngste Tochter hat Geburtstag! Verbringt diesen Tag bei sich in einer großen rheinischen Domstadt! Und ich kann sie nicht in den Arm nehmen, kann sie nicht sehen! Höchstens durch das Internet am Bildschirm. Aber das kann eine Umarmung nicht ersetzen! Das kann die Nähe nicht ersetzen, die ein Mensch an solch einem Tag – und an jedem anderen natürlich auch – verdient! Und vielleicht ist es einigen von Ihnen ja in diesen letzten Wochen und Tagen auch so ergangen. Sie konnten zum Geburtstag, zu den Festtagen nicht bei denen sein, denen Ihre Liebe gilt. Oder anders herum! Sie hatten ja vielleicht selbst Ihren Geburtstag, einen Hochzeitstag, ein Familienjubiläum und konnten diejenigen auch nicht um sie haben, die sie lieben und von denen Sie geliebt werden!

Heute spüre ich am eigenen Leib, im eigenen Herzen, wie weh so etwas tut! Und für einen kleinen Moment habe ich die Augen geschlossen und geträumt, sie wären alle noch hier, kämen wieder die Treppe runtergerannt, hätte ihre Spaghetti zum Mittagessen eingefordert! Wir hätten am Tisch gesessen, sie hätten von der Schule erzählt! Ist aber alles so nicht mehr! Schon lange nicht mehr!

Sie sind längst erwachsen und in ihren Berufen, leben ihr ganz anderes und eigenes Leben. In unserem Haus haben sie alle noch ihr Zimmer. Manche Ecken sehen heute noch so aus, als kämen sie gleich wieder! Warum schaffe ich es eigentlich nicht umzuräumen, wegzuräumen? Keine Ahnung! Nein stimmt nicht, natürlich habe ich eine Ahnung, aber die behalte ich an dieser Stelle einfach einmal für mich! Aber auch hierbei bin ich ja nicht der einzige, der das kennt!

Erinnern sich einige, die es jetzt hier lesen, eigentlich noch daran, wie es bei ihnen selbst war, als die Kinder auszogen? Dieser Moment, in dem die Tür ins Schloss fiel und da plötzlich der Gedanke war: „So, jetzt sind sie weg!“ Ich habe diese Zeit in sehr tiefer Erinnerung. An anderer Stelle habe ich einmal darüber geschrieben und darüber mein Herz geöffnet! Ich weiß noch gut, wie ich mich in diesen Momenten damals  gefragt habe, ob ich Ihnen allen mitgeben konnte, was sie für ihren eigenen Weg brauchen. Sind sie stark genug für ihr eigenes Leben? Habe ich genug geliebt? Werden Sie es auch allein schaffen? Es tat mit immer unendlich leid, als sie so nach und nach das Zuhause verließen. Aber ganz ehrlich, ein bisschen stolz auf sie war ich auch immer! Denn sie hatten alle ihren Plan! Und ich weiß heute aus Gesprächen mit Familien und durch die Begleitung einiger Familien, dass das nicht immer so ist und für manche Menschen auch ein harter Schnitt sein kann!

Heute an diesem Tag spüre ich, wie mich das sogar selbst trösten kann, was ich vielen Eltern bei der Taufe ihrer Kinder ins Herz sprechen möchte. Ein Beter im 127. Psalm spricht es in einem ganz einfachen Satz aus, wenn er sagt: „Kinder sind eine Gabe des Herrn, ein Geschenk!“ (Psalm 127,3) In all meine Sorge um meine Kinder, in all meiner Traurigkeit darüber, dass ich meine Geburtstagstochter heute nicht umarmen kann, möchte mich der Beter im Psalm aber auch erinnern. Er erinnert mich daran, dass ich beschenkt bin! Und dass ich dieses Geschenk schon so lange genießen darf! Lange Zeit ganz aus der Nähe! Und nun eben aus der Ferne! Und wenn wir unsere Kinder so als Gabe Gottes verstehen, respektieren und sie auch so begleiten, dann dürfen wir gewiss sein, dass sie eben niemals allein sind! Egal wo!  Der, der sie uns schenkte, geht auch dort mit, wo wir nicht mitgehen können. Dort, wo wir heute vielleicht gerade nicht sein können, obwohl wir es gern wären! Gott ist immer da! Auch bei unseren Kindern!

Während ich dieses alles hier niederschreibe, merke ich, wie sehr sich jetzt auch alles schon gedreht hat und immer noch dreht! Meine erste Sorge galt immer meinen Kindern! Darin unterscheide ich mich wieder nicht viel von einigen, die jetzt hier mitlesen! Aber nicht erst seit diesen Tagen, in denen ich hier daheim sitze – weil ich mittlerweile auch durch Vorerkrankungen und Lebensalter auf einmal zu einer Risikogruppe gehöre –  nein, schon seit einiger Zeit spüre ich es anders herum. Sie sorgen sich um mich! Sie fragen nach, wie es mir geht. Sie fragen, ob etwas fehlt. Ihre Besuche erlebe ich als kostbare Geschenke, auf die ich aus Liebe in dieser Zeit einfach einmal verzichte. Und es ist nicht einfach zuzugeben! Durch ihr Fachwissen, das sie sich auf ihren Arbeitsgebieten mittlerweile angeeignet haben, kennen sie sich in vielen Dingen einfach besser aus. Und natürlich nehme ich ihren Rat gerne an. Auch wenn ich mir das manchmal wohl nicht anmerken lasse!

Aber ich weiß, so wie ich an sie, so denken sie auch an mich! Und ich wünsche allen Menschen, dass es ihnen auch so geht! Und diejenigen, von denen ich weiß, dass es leider nicht so ist, die schließe ich in mein Gebet mit ein und vertraue sie Gott an! Denn er kann viel besser, vor allem unverbrüchlicher lieben als ich!

So, dann werde ich es heute eben anders machen müssen! Mein Geburtstagslied über den Bildschirm zu meiner Jüngsten in ihre Wohnung in der großen Stadt am Rhein singen und dann eben einen Kuss auf die Kamera des Bildschirms drücken! Nur umarmen – umarmen werde ich den Bildschirm nicht. Das spare ich mir auf! Natürlich auch den Kuss! Bis zu dem Tag, an dem wir uns wiedersehen! Aber dann!

Übrigens: Sollten Sie in diesen Tagen Geburtstag gehabt haben, herzlichen Glückwunsch nachträglich! Sollte er noch kommen und wir alle noch unter diesen Bedingungen leben, dann denken Sie bitte jetzt schon dran. Niemand von uns ist allein, niemand! Gott ist immer da! Und feiert mit!

So, Töchterchen, herzlichen Glückwunsch! Papa denkt an dich!

Kommt gut durch den Tag, passt auf Euch auf und bleibt gesund! Gott segne Euch!

Rüdiger Dunkel, Pfr.

 

(Stand 11. 4. 2020)

Geistlicher Impuls für den Tag

Losung und Lehrtext für Samstag, 11. 4. 2020

 Jeremia 14,7

Ach, HERR, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen!

1. Petrusbrief 2,24

Christus hat unsre Sünden selbst hinaufgetragen an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben.

 

Heute ist Ruhetag!

Was kann ich mich manchmal aufregen! Wenn z. B. Leute einfach vor dem Gemeindehaus und der Kirche auf einem unserer drei Parkplätze parken, ihr Auto abschließen und dann einfach weggehen! Oder wenn ich mich mit dem besten Hausmeister der Welt um 9.00 Uhr zum Aufstellen der Bänke in unserer Waldkirche verabrede, weil dort im Sommer um 10 Uhr der Gottesdienst beginnt. Dann komme ich um 9.00 Uhr, und er sitzt lächelnd in einer schon wunderbar eingerichteten Waldkirche: „Och, ich hab einfach schon mal angefangen!“  Dann rege ich mich auf, aber nur weil ich vorher schon gewusst habe, dass es so kommt und nicht einfach auch schon früher oben gewesen bin!

Und wie bewundere ich manchmal Menschen! Küsterinnen zum Beispiel! Ist Ihnen vielleicht auch schon einmal aufgefallen, dass das offensichtlich ein ganz eigener Typ Mensch ist.  Bei diesem Typ Mensch scheint das Herz irgendwie viel größer zu sein als bei mir und vielen anderen! Ich bin  – bei meinen nun 29 Jahren als Pfarrer in Winzenheim – schon bei einigen dieser wunderbaren Menschen in die Lehre gegangen! Deshalb ist oft einer meiner Lieblingssätze, wenn mich jemand nach irgendetwas fragt: „Oh, da müssen Sie die Küsterin fragen, ich bin hier nur der Pfarrer!“ Und ganz ehrlich, viele Menschen meinen dann immer, ich würde einen Scherz machen und lachen dann! Aber bei den meisten Fragen zu Gemeindehaus oder Terminen habe ich wirklich keine Ahnung und dieser Satz stimmt absolut!

Heute hätte ich unsere Küsterin wieder gesehen. Bis in den Abend hinein hätte sie heute das Gemeindehaus wunderschön für das morgige Osterfrühstück vorbereitet. Mit kleinen Schokoeiern, bunten Körbchen und vielem anderen mehr. Und am morgigen Ostermorgen wäre sie schon gegen 5 Uhr wieder da gewesen, hätte alles frisch zubereitet. Dann hätten wir eine Osternacht nach der Liturgie des Klosters von Taizé gefeiert, den Sonnenaufgang bestaunt und dann endlich gefrühstückt. Zuerst all die vielen, die bei der Osternachtsfeier dabei gewesen wären. Später wären dann andere dazugekommen, um erst danach dann in den Gottesdienst um 10 Uhr zu gehen! Menschen aus anderen Orten wären extra für diesen Ostermorgen in die Gemeinde gekommen, unsere einzige Begegnung manchmal im ganzen Jahr! Ein gemeinsames Frühstück zwischen dem Loben Gottes! Wunderbar! Und ich hätte wieder mein besonderes Osterei bekommen! Seit vielen Jahren drückt es mir jemand beim Hereingehen in die Kirche vor dem Gottesdienst immer in die Hand! Wenn ich ihn die Treppe hinaufkommen sehe, strecke ich immer schon lachend die Hand aus. Er lacht zurück und gibt es mir! Und da wäre ich dem Freund begegnet, der so oft zum Gottesdienst kommt. An diesem Morgen hätten wir uns wieder kräftig die Hände gedrückt. „Der Herr ist auferstanden!“, hätte er gesagt. Und ich hätte natürlich geantwortet: „Er ist wahrhaftig auferstanden!“

HÄTTE…! WÄRE…! WENN…! – ICH WILL MEIN ALTES LEBEN WIEDERHABEN!

So dieser Klageruf musste jetzt einfach einmal raus! Ich will es wiederhaben mit all seinen Aufgeregtheiten! Mit all den wunderbaren Menschen! Ich will wieder feiern! Mit anderen Menschen lachen! Aber im Moment möchte ich einfach auch meine ganze Klage vor Gott bringen! Ich klage, und dann merke ich auf einmal, wie ich da vor dem Kreuz stehe! Auf dem Hügel von Golgatha! Andere stehen da wie ich! Und wir schauen gemeinsam auf dieses Kreuz! Gestern als er starb, war unser Schrecken groß! Und auch heute – nur einen Tag danach –  erschrecken wir genau wieder so! Das Kreuz ist leer! Man hat ihn abgenommen. Er ist weg! Das Kreuz ist leer! Genau wie in mir! Alles leer! Und wie bei den Menschen im Sicherheitsabstand neben mir! Unser Schrecken ist groß! Nun ist er weg, wir sind von Gott und seinem Sohn verlassen!

Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie viele Menschen in so vielen Ländern dieser Erde nun heute auch an diesem nur schwer auszuhaltenden Gedanken zu tragen haben!  Mit all diesen Menschen, mit den Menschen in „meiner“ Gemeinde und in den vielen anderen, mit meinen Freundinnen und Freunden in vielen Ländern dieser Erde, vor allem aber mit den Menschen, die ich liebe und die mich lieben, stehe ich vor dem Kreuz; ich habe sie alle mitgebracht. Und mit ihnen schaue ich es an!

Ich schaue es an und auf einmal erinnere ich mich. Ja es ist so, als sähe ich den, der dort gestern noch hing. Und ich höre ihn reden. Höre ihn deutlich reden! Erinnere mich an seine Worte. Er hatte es doch gesagt, mehrmals gesagt. Und ich ahne nun auch, warum die Jünger immer weggehört hatten, wenn er sagte: „Der Menschensohn wird überantwortet werden in die Hände der Menschen und sie werden ihn töten, und am dritten Tag wird er auferstehen.“ (Matthäusevangelium 17,22+23)

Das muss zu Lebzeiten eine schreckliche Vorstellung für sie gewesen sein. Dann doch wirklich lieber weghören, verdrängen! Und ganz kurz stelle ich mir vor, im Januar hätte jemand zu mir gesagt: „Nur noch zwei Monate, dann bleibt ihr alle, das ganze Land, fast die ganze Erde zu Hause! Ihr werdet euch vorläufig nicht mehr sehen! Eure Urlaube könnt ihr vergessen! Und manche Kinder und Jugendliche werden sich sogar dann wieder nach der Schule sehnen!“ Hätte mir das jemand noch im Januar gesagt, ich hätte ihn gütig angelächelt und ihm diese Phantastereien großzügig vergeben!

Ja, ich kann es verstehen – das Verdrängen der Jünger! Ich kann das nämlich auch sehr gut! Aber jetzt da unter dem Kreuz höre ich die Worte Jesu wieder und wieder! „Der Menschensohn wird überantwortet werden in die Hände der Menschen und sie werden ihn töten, und am dritten Tag wird er auferstehen“. Ich höre diese, aber ihr Klang hat sich verändert. Ich habe sonst immer nur den Tod gehört, habe immer nur den Tod gehört! Aber …! Genau, aber er hat doch noch mehr gesagt. Entscheidendes mehr! „Und am dritten Tag wird er auferstehen!“ Ich schließe meine Augen. Und in all meiner Klage an diesem Karsamstag, in all meinem Erschrecken über Jesu Tod, in all dem Horror, der mich und uns alle gerade umgibt – beginne ich zu zählen. „Am dritten Tag“ – eins, zwei … morgen! Drei ist morgen!

