Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum vorletzten Sonntag im Kirchenjahr, 15. 11. 2020

Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Wochenspruch:

Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi. (2. Kor 5,10a)

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Aus Psalm 50

1 Ein Psalm Asafs. Gott, der HERR, der Mächtige, redet und ruft der Welt zu vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang.

2 Aus Zion bricht an der schöne Glanz Gottes.

3 Unser Gott kommt und schweiget nicht. Fressendes Feuer geht vor ihm her und um ihn her ein gewaltiges Wetter.

4 Er ruft Himmel und Erde zu, dass er sein Volk richten wolle: 5 »Versammelt mir meine Heiligen, die den Bund mit mir schlossen beim Opfer.«

6 Und die Himmel werden seine Gerechtigkeit verkünden; denn Gott selbst ist Richter.

14 Opfere Gott Dank und erfülle dem Höchsten deine Gelübde,

15 und rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen.«

23 Wer Dank opfert, der preiset mich, und da ist der Weg, dass ich ihm zeige das Heil Gottes.«

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar

und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Herr, guter Gott und Vater!

Wir bekennen dir:

Wir sind vernarrt in die Götzen unserer Zeit:

in Wissenschaft und Technik,

in Reichtum und Sicherheit,

in Wachstum und Fortschritt.

Wir sind vernarrt in uns selbst.

Wir verurteilen andere

und sind selbst nicht ohne Schuld.

Wir hören deine Gebote,

sie ändern in unserem Leben nichts.

Deinen Ruf, umzukehren, hören wir nicht.

Wir nehmen nur uns selbst wichtig und ernst,

wir achten nicht auf dich.

Deshalb bitten wir dich:

Komm, und erbarme dich unser!

Ich werde still, um vor dich zu legen,

was mir auf der Seele liegt!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Christus spricht euch los von aller Schuld,

wenn er sagt:

Der barmherzige Gott hat sich euer erbarmt.

So verdamme ich euch auch nicht.

Geht und sündigt hinfort nicht mehr!

Ehre sei Gott in der Höhe!

 

Gerechter und barmherziger Gott!

Vor dir müssen wir verantworten,

was wir tun und lassen!

Rechne uns nicht an, was wir verfehlt haben,

denke an dein Erbarmen

und rette uns zum ewigen Leben.

Durch unseren Herrn Jesus Christus, deinen Sohn,

der mit dir und dem heiligen Geist

lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Epistellesung: Aus dem Römerbrief, Kapitel 14, Verse 7-13:

7 Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber.

8 Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.

9 Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.

10 Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.

11 Denn es steht geschrieben (Jesaja 45,23): »So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir sollen sich alle Knie beugen, und alle Zungen sollen Gott bekennen.«

12 So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben. 13 Darum lasst uns nicht mehr einer den andern richten; sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite.

Halleluja! Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren! Halleluja!

 

 Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Lukasevangelium, Kapitel 16, Verse 1-8

(auch Predigttext)

1 Er sprach aber auch zu den Jüngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz.

2 Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein.

3 Da sprach der Verwalter bei sich selbst: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln.

4 Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde.

5 Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden für sich, und sprach zu dem ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig?

6 Der sprach: Hundert Fass Öl. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs fünfzig.

7 Danach sprach er zu dem zweiten: Du aber, wie viel bist du schuldig? Der sprach: Hundert Sack Weizen. Er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig.

8 Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte. Denn die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts.

9 Und ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit, wenn er zu Ende geht, sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten.

Amen.

 

Predigt

 Die Gnade unseres Herrn und Gottes sei mit uns allen. Amen!

 Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Wenn ich ganz ehrlich bin, dann muss ich bekennen: Schon manches Mal habe ich mir gewünscht, dass Jesus manche Geschichte, die ich im Evangelium finde, besser nicht erzählt hätte.

Denn ich glaube, es gibt Geschichten, durch die schon damals die Jünger – und noch viel mehr wir heutzutage – nicht hinter Jesus her, sondern auf eine falsche Fährte geführt werden! Ja, manchmal erzählt Jesus vordergründig ganz missverständliche Geschichten, die er vielleicht besser nicht vor unsere Ohren gebracht hätte. Heute finde ich eine solche Geschichte als unseren Predigttext. Wir haben sie gerade etwas weiter oben aus dem Lukasevangelium gelesen.

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Leserinnen und Leser!

Was habt Ihr vom ersten Hören behalten, was nehmt Ihr mit? – Fremden Besitz zu verschleudern ist in Ordnung! –  Ist es das? Urkundenfälschung ist durchaus ein Mittel, sich die Menschen zu verpflichten und gefällig zu machen. Betrug und arglistige Täuschung sind lobenswert. – Ist es das?

Stellen wir uns einmal vor, wir würden das machen. Die Unterschrift unseres Chefs zu fälschen, es wäre eine löbliche Sache! Betrügerischer Konkurs zu Lasten des Steuerzahlers nicht einmal mehr ein Kavaliersdelikt. Steuerhinterziehung würde vom Finanzamt mit einer Dankesurkunde belohnt. Unvorstellbar, nicht wahr?

Obwohl: Reiben sich da jetzt doch gar nicht so wenige in unserem Land die Hände und sagen: „Genau! Genau so geht’s! Und genau so wird es längst gemacht! Nur dann kommst du zu etwas!“

Warum erzählt Jesus hier so etwas? Versteht er so wenig von Lohnarbeit, vom Verhalten im Angestelltenverhältnis, von der Mentalität mancher Unternehmer und von wirtschaftlichen Zusammenhängen überhaupt? Oder will er uns provozieren? Wenn ja, aber wozu? Ich ahne natürlich, dass es ihm wie immer wohl um etwas ganz anderes geht. Aber worum? Es nützt also nichts anderes, wir müssen noch einmal ganz in diese Geschichte hinein.

Da sitzt einer und hält inne. Seine Unterschlagungen sind aufgeflogen, sein Chef zieht ihn zur Rechenschaft, er kann nicht mehr Verwalter sein. Dieser Mensch könnte jetzt jammern und klagen über seine selbstgeschaffene Misere. Aber das tut er nicht. Er schaut in seinem ganzen Dilemma schon weiter. „Was werde ich tun?“ spricht er. Da sprach der Verwalter bei sich selbst: Was soll ich tun? (V.3)

Er fragt nicht resignierend: „Was soll ich bloß tun?“ Nein, Tatkraft klingt in der Frage mit. Entschlossenheit im Entscheiden ist zu spüren.

Mein Herr nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln.

Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde.(VV3b.4)

Dieser Verwalter beschönigt nichts. Er hält aus, was jetzt ist. Er geht die Möglichkeiten für sich ganz nüchtern durch. Und er hat einen Plan. Den Schuldnern will er die Schulden nachlassen, damit sie ihn dann in ihre Häuser einlassen, wenn er keines mehr hat. Jetzt schon will er für später vorbauen. Wenn er sich jetzt entgegenkommend zeigt, werden sie ihn später bestimmt auch nicht im Regen stehen lassen. Wenn sie jetzt seine Freundlichkeit sehen, dann werden sie ihm freundlich sein, wenn er ihre Hilfe braucht. Zum Schaden seines Herrn macht er sich Freunde. Ganz clever beugt er für sich vor. Genauer betrachtet sieht das so aus: 100 Eimer, 100 Bath Öl ist der Erste schuldig, das ist der Ertrag von 140 Ölbäumen. Um die Hälfte setzt der Verwalter die Schuld herunter.

Der zweite Schuldner schuldet 100 Sack, 100 Kor Weizen, das ist der Ertrag von 42 ha Ackerland. 20 % der Schuld erlässt der Verwalter. Beide Schuldner bekommen etwa den gleichen Erlass, etwa 500 Denare. Ohne mit der Wimper zu zucken, setzt der Verwalter die Schulden um eine beträchtliche Summe herunter – zu seinen eigenen Gunsten und zu Ungunsten des Chefs. Das, liebe Schwestern und Brüder, ist eiskalter und bewusst kalkulierter Betrug.

Was soll der Chef jetzt wohl sagen? Wie soll der Herr reagieren? Wird er wieder wie schon einmal sagen:

Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung;… (V 2)

Wird er ihn strafen? Wird er vielleicht die Summe vom Schuldenerlass zurückfordern? Das muss er doch einfach tun. Das wäre doch im Sinne des Herrn, im Sinne seiner Besitzwahrung, im Sinne aller Ehrlichkeit.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

„Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte.“  (V 8)

Das muss man ja nun zwei Mal lesen, um es zu begreifen.

„Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte.“ (V 8)

Man meint doch wohl, sich verlesen zu haben. Soll hier Unehrlichkeit schön geredet werden, so wie wir das heute oftmals gewohnt sind? Diese Reaktion des Herrn damals war ja nun gar nicht zu erwarten. Wie kann der Herr so umschwenken? Ist ihm jetzt auf einmal egal, was aus seinem Besitz wird? Zuerst hat er das Unrecht doch aufgedeckt und jetzt, deckt er es jetzt zu? Zuerst lag ihm doch so sehr an seinem Vermögen. Und jetzt – woran liegt ihm jetzt? Woran liegt diesem Herrn denn überhaupt?

Jetzt ist ihm plötzlich der nachlässige Verwalter wichtig, der ihn betrogen hat. Jetzt hat er plötzlich Interesse dafür, dass dieser Mann gut versorgt ist, wenn er von ihm entlassen wird. Das ist doch kaum zu verstehen! Aber jetzt ist ihm dieser Mensch so wichtig, obwohl der doch sein Vermögen veruntreut hat und ihm gegenüber in der Schuld steht.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Jesus erzählt uns hier eine Beispielgeschichte. Er setzt uns ein Beispiel aus dem Alltag vor, natürlich um uns etwas deutlich zu machen. Und vielleicht ist es ja das:

Wie der Herr in der Beispielgeschichte, so ist Gott. So überraschend wie in der Geschichte ist ihm wichtig, dass wir gut vorsorgen. So erstaunlich wie in der Geschichte ist es – wir selber sind Gott wichtig, nicht unsere Schuld, niemals die Zwänge und Nöte, in denen wir uns selbst verfangen haben.

Das wäre von unserer Erfahrung her, das wäre aus unserer Sicht  doch zu erwarten, dass Gott uns auf unsere Schuld anspricht. Aber ihm, Gott selbst, ist es so wichtig, dass wir nicht ins Leere laufen. Er sorgt sich um uns, er sorgt sich um dich und mich. Deshalb sollen wir vorsorgen wie der Verwalter in der Geschichte – ganz entschieden und vielleicht auch clever unsere Zukunft in den Blick nehmen und danach handeln. Wie der Verwalter sollen wir niemals unsere Zeit, die wir haben, durch Zaudern, durch Zögern und Resignation vertun, sondern wir sollen nach vorne schauen – auf unser Leben, auf unsere Zukunft, die wir hier gestalten sollen.

Mit dem Bild von den „ewigen Hütten“ ganz Ende der Erzählung wird deutlich, worum es geht: nämlich im Blick zu behalten, dass unser Leben endlich ist. Vieles müssen wir dann zurücklassen, loslassen. Was aber ist eine gute Vorsorge, um in den ewigen Hütten Gottes, um dann ganz in Frieden bei Gott sein zu dürfen?

Immer wieder werden wir unter Schmerzen daran erinnert, wenn einer unserer Angehörigen schwer erkrankt oder stirbt. An Sterbebetten und Gräbern erleben wir schmerzhaft, dass wir dem Gedanken an Sterben und Tod letztlich eben doch nicht ausweichen können, gerade in diesem Monat November mit seinen Feiertagen. Allein diese Erinnerung meint unsere Beispielgeschichte aber gar nicht ausschließlich.

Es geht hier deutlich um zwei Zeiten – um das, was wir heute tun und um das, was dann sein wird. Da geht es um den Zusammenhang zwischen dem, was wir heute tun und was dann sein wird. Da geht es um das Vorsorgen heute für die Zeit, die dann einmal sein wird und die uns von Gott genau so geschenkt wird.

Heute sollen wir im Blick haben, dass Gott uns dann fragen wird: „Was hast du aus deinem Leben gemacht, erzähl’ mal?“ Heute schon sollen wir im Blick haben, was dann einmal vor Gott Bestand haben wird.

„Aber wir leben doch ganz im Augenblick“, kann jetzt jemand sagen. Das ist doch nun mal so. Was heute geschieht, das nimmt uns ganz ein. Man kann doch nicht ständig schon weiter denken!

Aber liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Genau diese unsere Lebenswirklichkeit ist hier ganz ernst genommen. Genau sie ist der eigentliche Hintergrund in unserer Beispielgeschichte. Da sitzt einer und hält inne. Und er lässt sich von den Sorgen und Pflichten des Augenblicks nicht einnehmen. Er tut gerade nicht das, wozu es uns manchmal so schnell treibt – jammern, klagen, resignieren.

Nein, ganz für sich sitzt er da, fernab der anderen und denkt über seine Zukunft nach. Er denkt an das, was dann sein wird. Und bestimmt von diesem Gedanken, was dann sein wird, von daher bestimmt er das, was er heute tun wird. Und so denke ich – soll es für uns eben auch sein.

Einmal wird uns Gott nach unserem Tun fragen. Daran erinnert auch der Wochenspruch. „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.“ (2. Kor 5,10a) Und deshalb leben wir! Deshalb schauen wir auf unser Leben und fragen uns – vielleicht schon heute: Was hat vor Gott Bestand? Was ist vor Gott gut? Diese Frage kann und soll uns begleiten.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Mitten in unser Leben klingt diese Frage. Sie klingt in all unser Fragen nach dem, was wir zu tun und zu lassen haben. Was ist vor Gott gut? Diese Frage kann uns zur Hilfe werden in Entscheidungen, in Auseinandersetzungen, im ganz Alltäglichen und in besonders zugespitzten Zeiten. – Was ist vor Gott gut?

In manchen Situationen unseres Lebens wissen wir die Antwort darauf sehr schnell.

Manchmal aber wird es Zeit brauchen, bis wir in der Lage sind, aus unserer eigenen manchmal so ängstlichen Sicht herauszutreten.

Manchmal wird es Zeit brauchen, bis wir weiter sehen können als nur auf uns selber.

Manchmal wird es Zeit brauchen, bis wir versuchen können, eine Situation in unserem Leben in dem Licht dieser Frage zu bedenken.

Und es kann sogar so weit kommen, dass uns das manchmal gar nicht mehr gelingt, weil unsere Sichtweise so festgelegt ist und sich so verhärtet hat, dass wir aus unserer Haut gar nicht mehr heraus können.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Was werde ich tun? So fragt der Verwalter. Wenn wir fragen, was ist vor Gott gut, ist das ganz ähnlich. Denn wer so fragt, der hält in seinem Leben – und wenn auch nur ganz kurz – inne und lässt sich eben vom Augenblick niemals ganz einnehmen.

Wer so fragt, der fragt nach der eigenen Zukunft, für sich ganz allein.

Wer so fragt und dann danach handelt, der sorgt heute schon vor, für das, was dann einmal sein wird.

Vielleicht will uns diese so schwierige Geschichte genau das ja deutlich machen.

Dazu helfe uns Gottes Geist!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Fürbittgebet

Du, unser Gott und Vater,

wir könnten es wissen, dass denen, die dich lieben,

alle Dinge zum Besten dienen.

Wir könnten es wissen, wenn wir glaubten,

dass du die herrliche Freiheit der Kinder Gottes

auch für uns bereithältst.

Wir bitten dich: Lehre uns glauben,

dass mit der Freiheit der Kinder Gottes

auch die Schöpfung durch dich von ihrer Vergänglichkeit befreit wird.

 

Herr, Jesus Christus,

du hast uns zu Erben deiner Botschaft eingesetzt,

damit wir sie verständlich weitersagen

gegen alle Angst in dieser vergänglichen Welt

und zur Stärkung der Ängstlichen,

gegen Terror und Krieg in dieser zerstrittenen Welt

und zur Bewahrung der Schöpfung,

gegen Gleichgültigkeit und Mutlosigkeit,

damit Gleichgültige aufmerken und Mutlose Hoffnung schöpfen.

 

Du, unser Gott und Vater,

weil wir dich immer noch nicht sehen,

warten wir auf dich.

Und während wir auf dich warten,

warten Hungernde auf uns.

Die, denen alles Lebensnotwendige fehlt,

Fremde, Schutzlose warten genauso

wie die Kranken und Alleingelassenen auch.

Steh allen bei, die leiden.

Sie und wir alle warten und vertrauen auf dich,

bis du all unser Warten beendest,

unser Vertrauen stärkst

und uns deine Herrlichkeit sehen lässt.

Ich werde still, um mich dir noch einmal anzuvertrauen.

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund! Wir seh’n uns wieder!

Pfarrer Rüdiger DunkelWeiterlesen

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Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum drittletzten Sonntag im Kirchenjahr, 08. 11. 2020

Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Wochenspruch:

Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen. (Mt 5,9)

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Aus Psalm 85

 9 Könnte ich doch hören, was Gott der HERR redet, dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen, auf dass sie nicht in Torheit geraten.

10 Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten, dass in unserm Lande Ehre wohne;

11 dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen;

12 dass Treue auf der Erde wachse und Gerechtigkeit vom Himmel schaue;

13 dass uns auch der HERR Gutes tue und unser Land seine Frucht gebe;

14 dass Gerechtigkeit vor ihm her gehe und seinen Schritten folge.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar

und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Guter Gott und Vater,

wie oft sind wir kleinmütig:

wir zweifeln an der Verheißung deines Kommens

und an der Zusage deiner Gegenwart.

Wie oft sind wir überheblich,

glauben unser Tun als den Anfang einer besseren Welt,

verwechseln unsere Pläne mit deinem Reich.

Hilf uns, deine Gegenwart dankbar zu empfangen.

Wir wollen dich wahrnehmen mitten in unserer Arbeit,

im Alltag unseres Zusammenlebens,

in den schwierigen Auseinandersetzungen unserer Zeit.

Wir wollen dich nicht versäumen.

Komm, Herr, und bleibe bei uns!

Erbarme dich unser!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

So spricht Gott:

Ich will meinen Geist in euch geben

und will solche Leute aus euch machen,

die in meinen Geboten wandeln

und meine Rechte halten

und danach tun.

Ihr sollt mein Volk sein,

und ich will euer Gott sein!

Ehre sei Gott in der Höhe!

 

Gott, Vater,

wie im Himmel, so auf Erden.

Wir halten Ausschau nach dir.

Gib, dass die schwierigen Probleme dieser Welt

uns niemals den Blick verstellen.

Lass uns schauen

den weiten Horizont hoffnungsvoller Erfahrungen

durch Jesus Christus, unseren Herrn,

der mit dir und dem Heiligen Geist

lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Lukasevangelium, Kapitel 17, Verse 20-24:

 20 Als er aber von den Pharisäern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht mit äußeren Zeichen;

21 man wird auch nicht sagen: Siehe, hier!, oder: Da! Denn sehet, das Reich Gottes ist mitten unter euch.

22 Er sprach aber zu den Jüngern: Es wird die Zeit kommen, in der ihr begehren werdet, zu sehen einen der Tage des Menschensohns, und werdet ihn nicht sehen.

23 Und sie werden zu euch sagen: Siehe, da!, oder: Siehe, hier! Geht nicht hin und lauft nicht hinterher!

24 Denn wie der Blitz aufblitzt und leuchtet von einem Ende des Himmels bis zum andern, so wird der Menschensohn an seinem Tage sein.

Halleluja! Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte! Halleluja!

 

 Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Epistellesung: Aus dem 1. Thessalonicherbrief, Kapitel 5, Verse 1-6

(auch Predigttext)

 1 Von den Zeiten aber und Stunden, Brüder und Schwestern, ist es nicht nötig, euch zu schreiben;

2 denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht.

3 Wenn sie sagen: »Friede und Sicherheit«, dann überfällt sie schnell das Verderben wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entrinnen.

4 Ihr aber seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme.

5 Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis.

6 So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein.

Amen.

 

Predigt

 

Die Gnade unseres Herrn und Gottes sei mit uns allen. Amen!

 Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Ich bitte uns alle einmal alle, vielleicht die Augen zu schließen, um sich einen Globus vorzustellen. Eine Weltkugel, ein Abbild unserer Welt. Und nun frage ich euch: Tippt einmal mit dem Finger auf einen Punkt in dieser Welt, an dem noch wirklich alles in Ordnung ist – heile Welt in Frieden und völligem Einklang mit der Schöpfung. Ich glaube, wir hätten mittlerweile Probleme, solch einen Punkt spontan zu finden. Wir müssten uns eingestehen: Unsere Welt ist nicht in Ordnung, sie war es eigentlich zu keiner Zeit! Früher waren wir, denke ich, lediglich nicht so gut informiert. Heute ist es umgekehrt. Heute wissen wir beinahe alles von dieser Welt. Wir können sehr schnell die Länder benennen, in denen z.B. Krieg und Katastrophen die Menschen plagen. Wir wissen, wo und wie sehr das Virus gerade überall auf dieser Welt so unbarmherzig zuschlägt.

