Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum Sonntag Estomihi, 14. 02. 2021

Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Wochenspruch:

Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. (Lk 18,31)

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Aus Psalm 31

2 HERR, auf dich traue ich, / lass mich nimmermehr zuschanden werden, errette mich durch deine Gerechtigkeit!

3 Neige deine Ohren zu mir, hilf mir eilends! Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!

4 Denn du bist mein Fels und meine Burg, und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen.

5 Du wollest mich aus dem Netze ziehen, / das sie mir heimlich stellten; denn du bist meine Stärke.

6 In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, HERR, du treuer Gott.

8 Ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte, dass du mein Elend ansiehst und kennst die Not meiner Seele

9 und übergibst mich nicht in die Hände des Feindes; du stellst meine Füße auf weiten Raum.

16 Meine Zeit steht in deinen Händen. Errette mich von der Hand meiner Feinde und von denen, die mich verfolgen.

17 Lass leuchten dein Antlitz über deinem Knecht; hilf mir durch deine Güte!

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar

und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Guter Gott uns Vater!

An einem Tag bekennen wir uns zu dir,

an einem anderen verleugnen wir dich wieder.

Wir sind so leidensscheu.

Wir haben Angst, unser Leben zu verlieren.

Wir suchen es so oft krampfhaft,

versuchen alles festzuhalten

und spüren doch,

wie es uns manchmal zu entgleiten scheint.

Du siehst auf uns,

du hörst,

wenn wir dir nun in der Stille anvertrauen,

was uns auf der Seele liegt.

Komm, und erbarme dich unser!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

In Jesus Christus, erfahren wir,

was Liebe heißt.

Er gibt uns nicht auf.

Er ermuntert uns durch seinen Geist.

Er spricht uns zu:

Kommt her zu mir alle,

die ihr mühselig und beladen seid,

ich will euch erquicken.

Ehr sei Gott in der Höhe!

 

Herr, guter Gott und Vater,

du bist dem Leiden nicht aus dem Weg gegangen.

Hilf, dass auch wir,

trotz all unserer Ängste,

den Mut gewinnen, dir nachzufolgen.

Das bitten wir in Jesus Christus,

deinem Sohn, unserem Herrn,

der mit dir und dem Heiligen Geist

lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Markusevangelium, Kapitel 8, Verse 31-38:

31 Und er fing an, sie zu lehren: Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen.

32 Und er redete das Wort frei und offen. Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihm zu wehren.

33 Er aber wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach: Geh hinter mich, du Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.

34 Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.

35 Denn wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s behalten.

36 Denn was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele?

37 Denn was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse?

38 Wer sich aber meiner und meiner Worte schämt unter diesem ehebrecherischen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln.

Amen!

 

Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Alttestamentliche Lesung: Aus dem Jesajabuch, Kapitel 58, Verse 1-9a

(auch Predigttext)

1 Rufe laut, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden!

2 Sie suchen mich täglich und wollen gerne meine Wege wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie wollen, dass Gott ihnen nahe sei.

3 »Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst’s nicht wissen?« Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter.

4 Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll.

5 Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit oder seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat?

6 Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg!

7 Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!

8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.

9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten.

Amen.

 

Predigt

 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und von Jesus Christus, seinem Sohn, unserem Herrn. Amen.

 Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Am kommenden Mittwoch ist es wieder so weit. Aschermittwoch – Schluss mit Fasching und Karneval, hinein in die Fastenzeit. Ehrlich gesagt, ich hätte in diesem Jahr fast nicht bemerkt, dass wir gerade im Faschingswochenende stecken. Aber im Moment ist ja alles anders, als wir es gewohnt waren und für selbstverständlich hielten. Nun haben wir diesen „Nichtfasching“ aber bald hinter uns und schauen auf die Zeit die vor uns liegt, die Fastenzeit. Eine Zeit, die wir so gerne mit „Sieben Wochen ohne“ beschreiben. Eine Zeit, die unseren Blick wenden will. Wir sollen auf uns schauen, auf das, was wirklich nötig ist. Wir sollen uns selbst befragen, was wir überhaupt brauchen. Wir sollen uns fragen, was es eigentlich heißt, auch einmal zu verzichten. Wie wir es richtig machen sollen, sagt uns heute der Prophet Jesaja. In der alttestamentlichen Lesung etwas weiter oben konnten wir es gerade lesen. Und was er sagt, das fasst ein Gesangbuchlied zusammen, das wir heute als Lied vor der Predigt gesungen hätten, wenn wir uns im Gottesdienst hätten begegnen können. Hätte, hätte, … Können wir aber leider nicht!