Ich schaue auf das Kreuz. Ja, es ist leer! Jemand hatte für ein Grab gesorgt. Es ist der Todestag Jesu, heute ist sein Ruhetag! Er sei ihm gegönnt nach all dem Schmerz, nach all dem Leid! Und deshalb werde auch ich heute still. Jesus teilt alles mit mir. So teile ich heute auch mit ihm! Wenn es sein muss auch die Stille!

Aber morgen, morgen beginnt sein Werk wieder neu! Morgen, am dritten Tag! Er lebt! Und ich mit ihm. Sein Leiden hat er überwunden. Und dann schaut er neu auf jede und jeden von uns! Geht mit in unser Leid, geht mit uns durch diese Zeit und führt uns heraus! In ein neues Leben! In ein vielleicht sogar anderes! Niemanden von uns, niemanden lässt er im Leid zurück! Morgen schon, am Ostermorgen, stehen wir mit ihm auf! Weil er für uns und mit uns aufersteht! Morgen lassen wir es Ostern in uns werden! Wir stehen auf, weil wir wissen, der auferstandene Christus steht neben uns und schaut mit uns nach vorn! Wir werden alle leider nicht am dritten Tag am Ziel sein! Aber wir werden es erreichen, auch wenn es länger dauert! Und dann – dann… ich weiß gar nicht, was ich dann als erstes mache!

Aber was ich jetzt mache, das weiß ich! Heute lege ich meine ganze Klage vor das Kreuz! Damit morgen Platz ist! Für Ostern! Für meine Freude in allem Leide! Und teile mit Jesus seine Ruhe, ruhe mich mit ihm aus!

Liebe Schwestern und Brüder! Lasst uns heute in uns selbst Raum schaffen, damit Christus in uns wohnen kann! Denn spätestens morgen will er bei uns neu einziehen! Virus hin oder her! Euch einen gesegneten Karsamstag und dann auch frohe Ostern!

Kommt gut durch den Tag, passt auf Euch auf und bleibt gesund! Gott segne Euch!

Rüdiger Dunkel, Pfr.

 

(Stand 8. 4. 2020)

Geistlicher Impuls für den Tag

Losung und Lehrtext für Mittwoch, 8. 4. 2020

 Psalm 51,14

Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe, und mit einem willigen Geist rüste mich aus.

Johannesevangelium 16,20

Eure Traurigkeit soll zur Freude werden.

 

Ich brauche meine Rituale!

Gibt es für Sie eigentlich in der Woche feste Rituale? Zeiten, in denen sie nicht zu sprechen sind? Zeiten, in denen alles andere einfach einmal ruhen muss? Zeiten, die Sie ganz für sich haben und haben wollen? Wir Menschen sind so verschieden! Die einen finden solche Zeiten in Fitnessstudios oder auch beim Laufen durch wunderbare Landschaften in unserer Nähe! Für andere sind es vielleicht Fahrten auf dem Motorrad, bei der sie sich auf eines, nämlich den Verkehr, zu konzentrieren haben, und alles andere ist dann so weit weg! Da ist das Training im Sportverein, bei dem ich mich so richtig abreagieren kann. Bei einem für mich ganz besonderen Menschen, dessen Namen ich an dieser Stelle natürlich nicht verraten werde, ist es eine Fernsehserie – „Der Bergdoktor“. Rufe ich an, wenn dieser gutaussehende, immer gefasst bleibende und unerschütterlich freundliche Doktor in den Tiroler Bergen gerade den Menschen dort ihre Wehwehchen heilt, dann ist das Gespräch oft sehr kurz: „Nicht jetzt! Ich ruf’ zurück!“ Und klick!

Ich glaube, wir Menschen brauchen solche Rituale. Und ich glaube, jede und jeder von uns hat auch solche. Nur vielleicht im Moment nicht! Denn sind sie oft mit einem Ortswechsel verbunden. Dann sind auch vielleicht andere Menschen irgendwie daran beteiligt. Da braucht es andere Räume und Voraussetzungen. Vieles davon kann ich eben gerade nicht voraussetzen, sondern muss schlichtweg einfach selbst  aussetzen!

Heute ist Mittwoch! Heute ist mein „Ritualtag“! Und nicht nur für mich. Ich denke an eine ganz wunderbare Frau. Wenn ich sie sehe, habe ich immer einen Psalmvers in Kopf und Herz, den viele von Ihnen bestimmt auch kennen: „Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen!“ (Psalm 91,11)

Ich zähle diese Frau zu Gottes treuesten Engeln hier auf Erden. Sie strahlt eine Güte aus, die mich lächeln lässt. Ich habe ihr so viel zu danken. An meinen schwärzesten Tagen war sie auf einmal immer da. Ganz unaufdringlich, irgendwie einfach so! Und hat geholfen, weil sie einfach nur Anteil nahm. Unvergessen! Auch heute fragt sie bei jedem Treffen, ob es meiner Frau und mir gut geht, was die Kinder – allesamt längst erwachsen – machen. Und fügt dann als letzten Satz immer an: „Ich denke ganz oft an euch alle und bete abends für euch!“

Und ich bin nicht der einzige, dem sie so begegnet! Ganz viele Menschen denken an Sie so wie ich. Mittlerweile ist sie 95 Jahre alt, lebte lange in unserer Gemeinde. Heute lebt sie in einer Einrichtung, in der für sie manche Hilfeleistung einfach näher ist. Wo wir gerade dabei sind, kennen Sie nicht auch solche Menschen, die Ihnen zu Engeln geworden sind? Oder eine noch kühnere Frage: Wem sind Sie eigentlich schon so zum Engel geworden?

Aber an jedem Mittwoch ist „Ritualtag“ für diese alte Frau. Und auch meiner, unser gemeinsamer! Heute Abend würden wir in unserer Kellerkirche im Gemeindehaus mit einigen anderen unser wöchentliches Taizé-Abendgebet miteinander feiern. Eine Familie aus Bad Kreuznach nimmt sie immer mit, sie geht noch ganz allein die Treppe in den Keller runter und wieder rauf. Und wenn sie einmal nicht mitgenommen werden kann, dann höre ich, wenn ich schon im Keller sitze, immer ein Taxi vor dem Gemeindehaus halten. Kurze Zeit später geht die Kellerkirchentür auf, und da steht sie und lächelt. Und dann beten und singen wir! Und das seit nunmehr 29 Jahren! Fast jeden Mittwoch! Nur eben jetzt nicht! In den vergangenen Wochen und heute und auch in den kommenden Wochen, werde ich ihren Abschiedssatz vermissen, bevor einer von uns sie dann nach Hause fährt: „Ich habe mich so auf diesen Abend gefreut! Das ist meine Tankstelle! Bis zum nächsten Mittwoch!“

Mir tut es in der Seele weh (und ich glaube beim Schreiben dieser Zeilen ist gerade ein kleines Tränchen auf die Tastatur getropft, für das ich mich kein bisschen schäme!), wenn ich weiß, dass sie nun allein im Zimmer sitzt und ihr genau das nun gerade genommen ist, was sie so sehr liebt. Uns geht es ja nicht anders! Deshalb werden es viele von Ihnen auch verstehen können.

Was fehlt eigentlich Ihnen gerade am meisten? Auf welches Ritual freuen Sie sich, wenn es irgendwann wieder losgeht, unser normales Leben, das uns dann erst einmal so ganz und gar unnormal erscheinen wird? Was raubt Ihnen zur Zeit den Schlaf, wenn die Frage  hin und her gewälzt wird, ob alles wieder so wird wie noch vor ein paar Wochen? Und ob es vor allem mit denen, die immer dabei waren, wieder so wird?

Ja ich mache mir Sorgen um viele Menschen. Und ich denke, das teile ich mit Ihnen.

Ich sorge mich z.B. um diese alte Frau, meinen Engel. Wie wird sie die Zeit überstehen in ihrem kleinen Appartement? So ganz allein? Und während ich das denke und schreibe, stellt Gott sie geradezu vor mich. Ich sehe ihr Lächeln und höre wie sie meine Frage beantwortet: „Wie ich diese Zeit überstehe? Natürlich in Gottes Hand! Und wie ein Beter im Alten Testament, der einmal gesagt hat: Ich liege und schlafe ganz mit Frieden, denn allein du, Gott, hilfst mir, dass ich sicher wohne!“ (Psalm 4,9)

Ja, so und nicht anders würde sie antworten! Und wenn ich daran denke, wie sie heute Abend allein da sitzt, dann weiß ich, was sie um 19.30 Uhr machen wird, wie an jedem Mittwoch. Sie singt, von mir getrennt und doch auch mit mir gemeinsam. Und wir werden, ohne dass wir uns abgesprochen haben, das gleiche Lied, ihr Lieblingslied, singen: „Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht! Christus, meine Zuversicht, auf dich vertrau’ ich und fürcht’ mich nicht. Auf dich vertrau’ ich und fürcht’ mich nicht!“ Sie singt es zu Hause in ihrem kleinen Appartement. Und ich werde es in der alten Kirche auf dem Friedhof in Taizé singen, einem meiner Lieblingsorte in meiner geistlichen Heimat. Genau dahin träume ich mich heute Abend hin! Denn, wie gesagt, heute ist mein „Ritualtag“! Und der muss einfach sein!

Kommen Sie gut durch den Tag, passen Sie auf sich auf und bleiben Sie gesund! Gott segne Sie!

Rüdiger Dunkel, Pfr.

 

(Stand 7. 4. 2020)

Geistlicher Impuls für den Tag

Losung und Lehrtext für Dienstag, 7. 4. 2020

 Zefanja 3,15

Der HERR, der König Israels, ist bei dir, dass du dich vor keinem Unheil mehr fürchten musst.

Markusevangelium 4,40

Jesus sprach zu den Jüngern: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?

 

Es hat sich verändert!

Gestern war wieder einer dieser so ruhigen unruhigen Tage! Allein im Haus, alle meine Lieben weiß ich zur Zeit – leider nicht von mir oder in meiner Nähe – gut versorgt und behütet, prächtiges Wetter, die Sonne lachte wolkenlos vom Himmel, ein Liegestuhl im Garten, der mir pausenlos zu flüstert: „Komm, leg dich hin! Du kannst ja sowieso nichts ändern!“ Ja, eigentlich hätte ich ein Buch nehmen können, die Füße hochlegen sollen und in aller Ruhe zu lesen beginnen können. Ging nicht! Gestern ging es einfach nicht!

Ich glaube, ich schaue einfach zu viele Nachrichtensendungen, zu viele Breaking-News und Live-Ticker. Da werden Beschränkungen gelockert, hier werden sie verlängert. In Italien ist das Schuljahr zu Ende, und es wird erst im September weitergehen! Hier überlegt man noch, kann aber nichts Genaues sagen! Da sind die Drängler, die jetzt schon wieder meinen, es höre doch langsam wieder auf, geht doch wieder! Dann höre ich wieder andere, die mir sagen, dass alles noch ganz am Anfang ist und die Mitte des Monats schlimm werden sollen!

Nein, Ruhe ging gestern irgendwie gar nicht! Obwohl – ich habe dann einfach alles einmal ausgemacht – und Ruhe war’s! Leider nur äußerlich. In mir ging es weiter hin und her! Noch nicht einmal nur innerlich. Ich stand auf, fing etwas an, hörte wieder auf. Ich setzte mich an den Schreibtisch, konnte ihn aber kurzzeitig nicht mehr sehen. Wieder auf und weg. Gartenarbeit, das wär’s doch! Zu warm! Das war die erste spontane Ausrede, die mir vor mir selber einfiel!

Um einfach mal wieder „runterzukommen“, vielleicht auch um die Stille zu durchbrechen und besonders natürlich aber auch, um der einen oder dem anderen eine kleine Freude zu machen, begann ich zu telefonieren. Mit Freunden, mit Gemeindegliedern und mit Verwandten! Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie das in diesen Tagen tun. Merken Sie auch, wie sich diese Gespräche langsam verändern!

Zu Beginn unserer Selbstisolation da gab es noch viel mehr kleine Witzchen, da wurde nach dem ersten Schreck wieder leicht daher geredet. „Da müssen wir jetzt eben durch! Das wird schon wieder! Wir haben unseren Urlaub in den Juni verschoben! Ich bin froh, wenn nach den Ferien die Schule wieder losgeht!“ Das waren die Sätze, die ich hörte. Ich kenne sie, denn einige davon sagte ich selber!

Wenn ich jetzt mit Menschen rede und ihnen zuhöre, dann höre ich ab und zu geradezu müde Stimmen. Auch die Sätze sind andere geworden. „Herr Pfarrer, wie lange wird das noch dauern! Meine Kinder fehlen mir! Hoffentlich kommen wir gesund dadurch! Ob das alles noch einmal so wird, wie es einmal war?“ Und auch diese Sätze kenne ich. Nicht selten sind sie auch meine!

Besonders berührt bin ich, wenn ich merke, wie meinem Gegenüber am Telefon die Stimme zu zittern beginnt. Ich spüre durch das Telefon, wie es Menschen immer noch nicht zulassen können, ihr Herz einmal weit aufzumachen und alles rauszulassen, was da an Sorge und Angst das Leben gerade schwer machen will. Dabei weiß der liebe Gott es sowieso, wie es mir, wie es uns wirklich geht. Zwei Verse aus dem 139. Psalm erinnern uns genau daran, wenn es dort heißt: „Herr, du erforschest mich und kennst mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne.“ (Ps 139,1+2)

Ja, das ist gut so! Vor Gott brauche ich gar nichts aussprechen. Er sieht in mich, er hört in mich hinein, hört sogar aus meinem Schweigen meine nichtgesagten Worte heraus, ja – und so habe ich es im Kloster von Taizé schon als Jugendlicher gelernt – er lebt und betet in mir! Das ist gut zu wissen. Und es ist noch besser, darauf vertrauen zu können. Es hilft zu neuem Mut. Es hilft, die Gedanken zu neu ordnen. Es hilft, den Blick nach vorn genau so wichtig zu nehmen wie die Sorgen und Ängste, die an mir ziehen und mich klein zu machen drohen!