Jeder und jedem von uns würde dazu wohl etwas einfallen. Bis in die Familien hinein gilt das heute so. Es gibt keinen perfekten Ort mehr auf dieser Welt! So wie es keinen Menschen gibt, der immer nur Glück hat. Wäre es da nicht schön, wenn mit einem Schlag, wenn von einem Tag auf den anderen alles Leid weggefegt wäre? Könnte Gott das nicht eigentlich so machen, gerade jetzt? Kinder habe ich oft so fragen gehört? Einige unserer Konfirmandinnen und Konfirmanden äußerten sich vor kurzem in einer Video-Unterrichtsstunde auch so ähnlich. Erwachsenen muss man es eher ansehen, wie sie so etwas denken, zu sagen trauen sich das nur wenige.

Solche und ähnliche Gedanken haben sich allerdings auch schon die ersten Christinnen und Christen gemacht. Eine Gemeinde in Griechenland, in Thessaloniki, wartete zum Beispiel darauf, dass Christus so schnell wie möglich wiederkäme in dieser Welt. Sie hofften, das möge doch möglichst schon morgen geschehen, und dann wäre endlich alles besser. Die Guten würden belohnt und die anderen bestraft. Aber so einfach, wie sie sich das vorstellten, war es natürlich nicht. Paulus wusste das. Und deshalb schrieb er ihnen die Zeilen, die wir gerade im 5. Kapitel des 1. Thessalonicherbriefes als Epistellesung etwas weiter oben gelesen haben. Ich drucke sie hier noch einmal kurz ab: 1. Thessalonicher 5,1-6:

 

1 Von den Zeiten aber und Stunden, Brüder und Schwestern, ist es nicht nötig, euch zu schreiben;

2 denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht.

3 Wenn sie sagen: »Friede und Sicherheit«, dann überfällt sie schnell das Verderben wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entrinnen.

4 Ihr aber seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme.

5 Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis.

6 So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein.

 

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Auf den ersten Blick ist es ja doch schade. Paulus weiß offensichtlich auch nicht, wann Christus kommen wird, um alles in Ordnung zu bringen. Es wird wohl irgendwann geschehen, deutet er an; aber wann – das lässt er eben offen.

Fast 2000 Jahre sind seitdem vergangen. Und nicht wenige haben sich bis heute von einer Skepsis anstecken lassen, die ihnen ins Ohr flüstert, dass Christus wohl doch nicht mehr kommen wird, jedenfalls nicht mehr für uns sichtbar und erlebbar, ebenso wenig wie für die Thessalonicher! Die Wiederkunft Christi ist eine der wunderbarsten, der hoffnungsvollsten Erwartungen, auf die wir unseren Glauben ausrichten. Glauben wir aber überhaupt noch daran?

Sehen wir auf diese Welt, holen wir uns noch einmal den Globus vor Augen und bekennen wir dann wirklich aus vollster Überzeugung: Ja, diese Welt ist noch zu retten, und Christus wird es tun; sein Tag wird kommen, über Nacht, wie ein Dieb, so plötzlich, so wunderbar, so, dass es uns alle ergreift, uns ermutigt und uns neu aufbrechen lässt? Liebe Schwestern und Brüder, ist das unsere Hoffnung?

Oder haben wir uns in unserem Glauben auch schon von dieser schleichenden Resignation anstecken lassen, die dieser Welt und damit uns Menschen in dieser Welt nichts mehr zutraut und dann eben auch Christus nichts mehr zutraut?

Wenn man sieht, wie zweifelnd, ja wie kleingläubig wir manchmal geworden sind, wenn man sieht, über welche Unwichtigkeiten wir zu streiten bereit sind, wenn man sieht, wie lasch wir letztlich mit unserem Glauben umgehen und Gott damit Tag für Tag neu verraten – viel schlimmer als Judas es jemals getan hat –, dann könnte man wirklich meinen, „Wiederkunft Christi“ ist nur noch ein Thema für Wissenschaftstheologen und Philosophen. Vielleicht haben wir uns einlullen lassen, so wie es der Bibeltext schon sagt. Wenn sie sagen: »Friede und Sicherheit«, dann überfällt sie schnell das Verderben.“ Glauben wir wirklich, es ist alles in Ordnung? Glauben wir wirklich, es ist alles in Ordnung, nur weil in unserem Gärtchen immer noch Scheinfriede herrscht?

Nein, vieles ist in Unordnung in dieser Welt, vieles scheint aus den Fugen zu geraten. Wir sehen es doch, und viele bekommen es in diesen Tagen buchstäblich und so unglücklicherweise am eigenen Leib zu spüren!

Und doch, liebe Schwestern und Brüder, wir sind nicht verloren! Gott hat uns nicht aufgegeben, niemals würde er das tun! Er hat seine Wiederkunft vielleicht noch nicht vollendet. Aber er ist schon in dieser Welt, er wirkt in dieser Welt, so wie er es immer getan hat. Ich weiß, vielleicht fällt es einigen schwer, das gerade zu glauben. Aber da sind auch die anderen, die wie ich genau darauf hoffen und vertrauen, dass Gott selbst eben weiß, wo gerade sein Platz ist, wo er spürbar werden muss und will.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Was hat dieser Erdball nicht schon alles überstanden, was überleben viele, manchmal leidgeprüften Familien Tag für Tag! Und ja, wie viele Opfer muss Gott täglich in seinen liebenden Händen bergen! Auch daran können wir nicht mehr einfach vorbeisehen.

Aber Paulus will die Menschen in seinen Briefen immer wieder neu davon überzeugen: Christus ist uns niemals irgendwie zornig gesinnt, er war es nie. Nein, im Gegenteil! Unser Gott ist für uns gestorben, damit wir uns auf ihn verlassen können. Mit seinem Tod wollte er diese Welt zum Guten verändern. Er wollte uns damit ausrüsten, damit auch wir daran mitarbeiten, diese Welt zum Guten verändern. Dazu steht er uns zur Seite – über seinen eigenen Tod hinaus und sogar über unseren eigenen Tod hinaus!

Wiederkunft Christi – es gibt unzählige Beispiele dafür wie nah Christus schon in dieser Welt, schon bei uns Menschen ist. Ich habe Menschen gesehen, die haben ein ganz und gar unglaubliches Schicksal hinter sich, Verluste, an denen sie eigentlich zerbrechen müssten. Ich sehe, wie sie durch ihre Krisen hindurch kommen, wie sie eines Tages neu anfangen, das Alte nicht mehr nur belastend, sondern einfach auch prägend annehmen und dann Dinge anders machen.

Ich kenne einen Menschen, der ist durch eine Drogenhölle gegangen. Er war eigentlich lebendig und tot zugleich. Von uns Freunden hat niemand mehr einen Pfifferling auf ihn gegeben. Aber er kam da durch, er hat es tatsächlich geschafft. Heute hilft er anderen Menschen in Krisensituationen. Kam er allein dadurch? Seine Antwort auf die Frage, wie er das damals alles geschafft hat, ist heute sehr eindeutig und klar: Allein, sagt er, allein hätte ich das nicht geschafft. Da muss mich jemand ganz schön lieb gehabt haben. Und das versuche ich nach meinen Kräften weiterzugeben!

So, liebe Schwestern und Brüder, auch so lebt und wirkt Christus in dieser Welt! Ich habe auch andere Menschen vor Augen, die mir in meiner Arbeit begegnet sind – Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Sozialstationen, in Hospizen und in Krankenhäusern. Ich habe sie vor Augen, einige durfte ich eine Zeitlang begleiten, manche begleite ich jetzt noch und hoffentlich auch bald wieder präsent! Ich weiß von ihren Nöten und Belastungen.

Ich weiß auch von ihrem Leiden, dass sie es nur mit Kranken oder auch mit vielen kranken alten Menschen zu tun haben. Gerade diese Wochen und Monate gehen nicht spurlos an ihnen vorüber. An ihre Langzeitfolgen, die sie zu bewältigen haben werden, haben wir noch überhaupt nicht ausreichend gedacht. Alle, die dort arbeiten, sind keine Maschinen. Da wird so manche Träne unterdrückt, da wird manchmal sogar laut geschrien, wenn es denn raus muss. Und trotzdem, niemand von ihnen würde sich einfach davonstehlen aus dieser Arbeit. Die meisten – und das sage ich aus tiefster Überzeugung – lieben ihre Arbeit, weil sie die Menschen lieben und weil sie in ihrer Arbeit sowie im Umgang mit den ihnen anvertrauten Menschen viel von der Nähe und dem Wirken Gottes spüren, mehr als vielleicht in einem Gottesdienst oder in einem Gemeindekreis. Und wenn sie das in Gesprächen so sagen, dann glaube ich ihnen das! Viele andere, die sich konkret in ganz anderen ehrenamtlichen Engagements für andere Menschen einsetzen, können ähnliche Geschichten erzählen. Für all diejenigen, ganz egal ob haupt- oder ehrenamtlich, möchte ich Gott an dieser Stelle einmal ganz herzlich danken. Sie alle tun auch unseren Dienst!

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Leserinnen und Leser!

Es mag ja sein, dass wir in unserem Leben von viel Resignation, ja dass wir auf dieser Welt ständig vom Tod umfangen sind – in seinen ganz verschiedenen und vielen Formen. Aber es gilt eben auch: Wir sind selbst im Tod und sogar darüber hinaus von unserem lebendigen Gott gehalten. Dies ist das eine, das Paulus anmahnt.

Aber da ist eben auch der andere. Paulus nähert sich hier schon dem, was viel später Martin Luther einmal so gesagt hat: „Betet, als ob alles Arbeiten nichts nützt und arbeitet, als ob alles Beten nichts nützt.“ Wachsam leben, aufmerksam leben, anteilnehmend leben. Gerüstet leben. So gerüstet, dass wir eben nicht sofort den Boden unter den Füßen verlieren, wenn wir erschüttert werden, gerade nicht in diesen Zeiten!

Nicht in Luftschlössern herumirren, sondern auf Gottes Erde fest stehen. Nicht wegwenden, nicht die Augen verschließen, vor dem, was ist – in und mit dieser Welt. Niemals die Angst vor dem Leben so dominant werden lassen, dass wir uns damit lebendig begraben. Wachsam sein, nüchtern sein, schreibt Paulus. So verändern wir die Welt zum Guten! Hinsehen, Mund aufmachen, handeln, Frieden schaffen. Heute müssten wir vielleicht sogar ergänzen: AHA-Regeln einhalten!

Dann werden wir Gott nicht fürchten, wenn er sich uns offenbart. Nein, unsere Freude wird vollkommen sein. Wird ihr Ziel finden. Nicht in uns, niemals. Sie wird ihr Ziel finden in Christus, in seiner Liebe, in der all unsere  Wege einmal enden!

Von diesem Gedanken war auch einer ganz erfüllt, der die Worte des Paulus nicht nur verstanden, sondern auch gelebt hat. Ich denke an Martin Luther King. Er gab seinen Freunden und Anhängern eine Anleitung zum gewaltlosen Leben auf die Liebe Christi hin und von ihr getragen. Er lehrte seine Freunde, und damit möchte ich schließen, den Weg der Liebe – gegen jede Resignation – in acht Regeln. Und vielleicht kann ja die eine oder andere seiner Regeln auch uns heute weiterhelfen. Sie lauten:

  1. Meditiere täglich die Lehre und das Leben Jesu.
  2. Denke immer daran, dass die Gewaltlosigkeit als Ziel Gerechtigkeit und Versöhnung sucht, niemals den Sieg.
  3. Geh und sprich liebevoll, denn Gott ist die Liebe.
  4. Bete täglich, Gott möge dich brauchen und einsetzen, damit alle Menschen frei werden.
  5. Opfere persönliche Wünsche, damit andere befreit werden.
  6. Beachte im Umgang mit Freunden und Feinden die Regeln des Anstandes. (Heute – und das darf ich an dieser Stelle vielleicht ergänzen –müsste es wohl eher heißen „Die Regeln des Abstandes“.)
  7. Suche den Mitmenschen und der Welt zu dienen.
  8. Enthalte dich der Gewalt in Tat, Sprache und Gedanken.

Es sind beeindruckende Sätze! Nur einen einzigen davon verstanden und gelebt, es wäre ein neuer Anfang gegen jede Resignation und hin zu Christus. Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Fürbittgebet

Guter Gott und Vater,

mitten unter uns erweckst du Menschen

zum Glauben, zur Hoffnung und zur Liebe.

Mitten unter uns geschieht dein Wort und ergeht dein Ruf.

Mitten unter uns öffnet dein guter Geist

Herzen und Hände, deinen Willen zu tun.

Mitten unter uns ist dein Reich schon gegenwärtig.

Dafür preisen wir dich, himmlischer Vater.

 

Mitten unter uns

sind aber auch viele Menschen in Angst und Not:

Menschen ohne Arbeit,

die an sich selber zweifeln,

Menschen ohne Dach über dem Kopf,

die von der Hand in den Mund leben,

Menschen auf der Flucht,

Menschen ohne Liebe,

die eigentlich nur noch auf den Tod warten,

Menschen, die sich selbst nicht mehr helfen können.

Ja, da sind auch viele Menschen in Angst!

 

So viele Menschen in Angst und Not

inmitten von Reichtum und Verschwendung.

Erbarme dich ihrer und erbarme dich unser,

dass wir aller Gleichgültigkeit widerstehen

und die Liebe unter uns niemals stirbt.

 

Mitten unter uns ist immer beides:

Verzweiflung und Hoffnung,

Gleichgültigkeit und Glaube,

Hartherzigkeit und Liebe.

 

Und so bitten wir dich:

Dein Reich komme und dein Wille geschehe,

damit Unmenschlichkeit und Unfrieden

niemals überhand nehmen,

sondern unter den Menschen

deine Schöpfung gepriesen und dein Name geheiligt werde.

Ich werde still, um mich dir anzuvertrauen.

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger DunkelWeiterlesen

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Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum 21. Sonntag nach Trinitatis, 01. 11. 2020

Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Wochenspruch:

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. (Röm 12,21)

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Aus Psalm 19

 8 Das Gesetz des HERRN ist vollkommen und erquickt die Seele. Das Zeugnis des HERRN ist gewiss und macht die Unverständigen weise.

9 Die Befehle des HERRN sind richtig und erfreuen das Herz. Die Gebote des HERRN sind lauter und erleuchten die Augen.

10 Die Furcht des HERRN ist rein und bleibt ewiglich. Die Rechte des HERRN sind wahrhaftig, allesamt gerecht.

11 Sie sind köstlicher als Gold und viel feines Gold, sie sind süßer als Honig und Honigseim.

12 Auch lässt dein Knecht sich durch sie warnen; und wer sie hält, der hat großen Lohn.

13 Wer kann merken, wie oft er fehlet? Verzeihe mir die verborgenen Sünden!

14 Bewahre auch deinen Knecht vor den Stolzen, dass sie nicht über mich herrschen; so werde ich ohne Tadel sein und unschuldig bleiben von großer Missetat.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar

und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Guter Gott und Vater,

Gutes tun, ja  das wollen wir,

aber so oft können wir nichts Gutes vollbringen.

Das Gute, das wir wollen, tun wir nicht;

oft aber das Böse, das wir nicht wollen;

wir tun es oder lassen es zumindest zu.

Oft ahnen wir und wissen es,

was gut ist und deinem Willen entspricht.

Ob es für uns einen Nutzen bringt,

das fragen wir zuerst.

Nicht, ob es dein Auftrag an uns ist.

Wie oft, Herr, bleiben wir hinter deinen Erwartungen zurück.

Komm, Herr, und erbarme dich unser!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Ich weiß wohl,

was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr:

Gedanken des Friedens und nicht des Leides.

Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,

so will ich mich von euch finden lassen.

Ehre sei Gott in der Höhe!

 

Guter Gott,

ergreife du wieder das Wort.

Dein Wort!

Wo wir es zerredet haben, da hole es zurück

und sprich es neu aus.

Wo wir es zum gefälligen Spruch machten,

das sage es neu, damit es dein Wort bleibt.

Wo wir es totschwiegen,

da erwecke es zu neuer Kraft,

damit wir aufleben und aufrecht gehen.

Komm, Herr, zu uns mit deinem Wort in deinem Sohn.

Das bitten wir in Jesus Christus, unserem Herrn,

der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und regiert,

von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 5, Verse 38-48:

 38 Ihr habt gehört, dass gesagt ist (2. Mose 21,24): »Auge um Auge, Zahn um Zahn.«

39 Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Bösen, sondern: Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.

40 Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel.

41 Und wenn dich jemand eine Meile nötigt, so geh mit ihm zwei.

42 Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will.

43 Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« (3. Mose 19,18) und deinen Feind hassen.

44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen,

45 auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.

46 Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner?

47 Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden?

48 Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.

Halleluja! Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen! Halleluja!

 

 Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Alttestamentliche Lesung: Aus dem Buch des Propheten Jeremia, Kapitel 29, Verse 4-7.10-14

(auch Predigttext)

 4 So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen:

5 Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; 6 nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet.

7 Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl.

10 Denn so spricht der HERR: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe.

11 Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.

12 Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören.

13 Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,

14 so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der HERR, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.

Amen.

 

Predigt

Die Gnade unseres Herrn und Gottes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Gott führt uns auf ganz vielen, ganz verschiedenen und oft auch auf ganz wunderbaren Wegen. Ich hoffe, dies ist eine Erfahrung, die viele von uns schon gemacht haben. Ich weiß, einige, die jetzt hier mitlesen, haben gelitten, tragen vielleicht sogar weiter schwer. Und trotzdem, ich wünsche uns die Wahrheit dieses Satzes: Gott führt uns auf ganz wunderbaren Wegen! Ich musste daran denken, als ich diese Predigt vorbereitete. Ich habe schon seit nunmehr acht Monaten nicht mehr auf der Kanzel unserer Ev. Lukas-Kirche in Winzenheim stehen können. Zuerst war es eine Krankheit, die mich hinderte, dann waren es die verschiedenen Gründe dieser Pandemiezeit – unsere Kirche ist klein und deshalb geschlossen. All das machte und macht mich unendlich traurig. Und ich weiß, ich bin nicht der einzige. Aber wir haben seitdem an dieser Stelle immer auch durch diese Zeilen unserer Lesegottesdienste und auch durch die Gottesdienste in unserer Waldkirche gemeinsame Zeiten vor Gott verbracht.

Oft habe ich gedacht, nun kann ich aber nicht mehr. Doch dann war immer wieder auch etwas da, was neue Kraft gab. So auch in der vergangenen Woche in der Vorbereitung zu diesem Lesegottesdienst. Ich schaute nach, was der Predigttext für diesen 21. Sonntag nach Trinitatis ist. Und da blieb mir ja fast das Herz stehen.

Wir alle haben doch irgendeinen Lieblingsspruch, ein Trostwort, das uns manchmal begleitet. Auch ich habe so etwas. Im Neuen, aber eben auch im Alten Testament. Und genau einige meiner absoluten Lieblingsworte finde ich heute im vorgeschlagenen Predigttext. Sie haben ihn gerade etwas weiter oben in der alttestamentlichen Lesung gelesen. Gott, so war ich mir in diesem Augenblick ganz sicher, Gott führt auf ganz wunderbaren Wegen. Und so lege ich Ihnen noch einmal einige Verse aus dem 29. Kapitel des Jeremiabuches ans herz, es sind die Verse 11-14:

11 Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.

12 Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören.

13 Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,

14 so will ich mich von euch finden lassen … und will eure Gefangenschaft wenden und … will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Vielleicht ahnt ihr ja nach meiner Einleitung und diesen Worten schon, was ich meine. Aber versetzen wir uns erst noch einmal in die Situation hinein, in der diese Worte entstanden. Stellen wir uns vor, es ist etwa 600 Jahre vor Christus. Ein ganzes Volk, alle wichtigen Familien Judäas mussten ihre Heimat verlassen. Familien wurden auseinander gerissen. Alles mussten sie aufgeben. Alles worauf sie vertraut hatten, alles, was ihnen vertraut war, all das gab es nicht mehr. Alles, was zählte, es galt plötzlich nichts mehr. Ihr ganzer Alltag – weg! Ja selbst Gott, auf den sie so sehr gebaut hatten, er schien sich vor ihnen verborgen zu haben, ihn schien es nicht mehr zu geben. Sie wollten ihn auch nicht mehr, alles schien ihnen wie eine Strafe Gottes. Es war eigentlich alles aus.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Kennen wir solche Tage? Tage, an denen alles aus zu sein scheint. Tage, an denen Leere und Ausweglosigkeit wie ein großes schwarzes Loch vor uns liegen, in das wir nur noch fallen und uns verlieren können? Tage, an denen wir mit Gott streiten, ihm alles vorwerfen und mit ihm handeln wollen, damit er unser Leben so einrichtet, wie wir es wollen, ohne nach seinem Plan für uns zu fragen? Ich muss sagen, ich kenne solche Tage; und ich weiß, andere kennen sie auch. Vielleicht glauben sich einige gerade jetzt in diesem kommenden November 2020 in solchen Tagen. Ich könnte das gut verstehen.

Deshalb malen wir uns jetzt einmal selbst in dieses Bild des vertriebenen Volkes da 600 v.Chr hinein. Setzen wir uns hin wie sie, mit all unseren Traurigkeiten, mit all unseren Mutlosigkeiten, mit all unserer Furcht, dass es neue Zukunft für uns nicht mehr gibt. Oder besser: dass es Zukunft nur noch anders geben wird! Vieles, was uns vertraut war, wird es irgendwann wieder so sein? Mit solchen Gedanken sitzen wir da, und es kommt jemand auf uns zu. Und mitten in unsere Sorgen und Ängste spricht er Worte, die Gott, der uns niemals verlässt – niemals – ,ihm ins Herz und auf die Zunge gelegt hat. Jeremia spricht Gottes Worte so:

11 Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.