Also erinnern wir uns. Im Lied eg 420 unseres Gesangbuches heißt es: „Brich mit den Hungrigen dein Brot, sprich mit den Sprachlosen ein Wort, sing mit den Traurigen ein Lied, teil mit den Einsamen dein Haus. Such mit den Fertigen ein Ziel.“

Worum geht es eigentlich, wenn wir das in unseren Gottesdiensten singen? Ich finde, das Lied weist uns so herrlich darauf, was andere von uns brauchen; es weist gerade nicht darauf, was wir selbst besitzen und uns sichern sollen. Es weist geradezu von uns weg. Und wenn wir danach fragen, wo andere uns brauchen oder was andere von uns brauchen, dann ahnen wir doch auch wieder neu, wie vieles wir wohl geben können, wie vieles wir selbst haben. Vor allem aber ahnen wir auch, dass nichts wohl selbstverständlich ist, was uns umgibt, sondern vieles ist uns geschenkt. Nichts ist selbstverständlich, aber vieles ist unendlich kostbar und wertvoll. Ich denke, genau das sollen wir in der Fastenzeit immer wieder neu spüren und für uns selbst erfahren.

Aber gilt das auch in  diesem Jahr? Oder ist selbst das in diesem Jahr anders? – Ich denke, es ist anders!

Ich schaue in diesem Jahr gar nicht so sehr auf die „Sieben Wochen ohne“, die vor uns liegen. Ich erinnere mich in diesem Jahr eher an die fast nun zwölf Monate die hinter uns liegen. Das waren vielfach und für viele Menschen irgendwie „zwölf Monate ohne“, eine Zeit der Entbehrung. Wir haben auf viele Dinge verzichten müssen und zwar so, wie wir es uns eigentlich bis dahin nicht vorstellen konnten.

Schmerzlich mussten wir auf die Nähe zu geliebten Menschen verzichten. Die Eltern nur selten gesehen. Geschwister auf dem Bildschirm besucht, Freunde und Nachbarn über den Gartenzaun auf Abstand gegrüßt. Vielen sind wir an liebgewordenen Plätzen im vergangenen Jahr vielleicht gar nicht begegnet. Urlaube sind ausgefallen. Da sind unsere Kinder, viele junge Menschen – vieles war und ist ihnen nicht möglich. Völlig ungewohnt und schwer zu verstehen für viele von ihnen!

Ich habe auch gelernt, dass kein Bildschirm, kein Skype, kein ZOOM, kein noch so lieb gemeint geschicktes Foto oder was auch sonst immer auch nur eine einzige Umarmung ersetzen kann! Kein gemütliches Zusammensitzen ist durch eine ZOOM-Konferenz auch nur annähernd auszugleichen! Es fehlt die dabei die Liebe, die unter uns praktische gelebte Liebe, die körperlich gespürte Zuneigung! Ich möchte andere Menschen wieder spüren, fühlen. Denn dabei spüre ich mich doch immer auch selbst. Und ich spüre, du bist da, spürbar für mich da! So wie ich es auch für dich sein will! Wir halten uns und sind stark! Was sind wir ohne solch eine spürbare Liebe?

Und da war das andere. Freiheit war uns so selbstverständlich. In unserem eigenen und möglichen Rahmen waren wir es gewohnt, so zu leben, wie wir es wollten und so wie wir es für gut und richtig empfunden haben. Und auf einmal? Freiheit war eben nicht mehr selbstverständlich! Teile der persönlichen Freiheit galt es als Rücksicht auf andere einzusetzen. Wir haben nicht nur auf persönliche Freiheiten verzichten müssen, sondern auf Freiheit. Das ist ein Unterschied!

Für viele von uns war es irgendwie schon ein ganzes Leben lang selbstverständlich. Hingehen, wohin und wann man will. Reisen, wohin man will bzw. der Geldbeutel es zulässt. Treffen, wen man will und wie viele man will.

Und auf einmal? Bleibt in euren Wohnungen! Lasst eure Kinder zu Hause! Keine Gäste mehr! Verzichtet auf das Reisen! Menschen, die ihr liebt – lasst sie in euren Herzen wohnen, aber nicht in euren Wohnungen!