Und wenn wir es dann noch schaffen, in all unseren Gesprächen ehrlich zu bleiben und einfach auch einmal zugeben können, wie es wirklich in uns aussieht, und wenn wir dann auch noch merken, wie gut es tut, von einem anderen Menschen ganz unverhofft ein gutes, ein mutmachendes, ein liebevolles Wort, einen Satz oder Gedanken geschenkt zu bekommen, dann wird der Psalmvers vielleicht ja auch zu einem Satz, den ich gar nicht nur zu Gott sagen kann. Er kann nämlich auch zu einem Satz werden, der den Menschen gilt, von denen ich weiß, dass sie mich lieben und ich sie. Er kann zu einem Satz werden, von dem ich weiß, dass er bei guten Freunden auch gut aufgehoben ist! Er könnte dann vielleicht so ähnlich lauten: „Du, ich merke, ich kann dir nichts vormachen! Wir beide kennen uns ja nun schon so lange und so gut! Du ahnst und weißt vielleicht sogar, wie es mir geht! Und selbst jetzt aus der Ferne denke ich an dich und du an mich! Und das tut einfach nur unglaublich gut!“

Welchen Menschen könnten Sie solch einen Gedanken schenken? Welchem Menschen könnten Sie solch einen Satz in ihren ganz eigenen Worten sagen, weil Sie wissen, er hat ihn verdient? Und wenn Ihnen nun solche Menschen in den Sinn kommen, rufen Sie sie doch einfach mal an! Und dann nur mutig, lassen Sie ihn raus! Ich finde, Sorgen teilen wir genug in diesen Tagen! Teilen wir doch auch das Liebevolle, teilen wir unsere Zuneigung! Entdecken wir doch auch in diesen Tagen, dass Gott für die Menschen sorgt, für die wir es jetzt vielleicht nicht können. Und dann wünsche ich uns allen die Kraft, sich auch einmal in aller Ruhe hinzusetzen und in diesem ganzen für so viele so schmerzhaften Szenario, in dem wir leben, auf sich selbst und Gott zu vertrauen und dabei auch die Fähigkeit behalten, den Augenblick zu genießen. Wenn es uns auch schwer fallen mag! Aber selbst das ist ein Gedanke, den Gott ja längst schon  von uns kennt!

Kommen Sie gut durch den Tag, passen Sie auf sich auf und bleiben Sie gesund! Gott segne Sie!

Rüdiger Dunkel, Pfr.

 

(Stand 6. 4. 2020)

Geistlicher Impuls für den Tag

Losung und Lehrtext für Montag, 6. 4. 2020

 Hosea 8,12

Wenn ich auch noch so viele meiner Gebote aufschreibe, so werden sie doch geachtet wie eine fremde Lehre.

Johannesevangelium 18,37

Jesus spricht: Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.

 

Ich kann nicht zum Friseur!

Meine Haare wachsen! Gestern habe ich in den Spiegel geschaut und es zum ersten Mal bewusst festgestellt! Sie werden grau und wachsen! Normalerweise ginge ich jetzt zu meiner Friseurin. „Einmal kurz bitte!“ Die grauen Haare lägen auf dem Boden und die noch eher dunklen Resthaare ließen mich wieder ein ganz, ganz kleines bisschen jünger aussehen! Meine Eitelkeit ist dann immer einen kurzen Moment hocherfreut!

Beim gestrigen Blick in den Spiegel erschrak ich. Es waren aber gar nicht die Haare! Meine Haare wurden zu einem Symbol. Zu einem Symbol dafür, dass ich, dass wir alle gerade in ganz unsicheren Zeiten leben. Die Normalität meines Alltages – sie ist weg! Nichts ist mehr verlässlich planbar – noch nicht einmal mein nächster Friseurbesuch!

Und dann war da auf einmal einer dieser Momente, in dem ich meiner Traurigkeit ein wenig mehr Raum gestattete als meiner Zuversicht. Ich sah mich nämlich an, hielt mir selbst im Spiegel stand. Eine Übung – die, die mich kennen wissen das –, die ich übrigens oft mache. Mein Lächeln, war es echt? Oder überdeckte es nur meine Sorge? Meine Augen schienen mir müde! Ich schaute auf meinen Mund. In einem leeren Haus spricht er viel weniger. Ich sang ein paar Töne und schaute mir selber zu! Ich kann es ja noch, wie schön!

Aber dann begann mein Spiegelbild mich anzulächeln, so als wollte es meine Traurigkeit wieder dort hinstellen, wo sie hingehört. Nämlich hinter meine Zuversicht!

Und dann begann mein Spiegelbild mir Geschichten zu erzählen. Geschichten aus meiner Zeit vor den Falten, die ich allmählich entdecke und vor meinen grau gewordenen Haaren. Geschichten, von Freunden, an die ich mich in diesen Tagen erinnere und mit denen ich wieder in Kontakt getreten bin. Ich erinnerte mich an Menschen, an Geschichten aus unserer Kirchengemeinde und an die vielen Dinge, die darin entstanden und gewachsen sind! Ich erinnerte mich an wunderbare Gottesdienste, die ich in „meiner“ Ev. Lukas-Kirche schon so oft feiern durfte. Da war so viel Gutes, an das mich mein Spiegelbild erinnerte. Ich wollte zurücklächeln. Aber es ging irgendwie nicht! Ich fühlte mich einfach allein und von Gott verlassen!

Ich weiß, das kennen einige auch von sich. Dieses Gefühl: „Gott sieht mich nicht! Weiß er überhaupt, wie es mir geht? Interessiert er sich für mich?“

Der Prophet Jesaja muss es in all seinem Eifer für Gott wohl auch einmal so gespürt haben. Auch er kannte seine eigenen Höhen und Tiefen. Als es ihm einmal nicht so gut ging, muss er wohl ähnlich gefragt haben. Denn Gott antwortet ihm sofort: „Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln!“ (Jes 54,7) Ja, das passte. Für Jesaja und für mich gestern. Gott hat wohl gerade viel zu tun, stellte ich mir vor. Ich werde nicht von ihm lassen! Vielleicht braucht für einen kleinen Augenblick aber ja jemand anderes seine ganze  Zuneigung viel mehr, weil es ihm oder ihr viel schlechter geht als mir. Aber was wohl Jesaja und gestern auch mir dann wie Musik in den Ohren klingelte, war der zweite Teil seiner Antwort! „Aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln!“

Ja, es wird wieder werden! Wir werden uns wieder sammeln und versammeln! Die wiedergefundenen Freunde, sie werden bleiben und wir werden uns wiedersehen. Diese vielen wunderbaren Menschen in der Kirchengemeinde, wir werden uns wiedersehen und gestärkt an Gottes Gemeinde weiterbauen, so wie wir es immer getan haben! Und die Gottesdienste in unserer Kirche! Gestern am Palmsonntag tat es mir als Pfarrer – und das meine ich jetzt genau so wie ich es hier schreibe – am ganzen Körper weh, dass ich nicht da sein durfte, wo ich so gerne bin! Wir werden wieder feiern. Der liebe Gott, der in seinem Sohn Jesus Christus am Kreuz über unserem Altar hängt und hinter dem ich in seiner Nähe so oft meinen Platz habe, er wartet auf uns! Er ist geduldig und von großer Güte! Hetzt nicht, sagt er. Haltet aus, bis es wieder möglich wird, dass ihr, ohne euch zu gefährden, wieder kommen könnt. Ich bin da, ich bleibe, ich warte. Habt Geduld! Auch wenn es mit zunehmender Zeit nicht leichter, sondern vielleicht auch noch schwieriger wird! Aber wir sehen uns wieder!

Jetzt konnte ich auch wieder lächeln, mein Spiegelbild anlächeln und mich selbst besser aushalten. Wann haben Sie sich eigentlich zum letzten Mal angeschaut? Im Spiegel angeschaut und ihrem Spiegelbild Zeit gegeben, sie an ihre Geschichte zu erinnern? Was sehen Sie, wenn Sie in den Spiegel schauen? Versuchen Sie es mal, es lohnt sich!

Und als ich dann noch einmal auf meine wachsenden Haare schaute und damit an die Veränderungen, die diese Zeit mit sich bringt, dachte, fiel mir noch ein Satz aus dem Alten Testament ein. Dort sagt jemand: Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an! (1. Sam 16,7) Genau! Egal wie lang meine Haare nun wachsen werden, Gott sieht in mein Herz. Da sind ihm meine Haare wohl ganz egal! „Richtig“, war es dann, als ob ich den lieben Gott direkt antworten hörte, „deine Haare sind mir eigentlich egal. Schließlich sehe ich in dein Herz! Aber mal ganz ehrlich, du könntest dich trotzdem ruhig mal rasieren!“

Kommen Sie gut durch den Tag, passen Sie auf sich auf und bleiben Sie gesund! Gott segne sie!

Rüdiger Dunkel, Pfr.

 

(Stand 4. 4. 2020)

Geistlicher Impuls für den Tag

Losung und Lehrtext für Samstag, 4. 4. 2020

 Psalm 115,2.3

„Warum sollen die Heiden sagen: Wo ist denn ihr Gott? Unser Gott ist im Himmel; er kann schaffen, was er will.“

Römerbrief 1,20

Gottes unsichtbares Wesen – das ist seine ewige Kraft und Gottheit – wird seit der Schöpfung der Welt, wenn man es wahrnimmt, ersehen an seinen Werken.

 Eigentlich müsste ich jetzt …

Mein Terminkalender hat mich daran erinnert: Eigentlich wäre ich heute auf unserer Konfirmandenfreizeit. Wir ziehen uns gemeinsam in eine alte Schloßruine zurück, versorgen uns selbst.! Für einen Pfarrer sind diese Tage mit den Konfi’s immer eine besondere Zeit! Es sind für mich als Pfarrer die Tage mit ganz wenig Schlaf. Es sind die Tage, bei denen ich mich den ganz lebenspraktischen Fragen einiger Konfi’s stellen muss: „Wo ist bei einem Geschirrhandtuch eigentlich vorne? Warum sehen meine Kartoffeln eigentlich immer wie kleine Würfel aus, wenn ich sie geschält habe? Wie macht man eine Tür eigentlich leise zu?“ Usw, usw…

Wir hätten viel gelacht, hätten gespielt. Wir hätten unsere Zeit miteinander geteilt, wahrscheinlich ohne daran zu denken, welch ein kostbares Geschenk die Zeit ist. Nun wissen wir es alle, wenn wir vieles in diesen Tagen eben nicht können! Vor allem aber hätten wir einen wunderbaren Gottesdienst vorbereitet. Wir hätten die Gebete geschrieben, hätten Lieder gesucht. Und jede und jeder der jungen Menschen hätte durch Mithilfe und Beratung der anderen einen biblischen Spruch gefunden, der ihn als Segenswort und Konfirmationsspruch von diesem Konfirmationstag an durch’s Leben begleitet hätte. Wie lautet eigentlich Ihrer? Oder mit welchem Bibelwort gehen Sie durch’s Leben?

Und dann hätten wir am 3. Mai 2020 zur Konfirmation ein Fest des Lebens gefeiert! Mit allem Drum und Dran! Eng gepresst in einer an diesem Tag viel zu kleinen, aber immer alle aufnehmenden Kirche! Der Winzenheimer Musikverein hätte die Konfi’s in der Kirche musikalisch empfangen. Der Gospelchor „Grenzenlos“ hätte zum Abschluss alle in der Kirche zum Klatschen, Mitsingen und Tanzen gebracht und so ins Fest der Familien übergeleitet.

Das alles hätten wir gemeinsam vorbereitet. Alle Konfirmandinnen und Konfirmanden, unsere Jugendleiterin, die bei solchen Freizeiten immer wie ein Fels in der Brandung alles so wunderbar leitet und ohne die ich – ich schreibe es einmal so, weil ich keine anderen passenden Worte finde – „echt aufgeschmissen“ wäre und mein Kollege. Wir alle gemeinsam hätten dieses Fest vorbereitet und dann  auch gefeiert. Eigentlich! Aber diese Feier fällt erst einmal aus und ist verschoben!

Und wie mich mein Terminkalender an diese Konfirmandenfreizeit erinnert, erinnert er mich durch sein ab und zu erklingendes „Pling“ an viele Termine, die ich in diesen Tagen hätte wahrnehmen dürfen und müssen. Eigentlich hätte ich Taizé-Gottesdienst gehabt! Eigentlich! Fällt aus! Eigentlich hätte ich ein Taufgespräch führen dürfen! Eigentlich! Taufe ist auf unbstimmte Zeit verschoben! Eigentlich hätte ich auch ein Traugespräch geführt! Eigentlich! Die Hochzeit ist verschoben! Eigentlich hätte ich … Eigentlich!

Und warum fallen all diese Termine aus? Na, weil es eben allesamt Termine sind, bei denen ich auf Menschen getroffen wäre, im Gemeindehaus oder bei Hausbesuchen. Ich wäre ihnen begegnet, so wie es bisher immer ganz normal war. Aber die Zeit ist eben anders in diesen Tagen! Und wir leben sie alle auch anders! Das weiß ich aus vielen Gesprächen.

Da sind die Aufräumer unter uns, die endlich mal zu Hause das tun, was lange schon dran gewesen wäre; ein Vorsatz, den ich allerdings und leider immer noch vor mir her schiebe. Da sind die, die diesen Tag einfach einmal nutzen, um sich auch wieder an Menschen zu erinnern, zu denen man länger schon keinen Kontakt mehr hatte und die sich dann über ein unverhofftes Telefonat freuen können! Da sind aber auch die, denen die Zeit lang wird. Denen das Aushalten jetzt schon von Tag zu Tag schwerer fällt und denen ich die zunehmende Einsamkeit am Telefon manchmal geradezu anhören kann! Und da sind die Macherinnen und Macher unter uns, diejenigen, die ständig unter Strom stehen und von morgens bis abends normalerweise unterwegs und geschäftig sind. Sie erlebe ich manchmal mit einem geradezu schlechten Gewissen vor sich selbst und anderen, im Moment nicht produktiv sein zu können. Ich weiß sehr gut, in welche Gruppe ich mich sofort einreihen könnte. Zu welcher gehören Sie?