12 Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören.

13 Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,

14 so will ich mich von euch finden lassen … und will eure Gefangenschaft wenden und … will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.

 Mit allen anderen sehe ich diesen Propheten und plötzlich – so wie es bei den anderen auch ist – höre ich aus diesem Propheten endlich wieder Gott, von dem ich glaubte, er habe sich so lange vor mir verborgen und geschwiegen. Endlich höre ich diesen Gott selbst wieder zu mir reden. Den Gott, den ich einen Moment fern von mir glaubte, den Gott, dem ich so viel vor die Füße, eigentlich alles vor die Füße werfen wollte und geworfen habe. Ich höre plötzlich, wie er zu uns Menschen sagen möchte:

Was ist mit dir? Was hat dich so klein gemacht? Glaubst du wirklich, ich hätte dich auch nur einen einzigen Augenblick lang vergessen? Glaubst du wirklich, ich hätte dir auch nur eine Sekunde meine Liebe entzogen? Hast du wirklich nicht gemerkt, dass ich dich die ganze Zeit getragen habe? Ich lasse dich nicht fallen, niemals. Ich habe Pläne für dich. Ich hatte sie bisher, und ich gebe diese Pläne nicht einfach auf. Verlass dich ganz auf mich, es sind Pläne des Heils – für dich. Glaub an deine Zukunft, glaub an die Hoffnung, die ich dir wieder neu ins Herz lege. Ja, ich hab dich rufen hören, die ganze Zeit. An deiner Verzweiflung habe ich selbst gelitten. Aber ich war da, die ganze Zeit, bin immer da, denn so gern bin ich bei denen, die ich liebe. Ich wende euer Geschick, auch deines! Ich befreie dich und schenke dir eine neue Zukunft!

 Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Die Menschen damals hörten diesen Propheten. Ich stelle mir nun vor, wie sie ungläubig schauten, wie sich in all ihre Traurigkeiten, Ängste und Sorgen auch wieder die ersten Hoffnungsstrahlen, die ersten Freudenmomente einschlichen. Unter ihnen, deren Gefühlshaushalt nun durcheinander zu geraten schien, da gab es viele, die plötzlich wieder dachten: Jetzt wird doch noch alles gut. Bald gehen wir nach Hause, es wird dann alles so wie früher. Gott hat es doch gesagt. Er hat gesagt: ich wende euer Geschick, eure Gefangenschaft. Und in diese erste Freude muss dann der Prophet aber ganz in der Nähe dieses Wortes, ganz wenige Verse vorher, ihnen eine Enttäuschung bereiten, die allerdings keine bleiben wird. Er erklärt ihnen nämlich, wie Gott ihre Gefangenschaft  wenden wird, und es wird eben anders werden als sie es gerne hätten.

Jeremia spricht die Verschleppten so an: „Jammert nicht, dass ihr weit weg von zu Hause seid, weit weg von den Wurzeln, die euch nähren; weit weg von dem Urgrund, der euch trägt. – Seid nicht untätig, tut, was getan werden muss!“ Und für die Versprengten des Volkes Israel gibt Jeremia dann ganz konkrete Weisungen:

Baut Häuser! – Ein Haus war damals relativ schnell errichtet… Pflanzt Gärten und esst ihre Früchte! – Bis ein Baum Früchte trägt vergehen Jahre. Heiratet und richtet euch ein in dem fremden Land; macht aus eurer Situation das Beste. Und wenn es um die Gründung von Familien geht und der Prophet schon von der Verheiratung von Kindern und Kindeskindern spricht, dann ist hier in Generationen gedacht. Und spätestens hier werden die Israeliten begriffen haben, dass an eine baldige Rückkehr nicht zu denken war und sie einen langen Atem brauchen.

Der Prophet spricht die Menschen an und er erreicht endlich wieder ihr Herz, wenn er sagt: Seid nicht verzweifelt und nehmt euer Leben wieder in die Hand; richtet euch auf die gegebenen Tatsachen ein. Lernt mit ihnen zu leben. Steht endlich wieder auf, und fangt neu an. Lebt, lebt und vertraut, vertraut in eurem ganzen Leben auf den Gott, der euch niemals verlässt und der euch selbst in den schlimmsten Momenten eures Lebens immer auch wieder einen neuen Anfang schenken möchte, der mit euch – wie es Frère Roger, der verstorbene Prior des Klosters von Taizé einmal so sagte –  mit euch von Neubeginn zu Neubeginn geht. Es ist der Gott, bei dem keines eurer Gebete jemals ungehört verhallt.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Spätestens jetzt haben die Menschen von damals verstanden und vielleicht verstehen wir es ja auch für uns: Ja, Gott wendet unser Geschick. Aber er tut es vielleicht nicht so, wie wir es erzwingen wollten. Gott traut uns immer auch das Neue in unserem Leben zu, ganz egal wie bedeutend oder unbedeutend, wie alt oder wie jung, wie einheimisch oder fremd wir uns fühlen. Gott will, dass wir leben – wenn nötig, immer wieder auch ganz neu. Was wir dazu brauchen, schenkt er uns. Und er schenkt uns noch etwas, er sagt es am Schluss unseres Predigtwortes:

Ich will eure Gefangenschaft wenden und … will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.

 Jetzt stelle ich mir noch einmal die Menschen von damals, die Menschen des Volkes Israels vor, die Menschen, die plötzlich auch die Zeit ihres Exils, die Zeit ihrer eigenen Verlorenheit plötzlich auch wieder als eine Zeit mit Gott neu entdeckten. Ich stelle mir vor, wie sie plötzlich verstanden haben, dass selbst wenn sie wieder nach Hause zurückkehren würden – und das geschah ja dann auch später – dass selbst wenn sie wieder nach Hause zurückkehrten, sie nicht einfach in die alten Verhältnisse zurückkehrten. Nein, sie würden verändert nach Hause kommen und vieles Neues mitbringen und anders machen und anders leben. Und dann stelle ich mir noch weiter vor, wie sie davor gar keine Angst mehr hatten, sondern voller Zuversicht neu zu leben begannen.

Wenn ich mir das alles jetzt vorstelle, dann bin ich sehr froh, dass ich mich, dass wir uns in dieses Bild hinein gemalt haben. Denn dann weiß ich, dass diese wunderschönen Worte Gottes auch mir, auch uns allen  gelten. Sie sind aktueller denn je. Vielleicht erleben wir die Zeit, in der wir gerade leben, vielleicht erleben wir diesen November 2020 ja gerade auch so ähnlich wie ein „Exil“. So viel Vertrautes ist uns nicht mehr möglich. Das alte Leben noch vor einem Jahr es scheint auf einmal so weit weg! Wird es jemals wieder so sein? So fragen einige. Wie wird es werden? Wann wird das alles vorbei sein? So fragen andere. Ich spüre die Mutlosigkeit vieler, andere sind über die momentanen Zustände müde geworden. Einige rebellieren dagegegen auf. Andere haben sich sorgenvoll zurückgezogen. Nicht wenige trauern schon um die vielen Menschen, die zu Opfern geworden sind. Ja, auch wir leben in einem „Exil“ und wissen gar nicht so wirklich, warum.

Und nun sehe ich, wie sich der alte Jeremia noch einmal aufrappelt. Ich sehe, wie er auf uns schaut. Ich ahne und spüre es, wie es ihn noch einmal packt. Ich sehe vor meinem inneren Auge förmlich,  wie er sich dann auch noch einmal aufmacht; nicht nur zum alten Volk Israel, nein auch zu uns. Ich kann es sehen und spüren, wie er sich mitten unter uns stellt, sich umschaut und zu reden beginnt, wie er noch einmal die Worte wiederholt, die Gott ihm ins Herz gelegt hat und die für mich zu den schönsten Worten des Alten Testaments zählen. Er steht da und sagt zu uns allen Gottes Worte:

Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.

12 Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören.

13 Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,

14 so will ich mich von euch finden lassen … und will eure Gefangenschaft wenden und … will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.

Ich schaue mich um. Ich spüre, dass nicht nur ich zu lächeln beginne. Ich sehe es auch in dir und vielen anderen! Wir werden es überstehen! Wir werden noch einmal neu beginnen, werden gemeinsam noch einmal anfangen oder eben anders weitermachen! Und es wird uns eine Freude sein! Auf viele Jahre!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Fürbittgebet

Herr, guter Gott,

wir danken dir für dein Wort, das uns erreicht.

Wir bitten dich:

Mische dich weiter ein mit deinem Wort,

wenn wir darüber nachdenken,

was jetzt zu tun oder zu lassen ist.

Wir danken dir,

dass du unserer Kirche noch Zeit gibst,

sich zu verändern.

Wir bitten dich aber auch:

Nimm uns alle Furcht vor Veränderungen.

Schenke uns deinen Heiligen Geist,

damit er in unsere verfestigten Gedanken fahre

und uns dazu befreie, Neues zu denken.

Wir danken dir, dass wir dir etwas bedeuten.

Mach uns empfindsam dafür,

dass auch wir einander etwas zu bedeuten haben.

Lass uns wahrnehmen,

was es für unsere Gemeinschaft

und für unser Leben zu bewahren gilt.

Schenke uns Freude aus deiner Freude.

Lass uns allezeit aus deiner Liebe leben,

lass uns deine Liebe weitergeben.

Mach uns zu Gehilfen deiner Freude in deiner Schöpfung.

Wir bitten dich auch für alle,

die heute besonders um einen Menschen trauern.

Wir bitten dich für alle,

die an Menschen denken,

die Teil ihres Lebens waren und nun in ihren Herzen wohnen.

Wir bitten dich für alle,

die heute an die Gräber gehen,

und wir bitten dich besonders auch für alle,

die heute nicht an die Gräber gehen können.

Sei bei ihnen allen und tröste sie.

Ich werde still, um mich dir anzuvertrauen.

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

 

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger DunkelWeiterlesen

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Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum Reformationstag, 31. 10. 2020

Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Wochenspruch:

Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. (1. Kor 3,11)

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Aus Psalm 46

 2 Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben.

3 Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken,

4 wenngleich das Meer wütete und wallte und von seinem Ungestüm die Berge einfielen.

5 Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein, da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind.

6 Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie fest bleiben; Gott hilft ihr früh am Morgen.

7 Die Völker müssen verzagen und die Königreiche fallen, das Erdreich muss vergehen, wenn er sich hören lässt.

8 Der HERR Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz. 9 Kommt her und schauet die Werke des HERRN, der auf Erden solch ein Zerstören anrichtet,

10 der den Kriegen ein Ende macht in aller Welt, der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Wagen mit Feuer verbrennt.

11 Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin! Ich will mich erheben unter den Völkern, ich will mich erheben auf Erden.

12 Der HERR Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar

und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Guter Gott,

als Menschen deiner Kirche

bekennen wir unsere Schuld

– aneinander, an der Welt und an dir.

Wo wir reden sollten und uns für deine Wahrheit einsetzen,

da haben wir geschwiegen.

Wo wir hätten schweigen sollen,

da haben wir uns in Geschwätz verloren.

Wir waren unbeteiligt, wo wir handeln sollten.

Wir sind in laute Aktivitäten ausgewichen,

um nicht in der Stille dir und deinem Auftrag zu begegnen.

Mit unserem Leben

haben wir die große Freude deiner Botschaft verleugnet

– wir sind sie anderen schuldig geblieben.

An der Spaltung der Christen sind wir alle beteiligt.

 

Herr, vergib uns!

Gib uns Raum, dich zu vernehmen.

Nimm von uns, was uns niederdrückt.

Lass uns teilhaben an deiner Freude,

dass wir – von ihr erfüllt – sie teilen können

– und sie uns miteinander verbinde und heile.

In der Stille wollen wir nun vor dich bringen,

was uns auf der Seele liegt.

In der Stille bitten wir um deine Vergebung.

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Der Apostel sagt:

Seid darauf bedacht,

zu wahren die Einigkeit im Geist

durch das Band des Friedens:

ein Leib und ein Geist,

wie auch ihr berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung;

ein Herr, ein Glaube, eine Taufe,

ein Gott und Vater aller,

der da ist über allen und durch alle und in allen.

Ehre sei Gott in der Höhe!

 

Guter Gott, du kennst uns!

Du weißt, wir fahren uns immer wieder fest!

Doch du traust uns Umkehr zu.

Du mutest uns Umdenken zu!

Du gibst uns Kraft zu neuen Anfängen.

Du ermutigst uns zum Neubeginn!

So bitten wir Dich:

Erneuere deine Kirche in der ganzen Welt

und fange bei uns an.

Verbinde die getrennte Christenheit neu

und fange bei uns an.

Worte und Ideen dazu sind genügend da,

gib uns Mut zum Handeln.

Das bitten wir in Christi Namen.

Amen.

 

Epistellesung: Aus dem Römerbrief, Kapitel 3, Verse 21-28

 21 Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten.

22 Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben. Denn es ist hier kein Unterschied:

23 Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen,

24 und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.

25 Den hat Gott für den Glauben hingestellt zur Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden

26 in der Zeit der Geduld Gottes, um nun, in dieser Zeit, seine Gerechtigkeit zu erweisen, auf dass er allein gerecht sei und gerecht mache den, der da ist aus dem Glauben an Jesus.

27 Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens.

28 So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

Halleluja! Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. Halleluja!

 

Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 10, Verse 26b-33

(auch Predigttext)

 26Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird.

27 Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern.

28 Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.

29 Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater.

30 Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt. 31 Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge.

32 Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel.

33 Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel.

Amen.

 

Predigt

 Die Gnade unseres Herrn und Gottes sei mit uns allen. Amen!

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Reformationsfest 2020! – Gestattet mir einige Fragen. Sind wir in unserem Glauben im Moment so wie es ein bedeutendes Reformationslied beschreibt, sind wir wie eine feste Burg: sicher, unerschütterlich, glaubensstark und angstfrei? Wie leben wir unseren christlichen Glauben im Alltag, im beruflichen wie im privaten Umfeld? Können wir es gerade überhaupt? Ist da eigentlich noch ein Raum der Erneuerung unseres Glaubens an Gott möglich, an den Herrn über Leben und Tod? Was feiern wir eigentlich und haben wir Grund, etwas zu feiern? So viels spricht gerade dagegen!

Da ist eine Krise, in der wir leben! Da sind die vielen kleinen Probleme und menschlichen Konflikte, die einen großen Teil unserer Lebenskräfte in Anspruch nehmen. Was lange Zeit für viele von uns ziemlich selbstverständlich im Leben war, wird heute oft so schwierig, bis unmöglich! Das schlechte Gewissen holt einen immer wieder ein! Wie kann ich in meinem Alltag und in meiner Umgebung eigentlich zeigen, dass ich mich von dem Gott der Liebe und Gerechtigkeit getragen weiß, auch wenn ich immer häufiger stolpere und an so vielen Stellen kleine und manchmal auch riesengroße Steine sehe und spüre, die mir im Weg liegen? Wenn ich in diesen tagen sogar manchmal beginnen, an vielem zu zweifeln, was mir bisher so sicher schien! Auch der Glaube!

Reformationstag 2020! – Ja, manchmal denke ich: Gott schweigt. Gott hat sich aus dieser Welt zurückgezogen. Ich spüre, in welch schwieriger Zeit wir gerade leben. Da ist ein Virus, das uns das Leben erschwert. Da ist Terror, der sich breit macht. Wo ist eigentlich Gott, der Schöpfer und Erhalter der Welt? In schwierigen Lebenssituationen, in den Krisenzeiten unseres Lebens ist es manchmal eine zusätzliche und ungeheure Belastung, wenn wir in unserem Herzen Gott zu verlieren scheinen und ihn mit seiner Gnade und Barmherzigkeit nicht mehr spüren.

In dem Leid und in der Verzweiflung lässt sich bekanntlich Gott ganz schlecht loben und ehren. Manchmal scheint es so sinnlos, auf Gott zu vertrauen. Aber für unsere Reformation heute, für die Erneuerung unseres eigenen christlichen Glaubens, müssen eben manchmal viele Steine aus dem Weg geräumt werden. Und ganz entscheidend ist bei allem und hoffentlich dann auch wieder neu unsere Kraft zu vertrauen: Wir Menschen müssen in vielem immer wieder neu lernen zu vertrauen. Wir müssen uns selbst wieder vertrauen können und an uns selbst wachsen. Wir müssen immer und immer wieder neu lernen, anderen Menschen zu vertrauen. Und wir müssen, gerade wenn uns der Glaube zu schwinden droht, immer wieder neu lernen, unserem liebenden Gott zu vertrauen, der niemanden verlässt und dessen Liebe unverbrüchlich gilt, jedem Menschen. Dieses Vertrauen haben wir wiederzuentdecken und weiterzugeben – das Vertrauen, das Gott uns in unserer Taufe für den Lebensweg angeboten hat. Liebe Schwestern und Brüder, auch das ist heute „Reformation 2020“!

Und in diesem Sinn lese ich noch einmal den für den Reformationstag 2020 vorgeschlagenen biblischen Text aus dem Evangelium nach Matthäus, aus dem 10. Kapitel die Verse 26 – 33. Da sagt Jesus:

„Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern. Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge. Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.“

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Reformation im Jahr 2020!Wie hören wir eigentlich diese Aufforderung, von den Dächern der Häuser zu predigen, was wir von Gott gehört haben? Wie sollte das heute möglich sein? Wenn wir es dennoch täten: Von der Straße her hören und sehen wir den Menschen gar nicht, der von dem Dach eines Hochhauses herunter den Glauben an den dreieinigen Gott predigen würde. In Palästina zur Zeit Jesu waren die Häuser aus Lehm gebaut und sehr niedrig. Da machte es Sinn, sich auf ein Dach zu stellen, damit viele Menschen einen sehen und hören konnten. Außerdem gab es keine Geräusche von Autos, Motorrädern und Traktoren; denn diese waren noch nicht erfunden; nur Esel gab’s als Lastenträger. Und doch, er wäre wohl eine Möglichkeit, die es zu probieren gälte, gerade dort, wo wir in unseren Kirchen ja nicht feiern können!

Aber da ist noch die andere Aufforderung des biblischen Textes; sie wird heute besonders wichtig: Tut nichts heimlich! Redet im Licht! Ja, was wir tun und sagen, kann auch jeder sehen und hören. Reformation gehört in die Öffentlichkeit, von Anfang an. Sie ist nichts für’s Feiern hinter verschlossenen Türen! Jeder Mensch soll sehen und hören, was wir beten, singen, lesen und verkündigen. Besonders die mittlerweile gar nicht mehr so neuen Medien – Internet und Co –, dazu die uns vertrauten Medien zeigen sich aufgeschlossen, Gottesdienste und kirchliche Beiträge öffentlich zu übertragen. Christliche Verkündigung und christliches Leben sind und bleiben keine Sache im Geheimen.

Ich komme noch einmal zurück zu dem Bild der Burg. In Deutschland gibt es viele alte christliche Kirchen, die einer festen Burg gleichen, hier in unserer Nähe ist so eine Kirche z.B. in Herrstein. Und solche Kirchen, solche Burgkirchen sind oftmals Orte der Erneuerung, der Ruhe und Besinnung, an denen sich Menschen aus der Unruhe und dem Lärm der Straßen zurückziehen. In den Kirchen ist man geschützt vor dem, was draußen so alles passiert. Manchmal wurden und sind solche Kirchen auch ein Zufluchtsort für Menschen, die verfolgt werden. Wir brauchen immer wieder solche Orte der Erneuerung und Begegnung, des Asyls und der öffentlichen Verkündigung. Und so sollte sich auch jede Kirche präsentieren, auch die, die gerade eben nicht wie eine Burg dastehen. Doch aber als Orte, in denen in der Begegnung mit Gottes Wort alles wieder neu möglich wird. Ich freue mich auf die Zeit, wenn es wieder ungezwungen so sein kann! Und es tut weh, dass es gerade an vielen Orten – auch bei uns – nicht so ist!

Reformation 2020! – Liebe Schwestern und Brüder! In den Häusern rings um unsere Kirchen, auch hier in unserem Ort wohnen so viele Menschen einsam, unbekannt, manchmal aneinander vorbei. Manche sehnen sich nach Begegnung und Gespräch – und sie finden nichts, auch wenn manchen von uns das unmöglich zu sein scheint. Und gerade in diesen Tagen, Wochen und Monaten wäre es so wichtig! „Das gibt’s doch nicht bei uns“, denken einige. Doch auch mitten unter uns gibt es solche Menschen, sie sind innerlich geradezu hin und her gerissen zwischen selbst gewählter bzw. aufgezwungener oder sogar verordneter Isolation und dem Wunsch nach Gemeinschaft. Sie würden am liebsten über einen Ort verfügen, wo sie ihre Angst und Einsamkeit einmal herausschreien könnten.

Wo ist gerade der Raum dafür? Wo ist er, wenn wir selbst in unseren Kirchen nicht zusammenkommen können?