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

All das geschieht aus guten Gründen. All das braucht unsere ganze Fähigkeit zur Geduld, selbst zu unserer überstrapazierten Geduld! All dies müssen wir aus Rücksicht tun. Es geht nicht nur um unser eigenes Leben, auch um das der anderen. Und trotzdem: Wir entbehren so vieles. Und es ist so unglaublich schwer für viele, das auszuhalten. Da merken Menschen in Partnerschaften, wie Nähe und Distanz immer wieder neu bestimmt werden müssen. Ja, einige mussten sogar leidvoll spüren, wie gefährdet Liebe sein kann, wenn Nähe sie erdrückt. Da leben Familien unter einem enormen Druck, weil auf engem Raum Leben ganz anders zu gestalten ist. Und der Druck wächst – auf die Eltern, auf die Kinder!

Eigentlich müssten wir alle mal so richtig raus. Einmal ganz weg, um befreit wiederkommen zu können! Frei bewegen, ohne Sorge und Angst! Ohne Regeln, die es scheinbar beschneiden und unmöglich machen wollen! Aber es geht nicht! Wir dürfen, können und sollten es nicht! Noch nicht! Ja – Freiheit fehlt uns! Und wir erkennen ihren Wert neu!

Aber ich glaube, bei vielen von uns ist da noch etwas, was uns umtreibt und mit dem wir nur ganz schwer umgehen können. Was ist eigentlich mit unserem Gefühl, selbst Frau oder Herr über das eigene Leben zu sein? „Selbstbestimmung“ nennen wir es oft. Wenn ich mich umschaue, meine ich in dieser nun schon so lange dauernden Pandemiezeit mehr und mehr ein – ja ich beschreibe es einmal so – „Ohnmachtsgefühl“ zu spüren. Was wir zum Leben brauchen, wann bekommen wir es wieder? Irgendwie spüren viele von uns, dass wir gar nicht so richtig selbst dafür sorgen können. Infektionszahlen müssen immer noch runter. Die Hoffnung auf den Impfstoff, wie sehr haben wir darauf gebaut! Nun aber geht es scheinbar so unendlich langsam! Ich bekenne es: Ja, ich war so naiv! Ein Jahr der Entbehrungen, dann schnell impfen und gut ist es! Nun merke ich wie viele andere, was es heißt, einen langen Atem haben zu müssen! Es ist immer noch ein Notstand. Es braucht weiterhin uns alle, unseren Gemeinsinn und noch viele Anstrengungen, um diese schlimme Zeit zu überwinden. Vieles scheint zwischen den Fingern zu zerrinnen, braucht vielleicht aber einfach mehr Zeit! Ich weiß, viele fühlen sich betrogen, viele möchten gern ihre Schuldzuweisungen denen an den Kopf schmeißen, die die Sache – so sagen es einige – irgendwie vermasselt haben. Ich schaue auf sie und sehe all die Ohnmächtigen, die Wütenden, die Traurigen! Und ich spüre ihren Unfrieden.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Ja, es stimmt! Wir haben eine lange Zeit der Entbehrungen hinter uns, ein ganzes Jahr! Jetzt noch einmal „Sieben Wochen ohne“. Klingt eigenartig. Ich bräuchte es nicht, ist mein erstes Gefühl. Wir hatten nicht die Wahl, ob oder worauf wir verzichten wollten. Nichts konnten wir uns aussuchen. Wir waren und sind gezwungen, auf vieles zu verzichten.

Wozu soll also nun noch eine zusätzliche Fastenzeit gut sein?

Und nun schaue ich deshalb endlich und auch abschließend noch einmal auf den Propheten Jesaja und seine Worte. Er leitet mich in die kommende Zeit und stupst mich darauf, wonach ich Ausschau halten soll. Nämlich z.B. soll ich Gott suchen und täglich nach seinen Wegen fragen.

Ja, das sollte ich, das sollten vielleicht wir in all dem, was uns um uns herum runterziehen und traurig machen will, in all dem, was wir so satt haben, in all unseren Klagen und in all unserer Verzweiflung wieder tun: Gott suchen und täglich nach seinen Wegen fragen.

Vieles, was uns der Prophet ans Herz legt, haben wir ja schon getan und tun es in unseren Gemeinden oder auch einfach, weil es unser persönliches Engagement ist: Bedürftige speisen, unser Brot teilen, Flüchtlinge versorgen. All das hat unsere Gemeinde immer auch ausgemacht. Und viele haben dabei mitgemacht. Wir erinnern uns natürlich an das gute Gefühl, wenn wir untereinander geteilt haben, was uns eben möglich war, vor allem auch wenn wir es mit den Menschen taten, die uns dazu brauchen. Ich weiß auch, dass es manche von uns geradezu mit Stolz erfüllt hat, auch ganz selbstlos für andere da sein zu können.