Aber egal, zu welcher Gruppe Sie und ich gerade gehören, eines verbindet uns alle. Wir leben in einer vielleicht anderen Zeit, das mag sein. Aber es ist eine Zeit, die uns allen von Gott geschenkt ist und von der ein Beter in einem Psalm des Alten Testamentes ganz überzeugt sagen kann: Meine Zeit steht in deinen Händen. (Psalm 31,16)

Wir leben nicht allein, auch nicht in unseren Wohnungen und Häusern. Wir leben in Gottes Hand, die immer auch und gerade besonders eben bis in unsere Wohnung reicht! Und so getragen und behütet halten wir sie eben aus, diese eigenartige und so ganz anders unverhoffte Zeit!

Ach übrigens: Gestern hätte ich fast meine Sporttasche gepackt. Meine Tischtennismannschaft hätte gestern Abend eigentlich ein Auswärtsspiel gegen Niederhausen/Norheim gehabt. Leider nur eigentlich! Fällt ja aus. Na, bleibe ich eben zu Hause! Was sonst!

Und noch ein allerletztes zu diesem Wörtchen „eigentlich“. Kennen Sie solche Sätze von sich selbst auch: Eigentlich bin ich zufrieden! Eigentlich habe ich, was ich brauche! Eigentlich brauche wirklich ich gar keine anderen Menschen! Eigentlich kann ich gut allein sein! Lassen Sie das „Eigentlich“ doch einfach einmal weg, streichen Sie es. Dann können Sie nämlich das Ausrufezeichen durch ein Fragezeichen ersetzen. Und – wie können Sie dann auf diese offenen Fragen antworten?

Kommen Sie gut durch den Tag, passen Sie auf sich auf und bleiben Sie gesund! Gott segne sie!

Rüdiger Dunkel, Pfr.

 

(Stand 3. 4. 2020)

Geistlicher Impuls für den Tag

Losung und Lehrtext für Freitag, 3. 4. 2020

 Ps 89,16

Wohl dem Volk, das jauchzen kann! HERR, sie werden im Licht deines Antlitzes wandeln.

Epheser 5,8-9

„Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“

 

Ich kann träumen, wohin ich will!

Gestern war ich in Südtirol, mit meiner Liebsten in „unserem“ Sulden zum Skifahren! Ich war in Spanien, in Moraira, einem wunderbaren Ort an der Costa Blanca, in dem ich seit mehr als 35 Jahren oft bin. Ich war in Kroatien, in Okrug Donji auf der Terrasse zweier wunderbarer Menschen, die ich als engste Freunde immer mit im Herzen habe. Und ich war in Taizé, meiner geistlichen Heimat. Und natürlich habe ich dort bei Kiki und Georges auf der Terrasse gesessen. Und als ich die Augen wieder aufmachte, saß ich in meinem Garten in der Sonne. Und konnte lächeln!

Lächeln, weil in mir auf einmal der Mut neu erwachte, fest darauf zu hoffen, dass diese Orte und Menschen auch wieder mein Leben teilen werden. Vorbei die Trauer, die mich überkommen hatte, weil ich vor vierzehn Tagen eigentlich im Paradies von Sulden zum Skifahren gewesen wäre. Abgesagt! Angenommen habe ich die Trauer, dass ich Kiki und Georges in Taizé für den Mai noch absagen muss. Zjelka in Kroatien gönnt mir ab und zu per Facetime einen Blick auf meinen Platz auf der Terrasse direkt an der Adria, der in diesem Jahr leer bleiben wird. Und aus Moraira bekam ich gestern einen Gruß von meinem Lieblingswirt meiner Lieblingskneipe. Wie oft haben wir dort in der Sonne vor seinem Lokal gesessen und bei einem frisch gezapften Mahou über Gott und die Welt philosophiert und das Leben genossen. Sie alle kennen bestimmt auch solche Lieblingsplätze, an die Sie sich hinträumen können. Auch Ihnen fallen Menschen ein, die Ihnen an anderen Orten zu Freunden geworden sind. Und auch Ihnen wird es deshalb ähnlich wie mir gehen. Einige meiner Pläne für dieses Jahr sind bereits gekippt, andere werden es wahrscheinlich ebenfalls bald nachmachen. Nichts ist mehr, wie es war. Im Moment ist gar nichts planbar!

Und als ich gestern da in der Sonne in meinem Garten saß, da ist mir noch einmal ganz neu bewusst geworden, für wie selbstverständlich ist das alles bisher genommen habe. Frei leben zu dürfen; reisen zu dürfen, wohin ich will! Einen Beruf auszuüben, der für mich auch Berufung ist, und mir erlaubt, gesichert zu leben. Wie oft habe ich vergessen, für all das zu danken, weil es eben keineswegs selbstverständlich ist.

Und dann habe ich an all diejenigen gedacht, für die das ein oder andere eben nicht zutrifft, und für die sich in diesen Tagen in der persönlichen Situation vielleicht sogar einiges verschärft. Ach ja, gesund bin ich auch. Noch, muss man ehrlicherweise heute sagen! Auch das ist nicht selbstverständlich, und wir werden in diesen Tagen brutal darauf gestoßen. Und immer sind wir dabei in der Gefahr, all das zu bedenken und uns mit solchen Gedanken wieder ängstlich und klein zu machen, ja in Trübseligkeit und verzweifelnden Momenten zu versinken. Deshalb an dieser Stelle jetzt genug davon! Schluss!

Ich wollte Ihnen nämlich noch schreiben, woran ich noch dachte, als ich da gestern im Garten saß, in den blauen Himmel sah und durch die Sonnenbrille die Sonne anschaute. Es war ein Psalmvers und ein Lied, das ich auf einmal vor mich hin summte. In Psalm 113 Vers 3 heißt es: „ Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang sei gelobet der Name des Herrn!“

Und mit diesem Gedanken und mit meinem Lächeln saß ich auf einmal da. Und freute mich. Freute mich bei dem Gedanken, dass es die gleiche Sonne ist, die nun gerade auch auf meine Lieblingsorte sowie Freundinnen und Freunde dort scheint, egal, wo sie gerade sind. Es ist die gleiche Sonne, die auch auf die Menschen scheint, die ich liebe und mit denen ich jetzt nicht zusammen sein kann. Und es ist nicht nur die gleiche Sonne. Es ist auch die gleiche Liebe, in der sie alle leben dürfen. Denn es ist auch der gleiche Gott, der mir hier in meinem Garten Wärme, Licht, Hilfe und Schutz ist. Genau so ist er es auch bei denen, zu denen ich mich hinträume, wenn ich meine Augen schließe. Ich spüre den Schnee im kleinen Paradies Sulden unter meinen Füßen knirschen, ich rieche die herrlichen Düfte aus der Küche von Zjelka in Kroatien, ich schaue das wunderbare klare Meer in Moraira an der Costa Blanca. Und ich höre das Läuten der Glocken von Taizé, die mich zum Gebet rufen. Taizé, mein Taizé!

An all diesen Orten sitzen Menschen jetzt ähnlich eingeschränkt wie ich. Sie alle haben genau wie wir schwere Zeiten durchzumachen. Und all diesen Orten und Menschen bin ich trotzdem nahe. Eben weil sie in meinem Herzen wohnen!

Und ich bitte Sie alle, die Sie das jetzt hier lesen, ganz herzlich, erinnern Sie sich auch an ihre Lieblingsorte und Menschen, denen Sie so gerne begegnen. Schließen wir sie alle in unsere Gebete ein. Und dann träumen wir uns einfach kurz einmal hin! Denn unsere Träume und Gedanken sind frei! Daran kann kein Virus dieser Welt uns hindern! Und dann schließen wir all unsere Träume und Gedanken mit unserer gemeinsamen Hoffnung: Wie sehen uns wieder!

Kommen Sie gut durch den Tag, passen Sie auf sich auf und bleiben Sie gesund! Gott segne sie!

Rüdiger Dunkel, Pfr.

 

(Stand 2. 4. 2020)

Geistlicher Impuls für den Tag

Losung und Lehrtext für Donnerstag, 2. 4. 2020

 Ps 71,17

Gott, du hast mich von Jugend auf gelehrt, und noch jetzt verkündige ich deine Wunder.

Lk 2,28-30

„Simeon nahm das Kind Jesus auf seine Arme und lobte Gott und sprach: Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.“

 

Petrus, ich könnte glatt von dir lernen!

Es gibt in diesen Tagen Momente, da fühle ich mich ganz allein. Und dann merke ich, ich bin es ja auch. Natürlich bin ich es nicht! Da sind Menschen, die ich liebe und die mich lieben. Aber wir können im Moment eben nicht zusammen sein. Und das macht es in manchen Momenten eben noch schwerer. Gestern war ein solcher Moment. Kurz dachte ich, es würde alles über mir zusammenbrechen, und ich versinke in ein Tal von Trauer, Müdigkeit oder Verzweiflung.

In solchen Momenten, die – glaube ich – auch vor Corona-Zeiten jeder schon einmal erlebt hat und deshalb kennt, kommt mir immer eine biblische Geschichte in Kopf und Herz, die mir dann wieder heraushilft. Einige kennen sie vielleicht.

Jesus hatte zu den Menschen gesprochen, wollte dann allein sein und zog sich auf einen Berg zurück. Die Jünger blieben im Boot, fuhren zurück auf den See. Die Wellen wurden stärker, Wind kam auf. Jesus spürte ihre Angst und kam ihnen deshalb auf dem Wasser entgegen. Als die Jünger das sahen, erschraken sie. „Seid getrost! Ich bin’s erschreckt nicht! Fürchtet euch nicht“ So redete Jesus sie an. Einer, Petrus, nahm den Mund allerdings gleich wieder ganz schön voll, wie so oft: „Wenn du es bist, befiehl mir, dass ich zu dir komme!“ Jesus schaut ihn an und sagt: „Komm her!“ Und was macht Petrus. Er steigt aus dem Boot und geht über’s Wasser. Nach ein paar Schritten auf dem Wasser und im starken Wind geht er unter. Jesus packt ihn, redet ihn an: „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt!“

Genau so kam ich mir gestern für einen kurzen Moment vor, wie ein Kleingläubiger! Ich kann irgendwie im Moment keine Corona-Nachrichten mehr hören. Wenn sie bei allen Zahlen von Neuinfektionen, Todesfällen wenigstens die Zahl der Genesenen, wenn sie überhaupt genannt wird, nicht immer nur hinten dran hängen würden, sondern als bewusstes Hoffnungszeichen vielleicht auch einmal zuerst nennen würden. Wenn manche einfach einmal ihren Mund halten würden, statt Halbwissen oder Unausgegorenes zu verbreiten. Wenn manche einfach einmal ein wenig demütiger sein könnten, weil sie einsehen könnten, dass wir alle wohl noch einen langen Atem brauchen, um aus dieser Krise heil heraus zu kommen. All das schien gestern kurz einmal über mir zusammenbrechen zu wollen. Und auch das kennen wohl viele von uns, das Zweifeln, das Klagen, Mutlosigkeit manchmal.

Aber dann schaue ich eben hin. Jesus spricht den Petrus an. Er traut ihm fast Unmögliches zu. Und es geschieht sogar. Petrus kann es. Er kann tatsächlich über das Wasser laufen, eben solange er auf Jesus schaut. In dem Moment, in dem Wind, Wasser und Wellen den Petrus ganz für sich gewinnen, geht er unter.

Danke, Petrus! Von dir darf ich lernen. Ich darf lernen, dass wenn Gott mich anspricht, ich aufbrechen darf, um sogar meine eigenen Grenzen zu überwinden; ich darf auf das Unmögliche hoffen und mit Gott beginnen. Während ich das schreibe, denke ich an die vielen Menschen, die sich jetzt an jedem Morgen aufmachen müssen, um wieder neu anderen Menschen zu begegnen, ihnen nahe sein müssen, um sie zu pflegen und bei ihnen zu sein, in der Krankenpflege, in der häuslichen Versorgung, in den noch möglichen Dienstleistungen. Jesus sagt zu ihnen: „Komm her,  ich brauche dich! Überwinde dich!“ Und dann ahne ich, wie die meisten auch mit ihrer eigenen Angst und auch gleichzeitig gegen ihre eigene Angst aufbrechen, um zu tun, was notwendend ist. Danke, ihr Lieben! Tausend Dank!

Petrus kann über’s Wasser gehen, solange er auf Jesus schaut! Sich ganz auf ihn verlässt. Danke, Petrus, das möchte ich von dir lernen. Aufzubrechen, wenn Gott ruft und sagt: „Komm, mach dich auf!“ Dann möchte ich all das ablegen können, was mich runterziehen will, weil ich weiß, wer mir die Kraft schenken kann, manchmal eben auch über meine eigenen Grenzen zu gehen. Gerade in diesen Tagen wird das von mir und von vielen von Euch gefordert sein. Ich muss zum Beispiel neu lernen, viel mehr Geduld aufzubringen für eine Situation, die ich im Moment nur dadurch ändern kann, dass ich – so kommt es mir vor – möglichst nichts mache. Das habe ich nie gelernt, wie auch wieder viele andere von Euch. „Komm“, sagt Jesus, „schau’ auf mich, bleib in meiner Nähe! Du bist nicht allein! Halte aus!“

Und das ist das dritte, was ich von Petrus lernen darf. Ja, Petrus, mit dir teile ich Ängste und Zweifel, genauso übrigens wie manchmal deine Fähigkeit, den Mund zu voll zu nehmen. Ja, gemeinsam mit dir habe ich manchmal das Gefühl, jetzt versinke ich. Das war’s! Aber wie wunderbar ist es, dass ich eben dann auch mit dir spüren kann, wie jemand zupackt, uns eben nicht untergehen lässt. Gott ist da, streckt seine Hand aus, packt zu, holt uns heraus aus den um uns herumtobenden Wellen, aus unserer Sorge und Angst. Er richtet uns auf, stellt uns wieder hin!