Jesus ermutigt seine Jünger mit dem Hinweis auf die kleinen Vögel, die Spatzen. Wenn Gott schon für die Vögel sorgt, wie viel mehr weiß Gott von unserer Sehnsucht und unserer Angst, von unserer Gewissensnot, von unserer Einsamkeit, von unseren Enttäuschungen und aber auch von unserer Hoffnung.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Gott kennt uns gut und er leidet mit uns. Jesus Christus hat alle Tiefen des Lebens am eigenen Leib durchgemacht. Deshalb kann er uns so gut begleiten und uns zum Leben Mut machen. Deshalb fordert er uns auf, so hellhörig und aufmerksam zu sein für das, was zwischen den vielen Worten der Menschen an Sorge und Schuldbewusstsein mitschwingt. „Darum fürchtet euch nicht!“, sagt Jesus. Kommt heraus aus den Mauern eurer Verängstigung. Lasst uns Reformation 2020 auch neu begreifen lernen als das sich anbahnende Ende der Angst, die uns manchmal so gefangen hält und klein macht – schon jetzt! Lasst uns Reformation auch als Ende unserer Gewissensnöte feiern. Denn Gott vergibt und befreit und schenkt den Menschen einen Neubeginn – auch wenn vielleicht gerade noch vieles dagegen zu sprechen scheint! Mit Martin Luther können wir sagen und sollen es bekennen: Wir sind freie Christenmenschen! So hat uns Gott gewollt! Dazu hat er uns durch seinen Sohn Jesus Christus gemacht! Und nun lasst uns diese Freiheit auch immer wieder neu gestalten – sogar in unserem eigenen Leben, vielleicht sogar auch in unseren eigenen vier Wänden und in unseren gerade begrenzten Möglichkeiten!

Reformationstag 2020! – Jesus hat seine Worte an seine Jünger gerichtet, als er sie in die Städte und Dörfer aussandte. Und nach einiger Zeit sind sie dann wieder zu ihm zurückgekehrt. Sie waren also nicht immer in der Geborgenheit und beschützenden Nähe ihres Herrn und Meisters. Sie mussten hinaus in die Welt gehen und ihren Glauben dort bekennen, bezeugen. Und das können wir jetzt aber auch gut auf uns heute übertragen. Es kann, dass unsere ruhe und das Gefühl der Geborgenheit bei Gott gerade erschüttert ist. Aber irgendwann wird es auch wieder so sein: wir alle müssen auch wieder in den Alltag hinausgehen! Wir müssen hören, wenn andere Menschen draußen rufen und nach Gottes Liebe fragen. Was Gott in Jesus Christus für uns getan hat, ist keine Sache unseres  angenehmen und heimeligen Wohnzimmers! Wir dürfen uns nicht mit dem lieben Gott in unser kleines Reich verkriechen und glauben, zumindest hier haben wir ihn sicher und für uns. Nein, unser Glauben stellt uns mitten in das Leben mit anderen Menschen, auch in schwierigen Zeiten! Es geht immer auch um das Leben, ja es geht sogar um unseren Tod. Wir sollen es bekennen und weitersagen, dass Gott in Jesus Christus ein neues Angebot des befreiten Lebens macht! Wir sollen es hinausrufen. Wir sollen es so hinausrufen, dass kein Mensch verzweifeln muss! Bekennend Christ zu sein, es bleibt so wichtig in dieser Zeit – auch jetzt, wenn wir uns vielleicht verstreut glauben!

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Unsere Lebensgeschichte bleibt ein mühsamer Prozess des wankenden Bekennens. Und trotzdem ist es ein Weg des offenen Bekenntnisses zu dem gestorbenen und auferstandenen Jesus Christus. Wir haben weder einen harmlosen noch einen privaten Glauben an Christus, sondern wir sind auf unserem Lebensweg mit vielen anderen Menschen zusammen; wir gehen gemeinsam und wir gehen vertrauensvoll den steinigen Weg Jesu Christi – natürlich auch mit dem Ziel, vollkommen Gott nahe zu sein. Denn das verspricht Jesus in diesem biblischen Text uns Menschen: „Wer mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater“. Wie Christus und der Vater eins sind, so gehören wir als Nachfolgerinnen und Nachfolger Christi in seine, in Gottes Gemeinschaft – schon jetzt und zukünftig. Deshalb können, dürfen und sollen wir uns mutig als evangelische Christinnen und Christen bekennen – vor allen Menschen, überall. Wir haben nichts zu verleugnen und nichts zu verheimlichen. Im Gegenteil wir haben etwas zu sagen, weiterzusagen –ein lebendiges, lebenschaffendes Wort, nicht aus uns, sondern es ist Gottes Wort, eine frohe Botschaft! Ja, wir können frisch und mutig miteinander christlich leben und christlich singen: „Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen; er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen.“ Zumindest dann, wenn wir es auch wieder gemeinsam können und dürfen! Und so wird es sein! Amen.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Fürbittgebet

Herr, guter Gott!

Bleibe bei uns – mit deinem Licht,

dass die Finsternis unserer Welt durchdringt.

Gib uns Augen, dein Licht zu sehen.

Gib uns Herzen, dein Licht aufzunehmen.

Gib uns Kräfte, dein Licht weiterzugeben,

so dass viele Menschen von ihm erfüllt werden

und zur Freude finden!

Herr, wir brauchen dich!

 

Herr, bleibe bei uns – mit deinem Wort,

das den Lärm der Welt zum Schweigen bringt

und das Schweigen des Todes zerbricht.

Gib uns Ohren, dein Wort zu hören.

Gib uns Herzen, dein Wort zu empfangen.

Gib uns Worte, dein Wort weiterzusagen,

dass viele Menschen es aufnehmen

und zum Leben finden!

Herr, wir brauchen dich!

 

Herr, bleibe bei uns – mit deinem Sakrament:

Zeichen des Lebens, das dich mitteilt.

Gib uns Hände, zu begreifen.

Gib uns Herzen, dich zu erfahren.

Gib uns Liebe, die in deiner Liebe geborgen ist,

die aus dir nehmen und weitergeben kann,

dass viele Menschen sich von dir umgeben wissen

– und Grund haben zur Hoffnung.

Herr, wir brauchen dich!

Höre mich, wenn ich nun in der Stille zu dir bete!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen eine gesegnete Zeit!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger DunkelWeiterlesen

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Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum 20. Sonntag nach Trinitatis, 25. 10. 2020

Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Wochenspruch:

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. (Micha 6,8)

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Aus Psalm 119

 1 Wohl denen, die ohne Tadel leben, die im Gesetz des HERRN wandeln! 2 Wohl denen, die sich an seine Zeugnisse halten, die ihn von ganzem Herzen suchen,

3 die auf seinen Wegen wandeln und kein Unrecht tun.

4 Du hast geboten, fleißig zu halten deine Befehle.

5 O dass mein Leben deine Gebote mit ganzem Ernst hielte.

6 Wenn ich schaue allein auf deine Gebote, so werde ich nicht zuschanden. 7 Ich danke dir mit aufrichtigem Herzen, dass du mich lehrst die Ordnungen deiner Gerechtigkeit.

8 Deine Gebote will ich halten; verlass mich nimmermehr!

17 Tu wohl deinem Knecht, dass ich lebe und dein Wort halte.

18 Öffne mir die Augen, dass ich sehe die Wunder an deinem Gesetz.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar

und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Guter Gott und Vater,

so oft sind wir bedrückt.

So oft meinen wir,

es geht einfach nicht weiter in unserem Leben.

Wir haben das Gefühl,

keinen Ausweg zu finden.

So werden wir unsicher,

wir sind selbst nicht mehr von uns überzeugt,

wenig überzeugt von dem, was wir tun.

Die Welt und unser Leben scheinen ohne Sinn und Richtung.

Wie kleingläubig sind wir,

wenn wir so leben.

Komm, Herr, und erbarme dich unser!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

So spricht der Herr:

Ich will dich unterweisen

und dir den Weg zeigen,

den du gehen sollst;

ich will dich mit meinen Augen leiten.

Ehre sei Gott in der Höhe!

 

Guter Gott und Vater!

Du zeigst uns den Weg,

den wir gehen sollen.

Du zeigst uns deinen Weg mit uns.

Wir aber müssen uns besinnen,

wie wir entscheiden und handeln sollen,

um deinem Willen gerecht zu werden.

Dazu hilf auch mir, wenn ich nun

mit all meinen Gedanken die nahe sein möchte.

Das bitte ich dich dich im Namen deines Sohnes Jesus Christus,

der mit dir und dem Hl. Geist

lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Epistellesung: Aus dem 2. Korintherbrief, Kapitel 3, Verse 3-6

 3 Ist doch offenbar geworden, dass ihr ein Brief Christi seid durch unsern Dienst, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln der Herzen.

 4 Solches Vertrauen aber haben wir durch Christus zu Gott.

5 Nicht dass wir tüchtig sind von uns selber, uns etwas zuzurechnen als von uns selber; sondern dass wir tüchtig sind, ist von Gott,

6 der uns auch tüchtig gemacht hat zu Dienern des neuen Bundes, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.

Halleluja! Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege! Halleluja!

 

Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Markusevangelium, Kapitel 2, Verse 23-28

(auch Predigttext)

 23 Und es begab sich, dass er am Sabbat durch die Kornfelder ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen.

24 Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist?

25 Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, da er Mangel hatte und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren:

26 wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren?

27 Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.

28 So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.

Amen.

 

Predigt

 

Die Gnade unseres Herrn und Gottes sei mit uns allen. Amen!

 Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

„Du sollst den Feiertag heiligen“ – so heißt es in den 10 Geboten. Viele hören aus diesen Geboten die Mahnungen Gottes, andere hören Angebote. Wie auch immer, so ein bisschen spüren wir doch immer den erhobenen Zeigefinger Gottes. Und durch diese Gebote werden wir auch daran erinnert, dass Gott einen Anspruch an uns beschreibt. Er möchte uns sagen, wie wir Menschen unser eigenes Leben ordnen sollen. Zuspruch und Anspruch – Gesetz und Evangelium, darum geht es immer wieder, wenn Predigerinnen und Prediger auf einer Kanzel stehen, wenn Menschen ihnen zuhören. Darum geht es auch, wenn einer darüber schreibt, und jemand anders es liest. So wie es heute und hier jetzt der Fall ist.

Wir wollen die frohe Botschaft lesen, ich möchte von der guten Nachricht schreiben.

Oft aber kommt es vor, dass diejenigen, die einen Gottesdienst besuchen, beim Herausgehen manchmal denken: Heut’ hat er’s uns aber wieder ganz schön gegeben. Heute hat er uns wieder klein gemacht! Ja, in der Tat – Moralpredigten zu halten, ist oft viel einfacher, als die gute Nachricht zu sagen. Und deshalb möchte ich eigentlich heute darauf achten, dass hier wirklich die gute Nachricht von Gottes Liebe laut wird, damit heute jede und jeder von ihnen ein Stück davon mitnehmen kann.

Da ist heute also die Geschichte vom Ährenraufen am Sabbat dran. Wir haben sie etwas weiter oben lesen können.

Und natürlich ist diese Geschichte wieder eine große Versuchung, eine Moralpredigt zu halten. Ich z.B. würde da gern über die Art sprechen – oder hier besser: schreiben –, wie so viele Menschen ihren Sonntag verbringen und – wie ich finde – vergeuden und Dinge einfach weiter tun, die an einem Sonntag durchaus auch einmal ruhen könnten. Aber genau das wäre ja keine frohe Botschaft. Damit würde ich mich auch ganz in die Nähe der Pharisäer stellen, die Jesus belehren wollen: „Das tut man nicht! Das ist nach dem Gesetz Gottes am Sabbat verboten.“

Nein, ich möchte das Evangelium, die frohe Botschaft, spüren, die in dieser Geschichte steckt, und die heißt wohl: „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.“ Ich versuche es einmal, auf uns zu übertragen. Dann hieße das vielleicht:

Was auch immer ihr am Sonntag tut, wenn es euch Freude gibt und Erholung und ihr damit keinen stört oder beschwert, dann ist es gut. Wie auch immer ihr euren Sonntag gestaltet, es ist eure Sache, der siebte Tag gehört ganz allein euch. Womit ihr am Sonntag auch immer eure Zeit verbringt, es geht niemand anderen etwas an, und ihr seid niemandem Rechenschaft schuldig, nicht einmal Gott, denn er hat den Feiertag für euch gemacht.

Das ist doch nun wirklich frohe Botschaft, oder? Ich vermute allerdings, das ist für einige hier schon fast wieder zu froh und vor allem zu frei. Darf oder soll ich am Sonntag denn wirklich alles machen, was mir einfällt? Und dann – der Kirchgang…wo kam der jetzt vor? Für einige gehört er ja doch immer noch zum Sonntag unabdingbar dazu. Für viele nicht, das weiß ich auch! Aber diejenigen, die sich sonntags in die Kirche aufmachen – und ich weiß, dass es einige jetzt in diesen Zeiten aus Vorsicht lassen, aber gerade sehr vermissen – die tun es doch eben nicht aus bloßer Pflichterfüllung. Aber es gehört für viele Menschen immer auch noch einfach dazu, sonntags Gottes Wort zu hören, auch und gerade in einer Kirche!

Deshalb frage ich frage einmal: ist es denn wirklich jedem Einzelnen überlassen, ob er Gott die Ehre geben will oder etwa bis mittags schläft oder beim Frühschoppen hockt? Ich frage aber auch: Möchten wir manchmal nicht selbst gern, dass unser Kirchgang doch wenigstens ein bisschen besser dasteht als die anderen Arten, den Sonntag zu gestalten?

Vielleicht hätten jetzt ja doch einige gern ein wenig mehr „Gesetz“ in den Worten Jesu. Er aber sagt nur: Der Sonntag ist für den Menschen da; und das heißt nun einmal: Er gehört dir, du kannst damit machen, was du willst. Genau da ist uns, wenn wir ganz ehrlich sind, die Freiheit, die Jesus predigt, gar nicht mehr so recht, oder? Öffnet das nicht jeder Beliebigkeit Tor und Tür? Irgendeine Ordnung muss es doch geben für den Sonntag. Es kann doch nicht alles gleichgültig sein, was ich mache! Ich darf doch den Sonntag nicht einfach aufgeben, das tun doch schon so viele. Und es werden immer mehr, die Stimmen dazu lauter. Gerade auch in diesen tagen, wenn z.B. wieder über besondere sonntägliche Ladenöffnungszeiten diskutiert wird.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Vielleicht hilft uns da jetzt die Geschichte weiter, die Jesus in unserem heutigen Predigttext dazu erzählt: Die Leute Davids aßen einmal vom Opferbrot, das Gott geweiht war und eigentlich nur die Priester essen durften. Und genau diesen Frevel, nämlich davon zu essen, findet Jesus gut. Warum? Ich glaube, entscheidend ist ein einziges Wörtchen: Es hungerte sie, so sagt er es. Das bedeutet: Das Opferbrot war den Männern des David lebenswichtig, es war Not wendend. Und wenn wir das jetzt in Jesu Wort über den Sabbat hineinbuchstabieren, könnte das so heißen:

Der Sabbat ist für den Menschen da, damit er tun kann, was ihm zum Leben wichtig ist, was ihm seine Not wendet. Wie gefällt das jetzt? Ist das für uns einsichtiger? Ist das jetzt nicht doch eine gewisse Ordnung, ein klarer Maßstab, an den man sich halten kann? –  Ich finde schon!

Aber auch mit diesem Maßstab bleibt jeder Mensch immer noch frei, das zu tun, was er selbst möchte. Vier Dinge nenne ich einmal:

Jawohl, ich darf am Sonntag ausschlafen.

Jawohl, ich darf Gott in meinem Kämmerlein oder beim Spaziergang im Wald suchen.

Ich kann aber auch in die Kirche gehen.

Und ich darf sogar mein Bier beim Frühschoppen trinken.

Allerdings: Ich soll mich bei allem aber immer auch fragen, ob das, was ich tue, mir lebenswichtig ist, ob es meine Not wendet, mir Kraft gibt, gestärkt nach vorn schauen zu können. Diese Frage soll und muss sich jede und jeder selbst stellen und beantworten, denn keiner weiß, was der oder dem anderen nötig ist. Diese Rechenschaft muss jede und jeder selbst vor Gott ablegen!

Ich darf am Sonntag ausschlafen. – Ja, das verstehe ich sehr gut. Es gibt Menschen, die arbeiten hart, da kann ich es wirklich gut verstehen, wenn sie im Schlaf auftanken können. Das gibt es! Aber da gibt es eben auch die anderen diejenigen, die sich, wenn sie ehrlich wären, auch fragen könnten: Ist der Schlaf für mich nicht vielleicht auch ein Mittel, die Zeit totzuschlagen an einem Tag, an dem ich sonst mit mir gar nichts mehr anzufangen weiß? Und dann: Wäre anderes für mich nicht wichtiger als Schlafen, und vor allem: zum Leben nötiger? Könnte ich aus dem Sonntag nicht mehr machen, als einen Tag, der mich manchmal geradezu mehr zu stören als zu befreien scheint?

Ich darf Gott in meinem stillen Kämmerlein oder beim Spaziergang im Wald suchen. – Es sind nicht wenige, die so reden, und die jetzt gerade sogar vielleicht irgendwo unterwegs sind. Einer, dem dieser Satz entspricht, könnte sich aber einmal Gedanken darüber machen, ob er in Kammer oder Wald Gott je wirklich gefunden hat? Die Ruhe in meinen Zimmer muss noch nicht Gottes Stimme sein. Das Säuseln der Blätter spricht auch nicht immer seine Worte! Das Leben ist für den Menschen ja wohl auch mehr als die Stille eines Kämmerleins oder die Schönheit einer lauschigen Waldlichtung, so wunderbar sie auch ist. Meine Seele braucht doch auch – vielleicht sogar zusätzlich – nahrhaftere Kost und deutlichere Weisung. Aber halt, jetzt ich hebe schon wieder den Moralfinger beim Schreiben!

Ich kann in die Kirche gehen. – Wem das zum Sonntag dazugehört, der mag sich fragen: „Warum gehe ich?“ Und dann gilt es ehrlich zu bleiben. Denn es könnte ja dann auch herauskommen: Es ist auch manchmal eher gezwungen oder einfach Tradition, weil es in der Familie eben so üblich ist. Oder weil es vielleicht sogar auffällt, wenn ich nicht dabei bin. Den anderen fällt es dann vielleicht sogar auf.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

„Was mir lebensnotwendig ist“, das war der Maßstab. Dieser Maßstab ist erfüllt, wenn ich aus freien Stücken komme, nicht weil „halt aus unserem Haus jeden Sonntag einer geht und ich heute dran war“. Auch nicht, „weil ich gerade Konfirmandin oder Konfirmand bin und ich eben muss“ oder weil „mein Kind zurzeit im Konfirmandenunterricht ist“. Nein, ich soll gern kommen. Ich soll mich auf die Gemeinschaft von Menschen freuen können. Ich darf kommen, weil ich eben frei bin, es zu tun. Denn nur wer ganz frei kommt, egal ob traurig oder fröhlich, nur wer ganz frei kommt – mit einem offenen Herzen und offenen Ohren – dem wird Gott auch etwas sagen können. Wer gezwungenermaßen in einem Gottesdienst sitzt, wer schon selbst dicht macht, bevor er oder sie eine Kirche betritt, den kann Gottes Wort natürlich auch erreichen und verändern, aber er oder sie macht es sich unnötig schwer, zu hören und zu verstehen und Gottes Wort eben als befreiendes und Not wendendes Wort mitzunehmen.

Allerdings kann ich auch etwas dafür tun, dass mir der sonntägliche Gottesdienst etwas gibt. Aber dazu muss ich es gelten lassen, dass er eben schon in der Woche, dass er schon in meinem Alltag anfängt. Er fängt dort an, wo ich ganz bewusst christlich zu leben versuche; dort, wo ich bei meinen Entscheidungen im Alltag zum Beispiel frage: Was hätte Jesus getan, wie hätte er jetzt geantwortet, wie ginge seine Liebe jetzt vor?

Versuche ich meinen Alltag einmal so, dann erkenne ich vielleicht eher, welch ein Angebot der Gottesdienst eben auch sein kann. Ein Angebot Gottes, das ich dann auch gern annehmen kann, denn ich habe dann so vieles, was ich in diese Kirche mitbringe, was ich vor und mit Gott verhandeln möchte. Meine ganzen Erlebnisse, meine Wünsche und Fragen – ich darf sie mitbringen, meine Angst und Sorge und meine ganze Freude. Denn ganz ehrlich: Ist es nicht immer auch ein Gottesdienst, der in unserer Zeit noch Denkanstöße für Menschen, die Christus nachfolgen wollen, gibt? Finden wir nicht hier immer auch Anregungen, den eigenen Glauben zu reflektieren, im Glauben zu wachsen? Ist nicht ein Gottesdienst immer auch der Ort und die Möglichkeit, wo wir auch einmal eine Antwort auf unsere Fragen bekommen? Wo kommen Menschen oft zusammen, wenn sie in Angst und Schrecken sind, wenn es zu bitten, aber auch zu danken gilt? Wir haben das in Krisen- und Katastrophenzeiten immer wieder gesehen, auch erlebt und waren vielleicht sogar selbst mit dabei. Nun leben wir gerade in schwierigen Zeiten und in einer weltweiten Krise und können genau das an vielen Orten eben nicht – zusammenkommen, um zu spüren, auch gemeinsam durch Krisen zu gehen und sie zu bestehen. Viele merken gerade und spüren es, wie gut es täte, genau diese Möglichkeit eines Gottesdienstes in der uns vertrauten Form – mit viel Nähe, mit gesungenen Glaubensliedern, Gebeten und eben einer mutmachenden Botschaft für den Alltag – wieder zu haben. Ich freue mich jetzt schon auf den Tag, an dem es auch genau so wieder sein wird! Ich weiß, ich bin wahrlich nicht der einzige, der es tut! Und auch das zu wissen, tut gut!

Ein letztes:

Ja, ich darf sogar mein Bier oder meinen Wein beim Frühschoppen trinken. Aber muss ich es wirklich als Ersatz für den Gottesdienst nehmen. Da lob’ ich mir die bayrische Tradition, die ich erleben durfte, als ich während meines Studiums in Pinzberg in der Fränkischen Schweiz wohnte. Nicht der Frühschoppen als Gottesdienstersatz füllte dort den Sonntagvormittag. Nein, es war der gemeinsame Gottesdienstbesuch und der sich dann daran anschließende Frühschoppen, das war die gelungene Mischung. Und die findet sich z.B. in Bayern sehr häufig. In vielen Orten steht nämlich das beste Gasthaus, die schönste Kneipe direkt neben der Kirche. Da wird es ja wohl einen Zusammenhang geben! Achten Sie einmal darauf, wenn Sie mal dort sind!

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Der Sonntag ist für den Menschen da, damit er tue, was ihm zum Leben notwendig ist. Genau so möchte ich das Evangelium dieses Sonntags hören:

Jede Woche neu schenkt dir dein Gott einen Feiertag. Dieser Tag wird dir zum Leben helfen; er wird dir Freude, Ruhe, Erholung und Kraft geben. Darum hole aus diesem Tag heraus, was nur immer für dich an Kraft und Schönem in ihm liegt. Aber vergiss niemals, wer dir dies alles schenkt. Vergeude das Geschenk dieses Tages nicht, denn du musst wieder sechs Tage davon leben und zwar dein ganzer Mensch – dein Leib und deine Seele!

Damit sind wir noch einmal, denke ich, beim Kern dieser Geschichte vom Ährenraufen. Sie will uns befreien, verändern und froh machen. Der Sonntag ist für den Menschen da, damit er tue, was ihm zum Leben notwendig ist. Und Gott schenkt es ihm, weil er ihn liebt!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Fürbittgebet

Guter Gott und Vater,

du gibst uns Richtung und Sinn.

Durch Jesus zeigst du uns,

wie deine Liebe unser Leben ordnet.

Dafür sind wir dankbar und bitten dich:

– dass wir im Zusammenleben mit anderen ehrlich und behutsam sind,

– dass wir verlässlicher werden und die Treue durchhalten, die wir versprochen haben,

– dass Eltern und Kinder aufeinander hören und voneinander lernen,

– dass alle, die allein leben, Menschen finden, die ihnen nahe sind,

– daß Einheimische und Fremde den Schwierigkeiten der Verständigung nicht aus dem Wege gehen,

sondern mit Geduld Vorurteile überwinden und Verbindendes entdecken.

Wir bitten um Frieden in der Welt,

mach allem Terror ein Ende,

sei bei allen, die Leid tragen,

aber auch bei denen, die Verantwortung tragen.

Guter Gott und Vater,

du gibst uns Richtung und Sinn für unser Leben.

Ich bete in der Stille zu dir.

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

 

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger DunkelWeiterlesen

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Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum 19. Sonntag nach Trinitatis, 18. 10. 2020

Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Wochenspruch:

Heile du mich, HERR, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen. (Jer 17,14)

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Aus Psalm 32

 1 Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind, dem die Sünde bedeckt ist!

2 Wohl dem Menschen, dem der HERR die Schuld nicht zurechnet, in dessen Geist kein Falsch ist!

3 Denn da ich es wollte verschweigen, verschmachteten meine Gebeine durch mein tägliches Klagen.

4 Denn deine Hand lag Tag und Nacht schwer auf mir, dass mein Saft vertrocknete, wie es im Sommer dürre wird.

5 Darum bekannte ich dir meine Sünde, und meine Schuld verhehlte ich nicht. Ich sprach: Ich will dem HERRN meine Übertretungen bekennen. Da vergabst du mir die Schuld meiner Sünde.

6 Deshalb werden alle Heiligen zu dir beten zur Zeit der Angst; darum, wenn große Wasserfluten kommen, werden sie nicht an sie gelangen.

7 Du bist mein Schirm, du wirst mich vor Angst behüten, dass ich errettet gar fröhlich rühmen kann.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar

und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Guter Gott und Vater!

Du willst uns leiten auf unseren Wegen.

Aber wir – wir gehen lieber unsere eigenen.

Du willst, dass wir unser Leben teilen,

aber wir – wir igeln uns lieber ein.

Du willst,

dass wir deine Liebe

in dieser Welt spürbar werden lassen.

Aber wir – wir lieben lieber uns selbst.

 

Da ist soviel Kleinglaube in uns,

manchmal sogar Mutlosigkeit,

dich in dieser Welt frei zu bekennen.

So bitten wir dich: Komm, Herr!

 

Stärke uns, erfülle uns mit neuem Mut,

so dass wir erkennen können,

wir sehr wir auf deine Gnade angewiesen bleiben

und dass wir vor dir

all unsere Schuld bekennen dürfen,

weil du uns vergibst.

So bitten wir dich:

Komm, Herr, und erbarme dich unser!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

So spricht Gott, der uns liebt, vergibt

und mit uns durch das Leben geht:

Ich will dich unterweisen und dir den Weg zeigen,

den du gehen sollst;

ich will dich mit meinen Augen leiten.

Ehre sei Gott in der Höhe!

 

Guter Gott und Vater!

Von Anbeginn sorgst du dich um uns Menschen.

Du führst und leitest uns,

so wie du es immer getan hast.

Wenn wir deine Wege auch manchmal nicht verstehen,

lass uns doch auf dich vertrauen.

Lass uns darauf vertrauen, dass du es gut mit uns meinst.

Und auf dieses Vertrauen

wollen wir unser Leben gründen, jeden Tag neu.

Das bitten wir dich und deinen Sohn Jesus Christus,

der mit dir und dem heiligen Geist lebt und regiert

von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Epistellesung: Aus dem Jakobusbrief, Kapitel 5, Verse 13-16

 13 Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen.

14 Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn.

15 Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden.

16 Bekennt also einander eure Sünden und betet füreinander, dass ihr gesund werdet. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist.

Halleluja! HERR, deine Güte ist ewig. Halleluja!

 

Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Markusevangelium, Kapitel 2, Verse 1-12

(auch Predigttext)

 1 Und nach etlichen Tagen ging er wieder nach Kapernaum; und es wurde bekannt, dass er im Hause war.

2 Und es versammelten sich viele, sodass sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort.

3 Und es kamen einige, die brachten zu ihm einen Gelähmten, von vieren getragen.

4 Und da sie ihn nicht zu ihm bringen konnten wegen der Menge, deckten sie das Dach auf, wo er war, gruben es auf und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag.

5 Da nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.

6 Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und dachten in ihren Herzen: 7 Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein?

8 Und Jesus erkannte alsbald in seinem Geist, dass sie so bei sich selbst dachten, und sprach zu ihnen: Was denkt ihr solches in euren Herzen? 9 Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin?

10 Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden – sprach er zu dem Gelähmten:

11 Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim!

12 Und er stand auf und nahm sogleich sein Bett und ging hinaus vor aller Augen, sodass sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben solches noch nie gesehen.

Amen.

 

Predigt

 Die Gnade unseres Herrn und Gottes sei mit uns allen. Amen!

 Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Heute haben wir eine Geschichte gelesen, die vor allem die Kinder in unseren Familiengottesdiensten so lieben. Und die sie so wunderbar einfach erklären können.

Der Kranke kann nicht allein, da müssen ihm die Freunde helfen. Sie bringen ihn zu Jesus und der macht ihn gesund. Und dann freut er sich. – Das ist die Kurzfassung der Geschichte, wie ich sie oft von Kindern gehört habe. Und dieser Kurzfassung ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Wie schön wäre es, wenn wir Erwachsene und so aufgeklärte Menschen uns genau solch einen Glauben bewahrt hätten. „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder“, sagt Jesus zu meinem Gedanken an einer anderen Stelle. Helfen – wo Hilfe gebraucht wird. Und Jesus macht es gut. Ich schaue in die Welt von heute, ich schaue auf das viele, was gerade mitten unter uns geschieht. Und dann schließe ich meine Augen und wünsche es mir ebenso. Die, die Hilfe brauchen, bringen wir zu Jesus. Und er macht es gut. Ein frommer Wunsch oder?!?

Bleiben wir aber einfach heute einmal bei der Geschichte. Und schauen wir hinein, was da überhaupt alles geschieht.

 1 Und nach etlichen Tagen ging er wieder nach Kapernaum; und es wurde bekannt, dass er im Hause war.

 So beginnt unsere Geschichte. In welchem Haus war Jesus eigentlich? Er zog doch herum. Nun es ist einfach. Wir lesen unser heutiges Tagesevangelium aus dem 2. Kap. des Markusevangeliums. Im ersten Kapitel wird beschrieben, wie er in Kapernaum in das Haus des Simon eingeladen ist, weil er dort die kranke Schwiegermutter heilen soll. Es wird erzählt, dass sich diese Heilung herumspricht. Und es wird auch erzählt, dass viele ihre Kranken brachten und Jesus sie in diesem Haus heilte.

So staune ich über diesen Simon. Kein Wort des Protestes über die vielen Fremden in seinem Haus. Kein Hinauskomplementieren nach dem Motto „So, jetzt reicht es!“ Und noch mehr, irgendwann verlässt Jesus das Haus. Mit ihm seine Jünger und auch wohl die Fremden. Aber kurze Zeit später kommt er wieder zurück. Wieder in das Haus. Und alle kommen sie wieder.

2 Und es versammelten sich viele, sodass sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort.

Und Simon, wo bist du eigentlich? – Simon, der Hausbesitzer, taucht in der Geschichte überhaupt nicht mehr auf. Kein Protest, kein Lamentieren, dass sein Haus doch viel zu klein sei. Nichts, er öffnet es. Welch ein großherziger Mensch, still und unerkannt in dieser Geschichte!

Und da ist das nächste. Viele Menschen kommen zu Jesus, wollen ihn hören, wollen Heilung finden. Die meisten können noch selber kommen. Zumindest einer konnte es nicht. Doch gibt es auch für ihn einen Weg. Er hat Menschen, Freunde, Helferinnen und Helfer, die ihm einen Weg ermöglichen. Ja, die das eigentlich Unmögliche möglich machen. Wenn es auf geradem Weg nicht geht, denn müssen eben außergewöhnliche Wege her! Sie decken das Dach ab, lassen ihn in die Mitte der Menschenmenge herunter, bringen ihn vor Jesus. Sie kapitulieren nicht vor ihrer Aufgabe. Sie tun sie einfach. Deshalb werden sie erfinderisch.

Ich spüre nun geradezu, wie alle sie anschauen, ihr Tun mit den Augen verfolgen und zu staunen beginnen, was alles möglich sein wird, weil sie sich den Wunsch des Gelähmten zu ihrer Herzensangelegenheit gemacht haben. Sie haben seine Not zu der ihren gemacht. Deshalb müssen sie gemeinsam eben alle Schwierigkeiten überwinden. Sie tun es – mit Erfolg.

Und Simon – wo bist du? Sie decken dein Dach ab. Jetzt müsstest du doch aufschreien. Nein, er tut es nicht. Und ich stelle mir vor, wie er da steht, auf den Gelähmten schaut, auf den der Hilfe braucht. Und wie er auf die schaut, die ihm helfen. Und ich sehe seine staunenden Augen, in denen sich etwas von der stillen Freude wiederspiegelt, weil er weiß: diese Freunde da tun etwas, worauf er selbst wohl nie gekommen wär, wozu er selbst vielleicht gar nicht in der Lage ist. Und er ahnt: sie tun es auch stellvertretend für ihn selbst.

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Leserinnen und Leser!

Jetzt schaue ich auf den Gelähmten. Wie oft wird er sich in seinem bisherigen Leben schon angehört haben müssen: „Weg, krabbel weiter! Zieh’ dich durch den Dreck. Bei uns hast du keinen Platz. Wie sehr musst du dich gegen Gott versündigt haben, wenn du so verkrüppelt da liegst. Mach, dass du weiter kommst, sonst steckst du uns noch an!“ So und ähnlich wird er es gehört haben, über Jahre. Hat sich draußen vor der Stadt versteckt, von dem gelebt, was sie ihm vielleicht zuwarfen, um vor Gott besser da zu stehen. Ja, manchmal hat er vielleicht sogar selbst daran geglaubt, etwas verbrochen zu haben, nur weil er eben anders war als andere. Obwohl er aber auch wusste, es war allein sein Anderssein, wissentlich Schlechtes getan hatte er nicht.

Und so begann er zu träumen – von einem neuen Anfang, vom aufrechten Gang, von der Teilhabe am Leben mit anderen. Er sehnte sich nach dem Gefühl auch einmal geliebt zu werden, nach dem Gefühl in Gemeinschaft mit anderen zu leben, arbeiten zu können, eigene Träume und Wünsche verwirklichen zu können. Er wollte gar nichts Besonderes. Nur heil werden, Leben finden.

Dann sind sie auf einmal da. Die, die es nicht mehr ertragen, ihn da liegen zu sehen. Auf die Decke mit ihm. „Wenn du nicht allein gehen kannst, wenn du für deinen neuen Anfang, für dein neues Leben nicht selbst sorgen kannst, dann tun wir es eben mit dir, tun es für dich. Komm, wir machen uns zusammen auf den Weg“! Ich ahne an diesem Punkt schon sein ungläubiges Staunen und seine ersten Freudentränen, weil er ahnt, dass jetzt etwas passieren wird, dass sein Leben verändern wird. Ich fühle geradezu, wie sich seine Schwäche verwandelt in neue Hoffnung, neue Zuversicht. Und er wird nicht enttäuscht werden. Er wird Worte hören, die er sein leben lang nicht vergessen wird und die ihn anspornen werden, selbst weiterzugeben, was er empfangen hat. Er hörte es für ihn unvergesslich: „…, steh auf, nimm dein Bett und geh heim!“ Ja, das sollte es werden. Und mehr wollte er ja auch gar nicht! Wieder nach Hause zu dürfen, einfach, weil es ihm nun möglich war!

Nun schaue ich auf die, die ihm helfen. Ich stelle mir vor, dass sie lange zugeschaut haben, wie andere an dem Gelähmten vorbei gegangen sind – angeekelt, ängstlich, abschätzend oder wie auch immer. Ich sehe sie da sitzen und spüre geradezu, wie sie es auf einmal nicht mehr ertragen können. Wie sie die Arroganz der anderen nicht mehr ertragen können, wie es sich auf einmal in ihren Herzen rührt, es sie drängt, etwas zu tun. „Wir müssen doch etwas tun! Irgendetwas!“ Und dann überwinden sie ihre eigene Angst. Sie nähern sich dem gelähmten, überwinden ihre Angst vor dem Fremden, vor der Ansteckung, vor den Blicken derer, die sie so gern davon abhalten würden – nach dem Motto: was kümmert ihr euch, der soll sich doch selbst helfen! Nein, sie packen an, bahnen sich den Weg durch die Menschen, die ihre Hände vielleicht lieber in den Taschen halten. Und sie dringen vor, durch alle Schwierigkeiten, lassen sich auch von einem schon vollen Haus nicht abhalten. Da geht noch ’was! Wenn nicht gewöhnlich, dann eben außergewöhnlich. Und sie tun es mit Erfolg. Nicht nur mit Erfolg für den Gelähmten. Nein, für alle Umstehenden. Gemeinsame Anstrengung, gemeinsamer Glaube setzt Kräfte frei, macht Menschen neu, lässt sie neu umkehren und ins Leben gehen. Ihre Tat macht allen anderen konkret sichtbar, was der unerschütterliche Glaube an Gott, an Jesus Christus möglich machen kann – neues Leben, für den betroffenen nun nicht mehr Gelähmten. Und natürlich für alle, die es gesehen haben und die sich vielleicht anstecken ließen, selbst ihren eigenen Glauben auch in der Liebe tätig werden zu lassen.

 Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Und über wen haben wir nun noch nicht nachgedacht? Genau – über die Pharisäer und Schriftgelehrten, über die Ewignörgler, über die, die um ihre eigene Macht fürchteten. Über die, die auch damals schon immer sagten: das darf doch alles nicht sein! Das geht doch nicht! Ich bin, liebe Schwestern und Brüder, müde darin, diese Pharisäer und Schriftgelehrten damals in Predigten immer wieder schön zu reden bzw. an dieser Stelle schön zu schreiben. So wie ich es für die heutige Predigt auch nicht tun möchte. Aber ich tue es auch deshalb nicht, weil ich von mir selbst weiß – und vielleicht kennen das einige ja auch von sich selbst -, wie leicht man selbst zu ihnen gehören kann. Zu den Ewignörglern, den Angstbeißern, den Immermotzern und Stammtischrednern!

Nein, mein letzter Blick gilt Jesus. Er war bei Simon, hat so viele Menschen geheilt wie er eben heilen konnte. Er brauchte eine Pause, ging mit seinen Freunden raus aus der Stadt, an den See. Ruhe finden, sich selbst neu stärken. Aber er wusste wohl: er waren noch nicht alle, die er heilen konnte. Deshalb musste er zurück. Genau das ist etwas, was meinen eigenen Glauben so sehr stärkt. Es ist nicht einfach so, dass alle, die Hilfe brauchen, sich auf den Weg zu Jesus machen. Nein! Er, Jesus, kommt ihnen immer auch entgegen. Geht ihrem Leid entgegen, will da sein, wo Leid ist, will heilen, was heil werden kann. Und es ist der gleiche Gott, der sie zusammenbringt. Jesus und die Menschen, beide gehen mit ihm und aufeinander zu. Deshalb ist das eine  ganz wunderbare Geschichte!

Und was hat sie mit dem Heute zu tun? Mit dem aktuellen Geschehen in unserem Land, in anderen Ländern? Ich will und werde es jetzt hier nicht weiter beschreiben. Nein, ich überlasse es euch, liebe Schwestern und Brüder, das Elend vieler Menschen, die gerade in Ängsten leben, die Not derer, die gerade um ihre Existenz fürchten, aber natürlich auch das Elend vieler Flüchtlinge und diese Geschichte da in Kapernaum zusammenzusprechen und auch  zusammenzusehen. Wenn ihr euch dann, liebe Schwestern und Brüder, eure eigene Meinung zu dem aktuellen Geschehen gebildet habt, wenn ihr euch eine Meinung zu dieser Geschichte bilden möchtet, dann habe ich eine Bitte an euch: Stellt euch diese wunderbare Erzählung von der Heilung des Gelähmten einmal als ein großes Bild vor – das Haus, der kleine Platz davor, die vielen Menschen, das offene Dach, die staubige Straße. Und dann malt sich jede und jeder von uns einmal in diese Szene hinein. Als welche Person würde ich mich malen? Wo würde ich stehen? Und was sagt das dann über mich aus? Wie schaut Gott auf mich?

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Fürbittgebet

Guter Gott,

da ist so vieles, für das wir danken können.

Für die Menschen, die wir lieben, – für die, die uns lieben.

Da sind unsere Familien, in denen wir leben dürfen.

Da dürfen sich die meisten von uns gut versorgt wissen.

Ja, Herr, den meisten von uns geht es gut.

Aber das ist nicht selbstverständlich.

Wie oft vergessen wir das.

Und so sollen und wollen wir, wenn wir danken,

immer auch bitten:

 

Wir bitten dich für die vielen Menschen,

die auf Hilfe angewiesen sind.

Für die,

die in diesen Tagen auf dem Weg aus ihrem Elend sind

– einige von ihnen sogar bis zu uns.

Sei bei ihnen und gehe mit ihnen an die Orte,

an denen sie Ruhe finden.

Schenke ihnen neue Kraft,

um das eigene Leben auch wieder planen zu dürfen,

so wie wir es für uns auch wollten.

 

Wir bitten dich für die Menschen,

die ihnen zur Seite stehen und ihnen helfen.

Es sind so viele und sie tun das für all diejenigen,

die dazu nicht die Kraft oder den Mut haben,

also vielleicht ja auch für uns.

Schenke ihnen alle Kraft, die sie brauchen,

anderen zum Leben zu verhelfen,

so wie sie es für uns auch wohl täten.

 

Wir bitten dich für die Menschen,

die sich von falschen Parolen,

von geschürten Ängsten

und Neid und Hass leiten lassen.

Es sind so viele.

Und manchmal sprechen sie auch aus,

was verborgen in unseren Köpfen hängt.

Schenke ihnen die Kraft,

das zu lassen und zu erkennen,

das Leben für alle möglich ist und bleibt,

auch hier bei uns.

 

Herr, guter Gott,

es ist eine solch schwierige Zeit.

Aber dein Evangelium heute zeigt uns,

dass wir alle,

die die helfen können,

die die Hilfe brauchen und die,

die sich darüber ärgern,

alle gleich vor dir stehen.

 

So lass uns gehen und vertrauen,

dass du bei uns bist,

heute und in aller Zeit und an allen Orten.

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

 

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger DunkelWeiterlesen

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Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum 18. Sonntag nach Trinitatis, 11. 10. 2020

Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Wochenspruch:

Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe. (1. Johannesbrief 4,21)

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Psalm 1

 1 Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen / noch tritt auf den Weg der Sünder noch sitzt, wo die Spötter sitzen,

2 sondern hat Lust am Gesetz des HERRN und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht!