Ja, es gibt Momente, da tragen wir schwer, scheinen erdrückt zu werden. Und Sie kennen vielleicht solche Moment aus ihrem eigenen Leben. Vielleicht erleben auch gerade jetzt viele Menschen das genau so. Und ich hoffe sehr, dass sie dann eben auch das andere erleben. Gott packt an, hält uns, stellt uns wieder hin, richtet uns auf.

Und dann hören wir es. Hören wir es, wie der gleiche Gott, der zu uns allen gesagt hat „Komm her!“, dann auch zu jedem von uns sagt: „Lass uns gehen! Ich habe noch so viel vor mit dir. Ich brauche dich! Ich liebe dich!“ So ist Gott!

 

Kommen Sie gut durch den Tag, passen Sie auf sich auf und bleiben Sie gesund! Gott segne sie!

Rüdiger Dunkel, Pfr.

 

(Stand 1. 4. 2020)

Geistlicher Impuls für den Tag

Losung und Lehrtext für Mittwoch, 1. 4. 2020

 Jesaja 65,19

Ich will mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens.

Johannes 16,22

„Jesus sprach zu den Jüngern: Ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen“.

 

„Alles wird gut!“

Gestern musste ich einfach mal raus! Spazieren über Felder, allein! Tief einatmen, und natürlich auch wieder aus. Ein Blick in den blauen Himmel. Wunderbar! Irgendetwas war am Himmel anders. Ich musste einen Moment überlegen. Dann wusste ich es. Da waren nirgendwo am ganzen weiten Himmel die Kondensstreifen der Flugzeuge zu sehen. Im Anfluggebiet des Frankfurter Flughafens sind sie sonst kreuz und quer am Himmel gemalt. Kein einziger war gestern zu sehen! Null!

Und dann fiel mir auf einmal noch mehr auf. Es war anders still. Auch die Straße mit ihrem Autolärm war nur ganz schwach und auch nur ab und zu zu hören. Ich sah mich um. Da war auch kein Mensch weit und breit! Und auch ich war irgendwie anders. Da ich als Kontaktperson eines Familienmitgliedes, dass sich testen lassen musste, solange auch in häuslicher Quarantäne war, bis endlich das negative Ergebnis da war, war ich einige Tage auch nur zu Hause.

Nun ging ich endlich wieder über die Felder in der Nähe meines Hauses und war froh, keinem zu begegnen. Sonst war das immer anders. Wie gern hielt ich dann, wenn ich jemandem begegnete, für ein kleines Schwätzchen. Jetzt war es anders. Ich war froh, dass ich niemanden traf! Hoffentlich wird das in mir auch wieder anders! Denn so bin ich nicht und möchte ich auf Dauer auch nicht sein. Vielleicht geht es Ihnen ja ebenso!

Vieles verändert sich gerade! Und wie wird es werden, wenn Normalität wieder ihren unbeschwerten Einzug halten wird? Wird sie das überhaupt wieder können?

Gedankenversunken ging ich weiter.

Als ich die Felder verließ und wieder auf die Wege mit den Häusern kam, kam ich an eine Stelle, die als Abkürzung zwischen zwei benachbarten Straßen ein „Reilchen“, also einen ganz kleinen Durchgang als Abkürzung, bietet. Ich dachte noch, als ich einbog, hoffentlich kommt mir nun keiner entgegen. Und genau das geschah! Allerdings war mein Gegenüber offensichtlich genau so erschreckt wie ich. Abstand halten, das Gebot der Stunde, das wäre keinesfalls möglich gewesen. Ich trat sofort einen Schritt zurück und winkte meinem Gegenüber, dass es kommen könnte, ich wartete mit einigem Abstand. Und genau so machten wir es. Anderen ruhig mal den Vortritt lassen, lieber Gott, du hast mich wieder an etwas erinnert, was ich in diesen Tagen schon öfter beobachtet habe und mir für die Zukunft auch noch einmal viel bewusster bewahren werde. Was werden wir uns von dem vielen, was überhaupt im Umgang miteinander momentan offensichtlich besser läuft, wohl behalten? Respekt, Nachbarschaftshilfe? Wertschätzung des anderen Menschen und Selbstachtung? Was werden wir uns bewahren?

Als ich weitergehen konnte, ging ich durch die Straßen meines Wohnortes. In einem Fenster sah ich ein Kinderbild, einen gemalten Regenbogen. Diesem ersten schenkte ich noch wenig Aufmerksamkeit, aber er fiel mir auf. Ein paar Häuser weiter sah ich wieder einen, wenig später noch einen. Ich ging näher und las die Botschaft, die der liebe Gott mir gestern wohl sagen wollte. In Kinderschrift stand unter dem Regenbogen „Alles wird gut!“ und ein Kindername. Und Gott hat viele Namen! Ich stand da, lächelte und erinnerte mich, was in der Bibel über den Regenbogen gesagt ist: Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde. (1. Mose 9,13)

Ja, Gott ist da für uns. Er hält seinen Bund! Er hat sich uns versprochen! Und er bleibt da, geht mit uns alle Wege! Er tut es in den guten Tagen. Und er tut es in den schwierigen Tagen, in denen wir gerade leben. Die Regenbögen der Kinder sprechen eine eindeutige Sprache. Die Kinder sind mir zu kleinen Gottesboten geworden, wenn sie das Zeichen des Bundes uns zur Erinnerung in die Fenster hängen und uns damit ins Herz schreiben, was Gott für uns alle will: „Alles wird gut!“ Oder wie es der Lehrtext aus dem Johannesevangelium für heute, den Sie auch oben finden, so sagt: „Jesus sprach zu den Jüngern: Ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen“. (Johannes 16,22)

 Kommen Sie gut durch den Tag, passen Sie auf sich auf und bleiben Sie gesund! Gott segne sie!

Rüdiger Dunkel, Pfr.

 

(Stand 31. 3. 2020)

Geistlicher Impuls für den Tag

Losung und Lehrtext für Dienstag, 31. 3. 2020

 Sacharja 6,15

Jene, die fern sind, werden kommen und am Tempel des HERRN bauen.

Epheserbrief 2,22

Durch Jesus Christus werdet auch ihr mit erbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.

 

Ich hätte heulen können!

Als ich gestern nachmittags am Schreibtisch saß und beginnen wollte, zu überlegen, was ich Ihnen heute mit in den Tag geben kann, machte mein digitaler Handykalender „klingeling“. Das tut er, wenn er mich an einen Termin erinnert. Ich nahm also mein Handy in die Hand, drückte den Knopf und was las ich: „Morgen 16.30 Uhr Konfirmandenunterricht“. Erst lächelte ich, denn er findet natürlich momentan nicht statt. Aber dann erschrak ich auch. Dieser Termin erinnerte mich nämlich auch an die Zeit vor drei Wochen, als wir uns das vorerst letzte Mal trafen, ohne genau dieses zu wissen, nämlich das es das vorerst letzte Mal sein sollte. Eine Konfirmandentaufe haben wir vorbereitet, sie findet vorerst nicht statt. An die Konfirmation am 3. Mai 2020 haben wir schon gedacht. Sie findet vorerst nicht statt. Die Konfirmandenfreizeit fällt aus. Richtig, im Moment findet ja gar nichts mehr statt, nicht einmal der Gottesdienst.

Darf ich ihnen etwas gestehen? – Gestern tat es richtig weh! Für einen kurzen Moment war da Mutlosigkeit, Heimweh nach Vertrautem, eine unterdrückte Träne und vor allem eine spürbare Einsamkeit, die mir an mir selbst so noch nie vorher aufgefallen war. Ich vermisse dieses alles so sehr, alles andere wäre gelogen.

Manchmal können Konfi’s mich als Pfarrer unglaublich nerven; aber ich vermisse sie, im Moment besonders diejenigen, die ich bald hätte konfirmieren dürfen. Wir haben solch wunderbare Gespräche geführt – über Gott und die Welt. Sie haben sich so wunderbar schon in der Gemeinde eingesetzt, in Kinder- und Jugendarbeit mit den Kleineren. Sie  haben sich eingesetzt für andere Jugendliche in Buenos Aires und im Libanon. Und sie werden einen wunderbaren Konfirmationsgottesdienst auf die Beine stellen, ich freu’ mich jetzt schon darauf!

Ich vermisse die Kinder- und Jugendlichen im Ökumenischen Kinder- und Jugendhaus unserer Gemeinde, da ist zur Zeit kein Lachen zu hören! Ich vermisse unsere Kreise, das Beisammensein in frohen Runden, das Gemeindemittagessen in großer Zahl. Ich vermisse mein Stück Kuchen und die Tasse Kaffee in unserem Gemeindecafé. Ich vermisse unsere Gottesdienste; ich vermisse „meine“ Kirche, in der ich so manches Mal ganz allein gestanden habe – so wie Don Camillo in den berühmten Filmen –, um mit Gott zu reden, zu streiten und zu beraten, vor allem aber um ihm zuzuhören. Ja, all das vermisse ich! Und natürlich das „presbyterielle Frühschoppenbierchen“ nach getanem Dienst am Sonntag! All das scheint auf einmal so weit weg! Als wäre das alles aus einer anderen Zeit, dabei sind es gerade erst drei Wochen!

So – mit diesen trüben Gedanken – saß ich dann gestern vor meinem PC und wollte beginnen. Aber da war kein brauchbarer, mutmachender Gedanke!  Also, dachte ich mir, füge erst einmal oben schon einmal Losung und Lehrtext für morgen – also den heutigen Dienstag – ein. Ich suchte den Text, las und jetzt erst – nachdem ich es solange unterdrückt hatte – ließ ich ihm freien Lauf, meinem Tränchen. Jetzt war der Zeitpunkt, genau jetzt! Denn auf einmal war es keine Trauerträne mehr. Es wurde eine Freudenträne. Eine Hoffnungsträne! Denn ich las nur einen Satz. Sie finden ihn auch oben! Ich hörte, wie Gott durch Sacharja und direkt in mein Herz sagte: „Jene, die fern sind, werden kommen und am Tempel des Herrn bauen!“ (Sacharja 6,15)

Ist es nicht wunderbar, was sich der liebe Gott alles einfallen lässt. Manchmal erst viel später, mag sein. Aber dann auch oft genau im richtigen Moment! Und der war genau gestern da an meinem Schreibtisch!

Ja, so wird es sein, genau so! Eines Tages schließt die Küsterin das Gemeindehaus auf, es riecht nach Essen. Und dann kommen sie wieder,  Gemeindemittagessen in froher Runde. Alle Gruppen kommen wieder, Stimmengewirr, Lachen, Fröhlichkeit und herzliche Umarmungen. Mittwochs werden wir in der Kellerkirche wieder unsere Taizé-Gottesdienste feiern. Auf dem Rasen vor dem ökumenischen Kinder- und Jugendhaus werden sie wieder toben, rennen, sich auf dem Rasen wälzen. Und in unseren Kirchen, der Lukas-Kirche genauso wie bei schönem Wetter in unserer Waldkirche in den Weinbergen unter offenem Himmel, werden wir feiern, singen, beten. Wir werden Gott loben und spüren wie er lächelnd auf uns schaut und sagt: „Ich hab’s euch doch versprochen!“

Ja, wir werden weiterbauen am Tempel Gottes, an seiner Gemeinde. Wir werden wieder zusammen sein, lebendige Gemeinschaft sein und genau als solch eine Gemeinschaft mit Gott in eine gute Zukunft gehen! Das haben die Menschen vor uns gemacht, wir werden es weiter tun und andere die, nach uns kommen, werden es auch tun. Denn uns allen gilt seine Verheißung: „Jene, die fern sind, werden kommen und am Tempel des Herrn bauen!“ (Sacharja 6,6)

Übrigens: Der liebe Gott hatte vielleicht doch seine Zweifel, ob ich in all meinen trüben Gedanken für sein befreiendes Wort offen genug war. Während ich an den ersten Sätzen schrieb, machte mein E-Mail-Programm ein deutliches „Pling“. Ich hatte Post! Guillermo Perrin, ein Theologe aus Buenos Aires, hatte unmittelbar vor der Krise bis zum 9. März 2020 in unserer Gemeinde im Rahmen seines Stipendiats ein mehrwöchiges Praktikum in unserer Kirchengemeinde gemacht. Ich unterbrach mein Schreiben an diesem Geistlichen Impuls kurz, um zu lesen, was er schrieb. Allein an der Aufzählung, was er alles in den drei Wochen gesehen und miterlebt hatte, wurde auch mir noch einmal deutlich, wie reich beschenkt wir sind, weil wir einander haben und füreinander da sind. Wunderbar!

„Es war wirklich eine wunderschöne Zeit in Winzenheim“ schreibt er, „ich habe viel gesehen und erlebt. Meine Zeit war super!“ Recht hat er. Und so wird’s auch wieder werden!

Kommen Sie gut durch den Tag, passen Sie auf sich auf und bleiben Sie gesund! Gott segne sie!

Rüdiger Dunkel, Pfr.

 

(Stand 30. 3. 2020)

Geistlicher Impuls für den Tag

Losung und Lehrtext für Montag, 30. 3. 2020

 Jeremia 8,4

Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gern wieder aufstünde? Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtkäme?

Joh 6,37

Jesus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.

 

Ich durfte lächeln!

In der Woche telefoniere ich momentan viel. Ich rufe Gemeindeglieder an, um zu hören, wie es ihnen geht, ob ihnen etwas fehlt, manchmal auch nur um die Einsamkeit durch ein Gespräch zu unterbrechen. Sonntags tue ich das nicht. Sonntags ist Familienanruftag! Ich dachte immer, ich hätte gar mehr so viele Verwandte. Aber da gibt’s ja immer auch die Verwandten „in der zweiten Reihe“; die, die man meist nur auf fröhlichen Familienfesten trifft, manchmal aber auch bei traurigen Anlässen. Und als ich gestern so einige Male telefonierte, musste ich auf einmal auch daran denken, wen aus meiner Familie ich nicht mehr anrufen kann. Da war sofort meine Mutter im Herzen und in meinen Gedanken. Aber dann waren es auch meine Großmütter. Ich hatte schon länger gar nicht mehr bewusst an sie gedacht. Aber immer wenn ich es tue, dann muss ich lächeln. Lächeln, weil ich dann immer sofort eine biblische Geschichte in Kopf und Herz bekomme.

Es gibt im Evangelium einige Geschichten, da geht es immer um zwei Personen. Der Richter und die Witwe, der Pharisäer und der Zöllner, Maria und Marta. Ich habe immer gedacht, es wären Geschichten, in denen Jesus unsere Entscheidung fordert, auf welcher Seite wir stehen und wem das eigene Verhalten ähnelt. Aber zumindest bei der Geschichte von Maria und Marta geht es für mich um etwas ganz anderes. Ich erinnere kurz: Jesus kommt mit seinen Freunden in das Haus der Frauen und werden von ihnen bewirtet. Marta schafft und arbeitet. Und sie tut es fast allein, weil Maria sich eben einfach zu Jesus setzt, um ihm zuzuhören. Marta beschwert sich bei Jesus und fordert ihn auf, Maria zu sagen, dass sie mit anpacken soll. Und was antwortet Jesus? Er sagt: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden. (Lk 10,41+42)

Aus einigen Bibelarbeiten weiß ich, dass Jesu Antwort oft als ungerecht empfunden wird. Ich glaube, sie ist es nicht. Zuallererst erkennt er Marta’s Arbeit ja an. Und dann weist er aber auch darauf hin, dass es Situationen gibt, in denen eben etwas anderes gerade dran ist, auch wenn vieles dagegen anzuführen wäre. Und dann soll es eben jetzt so sein. „Das soll nicht von ihr genommen werden!“, sagt Jesus, als er auf Maria schaut.

Hier geht es also nicht darum, sich zu entscheiden, wer es gerade richtig macht und zu wem ich gehöre! Vielleicht geht es hier ja eher darum, zu erkennen, dass ich selbst immer auch etwas von Maria und von Marta in mir trage.

Und damit kommen meine beiden Großmütter wieder ins Spiel. Sie können es mir jetzt glauben oder nicht, aber es ist wie es eben ist und war. Meine Großmutter väterlicherseits hieß Martha, Martha mit „h“. Meine Großmutter mütterlicherseits hier Maria, Maria Christine. Maria und Martha. Und die beiden waren die genaue Kopie der beiden biblischen Frauen. Bei Oma Martha lernte ich viele praktische Dinge des Lebens. Meine erste Kartoffel als Kind schälte ich bei ihr. Und wenn die Familie zusammenkam – und das waren immer einige – konnten wir uns darauf verlassen: „Oma Martha macht alle satt!“ In der Küche herrschte ihr Regiment!  Meine andere Oma, Maria Christine, habe ich ganz anders in Erinnerung. Bei ihr saß ich auf dem Schoß. Ich glaube, alle biblischen Geschichten habe ich bei ihr zum ersten Mal gehört. Und auf alle meine Kinderfragen zum lieben Gott hatte sie immer eine Antwort. Und so erinnere ich mich an ihr Gottvertrauen, an ihre Güte und vor allem an ihre Ruhe. Natürlich besaß Oma Martha das auch, aber sie konnte es hinter klaren Anweisungen einfach besser verstecken. Beide waren Frauen mit einem unglaublichen Herzen, die ich tief in meinem Herzen immer bei mir habe!

Viel später fiel mir etwas auf. Mir fiel auf, wie Menschen, die wir lieben, uns auch prägen können! Es gibt wirklich viele Tage, da bin ich wie Oma Martha und wie Marta in der Bibel. Da arbeite ich von morgens bis abends, lade mir viel zu viel auf und beginne zu schimpfen, weil ich glaube, ich müsste immer alles allein machen. Stimmt natürlich nicht! Und dann gibt es Tage, da sitze ich da und merke, wie ich die Ruhe, manchmal sogar die Stille brauche. Ich brauche Zeiten, in denen ich mich Gott ganz überlasse, spüren darf, wie nahe er ist und hören kann, wie er in mein Herz spricht. Wie eben Maria in der Bibel und wie meine Oma Maria Christine.

Und im Moment habe ich das Gefühl, Oma Martha sagt: „So, ich mache jetzt Mal eine Zeitlang Pause!“ Und Oma Maria Christine ergänzt: „Komm, setz’ dich zu mir! Lass uns auf Gott vertrauen, hören wie er zu uns spricht und in uns betet und wirkt!“ Ein für mich schöner Gedanke in diesen Tagen, in denen ich – wie viele von Ihnen – in der Wohnung sitze, mich manchmal allein fühle, manchmal sogar traurig, weil mir andere fehlen. Aber ich spüre auch, wie ich meine Geduld wachsen lasse, weil es eben in diesen Tagen nicht anders geht und genau das jetzt dran ist! Und dazu haben mir gestern, als ich diese Zeilen schrieb, meine beiden Großmütter geholfen! Und mir ein Lächeln ins Gesicht gemalt! Danke, ihr beiden!

Einige Fragen für diesen Tag hätte ich aber jetzt auch an Sie und lade einmal ein, darüber nachzudenken, denn Zeit dafür haben Sie ja jetzt vielleicht mehr als sonst:  Wer hat Sie eigentlich für ihr Leben geprägt? Wer hat Ihnen den Glauben nahe gebracht? Wem sind Sie so dankbar wie ich meinen Großmüttern?

Erinnern Sie sich, grüßen Sie diese Menschen und schenken Sie Ihnen ein Lächeln!

 

Kommen Sie gut durch den Tag, passen Sie auf sich auf und bleiben Sie gesund! Gott segne sie!

Rüdiger Dunkel, Pfr.

 

(Stand 28. 3. 2020)

Geistlicher Impuls für den Tag

Losung und Lehrtext für Samstag, 28. 3. 2020

 Psalm 147,11

Der HERR hat Gefallen an denen, die ihn fürchten, die auf seine Güte hoffen.

 Markus 3,35

Jesus spricht: Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.

 

Herr, wohin sollen wir gehen?

„Ich bin das Brot des Lebens“, hatte er gesagt. Er hatte sie satt gemacht. Tausende Menschen. Und seine Jünger hatten es gesehen. Aber es hat sie nicht nur gefreut. Es hat sie auch unsicher gemacht. Und als sie wieder mit Jesus zusammentrafen, nachdem er sich eine Weile zurückgezogen hatte, da haben sie nachgefragt. Wollten Klärungen, Erklärungen, Sicherheiten vielleicht.

Und Jesus macht es ihnen nicht leicht. Er erzählt vom Brot, das er sein möchte. Ja, sogar vom Fleisch des Menschensohnes erzählt er, dass sie essen sollen. Von dem Blut, dass sie trinken sollen. Das waren harte Worte, die es erst einmal galt, sacken zu lassen. Und dann hatte er sie auch noch in eine Entscheidung gestellt:

Ich bin das Brot des Lebens, hatte er gesagt. Ich bin das Brot des Lebens, mehrmals.

Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. Aber ich habe euch gesagt: Ihr habt mich gesehen und glaubt doch nicht.(Joh 6,35+36)

Und Jesus spürt das Murren, spürt ihre Unsicherheit. Er muss mitansehen, wie schwierig es für einige seiner Jünger ist, sich zu entscheiden. Aber sie tun es.

Von da an wandten sich viele seiner Jünger ab und gingen hinfort nicht mehr mit ihm. (Joh 6,66)

Aber da sind ja noch die Zwölf. Werden sie auch gehen? Er fragt sie direkt: Wollt ihr auch gehen? (Joh 6,67)

Und nun schlägt wieder einmal die Stunde des Petrus. Wenn es in ein Fettnäpfchen zu treten galt, Petrus war meist immer dazu bereit. Aber er war eben immer auch da, wenn es etwas zu bekennen gab. So wie hier!

Herr, wohin sollen wir gehen?(Joh 6,68) fragt er. Ist es eine rhetorische Frage „Herr, wohin sollten wir schon gehen?“ Oder ist da auch der kurze Moment der Sorge, der Unsicherheit – der Moment, wo auch er eben merkt: Nun gilt es. Es gilt sich für Jesus zu entscheiden, oder eben einen eigenen Weg einzuschlagen, so wie es einige von den anderen gemacht hatten. Aber welcher sollte das dann sein?

Und Petrus entscheidet sich. Du hast Worte ewigen Lebens. (Joh 6,68) Petrus bekennt sich, bekennt sich zur Nachfolge Christi. Er fragt nicht, wie der Weg aussieht. Ob’s schwierig wird, ob es so rätselhaft wie gerade bleibt, ob’s einfach so glatt läuft. Nein! Er bekennt sich dazu, den Worten Jesu, ja Jesus selbst zu folgen, egal wie der Weg aussieht.

Liebe Leserinnen, liebe Leser! Sie ahnen bestimmt, welche Worte mir in diesen Tagen besonders nahe sind. Es sind die Worte des Petrus „Herr, wohin sollen wir gehen?“ Viele von uns tragen diese Worte so oder so ähnlich auch als Last mit sich herum. Ich habe das gestern gespürt, als ich wieder viele Gemeindeglieder anrief, um mit ihnen ein wenig zu reden und manche Einsamkeit zumindest durchs Telefon zu durchbrechen. Wie soll das alles werden? Wie lange wird das alles noch dauern? Wird meine Familie gesund durch diese Zeit kommen? Hoffentlich bleiben die Kinder gesund! Alles Sätze, die wie eine Übersetzung der Worte des Petrus klingen: „Herr, wohin sollen wir gehen?“

Ich glaube, würden wir heute so fragen, würde Jesus im Moment in ganz praktischer Form antworten: „Bleibt zu Hause! Und sagt es weiter!“ Vielleicht würde er aber auch erst einmal gar nichts sagen, um uns die Möglichkeit zu geben, auf die gleiche Erkenntnis wie Petrus zu kommen.

Vielleicht tut sich die eine oder der andere damit schwer. Das mag sein. Aber für die Nachfolge Jesu Christi galt schon immer, dass sie nicht unbedingt leicht bzw. einfach ist. Aber es wird dann leichter, es wird dann gemeinsam tragbarer, wenn wir das nicht vergessen, was dem Petrus die eigene Entscheidung eben auch leichter macht. Er weiß, worauf er vertraut und wozu er sich bekennt. „Du hast Worte ewigen Lebens“. Er besinnt sich auf den, der seinen Weg mitgeht, vor ihm hergeht und ihm den Rücken stärkt. Es ist der gleiche, der auch uns durch diese Zeit begleitet, ermutigt und uns in eine gute Zukunft führt. Darauf wollen wir vertrauen, mit Petrus und mit allen, die wie wir sich Christus anvertrauen, heute und alle Zeit!

Kommen Sie gut durch den Tag, passen Sie auf sich auf und bleiben Sie gesund! Gott segne sie!

Rüdiger Dunkel, Pfr.

 

(Stand 27. 3. 2020)

Geistlicher Impuls für den Tag

Losung und Lehrtext für Freitag, 27. 3. 2020

 Jeremia 17,9-10

„Es ist das Herz ein trotzig und verzagt Ding; wer kann es ergründen? Ich, der HERR, kann das Herz ergründen und die Nieren prüfen und gebe einem jeden nach seinem Tun.“

 1.Johannesbrief 3,19-20

Daran erkennen wir, dass wir aus der Wahrheit sind, und können vor ihm unser Herz überzeugen, dass, wenn uns unser Herz verdammt, Gott größer ist als unser Herz und erkennt alle Dinge.

 

Irgendwie ist es anders

Ein Satz hat mich gestern begleitet und beschäftigt. Er stammt aus dem Matthäusevangelium. Es ist der 34. Vers aus dem 6. Kapitel. Dort sagt Jesus zu den Menschen, die ihm auf einen Berg gefolgt sind, um ihm zuzuhören:

 Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.

Irgendwie ist es auf einmal merkwürdig mit manchen biblischen Sätzen und Gedanken. Sie rücken auf einmal so nahe, werden ganz konkret. Wie oft ist mir dieser Satz schon begegnet, wenn ich Andachten vorbereitet habe. Im Gottesdienst habe ich schon einige Male darüber predigen dürfen. Und immer habe ich dieses „morgen“ auf Zukunft hin gesehen. Mal ging es über Lebensplanung. Manchmal habe ich vor vermeintlichen Sicherheiten gewarnt, in denen sich manche gern wiegen, so als ob wir Menschen jedes Risiko ausschalten könnten, das das Leben eben mit sich bringt. Ich habe auch schon mal darüber nachgedacht, dass das Leben eben ganz anders kommen kann, als ich es mir ausmale. Und ich habe auch darüber nachgedacht, wie schwierig es manchmal sein kann, einfach nur den Tag zu bestehen. Da brauchen Menschen ihre ganze Kraft für diesen einen Tag, für das „Heute“. Menschen als Patienten in den Krankenhäusern, Menschen, die an Einsamkeit zu verzweifeln scheinen. Menschen ohne Obdach. Menschen ohne Arbeit oder mit der Angst, sie zu verlieren. Aber auch Menschen, die sich oft einfach zu viel zumuten.

Heute sitze ich da und denke an morgen. Ich weiß – während ich diese Zeilen schreibe – noch überhaupt nicht, wie der morgige Tag für mich aussehen wird. Aus meiner Familie wird jemand noch im Laufe des Tages auf das Virus getestet. Eine Beschreibung des momentanen Zustandes hat die entsprechend Verantwortlichen veranlasst, sofort einen Test in einer Abstrichstation zu verordnen. Nun wird ein Anruf abgewartet, eine Nummer zur Einhaltung der Reihenfolge liegt schon vor.  (Ein bisschen wie an der Fleischtheke im Supermarkt, in dem ich gern einkaufe, denke ich gerade! Wie komme ich darauf?) Mein letzter Kontakt ist schon einige Tage her. Aber, was ist, wenn …? Und muss ich dann auch …? Fühle ich mich gut, habe ich einen heißen Kopf, kratzt es im Hals?