3 Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, / der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht, das gerät wohl.

4 Aber so sind die Gottlosen nicht, sondern wie Spreu, die der Wind verstreut.

5 Darum bestehen die Gottlosen nicht im Gericht noch die Sünder in der Gemeinde der Gerechten.

6 Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten, aber der Gottlosen Weg vergeht.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar

und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Herr, guter Gott!

Ich will frei sein und halte doch andere fest.

Ich will selbst Verantwortung tragen und nehme sie doch anderen ab.

Ich will mir den Weg nicht vorschreiben lassen,

will ihn selbst suchen und finden,

und doch schreibe ich ihn anderen vor.

Ich will keine Belehrungen und doch belehre ich.

Ich will keine Vorwürfe und doch werfe ich vor.

Ich will nicht übersehen werden und doch übersehe ich andere.

Ich will selbst nicht eingeengt werden und doch enge ich andere ein.

Ich ärgere mich über Intoleranz

und doch toleriere ich selbst andere auch nicht.

All das, guter Gott, wissen wir über uns selbst.

So vieles liegt uns als Schuld auf unserer Seele.

Hilf du uns, neu zu werden, neu zu sein.

Höre nun, Herr, wie ich in der Stille zu dir bete!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Gott kommt uns entgegen und schenkt uns seine Gnade.

Denn von ihm wissen wir:

Bei Gott ist mehr Freude

über einen Sünder oder eine Sünderin,

die ein neues Leben anfangen,

als über neunundneunzig andere, die das nicht nötig haben.

Ehre sei Gott in der Höhe!

 

Herr, deine Gebote stehen vor uns

und hinterfragen unsere ganze Existenz.

Wir spüren die Spannung

zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Du hast unseren Ruf nach Erbarmen

mit deinem Gnadenwort gesegnet.

Als befreite Geschöpfe deiner Liebe

feiern wir die Gemeinschaft mit dir.

Dafür danken wir dir, in Jesu Namen.

Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Markusevangelium, Kapitel 10, Verse 17-27

 17 Und als er hinausging auf den Weg, lief einer herbei, kniete vor ihm nieder und fragte ihn: Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?

18 Aber Jesus sprach zu ihm: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als der eine Gott.

19 Du kennst die Gebote: »Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst niemanden berauben; du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.« 20 Er aber sprach zu ihm: Meister, das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf.

21 Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm: Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach!

22 Er aber wurde betrübt über das Wort und ging traurig davon; denn er hatte viele Güter.

23 Und Jesus sah um sich und sprach zu seinen Jüngern: Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen!

24 Die Jünger aber entsetzten sich über seine Worte. Aber Jesus antwortete wiederum und sprach zu ihnen: Liebe Kinder, wie schwer ist’s, ins Reich Gottes zu kommen!

25 Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.

26 Sie entsetzten sich aber noch viel mehr und sprachen untereinander: Wer kann dann selig werden?

27 Jesus sah sie an und sprach: Bei den Menschen ist’s unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.

Halleluja! Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg. Halleluja!

     

 Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Alttestamentliche Lesung: 5. Buch Mose, Kapitel 30, Verse 11-14

(auch Predigttext)

 11 Denn das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu hoch und nicht zu fern.

12 Es ist nicht im Himmel, dass du sagen müsstest: Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun?

13 Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du sagen müsstest: Wer will für uns über das Meer fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? 14 Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.

Amen.

 

Predigt

 Die Gnade unseres Herrn und Gottes sei mit uns allen. Amen!

 Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Worte, die Gott, der Herr, dem Moses ins Herz gelegt hatte, um sie an sein Volk Israel weiterzusagen, haben wir gerade etwas weiter oben gelesen. Wunderbare Worte!

Moses war alt geworden! 120 Jahre alt, so können wir es ein Kapitel später in der Bibel lesen. Er war mit seinem Volk weite Wege gegangen. Raus aus der Sklaverei. Alte Heimat hatten sie neu gesucht. Mose hatte gerungen, mit sich, mit Gott. Manchmal war ihm Gott nah, ihm und dem ganzen Volk. Manchmal glaubten sie, Gott hätte sie verlassen, hätte sich weggewandt. Sie hatten nach Ersatzlösungen für den Gott, dem sie doch so sehr vertrauen wollten, gesucht. Ja, es war ein Auf und Ab, ein bewegtes Leben, das sie geführt hatten. Und nun – da am Rand des Landes, das voll Milch und Honig fließt, wie es die Bibel beschreibt – da soll nun alles zur Ruhe kommen. Endlich, auch Moses selbst. Er ist alt, er ist müde geworden. Er kann nicht mehr. „…, ich kann nicht mehr aus und ein gehen“, sagt er kurz nach unserem Predigttext (5.Mose 31,2). Und obwohl er so vieles mit seinem Volk erlebt hat, obwohl er es in die Freiheit geführt hat, obwohl alle Verheißungen auf Land und neues Leben sich erfüllen – er selbst wird dieses Land nicht mehr betreten. Er wird es noch sehen, aber nicht mehr erreichen.

Moses merkt das und könnte nun verbittern. Könnte mit Gott hadern, wie sie es so oft getan hatten. Nein, Moses schaut auf das Land, das Gott für sein Volk bestimmt hat. Er wird sich noch einmal an alles gedanklich wie in einem Film erinnert haben. Dann wird er ruhig. Ich denke, mit 120 Jahren darf man das auch! Aber es ist nicht nur die Erinnerung, die den Moses ruhig werden lassen. Nein, es sind auch die Gedanken, es sind die Worte, die Gott in sein Herz gelegt hat. Sie sollen Moses ruhig und zuversichtlich machen. Zuversichtlich, auf alles zu hoffen, was für sein Volk kommt. Auch dankbar, für alles, was gewesen ist in seiner Geschichte mit Gott. Deshalb legt Gott dem Moses in all seiner Lebe eben auch wunderbare Worte ins Herz. Wir haben sie oben gelesen. Ich versuche einmal, sie in Gottes Herzenssprache zu übersetzen.

„Moses, ich habe dir so vieles gesagt. Du hast es aufgeschrieben und verkündigt. Ihr habt darüber geredet, habt darüber sogar gestritten. Manchmal schien es, als hättet ihr gar nicht wirklich verstanden, was ich euch eigentlich sagen wollte. Ihr habt es kompliziert gemacht. Manchmal habt ihr sogar gedacht, ich hätte euch mit meinen Worten und Gedanken ganz allein gelassen. Ich wäre ganz weit weg – im Himmel oder tief unten im Meer. Aber weißt du, Moses, ich war niemals weg. Niemals habe ich auch nur einen Menschen von euch allein gelassen, auch dich nicht!

Und wenn du verstehen möchtest, was ich euch sagen und für euer Leben mitgeben möchte, dann könnt ihr es natürlich auf Steintafeln suchen. Ihr könnt es abschreiben und weitergeben. Ihr könnt es sogar für heilig halten! Aber wenn du meine Worte, meine Gedanken und sogar Gebote wirklich verstehen willst, wenn du dich von ihnen leiten lassen und dein Leben danach ausrichten möchtest, dann schau in dich hinein, höre in dich hinein. Ich habe dir alles in dein Herz geschrieben. Ich habe dein Herz erfüllt mit allem, was ich für dich will. Es ist unverlierbar in dir! Höre hin, lass dein Herz sprechen, zu dir und auch zu anderen. Dann merke, wie viel Gutes aus dir kommen wird. Dann merke, wie viel du von mir in dir trägst, das du mit anderen teilen kannst. Und dann erkenne, es ist auch in den anderen. Nichts von dem, was ich dir ins Herz gelegt habe, soll dich beschweren. Es soll dir helfen, dich ermutigen und froh machen. Es soll dich stark für dein Leben machen! Und es soll dir sogar dann noch helfen, wenn dich deine Kräfte einmal verlassen werden und du das Land erreichst, das ich für dich bestimmt habe – mein ewiges Reich, in dem ich dich in meiner ganzen Liebe bergen werde!“

 

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Ich bin zutiefst überzeugt, dass Gott sich dem Moses noch einmal so offenbart hat. Ich bin ebenfalls zutiefst davon überzeugt, dass Moses die Worte Gottes auch annehmen konnte. Und versöhnt war – mit sich selbst und mit Gott!

Ist euch, liebe Schwestern und Brüder, eigentlich irgendetwas aufgefallen an dem, was ich bisher über Moses und Gott gedacht habe? Kennt das jemand von euch auch?

Manchmal ist Gott ganz nah. Er hilft, wird uns zur Kraft. Dann gibt es Tage, da glauben wir ihn weit weg, denken manchmal sogar, er hätte uns verlassen. Ich kann mir vorstellen, dass es in den letzten Wochen und Monaten bei der einen oder dem anderen mal so war. Es gibt Zeiten, da kommt es uns vor, als bedränge uns Gott. Wir meinen manchmal , er legt uns in unserem Leben Prüfungen auf. Wir hadern mit ihm. Stellen ihm sogar manchmal diese unbeantwortbare Frage: „Warum gerade ich?“ Manch einen von uns führt Gott weite Wege. Wege, von denen wir niemals gedacht hätten, sie einmal gehen zu müssen! Da sind Ziele in unserem Leben, bei denen wir manchmal auf der Zielgerade ins Straucheln zu kommen scheinen. Wir können so laut klagen, wenn es sein muss. Manchmal sogar auf ganz hohem Niveau!

Aber da sind auch die anderen unter uns. Die, die dies alles erlebt haben und nun im Alter da sitzen und ebenfalls ihr ganzes Leben, ihre gegangenen Wege und die auch Menschen, die sie dabei begleitet haben, an ihren inneren Augen vorbeiziehen lassen können und dabei ruhig werden. Ruhig, dankbar und auch weiter vertrauensvoll bleiben. Es war nicht immer leicht, aber es war mit Gott. Und es geht weiter – niemals allein, immer mit Gott.

Wo liebe Schwestern und Brüder, reiht ihr euch ein, zu welchem Typ zählt ihr euch selbst?

Eigentlich ist es ganz egal, denn Gott spricht seine Worte in jedes Herz – ausnahmslos und ohne Unterschied. Unterschiedlich sind wir nur in unserer Fähigkeit zu hören, wie Gott in uns spricht und um uns wirbt. Aber für jede und jeden gilt: Gott will uns niemals zur Last werden! Er lebt, er betet und er spricht in unser Herz. Er sagt es auch zu uns heute – ungebrochen. „Das, was ich von dir will, das wozu ich dich ermutigen möchte, es ist nicht schwer. Es soll dich nicht belasten! Es ist ganz nah in dir. Ich selbst gebe mich in dein Herz. Ich selbst spreche dich an. Und wenn du mich suchst, schau nicht in die Ferne. Schau nicht weit! Schau in dich hinein! Und du wirst mich finden. Ich verlasse dich nicht! Niemals!“

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

So – so und nicht anders redet Gott zu uns Menschen. Davon bin ich zutiefst überzeugt. Sein Wort der Liebe begleitet uns durch das Leben. Sein Wort der Liebe geleitet uns sogar einmal aus diesem irdischen Leben heraus und hinein in sein Reich, in dem wir in Ewigkeit bei ihm leben und geborgen sein werden.

Genau das wird Moses vor langer, langer Zeit einmal so gespürt haben.  Genau diese Worte haben ihn zu seiner dankbarer Rückschau gebracht. Und genau diese Worte haben in ihm alles Vertrauen gestärkt, nun auch einen letzten Weg in festem Zutrauen zu Gott zu gehen.

Eine große Geschichte Gottes mit Moses seinem Volk leitet hier in unserem Predigttext den Abschied ein. Und diese spürbare Liebe Gottes am Ende eines Lebens hat uns Menschen niemals mehr losgelassen. Sie wurde besungen, sie wurde beschrieben, sie wurde verfilmt. Am eindrücklichsten hat das für mich J.R.R. Tolkien in seinem Mitte der 50er Jahre erschienenen Buch „Der Herr der Ringe“ beschrieben. Es wurde großartig so großartig von Sir Peter Jackson verfilmt. Die Geschichte Gottes mit Moses, besonders das Ende, dürfen wir eindrücklich vor Augen haben, wenn der Hobbit Frodo Beutlin, der so viele Wege gegangen ist, Verletzungen erlitten hat, das Abenteuer seines Lebens bestanden hat, am Ende die alte Heimat ebenfalls nicht mehr neu erleben bzw. darin leben wird. Dankbar schaut auch er noch einmal zurück auf sein Leben, seine Freunde und Gefährten und genauso dankbar schaut er nach vorn, steigt auf das Schiff und fährt ins Licht. Eine wunderbare Interpretation, des Endes der Geschichte des Moses mit Gott, für die man im Kino allerdings erst etwa elf Stunden Film erlebt, um dann – genau so versöhnt wie Frodo Beutlin – ermutigt am Ende zurückbleibt. Ich liebe diese Szene!

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Wir selbst brauchen keine elf Stunden Film, um zu spüren, dass Gott da ist, uns nahe ist. Wir brauchen offene Augen und offene Ohren. Vor allem aber brauchen wir ein offenes Herz, denn da hinein spricht Gott. Dort lebt und betet er mit uns. Und solch ein offenes Herz wünsche ich uns allen!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Fürbittgebet

Herr guter Gott!

Schenke uns ein behütetes Leben,

gerade auch in diesen Tagen.

Gib gute Zeit und Tage mit klaren Zielen.

Wir bitten dich darum für uns und für alle,

die du zu unseren Nächsten gemacht hast.

Wir bitten dich um Augen, die hellsichtig sind

für die Zeichen der Not, für Winke zum Helfen.

Wir bitten dich um offene Ohren,

die uns auch die halblauten Bitten anderer hören lassen.

Wir bitten dich um Fingerspitzengefühl

im Umgang mit schwierigen Menschen;

um ein gutes Gedächtnis für die Sorgen,

die jemand uns anvertraut hat,

und für die Dinge, die wir zu tun versprochen haben.

Wir bitten um gute Nerven,

damit wir uns nicht gegenseitig an Kleinigkeiten zerreiben,

denn du willst keine verärgerten Leute.

Wir bitten dich um ein fröhliches Gesicht

und um ein Lächeln, das aus dem Herzen kommt,

denn andere sollen sich an uns freuen können.

Du bist uns zugetan wie ein Freund.

Lass uns selbst den Menschen in Freundschaft begegnen.

Lass uns in allem so gesinnt sein,

wie Jesus Christus gesinnt war.

In der Stille vertraue ich mich dir an!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger DunkelWeiterlesen

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Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum 15. Sonntag nach Trinitatis, 20. 09. 2020

Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Wochenspruch:

Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. (1. Petr 5,7)

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Aus Psalm 127

 Wenn der HERR nicht das Haus baut,

so arbeiten umsonst, die daran bauen.

Wenn der HERR nicht die Stadt behütet,

so wacht der Wächter umsonst.

Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht

und hernach lange sitzet

und esset euer Brot mit Sorgen;

denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar

und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Herr, guter Gott und Vater!

Du hast uns eine Sorglosigkeit geschenkt,

die unser Leben reich gemacht hat.

Vieles trauen wir uns gerade nicht,

aber wir wollen dir trauen.

Wir würden gern unser Leben

noch mehr sichern nach allen Seiten

Und werden doch ängstlich und arm.

Wir schaffen es oft nicht,

das Wagnis des Lebens einzugehen,

nämlich Vertrauen zu wagen

und Sorgfalt im täglichen Leben zu üben.

Manchmal sind wir zögerlich und kleingläubig.

Wie gut ist es da,

dass du immer an unserer Seite bleibst.

So bitten wir dich immer wieder neu:

Komm, Herr, komm und bleibe,

erbarme dich unser!

Höre, Herr, wie ich in der Stille zu dir bete!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken,

sondern Gerechtigkeit und Friede

und Freude in dem heiligen Geist.

Wer darin Christus dient,

der ist Gott gefällig

und den Menschen wert.

Ehre sei Gott in der Höhe!

 

Gott, du Beschützer aller,

die auf dich hoffen,

wir bitten dich:

Mache uns frei von der Sorge um unsere Zukunft,

dass wir auf dich schauen

und uns alle Zeit auf deine Güte verlassen.

Geh du mit uns auf all unseren Wegen.

Das bitten wir durch Jesus Christus, unseren Herrn,

der mit dir und dem heiligen Geist lebt und regiert,

von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesevangelium:

Aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 6, die Verse 25-34

 25 Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?

26 Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?

27 Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?

28 Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.

29 Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.

30 Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?

31 Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?

32 Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.

33 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.

34 Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.

Halleluja! Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr über die, die ihn fürchten. Halleluja!     

 

Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Alttestamentliche Lesung:

Aus dem 1. Buch Mose, Kapitel 2, die Verse 4-9 und 15

(auch Predigttext)

 4 Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte.

5 Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen. Denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute;

6 aber ein Strom stieg aus der Erde empor und tränkte das ganze Land.

7 Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.

8 Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte.

9 Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. 15 Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.

Amen.

 

Predigt

 Die Gnade unseres Herrn und Gottes sei mit uns allen. Amen!

 

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Ich weiß nicht wie es Euch geht. Aber die Erzählungen von der Erschaffung der Welt gehörten auf jeden Fall fest zu den Geschichten, die schon in meiner Kindheit meine Phantasie beflügelt haben. Im Kindergarten, in der Schule, im Kindergottesdienst habe ich diese Geschichten gehört, gemalt, besungen und natürlich auch erzählt bekommen.

Jede Kultur, jede Religion hat sich durch alle Zeiten eine Vorstellung davon bewahrt, in der die Entstehung der Welt und auch die Erschaffung des Menschen ins Bild gesetzt werden. Und oft haben wir dabei gedacht, die uns vertrauten biblischen Geschichten darüber und auch unsere religiösen Vorstellungen stünden heute im Widerspruch zu den bekannten wissenschaftlichen Erklärungen darüber. Auch im Konfirmandenunterricht in der vergangenen Woche  – wegen der Pandemiezeit fand er sehr konzentriert als Videokonferenz statt – ging es genau um dieses Thema. Stimmen denn die biblischen Geschichten, wenn wir die Biologie und die bekannten Ergebnisse dagegen setzen? Genau so fragten junge Menschen.

 

Aber liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Die biblischen Schöpfungsberichte wollen uns doch gar nicht die Frage nach der Entstehung des Universums und der Entwicklung der Arten beantworten. Nein, die biblischen Geschichten geben auf – wie ich finde – wunderbare Weise darüber Auskunft, was der Mensch ist und was es bedeutet, auf der Welt zu sein und das Leben zu haben. Darum geht es den biblischen Erzählungen zu allererst. Deshalb ist es auch als eine Verstehenshilfe zu begreifen, dass die Bibel mit zwei Schöpfungsberichten beginnt, die gleich am Anfang ganz unterschiedliche Akzente setzen.

Die Bibel, wie wir sie kennen, beginnt mit der Erzählung von den Schöpfungstagen. Das ist die eine, die erste Schöpfungsgeschichte. Die Welt in sieben Tagen, ein Nacheinander von der Erschaffung des Himmels bis hin zur Schöpfung des Menschen und dem 7. Tag als dem Tag, an dem er sein Werk vollendet und dann ruht.

Und dann wird eine andere, eine zweite  Schöpfungsgeschichte erzählt. Eine Erzählung, in der es um den einen Menschen geht – Adam –, was schlicht und einfach übersetzt Mensch heißt, ein Mensch, der beispielhaft für uns alle steht.  Es geht um das Leben – das wir auf denkbar vielgestaltige Art und Weise haben.

Die Zeitangabe „Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte.“ in V. 4 zeigt uns noch einmal, dass es den vielen Generationen, die diese Geschichten seit dem 12. Jahrhundert vor Christus weitererzählt haben, eben nicht um ein konkretes Datum ging, um eine historische Begebenheit. Nein, sie wollten uns eine Geschichte überliefern, eine Lebensgeschichte, die die Lebensgeschichte aller Menschen für alle Zeiten ist.

Die Verse aus dem 2. Kapitel des 1. Buch Mose erzählen, anders als die vorausgehende Schilderung der Schöpfung der Welt in sieben Tagen, eben kein Nacheinander von der Erschaffung des Himmels und der Erde bis hin zur Schöpfung des Menschen und dem 7. Tag als dem Tag, an dem Gott sein Werk vollendete und dann ruhte. Es werden nicht etwa die einzelnen Bestandteile der Welt nacheinander hergestellt und von Gott für sehr gut befunden, unser Schöpfungsbericht kreist vielmehr allein um den Menschen. Ausdrücklich heißt es: „5 Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen. Denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; 6 aber ein Strom stieg aus der Erde empor und tränkte das ganze Land.

Und nun wird es eben besonders interessant. Die Voraussetzung für das Leben ist von Beginn an da, z.B. das Wasser als Lebenselixier des Menschen. Gott selbst  trifft hier gewissermaßen Vorsorge, noch bevor er den Menschen selbst erschaffen hat. Die Welt kommt dem Menschen schon lebensfreundlich entgegen. Gott schafft das, was er für das Leben unabdingbar zuerst braucht – eben das Wasser. Und wenn wir heute bedenken, dass immer noch und ungebrochen sauberes und trinkbares Wasser Grundbedingung für das Leben ist, auch für das jedes einzelnen Menschen, wenn wir dann noch schauen, was da alles im Wasser herumschwimmt, weil wir es dorthin entsorgt haben, dann ist das Verständnis des Menschen von der Schöpfung Gottes ernsthaft infrage gestellt. Da, wo wir den Wert des Wassers nicht mehr zu schätzen wissen, dort, wo wir die Achtung davor verlieren, stellen wir unsere Art zu leben infrage und blenden die Konsequenzen einfach aus. So wird es nicht dauerhaft weitergehen können!