Ich merke, wie auf einmal etwas näher rückt, vor dem ich mich eigentlich sicher glaubte, weil ich doch alle Regeln eingehalten habe, die uns allen gerade auferlegt sind. Nun soll die Stille der letzten Tage und das Alleinsein vielleicht noch einmal ganz anders und vor allem noch einmal von vorn beginnen?

Und mit all diesen ungeordneten Gedanken und im Moment offenen Fragen stehe ich plötzlich vor einem ganz kleinen Stückchen Bergpredigt.

Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.

Plötzlich geht es nicht mehr um irgendeine in der Ferne liegende Zukunft; es geht nicht um Lebensentwürfe oder moralische Aufrufe, auch auf sich selbst zu achten. Nein! Nun geht es nur noch darum zu vertrauen. Ich habe gerade irgendwie dieses Gefühl: Jetzt gilt’s! Ich kann mich nicht mehr verstecken – vor mir selbst oder hinter meinen Sorgen. Mir nützen im Moment keine Statistiken, keine Expertenrunden. Den Fernseher mit den Nachrichten habe ich erst einmal ausgestellt. Ich kann und ich will und ich werde mich auch nicht mehr von meinen Ängsten runterziehen lassen.

Ich möchte lernen zu vertrauen, jeden Tag neu. Möchte erkennen, dass Jesus selbst in mein Leben spricht. In mein Leben, so wie es eben gerade ist. „Morgen“ heißt dann eben nur auf den nächsten Tag zu schauen. Nicht auf das Übermorgen, oder in die nächste Woche, oder in Mai und Juni. Morgen kann es schon ganz anders aussehen. Und dann werde ich weitersehen! Deshalb muss ich heute all das ablegen können, was mich gerade – wenn ich ehrlich bleibe – auch ein wenig erschreckt. Sonst trage ich morgen ja doppelt! Das will ich nicht! Kann ich auf Dauer auch gar nicht!

Ich muss mich auch Gott wieder überlassen können. Muss es vielleicht wieder neu lernen! In diesen Tagen wird mein eigener Glaube immer auch zu einem ganz persönlichen Bekenntnis. Zu einem Bekenntnis, dass ich eben fest daran glaube und mich auch darauf verlasse, dass Gott mich niemals verlässt! Er tut es nicht, weil er eben liebt. Er ist heute da, bei allem was mich bewegt und trägt mit. Und wenn ich morgen wieder aufwache, ist er immer noch und wieder da! Und das möchte er jeden Menschen spüren lassen! Ohne Unterschied! Ganz egal, wie fromm oder vermeintlich unfromm, wie gottnah oder gottfern wir gelebt haben oder leben. Egal, wie nah oder fern ich der Gemeinde stehe. Er ist da, weil er liebt! Ohne Unterschied!

Einigen von uns mag das ja ein vertrauter Gedanke sein und ist nichts Neues, weil Glaube einfach zum eigenen Leben dazugehört! Aber andere erschrecken vielleicht in diesen Tagen vor sich selbst, weil Gott plötzlich auch für sie wieder eine Möglichkeit ist.  Seine Kraft und Liebe gegen die eigene Angst und den Glauben, eben doch alles selbst in der Hand zu haben! Seine Kraft und Liebe als Quelle für immer wieder neuen Mut und eine Hoffnung, die eben doch den Blick in die Zukunft mit vielleicht anderer oder sogar neuer Zeit schenkt.

Egal, zu welcher Gruppe Sie gehören, Gott geht mit Ihnen. Ja mehr noch. Er lächelt sie an, gerade auch in diesen schwierigen Zeiten. Deshalb meine kleine und wahrscheinlich naive Bitte zum Schluss: Lächeln Sie doch einfach mal zurück! Der liebe Gott kann sich nämlich darüber auch freuen!

Kommen Sie gut durch den Tag, passen Sie auf sich auf und bleiben Sie gesund! Gott segne sie!

Rüdiger Dunkel, Pfr.

 

(Stand 26. 3. 2020)

Geistlicher Impuls für den Tag

Losung und Lehrtext für Donnerstag, 26. 3. 2020

 Ps 38,19

Ich bekenne meine Schuld, bekümmert bin ich meiner Sünde wegen.

 2.Korintherbrief 7,10

Die Traurigkeit nach Gottes Willen wirkt zur Seligkeit eine Umkehr, die niemanden reut.

Unterwegs mit Gott

Ich möchte heute mit Ihnen meinen Lieblingspsalm teilen. Er begleitet mich seit meinem Theologiestudium. Meine erste theologische Arbeit drehte sich ganz um ihn. Seitdem tragen mich seine Worte, ich liebe diese Worte. Es ist der Psalm 121:

1 Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?

2 Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat.

3 Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht. 4 Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.

5 Der HERR behütet dich; der HERR ist dein Schatten über deiner rechten Hand, 6 dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts.

7 Der HERR behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele.

8 Der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!

Sie hatten ein Fest gefeiert – vor langer, langer Zeit. Von überall her waren sie gekommen, um im Tempel zu feiern, tagelang. Es war solch eine unbeschwerte Zeit. Lieder hatten sie gesungen, hatten gemeinsam gebetet. Es war alles so einfach, so leicht – am vertrauten Ort, mit vertrauten Menschen. So könnte es bleiben, aber das war nicht ihr Alltag. Und so endet das Fest sie müssen wieder raus, sich auf den Heimweg machen. Und auf einmal holt sie alles wieder ein, die ganze Realität ist wieder da. Schon bevor sie aus dem Tor des Tempels treten.

So steht vor langer Zeit da einer am Tor des Tempels. Er schaut hinaus, sieht die Berge vor sich, erinnert sich an den vor ihm liegenden Weg mit all seinen Gefahren – das Wetter, sogar Angst vor stechender Sonne, stechendem Mond, Räuber am Wegesrand, gefährliche Tiere – was kann da alles sein? Er steht da und seufzt, aller Mut des Festes scheint dahin: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?“

Wie gut, dass offensichtlich alle Pilger dort am Tor auch verabschiedet werden. Dort scheint jemand vor langer Zeit gestanden zu haben, der sehr wohl wusste, was den Menschen, die wieder in die Unsicherheit gehen müssen, auf dem Herzen liegt, welche Sorge sie begleitet. Und er spricht ihnen Mut zu, ja er sagt, worauf er selbst baut:

2 Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat.

3 Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht. 4 Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.

5 Der HERR behütet dich; der HERR ist dein Schatten über deiner rechten Hand, 6 dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts.

Und damit möchte er den Pilger noch einmal erinnern. Erinnere dich, zu wem du gebetet hast, wem du dich hier anvertraut hast. Denk doch dran, auf wen du deine Hoffnung setzt, in allem, was dir in deinem Leben geschieht. Du bist doch geborgen, getragen, gehalten.

Aber er merkt auch, dass er den Pilger, der da wieder gehen muss, vielleicht selbst mit dieser Ermutigung noch nicht ganz erreicht hat. So macht er also etwas, was ihn dann doch für die Reise ausrüstet. Er segnet ihn.

7 Der HERR behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele.

8 Der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!

Er gibt ihm einen Segen mit auf den Weg. Egal, was kommt, geh, der Herr, dein Gott, begleitet dich und bewahrt dich vor allem Bösen. Ja selbst in deine Angst, die sich in deiner Seele verbirgt, geht er hinein und wandelt sie. Und so, wie du heute hier fortgehst, vertraue darauf, du wirst wieder kommen. Weil Gott selbst dich begleitet, mitgeht, an deiner Seite bleibt, dich laufen lässt und dennoch führt. Und in all deiner Sorge wirst du es immer wieder merken, dass er da ist. Und deine Freude darüber wird dich wiederkommen lassen. Geh’ und wir seh’n uns wieder!

Ich habe diese beiden da am Tor des Tempels in alttestamentlicher Zeit heute ganz deutlich vor Augen. Aber mehr noch. Ich sehe mich da stehen. Wie oft glaube ich mich selbst immer wieder am Anfang. Wie oft stehe ich da und schaue auf meine Berge, meine ganz persönlichen und die Berge meiner Arbeit. Heute schaue ich auf meinen Berg aus Sorgen. Woher kommt mir Hilfe? Diese Frage kenne ich. Gerade, weil ich mich manchmal so allein glaube. So als ob es niemanden gäbe, der sich für mich interessiert, der an mir interessiert ist, der mir vielleicht Lasten abnehmen könnte. Ja, manchmal glaube ich, ich müsste alles allein schaffen. Vielleicht gibt es jetzt einige, die mit solchen Gedanken in ihren Wohnungen sitzen. Woher kommt mir, kommt uns Hilfe?

Sag’ mal, weißt du eigentlich, woher du deine Kraft bekommst? Erinnerst du dich eigentlich daran, dass du gerufen wurdest, berufen wurdest? Ich höre jemanden, der spricht zu mir – in mein manchmal so müdes Herz, in meine Unsicherheit, in meine schleichende und deshalb so gefährliche Resignation. Ich spüre die Nähe Gottes, der sich mir selbst immer und immer wieder offenbart.

Und so redet Gott uns alle an:

Erinnerst du dich, wie oft ich dich gehalten, getragen, gestützt habe? Sicher, ich räume dir nicht alle Steine aus dem Weg, über manche musst du einfach drüber. Sicher, dein Weg ist nicht immer nur eben und glatt, natürlich gibt es Situationen, die dich ganz fordern, die gefährlich sind, die Mut zum Risiko genau so benötigen, wie manchmal die Kunst sich zurückzunehmen, um anderen Raum zu geben, sogar dir selbst. Und gerade jetzt in diesen Tagen spüre ich doch deine Sorgen; ich höre deine Klage. Ich bin bei dir in all deinen Ängsten!

Aber das sind alles keine Augenblicke deines Lebens, durch die du allein müsstest. Ich bin da, Menschen sind für dich da, auch wenn du sie jetzt vielleicht nicht treffen kannst, da ist deine Familie, mit der du verbunden bleibst, es sind Freundinnen und Freunde, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Es sind Menschen, die du liebst und die für dich genau so da sein möchten, wie ich es bin.

Also geh ruhig. Geh in alles, was vor dir liegt. Oder besser: geh nicht! Bleib zu Hause und halte aus! Wie es werden wird, ob leicht oder schwer, das weißt du alles noch gar nicht. Aber ich bin da, gehe neben dir. Vergiss das niemals, bei allen Dingen, die dich jetzt fordern, die zu tun nötig sind, die vielleicht auch deine ganze Kreativität brauchen.

Und denk’ immer auch dran: ich, dein Gott, auch ich brauche dich! Denn deine Kraft, deinen Mut, deine Fürsorge, all das, was du bist und kannst, all das brauche ich. Du hilfst, damit auch andere aushalten können. Menschen, die dich brauchen wie mich. Hilf ihnen durch ein gutes Wort, einen guten Gedanken, einen Anruf, durch ein Gespräch über den Balkon. Du kannst vieles tun, auch in diesen schwierigen Zeiten. Es ist gut, dass es dich gibt. Auch du bist ein Segen!

Und so lege ich meinen ganzen Segen zurück auf dich. Geh in alle Zeit! Gehe in deine Arbeit, wenn sie möglich ist. Gehe in deine häusliche Stille und in dein jetzt vielleicht so ganz anderes Leben! Lebe, um zu lieben – denn meine ganze Liebe gilt dir, ich behüte dich bis in dein Innerstes. Und wenn du krank bist, ich werde dich tragen und behüten!

Wir bleiben gemeinsam auf dem Weg! Wende dich mir zu und bleib in meiner Nähe. Ich bin da. Du darfst abladen, dich ausruhen, stärken. Und dann gehen wir beide eines Tages auch vielleicht wie früher, aber eben vielleicht auch ganz anders wieder neu los! So wie wir es immer gemacht haben, und wieder machen werden! Raus aus den Wohnungen! Hin zu den Plätzen, wo das Leben wieder sein wird! Rein in die Tempel und Kirchen, die wir für eine kleine Weile verlassen haben! Mein Weg mit dir ist noch lange nicht vorbei! Und darauf spreche ich mein „Amen“. Tu du es auch! Amen.

Kommen Sie gut durch den Tag, passen Sie auf sich auf und bleiben Sie gesund! Gott segne sie!

Rüdiger Dunkel, Pfr.

 

(Stand 25. 3. 2020)

Geistlicher Impuls für den Tag

Losung und Lehrtext für Mittwoch, 25. 3. 2020

 Jesaja 29,16

Wie kehrt ihr alles um! Als ob der Ton dem Töpfer gleich wäre, dass das Werk spräche von seinem Meister: Er hat mich nicht gemacht! und ein Bildwerk spräche von seinem Bildner: Er versteht nichts!

1.Petrusbrief 5,5

Alle miteinander bekleidet euch mit Demut.

 Die Stille aushalten

Heute war ich im Keller und habe dort unter meinen ausgemusterten Büchern ein ganz bestimmtes gesucht. Es war plötzlich in meinen Gedanken, als ich im Garten saß. Es war so still. Eigentlich wunderbar. Kein Auto zu hören, keine menschlichen Stimmen, da war für einen Moment nichts. Noch nicht einmal das ewige Rauschen der B41 in der Nähe. Dazu wolkenloser blauer Himmel und eine scheinbar lächelnde Frühlingssonne.

Es hätte so schön sein können. Aber es war irgendwie anders. Ich konnte es nicht wirklich genießen. Etwas fehlte mir. Mir fehlte das Gefühl von unbeschwertem Leben. Plötzlich rückte mir diese Stille für einen Moment auch als gespenstische Ruhe näher. Und da war mir eben auf einmal ein Buch im Kopf, eher ein Büchlein. Mit Gedanken zur Stille und zum Wert der Stille mitten im Leben. „Lasst uns das Leben wieder leise lernen“, heißt es. Ich habe es leider nicht gefunden. Aber das liegt zweifelsfrei an der Ordnung in meinem Keller!