Doch bleiben wir beim biblischen Schöpfungstext. Die Schöpfung des Menschen wird darin dann auch ganz lapidar, ganz kurz und knapp erzählt. 7 Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.

Der Mensch ist hier selbst Teil der Natur, von der er leben wird: Erde vom Acker. Erst dann, im weiteren Verlauf der Erzählung gewinnt dieser menschliche Rohstoff eine problematische Bedeutung und wird vom Leben spendenden Nährboden zum Symbol für den Kreislauf der Vergänglichkeit. „Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück“ (1 Mose 3, 19b), wird Gott später zu Adam sagen. Nämlich erst nach dem Sündenfall ist das Ende des Lebens in die Erzählung eingetragen. Hier, am Anfang zu der Zeit, da Gott der Herr Erde und Himmel machte, ist davon noch keine Rede. Gott bläst dem Menschen das Leben ein. Er gibt ihm den Atem und damit ist dieser erste Mensch nicht nur Staub, und nicht nur ein beseelter Leib, sondern von Beginn an ein Wesen vor Gott. Ja sogar Gott ähnlich.

 

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Genau darin liegt die Pointe der Schöpfung des Menschen: Der Mensch hat sein Leben von Gott. Deshalb ist er niemals ohne Gott, sondern stets ein Mensch vor Gott. Der Mensch steht im Mittelpunkt der Schöpfungsgeschichte, aber doch nicht selbstherrlich, sondern immer so, dass er stets von Gott umgeben ist, der ihn umsorgt und umhegt; ihm das Leben schenkt, ohne ihn sich selbst zu überlassen. Der Garten Eden, von Gott geschaffen und bebaut, in den er den Menschen setzt, ist das Symbol für einen vollkommenen Lebensraum, den Gott für den Mensch schafft, noch ehe der Mensch selbst irgend etwas bebauen kann.

Genau diese umfassende Sorge für den Menschen, diese Fürsorge Gottes hat Martin Luther viel später so sehr beeindruckt, als der den gnädigen Gott für sich entdeckt hat und als er begann, die Bibel zu übersetzen. In seiner Erklärung des ersten Artikels des Glaubensbekenntnisses entfaltet er es, wenn er sagt:

„Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Was ist das? Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mit Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält: dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter; mit allem, was not tut für Leib und Leben, mich reichlich und täglich versorgt, in allen Gefahren beschirmt und vor allem Übel behütet und bewahrt; und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit“.

Mit allem, was not tut für Leib und Leben – für soziale Gemeinschaft und für Bewahrung vor allem Übel – konkreter und umfassender zugleich kann Schöpfung nicht gedacht sein.

 

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Die Urgeschichte deutet uns das Leben in seinen Anfängen. Sie antwortet auf die Frage nach dem, was der Mensch ist und was es bedeutet, das Leben zu haben. Und soviel steht fest: Der Mensch als Geschöpf Gottes ist niemals allein. Er ist ein umsorgter und bewahrter Mensch, der sich sein Leben nicht selbst geben und erhalten kann, sondern es von Gott empfangen hat und jeden Augenblick auf Neue empfängt. Und damit ist nicht nur an die nackte Existenz gedacht, sondern an alles, was wir brauchen. Auch noch Kleider und Schuh, wie Luther mit Sinn fürs Detail aufzählt.

Mensch sein, heißt immer auch bedürftig sein: nach Leben und Liebe, nach Nahrung und Kleidung und vielem mehr. Das ist die Bedingung des Menschseins.

Ist die Erzählung über die Schöpfung des Menschen dann nun nicht doch nur ein phantasievoller Traum? So viele Paradiesvorstellungen hat z. B. die bildende Kunst hervorgebracht, in der die Träume vom Garten Eden konkrete Gestalt gewinnen. Wie viel Realität verträgt eigentlich dieses Stückchen Schöpfungsgeschichte?

Schon hier am Anfang der Erzählung klingt an, was dann später in Kontrast treten wird zur Schöpfung Gottes: Bereits hier zu Beginn ist die Rede vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen (V.14). Gott wird dem Mensch verbieten, von diesem einen Baum zu essen und der Mensch – wir kennen die Geschichte – er wird es trotzdem tun: der Sündenfall kommt in die Welt.

Die Erzählung vom Sündenfall tritt aber dann nicht an die Stelle des ersten Teils dieser  Schöpfungsgeschichte, sie ergänzt sie und sie kommentiert diese vielmehr. Beide Erzählungen bleiben aufeinander bezogen. Die eine ist nicht ohne die andere zu lesen.

Die Welt ist eben nur so zu deuten, dass man beide Erzählungen so wie Folien aufeinander legt: Da ist der Garten Eden als das Paradies aus dem wir kommen, das Gott für uns gemacht hat, nach dem wir uns immer sehnen und das unter unserer Welt immer noch durchschimmert. Und ich hoffe sehr, dass wir es niemals ganz verlernen, in dieser Welt immer auch gute Schöpfung Gottes für uns alle zu erkennen und auch dadurch eine Achtung vor dieser Schöpfung wieder neu in uns wachsen lassen!

Hier und da mögen wir es so empfinden können. Aber da ist eben auch der Sündenfall, der hier schon angedeutet ist und der doch auch unser Menschsein bestimmt – zu allen Zeiten.

Keine moralische Verfehlung, nichts anderes als die Realität, so wie sie eben ist, wird am Ende, wenn wir die Geschichte weiterlesen würden, erzählt: erlebte Sinnlosigkeit des Daseins, und letztlich der Tod als stete Bedrohung und als das Ende des Lebens hier auf Erden. Und diese Realität, liebe Schwestern und Brüder, ob wir das wollen oder nicht, sie bleibt unserem Menschsein namentlich eingeschrieben: Adam ist der von Gott in seiner ganzen Bedürftigkeit Umsorgte; und es ist derselbe Adam, der das Leben verlieren wird.

 

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Die Bibel ist eigentlich kein Buch der kleinen Geschichten, der Episoden. Nein, eigentlich bietet sie schon große Erzählungen. Oder genauer gesagt: eine große Erzählung, die über die Schöpfung des Menschen und über den Sündenfall weit hinausreicht. Nicht der Tod des Menschen steht am Ende der biblischen Geschichte, sondern die Auferstehung und das Leben.

Das Leben als Schöpfung am Anfang und das ewige Leben bei Gott als Erlösung am Ende – solch ein Leben ist der rote Faden der biblischen Großerzählung, der sich durch das ganze Buch zieht. Das Leben als ein von Gott geschenktes, das Leben als die Fürsorge Gottes zugunsten von uns Menschen, auch dann noch, wenn wir unser Leben einmal verlieren und zur Erde zurückkehren. Erst von diesem Ende der Erzählung her ist ihr Anfang zu verstehen. Von der Zusage der Neuschöpfung und dem Geschenk neuen und ewigen Lebens her ist der Anfang –die Schöpfung Gottes für uns Menschen – richtig zu verstehen. Die Fürsorge Gottes für den Menschen ist mit dessen Tod nicht zu Ende. Der Mensch ist und bleibt ein Wesen vor Gott, auch über den Tod hinaus. Und Gottes  Liebe bleibt, von der ersten bis zur letzten Geschichte. Sie bleibt – für jede und jeden von uns. Darauf unsere Hoffnung.

 Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 Fürbittgebet

Vater im Himmel,

wir sind dir dankbar,

dass du uns von unseren Sorgen befreien kannst.

Darum dürfen wir dich bitten:

– für die Mühseligen unter uns, denen jeder Tag eine erneute Anstrengung bedeutet,

  • für die Beladenen unter uns, die sich erdrückt fühlen von der Last der Forderungen,
  • für die Trauernden, die nach deiner spürbaren Nähe und Trost suchen,
  • für die jungen Menschen, die oft nicht wissen, wie der Weg in ihre Zukunft aussieht oder ob es ihn überhaupt gibt,
  • die Alten, die Angst haben, krank zu werden, pflegebedürftig, alleingelassen oder einsam zu sein,

–   für uns Gesunde und Zufriedenen, die wir so oft einfach hilflos vor dem Elend anderer dastehen.

Guter Gott und Vater,

höre mich, wenn ich nun in der Stille zu dir bete!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

 

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger DunkelWeiterlesen

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Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum 14. Sonntag nach Trinitatis, 13. 09. 2020

Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Wochenspruch:

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. (Psalm 103,2)

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Psalm 146

 1 Halleluja! Lobe den HERRN, meine Seele! /

2 Ich will den HERRN loben, solange ich lebe, und meinem Gott lobsingen, solange ich bin.

3 Verlasset euch nicht auf Fürsten; sie sind Menschen, die können ja nicht helfen.

4 Denn des Menschen Geist muss davon, / und er muss wieder zu Erde werden; dann sind verloren alle seine Pläne.

5 Wohl dem, dessen Hilfe der Gott Jakobs ist, der seine Hoffnung setzt auf den HERRN, seinen Gott,

6 der Himmel und Erde gemacht hat, das Meer und alles, was darinnen ist; der Treue hält ewiglich, /

7 der Recht schafft denen, die Gewalt leiden, der die Hungrigen speiset. Der HERR macht die Gefangenen frei.

8 Der HERR macht die Blinden sehend. Der HERR richtet auf, die niedergeschlagen sind. Der HERR liebt die Gerechten.

9 Der HERR behütet die Fremdlinge / und erhält Waisen und Witwen; aber die Gottlosen führt er in die Irre.

10 Der HERR ist König ewiglich, dein Gott, Zion, für und für. Halleluja!

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar

und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Herr, Jesus Christus,

unser Lob und unser Danken sind oft spärlich.

Lieber weisen wir auf unsere Beschwerden,

unsere Wünsche, unsere zerschlagenen Pläne und Träume.

Oft sehen wir gar nicht mehr,

dass du uns bewahrst,

dass du uns begleitest durch schwere Zeiten,

Manchmal scheinen wir das Gespür dafür zu verlieren

wie gut es uns doch geht,

dass wir keine Not und satt zu essen haben,

dass wir eine Wohnung und Kleider haben

und es doch an nichts fehlt, was zum Leben nötig ist.

Warum nur sind wir oft so undankbar?

Herr, erbarme dich unser!

Höre, Herr, wie ich in der Stille zu dir bete!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Der Herr macht die Gefangenen frei.

Der Herr macht die Blinden sehend.

Der Herr richtet auf, die niedergeschlagen sind.

Ehre sei Gott in der Höhe!

 

Herr, unser Gott,

wir lass uns zufrieden und froh leben,

auch wenn vielleicht gerade vieles uns beschwert.

Wir sind mit allem gesegnet,

was zum äußeren Leben gehört.

Wir haben Menschen in unserer Nähe,

vielleicht aber auch in der Ferne,

die uns lieben und zu uns stehen.

Um etwas aber bitten wir dich:

Gib uns die Zufriedenheit der Seele

und ein dankbares Herz

durch unseren Herrn Jesus Christus.

Amen.

 

Epistellesung: Aus dem Römerbrief, Kapitel 8, Verse 14-17:

 14 Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.

15 Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen Geist der Kindschaft empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!

16 Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind.

17 Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, da wir ja mit ihm leiden, damit wir auch mit ihm zur Herrlichkeit erhoben werden.

Halleluja! Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren! Halleluja!    

 

Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Lukasevangelium, Kapitel 19, die Verse 1-10:

(auch Predigttext)

 1 Und er ging nach Jericho hinein und zog hindurch.

2 Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich.

3 Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt.

4 Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen.

5 Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.

6 Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.

7 Da sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt.

8 Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.

9 Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams.

10 Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Amen.

 

Predigt

 Die Gnade unseres Herrn und Gottes sei mit uns allen. Amen!

 

Liebe Schwestern und Brüder! liebe Leserinnen und Leser!

Ich lade heute einmal dazu ein, auf diesen Zachäus zu schauen; und zwar so, als ob wir versuchen in ihn hineinzuschlüpfen, so als ob wir ihn eher von innen heraus zu verstehen suchen. Vielleicht kommt uns dieser Mensch Zachäus dadurch etwas näher. Mir ist es so gegangen, als ich mich mit diesem wohl eher kleinen Mann beschäftigte. Gedanklich war ich auf einmal an diesem Morgen in Jericho. Und ich schaue ihn an – den Zachäus.

Endlich ist er ganz oben. Leicht war es nicht. Aber jetzt hat er es geschafft. Zachäus rückt auf dem Ast hin und her, bis er einigermaßen bequem sitzt. Ja, hier oben hat er einen ganz guten Überblick. Hoffentlich hat ihn niemand bei seiner Klettertour auf den Baum beobachtet. Ein bisschen peinlich ist es schon. Schließlich ist er eine Amtsperson und lebt davon, dass die Leute ihn respektieren und auch ein wenig fürchten. Als Oberzöllner braucht er das. Er bestimmt den Wegezoll hier in Jericho, er legt die Pachthöhe der Bauern fest. Die Leute maulen zwar über ihn, aber aufzubegehren trauen sie sich doch nicht. Er handelt schließlich im Auftrag der römischen Besatzungsmacht. Und mit denen sollte man sich besser nicht anlegen.

Zachäus kann ja verstehen, dass die Leute murren: Warensteuer, Brückensteuer, Wegezoll, Ernteabgaben, Importsteuern, Exportsteuern, Mieten und wer weiß was noch. Wer hat da noch den Durchblick – und wer soll das alles bezahlen?

Aber wenn Zachäus einmal versucht, den Leuten zu erklären, dass er selber auch nur ein Rad im großen Getriebe sei, dann will niemand ihm zuhören. Sie meiden ihn. Er selbst findet das ungerecht. Die Römer verlangen von ihm eine festgesetzte Steuersumme im voraus – und er kann dann sehen, wie er sie wieder hereinbekommt – plus Aufschläge für den eigenen Lebensunterhalt. Zum Glück ist der Standort hier in Jericho wirklich nicht schlecht: die Haupthandelsstraße zwischen dem Ost- und dem Westjordanland wirft einiges ab. Er hat es geschafft. Zachäus ist, was seine Möglichkeiten angeht, ganz oben. Ein Oberer der Zöllner. Oberzöllner. Wohlhabend. Respektiert. Unbeliebt.

Zachäus gibt sich da keinen Illusionen hin: Die Leute achten ihn wegen seines Amtes. Als Privatperson, außerhalb seiner Amtsgeschäfte da ist er ein Niemand. Das hat er heute am Morgen wieder einmal überdeutlich zu spüren bekommen. Ursprünglich war er einer der ersten gewesen, die an der Zollstation davon gehört hatten, dass Jesus von Nazareth nach Jericho kommen sollte. Aber obwohl Zachäus einer der ersten an der Straße gewesen war, hatten ihn die anderen wie unabsichtlich, aber konsequent abgedrängt. Die meisten waren größer und breiter als er, und hier war eben nicht die Zollstation. Zu guter Letzt hatte er in der hintersten Reihe gestanden, die anderen alle vor ihm, Schulter an Schulter. Damit nicht genug, sie raunten sich auch noch Kommentare zu – wie: „Findest du nicht auch, dass es hier schlecht riecht? Muss irgendwo ein Zöllner stecken…“

Aber Zachäus weiß sich immer zu helfen. Er will diesen Jesus sehen. Er will wissen, was es mit ihm auf sich hat. Propheten und Prediger gibt es viele, täglich ziehen sie auf der Straße hinauf nach Jerusalem. Aber bisher hat Zachäus noch nie einen getroffen, zu dessen Freundeskreis auch Zöllner gehörten. Im Gegenteil: Die meisten hielten an der Zollstation an, um eine extra gewürzte donnernde Gerichtspredigt über die Zöllner zu halten, die sich mit den römischen Hundesöhnen verbünden, um das eigene Volk auszusaugen.

Dieser Jesus aus Nazareth scheint aus einem anderen Holz geschnitzt: Zachäus war mehr als erstaunt zu hören, dass Jesus den Zöllnerkollegen Levi vom Zollhaus weg als einen seiner Apostel engagiert hatte (s. Lukas 5, 27-32). Nicht, weil er ihm gedroht hätte mit furchtbaren Strafen, sondern weil er ihn, diesen Levi, offensichtlich bei sich haben wollte.

Wer ist dieser Jesus? denkt Zachäus und rückt erneut auf seinem Ast zurecht: Ich will ihn sehen. Vielleicht ist es gar nicht schlecht, von hier oben den ganzen Trubel zu verfolgen. Direkt an der Straße wäre manche Überraschung möglich. Was würde ich sagen, wenn er mich plötzlich mitnehmen wollte? Mein Leben, das ich mir so mühsam aufgebaut habe, aufgeben? Ich weiß nicht… Ach, Unsinn, er kann ja nicht alle Zöllner abwerben und mit ihnen durchs Land ziehen. Es ändert auch nichts: wo ein Zöllner verschwindet, bewerben sich fünf andere um den Posten. Man ist zwar nicht beliebt, aber man hat etwas zu beißen. Von Beliebtheit kann keiner satt werden.

Andererseits: Das kann doch nicht alles gewesen sein in meinem Leben. Ich bin ganz oben, gewiss. Ich habe mein Auskommen, die Sorgen halten sich in Grenzen, die Kinder sind aus dem Gröbsten raus. Soll das meine Hoffnung sein: dass es so weitergeht wie bisher? Wenn ich jetzt schon ganz oben bin – kann’s eigentlich nur noch bergab gehen. Ich glaube, ich weiß selber nicht, was ich will. Ich kann doch mein Leben nicht einfach aufgeben. Aber ich kann auch nicht einfach so weitermachen wie bisher. Nur satt sein reicht doch nicht. Ich möchte diesen Jesus sehen!

 

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Das könnten die Gedanken von Zachäus vor der Begegnung mit Jesus gewesen sein. Und dann? Dann wird Zachäus angesprochen, genau von diesem Jesus: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. (Lk 19,5) Jetzt stelle ich mir den aufgeregten Zachäus vor: den, dessen Herz bis zum Hals schlägt.

Ich? Ich soll vom Baum runterkommen? Meinst du wirklich mich? Aber wieso, um Himmels willen? Hier sind doch Hunderte von anderen Leuten – warum gerade ich? Also gut, ich komme. Ja, ich bin schon da. Natürlich können wir in mein Haus gehen, bitte hier entlang, es ist nicht weit: nur hier die Gasse hinunter, gleich das zweite Haus rechts. Bitte kommt mit. Ich muss um Entschuldigung bitten, ich war natürlich nicht darauf gefasst, es ist nichts vorbereitet. Aber ich habe natürlich etwas da, nur einen kleinen Moment.

Zachäus wird voller Aufregung hin und her gelaufen sein:

Bitte setzt euch, man wird euch gleich die Füße waschen… Auf Leute, schnell, Getränke, bringt Feigen und Oliven, Brot und Wein…

Zachäus schaut aus seinem Haus hinaus auf die Straße und stutzt.

Verzeih, Herr, aber die Leute draußen machen mich ein wenig nervös. Was werden sie von dir denken, dass du bei einem Zöllner einkehrst? Und was werden sie von mir denken? Was? Ich soll mich nicht kümmern und mich endlich hinsetzen? Ja, Herr, verzeih, ich bin ein wenig aufgeregt.

Zachäus eröffnet das Mahl als Hausherr.

„Gelobt sei Gott, unser Schöpfer, der uns Brot schenkt, Früchte und Wein: Dank sei Gott!“ Greift nur zu, es ist genug da. Herr, ich weiß, dass ich zu viel rede, wenn ich aufgeregt bin, aber erlaube mir… Ich sehe, du lächelst – das ist gut. Weißt du, seit Jahren waren keine wirklichen Gäste in meinem Haus. Der ein oder andere Kollege gewiss, aber das ist doch wenig, immer nur mit seinesgleichen zusammenzukommen. Wirkliche Gäste seid ihr: ihr erwartet von mir keine Vorteile, kein Protegieren im Beruf, keine Fürsprache bei den Vorgesetzten. Sonst esse ich, und wenn ich satt bin, stehe ich auf. Aber heute? Dass wir miteinander essen, trinken und reden – es bedeutet mir soviel mehr! Weißt du, was mir aufgefallen ist, Jesus? Wir haben kein einziges Wort über meine Arbeit verloren. Das ist mir schon lange nicht mehr passiert. Alle sehen in mir nur den Oberzöllner. Ich selbst oft auch. Ich weiß gar nicht mehr, wer Zachäus als Mensch ist. Wer bin ich, was bin ich – außer Zöllner? Ich bin doch auch ein Mensch, ich habe Gefühle. Immer muss ich funktionieren, muss bei den Römern geschickt taktieren und verhandeln. In der Zollstation darf ich mir keine Blöße geben. Lieber kein persönliches Wort verlieren, es könnte jemand ausnutzen. Weißt du, Jesus, dass ich mich heute zum ersten Mal seit langer Zeit wieder wirklich gefreut habe? Das war, als ich auf dem Baum gemerkt habe, dass du mit mir sprichst, dass du mich anschaust, dass du mich meinst. Die Leute am Zoll gucken auf meine Hände, meine Kleidung, auf ihr Geld. Du bist der erste seit langer Zeit, der mir in die Augen geschaut hat. Und dem ich in die Augen schauen konnte. Ich wollte von dir kein Geld, und in deinen Augen war nicht nur Hass und Verachtung zu lesen.