Aber der Titel schien mir für mich gerade in der Situation, die ich gerade meist allein zu Hause verbringe, für mich ganz passend: „Lasst uns das Leben wieder leise lernen“.

Ich telefoniere in diesen Tagen viel. Natürlich mit der amilie. Aber und gerade jetzt mit vielen Gemeindegliedern, vor allem mit älteren. Viele weiß sie aus erster Quelle nun gut versorgt. Aber was ich oft höre ist das Wort „Einsamkeit“. Da fehlt der Besuch der Kinder; der Verlust des Partners, der Partnerin wird plötzlich noch einmal ganz anders wahrgenommen. Ja einige von uns haben das Tröstliche in der Stille, in der Ruhe noch nicht finden können. Zu sehr sind es noch sorgenvolle Gedanken, die es uns manchmal schwer machen wollen, die nötige Geduld für diese schwierige Zeit aufzubringen.

Ich helfe mir dann meist selbst. Ich tauche in schöne Erinnerungen ab. Ich höre plötzlich meine Kinder wieder lachen, denke an schöne Urlaubszeiten, an die Wanderung auf den Ortler mit meiner Frau, an mein Feierabendbier auf der Terrasse von Zjelka und Marian, unseren kroatischen Freunden. Und wenn ich so gedanklich abtauche, bin ich manchmal ganz weit weg. Und dann spüre ich, wie ich auch loslassen kann. All meine Sorgen, all das, was mich vielleicht jetzt traurig machen kann.

Ich lasse los und spüre, wie mir die Erinnerungen auch jetzt schon dazu helfen, mir Gedanken für die Zukunft zu machen. Für die Zeit, in der wir wieder lachend auf der Straße mit den Nachbarn zusammen stehen, in der wir wieder in Orte reisen werden, die für uns längst irgendwie auch zweite Heimat geworden sind. Ich rieche jetzt schon wieder meinen Grill, auf dem so vieles bruzzelt, was wir dann unter Freunden im Garten teilen, egal ob es dann Sommer, Herbst oder schon Winter ist.

Aber dann spüre ich eben auch, dass ich Geduld brauche. Eine Geduld, die die Stille, die mich nun umgibt, auch wieder schätzen lernt. Ja, ich muss einfach wieder lernen, das Leben leise zu lernen. Und daran denken, dass ich auch in diesen stillen und so entschleunigten Zeiten niemals allein bin, an keinem Ort, nicht im Krankenhaus, nicht im Seniorenwohnheim, nicht in meiner Wohnung, nicht in meiner so verlassen da liegenden Kirche oder im leeren Gemeindehaus.

Einer bleibt – in allem Trubel, der mich sonst umgibt, besonders aber auch jetzt in dieser eher stillen Zeit. Und zu ihm darf ich mich hinwenden, er ist mir nah und wohnt in jedem Haus, auch in meinem. In dieser Hinwendung dürfen wir spüren, was für jede und jeden von uns gilt und was ein Beter vor langer Zeit in einem Psalm einmal so betete: Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.“ (Ps 62,6)

Kommen Sie gut durch den Tag, passen Sie auf sich auf und bleiben Sie gesund! Gott segne sie!

Rüdiger Dunkel, Pfr.

 

(Stand 24. 3. 2020)

Geistlicher Impuls für den Tag

Losung und Lehrtext für Dienstag, 24. 3. 2020

Psalm 145,17

Der HERR ist gerecht in allen seinen Wegen und gnädig in allen seinen Werken.

 Kolosser 1,9

Darum lassen auch wir nicht ab, für euch zu beten und zu bitten, dass ihr erfüllt werdet mit der Erkenntnis seines Willens in aller geistlichen Weisheit und Einsicht.

Ein Satz für’s Leben

Wenn es nach mir gegangen wäre, wäre ich Ende der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts des vergangenen Jahrtausends Jahre ins Kloster von Taizé eingetreten. Der liebe Gott wollte es allerdings wohl anders. Wissen Sie, warum ich dann aber Theologe geworden bin? Ich sag’s Ihnen. Den jahrelangen Weg dorthin erspare ich Ihnen jetzt allerdings. Letztlich gab es nämlich nur eines, was den Ausschlag gab. Es war ein einziger Vers aus der Heiligen Schrift. Ein Satz, auf den ich mein Leben gegründet habe. Er steht im 15. Kapitel des Lukasevangeliums, es ist der Vers 20. Ich hoffe, Sie möchten jetzt wissen, was dort steht! Hier ist er:

Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn, und er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.

Es mag bedeutender klingende Sätze in der Bibel geben und Sie kennen bestimmt einige davon, aber bei mir war es dieser. Der verlorene Sohn hatte alles verzockt, war ganz unten und wollte nur noch eines – nach Hause! Auf dem Weg zurück überlegte er, was er als Erklärung, als Bitte, als Entschuldigung sagen könnte, wenn er endlich wieder vor seinem Vater stehen würde. Und was passiert? Noch bevor er überhaupt irgendein Wort, irgendeinen Satz sagen kann, rennt der Vater, der offensichtlich gewartet hatte, weil er wusste, wohin sein Sohn geht, wenn es nichts anderes mehr gibt, auf seinen Sohn zu, nimmt ihn in die Arme und küsst ihn. So ist Gott! Egal, was war, egal, was ist, er nimmt mich in seine Arme und hält mich! Und weil Gott so ist, wollte ich, nachdem mein Leben als Mönch nicht zustande kam, mich dafür einsetzen, anderen Menschen diesen liebenden Gott nahe zu bringen. Und so wurde ich eben Pfarrer. Und habe es nie bereut! Obwohl als Mönch … na lassen wir das lieber!

Warum schreibe ich Ihnen das? Eigentlich ganz einfach! Ich sitze momentan wie so viele andere zu Hause und arbeite von hier aus, weil vieles andere ja gar nicht mehr möglich ist! Und dann kommen täglich auch die Momente, bei denen ich  ganz einfach da sitze und an all die Menschen denke, die ich jetzt nicht sehen kann, die mir so unglaublich fehlen. Meine Frau, die jetzt in ihrer Gemeinde in Remagen als Pfarrerin gebraucht wird, meine Kinder, meine Eltern und Freunde, „meine“ Gemeinde. Und ganz ehrlich, manchmal könnte ich heulen! Und ich glaube, ich tue es sogar. Und dafür schäme ich mich nicht!

Denn da sind dann auf einmal all die Sorgen! Gar nicht so sehr um mich, sondern um die, die ich liebe und denen ich jetzt vielleicht nicht nahe sein kann! Und dann habe ich manchmal das Gefühl, ich kann außer telefonieren oder „facetimen“ nichts für sie und mit ihnen tun. Obwohl das ja auch einiges ist, um in diesen schweren Zeiten den Kontakt nicht zu verlieren. Aber ich fühle mich dann eben wie der verlorene Sohn. Da liegt mir so vieles auf der Seele. Und ich weiß gar nicht, womit ich anfangen möchte, das alles vor Gott zu bringen.

Aber ich brauche es ja gar nicht. Denn wie damals, als dieser Satz zu einem Licht für mein Leben wurde, fühle ich es immer noch: Er rennt auf mich zu, nimmt mich in die Arme, hält mich und küsst mich! Mein Gestammel braucht es dabei nicht. Auch nicht meine in Worte gefassten Sorgen oder all meine ungeordneten Gedanken. Er hat mich längst verstanden! Er hält mich längst! Dieses Gefühl lasse ich mir nicht nehmen. Von keinem Virus der Welt!

Und deshalb möchte ich Sie an etwas erinnern. Welches Wort aus der Bibel, welcher Satz trägt Sie? Ich glaube, die meisten haben solch ein Wort, solch einen Satz ebenfalls längst für das eigene Leben gefunden. Für die einen ist es vielleicht ein Konfirmationsspruch geworden, oder auch ein Trauspruch. Manche erinnern sich an Worte, die sie von den eigenen Großeltern übernommen haben. Ja, ich glaube, viele von uns haben solch einen Satz, der auch durch schwere Zeiten tragen kann, in ihrem Herzen. Vielleicht manchmal tief verschüttet, aber immer noch tragfähig. Ich bitte Sie: Holen Sie ihn heraus, erinnern Sie sich! Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt!

Wir alle müssen nämlich nicht das ganze Evangelium verstehen, so sagte es uns Jugendlichen vor langer Zeit einmal Frère Roger, der verstorbene Prior des Klosters von Taizé, in einem abendlichen Gespräch. Wenn du nämlich ein Wort, einen Satz für dein Leben gefunden hast, so legte er es uns damals ans Herz, dann hast du Gott ganz gefunden. Und ich denke, genau so ist es!

Ach übrigens: wenn jetzt jemand denkt „Schade, solch einen Satz habe ich leider noch nicht gefunden!“, dann bitte sehr: Nehmen Sie doch meinen. Ich teile gern, schließlich ist er für alle da!

Kommen Sie gut durch den Tag, bleiben Sie daheim, passen Sie auf sich auf und bleiben Sie gesund! Gott segne Sie!

Rüdiger Dunkel, Pfr.

 

(Stand 23. 3. 2020)

Geistlicher Impuls für den Tag

Losung und Lehrtext für Montag, 23. 3. 2020

 

Nehemia 9,6

HERR, du bist’s allein, du hast gemacht den Himmel und aller Himmel Himmel mit ihrem ganzen Heer, die Erde und alles, was darauf ist, die Meere und alles, was darinnen ist.

 

Apostelgeschichte 14,17

Gott hat sich selbst nicht unbezeugt gelassen, hat viel Gutes getan und euch vom Himmel Regen und fruchtbare Zeiten gegeben, hat euch ernährt und eure Herzen mit Freude erfüllt.

 

Eine kleine Geschichte erklärt mir Gott

Ein Kind musste in einem Krankenhaus operiert werden. Im Vorbereitungsraum wartete es gemeinsam mit seinem Vater. Dann war es soweit. Mit sorgenvollen Augen sah das Kind auf den Vater. „Papa“, fragte das Kind, „Papa, bleibst du bei mir?“ „Ja“, sagte der Vater, „ich bleibe bei dir.“ „Die ganze Zeit?“ „Ja, die ganze Zeit!“ Die Narkose wurde eingeleitet, das Kind schlief ein. „Sie können jetzt gehen, es schläft“, sagte die Anästhesistin. „Nein, ich kann nicht gehen“, antwortete der Vater, „ich hab’s versprochen! Ich bleibe!“

Für mich braucht es manchmal nicht viel, um den Gott zu erklären, an den ich glaube. Der Gott, an den ich glaube, hat mir, als er mich ins Leben rief, versprochen, an meiner Seite zu bleiben. Und oft durfte ich das erfahren – in guten Zeiten meines Lebens und eben auch in ganz schweren, in denen ich es manchmal vielleicht sogar für unmöglich hielt. Der Gott, an den ich glaube, hat sich niemals aufgedrängt. Aber er war immer so spürbar, dass ich wusste, ich bin nicht allein, niemals. Manchmal wurde mir das natürlich auch immer erst viel später klar. Aber ich weiß, es gibt keinen Tag ohne Gott! Es gibt keinen Tag ohne Gott an meiner Seite! Aus dieser Zuversicht lebe ich!

Wo war das bei Ihnen so? Wo und wie haben Sie das auch spüren können? Und wie ist es jetzt? In den Zeiten, in denen wir uns sorgen. Sorgen um uns, um die, die wir lieben, um die, die für uns sorgen. Manche können wir gerade sehen, weil wir mit ihnen leben. Bei anderen, die in unserem Herzen sind, ist das vielleicht gerade nicht möglich. Haben Sie schon die Ruhe finden können, die immer auch mit Vertrauen zu tun hat? Eine Ruhe, in der Sie hören können, wie Gott spricht: „Ich bin da! Ich hab’s versprochen! Und ich bleibe, bei dir und allen Menschen!“ Er sagt es Ihnen, täglich und immer wieder neu. Sie werden es hören. Ich wünsche es Ihnen. Kommen Sie gut durch den Tag! Passen Sie auf sich auf und bleiben Sie gesund!

Rüdiger Dunkel, Pfr.

 

Geistlicher Impuls (20. 03. 2020):

Ein katholischer Mitbruder – Monsignore Stephan Wahl, einige kennen ihn aus seiner Winzenheimer Zeit – und ich haben ein Lieblingszitat. Es stammt von Blaise Pascal (franz. Mathematiker, Physiker und Philosoph) und lautet:

„Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen“.

Einige , die jetzt immer noch gemeinsam draußen herumlaufen, scheinen seine Worte bestätigen zu wollen und handeln unverantwortlich. Aber wie werden wir, werden Sie Blaise Pascal widerlegen können? Was kann uns, was kann Ihnen helfen, diese schwierige Zeit vielleicht allein oder mit der Familie zu Hause zu verbringen? Vielleicht müssen wir nach diesen letzten uns alle wohl aufwühlenden Tagen erst einmal zur Ruhe kommen, damit sich bei aller Sorge und bei allen Ängsten in uns auch wieder Raum für Zuversicht wachsen kann. Z.B. die Zuversicht, dass wir alle mithelfen können, diese Krise zu überwinden, indem wir uns für eine Weile zurückziehen, auch wenn es uns vielleicht schwerfällt. Aber dahinter ahne ich auch wieder unsere Fröhlichkeit, höre jetzt schon unser Lachen, ahne ich jetzt schon das Glück, das Leben in Fülle, das Gott uns schenkt, wieder mit anderen teilen zu dürfen. Aber bis dahin, sollten wir vieles tun und auch bei uns für möglich halten, Blaise Pascal und seine Worte zu widerlegen! Es wird gelingen, schließlich sind wir niemals allein in einem Zimmer. Einer verlässt uns nie und ist immer bei uns, niemals aufdringlich und manchmal ganz unmerklich. Aber er ist da, bleibt da und geht mit uns! Gelobt sei Gott!

Passen Sie auf sich auf!

Es segne und behüte sie Gott, der Allmächtige, der Vater, der Sohn und der heilige Geist! Amen.

Rüdiger Dunkel, Pfr.