Weißt du – ich glaube nicht, dass ich darauf wieder Jahre warten könnte. Ich glaube nicht, dass ich darauf wieder verzichten könnte. Ich glaube nicht, dass morgen alles so sein kann wie gestern. Jesus – ich möchte dir ein Geschenk machen. Kein übliches, wie bei anderen Leuten. Ich möchte dir etwas ganz Besonderes schenken. Ich werde dir schenken, dass ich den Menschen, die ich am Zoll über die Maßen geschröpft habe, ihr Geld vierfach zurückerstatte – genau so wie es im Gesetz des Mose steht. Und ich werde die Hälfte meines Besitzes an die Bedürftigen geben.

Jesus, ich habe es heute gelernt, habe es neu gespürt: solange ich Angst habe um mich und meine Sicherheit und meinen Besitz, kann ich überhaupt niemandem wirklich in die Augen schauen. Egal, wen ich sehe: ich denke immer nur an mich. Wenn ich die Menschen am Zoll sehe, denke ich nur daran, wie viel ich verlangen kann. Es muss doch mehr geben im Leben als nur meine Sorge um mich selbst. Weißt du was, Herr? Als wir miteinander gegessen haben, habe ich gespürt, dass du dich um mich sorgst. Das hat so gut getan. Ich habe bisher immer gedacht, ich wäre der Einzige, der sich um mich sorgt. Ich habe noch eine Idee: Bisher steht draußen an meinem Haus geschrieben: „Zachäus, Oberzöllner“. Ja, damit habe ich ein bisschen angegeben. Es sollte auch die vielen Bettler abschrecken. Ich werde es ändern – du hast eben selbst gesagt, auch ich sei Abrahams Sohn. Also – ich werde „Oberzöllner“ überpinseln und darunter schreiben: „Abrahams Sohn“.

 

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Vielleicht ist das ja auch etwas für uns alle – in jedem Haus, in jeder Gemeinde. Gerade auch in diesen Tagen ist es unendlich wertvoll, sich immer wieder daran zu erinnern. Schreibt es euch auf und hängt es euch an die Pinnwand, legt es auf den Schreibtisch oder auf das Bügelbrett oder klebt es an euren Computer: „Ich bin gemeint. Gott will bei mir einkehren! Gott will mein Gast und Freund sein!“ Und wenn dann wieder so ein Tag kommt, an dem wir das Gefühl haben, wir müssen nur funktionieren und dies und das tun, was jeden Tag getan werden muss, dann schauen auf das Schild, schauen auf unser Blatt und freuen uns: Gott ist da – mitten im meinem Leben. Er nimmt mich, so wie ich bin. Aber ich muss ja vielleicht – Gott sei Dank – gar nicht so bleiben. Und er ist bei mir, wo ich auch bin. Das beruhigt, wenn wir uns in diesen Tagen vielleicht nicht so unbeschwert treffen und sehen können, wie wir es vor Monaten noch gewohnt waren. Gott ist da, in jedem Haus, er ist bei allen, er sucht und findet uns. In ihm bleiben wir verbunden. Heute und alle Zeit. Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 

Fürbittgebet

Guter Gott und Vater,

so viele Menschen unserer Tage

sind unzufrieden mit dem, was sie haben.

Sie haben sich das Klagen und Jammern über das angewöhnt,

was ihnen fehlt.

Das, was sie in Händen halten,

die Geschenke deiner Güte, sehen sie nicht.

Gott, rühre ihr Herz an, dass sie dankbar werden.

 

Guter Gott und Vater,

so viele Menschen aber

haben wirklich nicht genug.

Sie wissen heute nicht,

wie sie den morgigen Tag bestehen sollen.

Wenn wir ihnen nicht helfen,

dann bleiben sie allein mit ihrer Not.

Gott, rühre unser Herz an,

dass wir dankbar werden

und anderen Menschen von dem abgeben,

was wir aus deinen guten Händen nehmen dürfen.

 

Guter Gott und Vater,

wir haben genug.

Vielleicht sind wir nicht besonders reich,

nicht vermögend,

haben nicht viel Macht oder Einfluss.

Und doch sind wir bevorzugt unter den Menschen.

Wir dürfen sicher leben,

auch wenn wir vielleicht sorgenvoll in die Zukunft blicken.

Gott, rühre unser Herz an,

dass wir dankbar werden und bleiben,

um das rechte Maß für unser Leben wiederzufinden.

Wir wollen niemals vergessen,

dass wir alle aus deiner Gnade leben.

Guter Gott und Vater,

höre mich, wenn ich nun in der Stille zu dir bete!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

 

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger DunkelWeiterlesen

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Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum 13. Sonntag nach Trinitatis, 06. 09. 2020

Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Wochenspruch:

Christus spricht: Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. (Mt 25,40)

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Aus Psalm 112

 

1 Halleluja! Wohl dem, der den HERRN fürchtet, der große Freude hat an seinen Geboten!

2 Sein Geschlecht wird gewaltig sein im Lande; die Kinder der Frommen werden gesegnet sein.

3 Reichtum und Fülle wird in ihrem Hause sein, und ihre Gerechtigkeit bleibt ewiglich.

4 Den Frommen geht das Licht auf in der Finsternis, gnädig, barmherzig und gerecht.

5 Wohl dem, der barmherzig ist und gerne leiht und das Seine tut, wie es recht ist!

6 Denn er wird niemals wanken; der Gerechte wird nimmermehr vergessen. 7 Vor schlimmer Kunde fürchtet er sich nicht; sein Herz hofft unverzagt auf den HERRN.

8 Sein Herz ist getrost und fürchtet sich nicht, bis er auf seine Feinde herabsieht.

9 Er streut aus und gibt den Armen; / seine Gerechtigkeit bleibt ewiglich. Sein Horn wird erhöht mit Ehren.

10 Der Frevler wird’s sehen und es wird ihn verdrießen; / mit den Zähnen wird er knirschen und vergehen. Denn was die Frevler wollen, das wird zunichte.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

 

Herr, unser Gott!

Du lässt uns deine Freundlichkeit erfahren

– jeden Tag neu.

Wir nehmen deine Gaben meist ganz selbstverständlich an.

Wir behaupten deine Gnade und Güte als unser Recht.

Aber wir sind nur selten bereit,

durch uns selbst andere

etwas von deiner Güte und Gnade spüren zu lassen.

Im Umgang miteinander fehlt es uns oft an Geduld.

Wir geben die Liebe nicht weiter,

mit der du dich uns zuwendest.

So, bitten wir: Komm, und erbarme dich unser!

Höre, Herr, wie ich in der Stille zu dir bete!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Gott gibt uns nicht auf. Niemals!

Er wendet zum Guten, was wir versäumt haben.

Seine Liebe ist größer als unsere Schuld.

Darum können wir uns freuen und sprechen:

Lobe den Herrn, meine Seele,

und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Ehre sei Gott in der Höhe!

 

 

Guter Gott und Herr,

dein Wort will uns die Richtung weisen,

damit wir nicht umherirren und ohne Orientierung sind.

Darum sammle jetzt unsere Gedanken

zu dir hin, dass wir zur Ruhe kommen

aus der Unruhe und den Sorgen unseres Alltages.

Dann wird deine Liebe uns verändern

und neue Anfänge schenken.

Das bitten wir in Jesu Namen.

Amen.

 

Epistellesung: Aus der Apostelgeschichte, Kapitel 6, Verse 1-7:

 1 In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.

2 Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen.

3 Darum, liebe Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Geistes und Weisheit sind, die wollen wir bestellen zu diesem Dienst.

4 Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben. 5 Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Proselyten aus Antiochia.

6 Diese stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten ihnen die Hände auf.

7 Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.

Halleluja! Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen! Halleluja!

  

 Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Lukasevangelium, Kapitel 10, die Verse 25-37:

(auch Predigttext)

 25 Und siehe, da stand ein Gesetzeslehrer auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? 26 Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du?

27 Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« (5. Mose 6,5; 3. Mose 19,18).

28 Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben.

29 Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster?

30 Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen.

31 Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber.

32 Desgleichen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber.

33 Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte es ihn;

34 und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn.

35 Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme.

36 Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste geworden dem, der unter die Räuber gefallen war?

37 Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!

Amen.

 

Predigt

 Die Gnade unseres Herrn und Gottes sei mit uns allen. Amen!

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

„Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?“(V.25) Der Schriftgelehrte in der Geschichte sorgt sich. Er rechnet mit einer Möglichkeit, mit der heute kaum noch jemand rechnet. Er rechnet nämlich damit, dass der heilige und allmächtige Gott neben dem Himmel, in dem er ewig leben könnte, offensichtlich noch eine andere Möglichkeit bereithält. Manche nennen es vielleicht Hölle. Auf jeden Fall ahnt er irgendwie, dass ewiges Leben ihm nicht einfach so und automatisch zufallen könnte, sonst würde er nicht so fragen. Nein, er rechnet offensichtlich auch mit der Möglichkeit, dass sein Leben nicht an das Ziel gelangt, das Gott für ihn gedacht hatte. Er bedenkt wenigstens theoretisch die Gefahr, er könne Sinn und Ziel seines Lebens verfehlen und so eben nicht in ewigem Frieden mit und bei Gott ankommen; er könne vielmehr in der Hölle landen, in der Ferne von Gott, in einer verfluchten Unzufriedenheit und in ewig fortdauernder Suche nach Erfüllung, nach Heil mitten in endlosem Unheil, in dem es keine Zukunft, kein Hoffen mehr gibt.

So könnte es gewesen sein. Aber vielleicht hatte er doch etwas anderes vor. So ganz ernst rechnete schon damals auch der Schriftgelehrte wohl doch nicht mit dieser Möglichkeit. Eigentlich will er Jesus nur auf’s theologische Glatteis führen, um nach langer, hochgeistiger Diskussion selbstgerecht sagen zu können: „Ich hab’s ja gleich gewusst: mit dem Glauben ist es eine sehr unsichere Sache; beweisen kann man hier nichts; also lässt man als aufgeklärter Denker gleich die Finger davon und lebt nach eigenen Ideen und Vorstellungen, bis dann eben der Tod kommt. Irgendwie wird es dann schon gut weiter gehen.“ Nicht wenige denken auch heute so ähnlich.

Der Schriftgelehrte fragt Jesus, um einen Grund zu haben, nicht glauben zu müssen, um sich nicht an Jesus Christus binden zu müssen, eben unentschieden einem sogenannten individuellen Glauben ohne Gemeindebindung, und herrisch bestimmenden Gott leben zu können. Er möchte sich Gott eigentlich vom Leibe halten. Er will keinen ihn bindenden Glauben, oder gar eine neue Glaubenslehre haben. Er will sich nicht in eine Gemeinschaft von Glaubenden einbinden lassen, gar täglich Gottes Wort hören und beachten, oder zu Gott beten, gar noch vor jedem Essen und mit Gästen. Er will mit dem Gespräch mit Jesus sein selbstherrliches sowieso schon schriftgelehrtes Gewissen beruhigen. Aber –  im Innersten ist er, finde ich, ziemlich  unsicher, ob es nicht doch ein verfehltes Leben geben könnte, ob nicht doch Jesus der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, ob es nicht auch für ihn ein „Zu-spät“, ein „Aus-und-vorbei“ bei Gott geben könnte.

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Leserinnen und Leser!

Millionenfach läuft dieser Schriftgelehrte heute noch in unseren Landen herum, auch unter uns und manchmal sogar in uns selbst. Der „Suchende“, der „religiöse Mensch“ wird er heute genannt. Aufgeschlossen ist er für alle Glaubensrichtungen, für alle Lebensformen, offen für alle Ideen, die seinem Leben Sinn versprechen. Und er fragt immer noch und immer noch ganz unsicher: „Was muss ich denn nun Deiner Meinung nach tun, um das Ewige Leben zu ererben?“ – Bei allem Fragen aber will auch er eines nicht: Er will sich nicht wirklich festlegen! Er will mit der Vielzahl von Antworten die Bestätigung dafür, dass es doch keine letztgültig wahre Antwort, keine letzte Sicherheit in dieser Frage gibt. Und so muss er sich vernünftigerweise auch nicht auf eine Glaubensrichtung, nicht auf „die Wahrheit“ festlegen.

Schauen wir aber auf Jesus! Jesus lässt sich da auf gar keine Diskussion ein. Jesus weiß ja, wie schwer es uns Menschen fällt, uns an Gott zu binden, Gott zu gehorchen, festgelegt zu sein auf einen Herrn, der mir eigentlich unverfügbar ist. So etwas ist manchen Menschen von heute höchst zuwider. Und es ist wohl auch ein Grund, warum Menschen sich von Gott abwenden. Jesus weiß, dass wir am liebsten unabhängig und frei leben. Und er weiß auch, dass uns das am Ende doch nicht zufrieden macht, dass uns die letzte Bindung in solch einem Leben fehlt. Er weiß, dass uns Klarheit und Wahrheit im Glauben oft abhanden gekommen sind. Und Jesus weiß auch, dass wir dies im Innersten ja selbst wissen, es aber nicht wissen wollen, weil wir es sonst ändern müssten, ändern eben mit der persönlichen Bindung an Gott, mit der ganzen, ehrlichen Liebe zu Gott und seinem Wort und Willen.

So holt Jesus dieses tiefe Wissen in uns allen mit der einfachen Rückfrage ins Bewusstsein des Schriftgelehrten zurück: „Schau, Du weißt doch, was in der Schrift steht, was Gott will. Er will doch nur das Eine von dir“. Und der Schriftgelehrte, der religiöse Mensch, sagt es dann auch sofort ganz schön brav auf: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst.“ (V.27) Also – der Schriftgelehrte weiß es ja doch! Er kennt den Weg zum Himmel genau: Gottesliebe und Nächstenliebe! So einfach ist das. „Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben.“ (V.28) sagt ihm Jesus.

Und nun fragt der Schriftgelehrte weiter und mit ihm auch wir: „Wer ist denn mein Nächster?“ (V.29) So klar ist das doch gar nicht immer! Ist es mein Nachbar? Ist es mein Mann, vor dem ich den Respekt verloren habe, weil er keine Arbeit hat und findet? Sind es die Kranken und Alleingelassenen, die ich sehr wohl kenne, zu denen ich aber meinen Kontakt vermeide? Oder sind es die vielen namenlosen Menschen, die hierherkommen, weil sie alles verloren haben, die denen Krieg und Terror nur noch Angst in die Seele gepflanzt haben und sie sich bei uns Frieden und Ausruhen erhoffen und die hier so behandelt wären, als wären sie allesamt die gleichen Verbrecher und Menschen, die uns alles nehmen würden; die hier eingesperrt werden müssen, damit wir ihr Leben hier vor einem braunen Pöbel und so vielen unsäglichen verblendeten Nachläufern und Nachplapperern schützen müssen.

Wir müssen uns das mal klar machen: die meisten – unter ihnen die Unehrlichen einmal abgezogen – fliehen vor Krieg und Terror und landen hier hinter Stacheldraht und Zäunen, oft nicht sicher, ob ihre Unterkunft nicht in der Nacht in Flammen steht. Es ist beschämend. Und es ist beschämend, wie viele sich von der Hetze auch nur im kleinsten innersten Funken anstecken lassen.

Ich kann allen, die das nun lesen, nur empfehlen, einmal einen einzigen Tag bei Pfarrer Pick im Ausländerpfarramt unseres Kirchenkreises zu verbringen, um zu sehen, welche Dramen sich dort Tag für Tag abspielen, welche unglaublichen und unsagbar traurigen Geschichten dort jeden Tag erzählt und vor allem endlich auch einmal angehört werden. Gott sei es gedankt, sind es hier bei uns so viele, die sich ehrenamtlich für verfolgte Menschen einsetzen, dass es dort ganz klar und gar keine Frage ist, wer denn der Nächste ist.

Und doch, die Haltung des Schriftgelehrten ist auch heute noch eine immer ganz weit verbreitete. Er denkt: Bevor nicht genau klar ist, wer mein Nächster ist – und Jesus soll mir das bitte erst einmal klarmachen – vorher bin ich zur Tat der Liebe auch nicht verpflichtet, da mach’ ich lieber gar nichts. Ich könnte ja dem Falschen helfen, und wieder wäre ich der Dumme. So mag es dem Schriftgelehrten oder auch manchmal uns modernen Menschen schon durch den Kopf geschossen sein.

Jesus aber lässt sich wiederum nicht auf theologische Problemdiskussionen ein. Er erzählt vielmehr eine Geschichte. Viele kennen sie oder haben sie etwas weiter oben seit Längerem wieder einmal gelesen: Zwei Männer, die im Dienste Gottes stehen, gehen an dem Geschundenen und womöglich hilflos und unschuldig Sterbenden vorüber. Ein Mann einer verachteten Volksgruppe sieht den Überfallenen, geht zu ihm und hilft.

Zwei Menschen, die in all ihrem Handeln darauf bedacht sind, das Gute zu tun und nur ja nichts zu versäumen, was ihnen vor Gott Pluspunkte einbringt und die doch blind sind für das Notwendige. – Der eine, dem man nachsagt, dass er es mit Gott und dem Glauben gar nicht so genau nimmt, der tut das Naheliegende. Er stellt sich der Situation, in die er, wie der Verletzte, scheinbar zufällig geraten ist. Er erkennt die Not des anderen. Er erkennt seine Pflicht zu helfen. Er sieht, was zu tun ist und hilft mit der Tat, mit seiner Zeit, mit seinem Geld, mit dem persönlichen Risiko, das immer auch bei der Hilfeleistung gegeben ist.

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Leserinnen und Leser!

Soll unser Glaube und alles, was wir darin tun, vor allem uns und unserem Heil bei Gott dienen, dann lieben wir den Nächsten nicht! Und Gott lieben wir dann schon gar nicht. Haben wir nicht manchmal – und das ist schon der Vorwurf in der Geschichte – sogar die Gottesliebe und mit ihr die Nächstenliebe zum Selbstzweck, zum Heilsweg für uns selbst gemacht? Tun wir das, was wir als Christin, als Christ tun, tun wir es wirklich aus Liebe ohne jeden Vorbehalt, ohne jede Taktik, ohne jedes Schielen auf Lohn und Ansehen?

Da, wo wir Gott wirklich von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von allen Kräften lieb haben, da geben wir alles Sorgen und Taktieren um unser Heil und Leben auf, liebe Schwestern und Brüder! Denn es ist doch Jesus, der uns da mit den Augen seiner unendlichen Liebe ansieht. Jesus hat uns ja doch sein Heil und Leben schon geschenkt. Bei ihm ist die Frage längst beantwortet, die Frage, wie ich das ewige Leben ererbe! Lassen wir es uns doch von ihm, von Jesus, schenken.

Und dann tue ich einfach das Not-wendende – an Arbeit, an Hilfe; mit solcher Gottesliebe im Herzen erkenne ich wieder, wem ich mit den mir geschenkten Gaben der Nächste bin. Und ich tue das, was Gott von mir will: die Barmherzigkeit! Und ich tue es dort, wo es von mir gefordert ist. Und wenn es vielleicht erst einmal und nur darin besteht, sich gedanklich der Hetze zu widersetzen, die in unserem Land und mitten unter uns manchmal so brutal um sich greift.

Das Nächstliegende erkenne ich nur da, wo ich Gott ganz nahe bin, wo ich mich in seinem Herzen ewig geborgen weiß. Meinen Nächsten erkennen ich dann, wenn ich in meinem Gegenüber Gott erkenne, der mich anschaut und spüren lässt, wozu er mich braucht. So wollen Gottesliebe und Nächstenliebe zusammenwirken. Und so macht Gott uns einander zum Nächsten in seiner Welt. Darauf können wir uns von Herzen und getrost einlassen, uns an ihn mit unserem ganzen Leben binden. Denn er hat sich längst und unverbrüchlich an uns gebunden

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 Fürbittgebet

Herr, unser Gott.

Es gibt so vieles,

für das wir immer auch danken können:

Wir danken dir für alle Zeichen

deiner Liebe und Freundlichkeit,

die wir in unserem Leben erfahren dürfen.

Wir alle sind beschenkte und begabte Menschen,

jede und jeder von uns hat Grund genug,

dir zu danken.

Weck unsre Sinne auf,

dass wir uns auch über die kleinen Dinge freuen können:

über ein mutmachendes, freundliches Wort,

über die kleine Aufmerksamkeit,

über die Liebe, die wir von anderen erfahren,

auch über die Schönheiten dieser Erde.

 

Du bist ein großzügiger Gott,

du schickst keinen mit leeren Händen fort,

der zu dir kommt.

Fülle auch uns die Hände,

– dass wir denen helfen, die hilflos sind,

– dass wir die ansprechen, die einsam sind

und denen niemand zuhört,

– dass wir denen vertrauen,

die nur noch Misstrauen erfahren,

– dass wir denen zu ihrem Recht verhelfen,

die rechtlos und verachtet sind,

– dass wir diejenigen versöhnen,

die sich auseinandergelebt haben,

– so sollen alle sehen, wie freundlich du bist.

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger DunkelWeiterlesen

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