Und genau hier ist es nun auch in diesem Jahr vielleicht anders. Diese Fastenzeit ruft uns geradezu dazu auf, eben diesen Stolz auch einmal loslassen zu können. Es gilt – vielleicht mehr als sonst – auch das andere zu erkennen. Wir selbst sind bedürftig! Wir selbst sind angewiesen! Eine Erkenntnis, die nicht nur auf Wohlwollen in uns selbst trifft! Das einzusehen ist unangenehm. Es regt sich Widerstand in uns. Bei manchen gerät das eigene Selbstbildnis ins Wanken, und manch einer kann damit nur schwer umgehen. Aber es ist im Moment so, wie es eben ist – vieles, was bisher als unabdingbar zu unserem Leben gehörte, ist es nicht mehr. Ja, ich spüre, dass ich nicht allein über mein Leben bestimmen kann, wenn das Leben aller neu gelingen soll. Was diese Erkenntnis mit uns macht, liebe Schwestern und Brüder, ich denke, wir wissen es in aller Konsequenz noch nicht!

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Erkennen und anerkennen, dass wir bedürftig sind, Bedürftige vor Gott! Ja, die meisten von uns sind versorgt, gut versorgt, im Gegensatz zu vielen anderen Menschen an anderen Orten auf dieser Welt in dieser schlimmen Zeit. Bei den meisten von uns ist das Einkommen und damit auch das Auskommen geregelt. Aber wir haben es alle gespürt: sicher halten wir nichts in unseren Händen, gar nichts! Wir sind bedürftig, bleiben angewiesen. Genau so sollten wir auch vor Gott treten!

So treten wir vor Gott in den „Sieben Wochen ohne“, in die wir nun bald gehen. Täglich sollen und wollen wir vor Gott kommen. Wir wollen und dürfen uns ihm anvertrauen, dürfen bekennen, wie es wirklich um uns steht. Wir dürfen danach fragen und sollen gut hinhören, welche Wege er mit uns gehen will und wird. Und wir brauchen niemals dafür zu stolz sein, ihn darum zu bitten, uns das alles zu schenken, was wir zum Leben brauchen oder uns zurückwünschen.

Denn eines stimmt und wir bekennen es heute mit Martin Luther, der als einen seiner letzten Sätze kurz vor seinem Tod niederschrieb: „Wir sind Bettler, das ist wahr!“

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Fürbittgebet

Wir bitten Herr und Gott, um deinen Geist.

Stärke und erneuere uns,

wandle unsere Herzen und Sinne,

dass wir der Zukunft trauen,

in die du uns führen willst.

Hilf allen Menschen, die leiden,

besonders denen, die von Krankheit betroffen sind

oder die um einen Menschen trauern.

Sei bei ihnen in aller Angst und Not,

stärke und tröste sie,

lass sie nicht verzweifeln, sondern neuen Mut finden.

Herr, hilf uns und allen Menschen,

deiner guten Schöpfung zu dienen,

lass uns deine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sein

und im Vertrauen zu dir deiner Liebe entsprechen.

Herr, erbarme dich unser!

Höre uns,

wenn wir noch einmal in der Stille zu dir beten!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

 

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –,

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger DunkelWeiterlesen

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Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum Sonntag Sexagesimae, 7. 02. 2021

Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Wochenspruch:

Heute, wenn ihr seine Stimme hört, so verstockt eure Herzen nicht. (Hebr 3,15)

 

 Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Aus Psalm 119

89 HERR, dein Wort bleibt ewiglich, so weit der Himmel reicht;

90 deine Wahrheit währet für und für. Du hast die Erde fest gegründet, und sie bleibt stehen.

91 Nach deinen Ordnungen bestehen sie bis heute; denn es muss dir alles dienen.

92 Wenn dein Gesetz nicht mein Trost gewesen wäre, so wäre ich vergangen in meinem Elend.

103 Dein Wort ist meinem Munde süßer als Honig.

104 Dein Wort macht mich klug; darum hasse ich alle falschen Wege.

105 Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.

116 Erhalte mich nach deinem Wort, dass ich lebe, und lass mich nicht zuschanden werden in meiner Hoffnung.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar

und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Vater im Himmel,
vor Dir stehen wir mit leeren Händen.
Wie sollen wir mit unserem Glauben vor Dir bestehen,
der so vielen Zweifeln ausgesetzt bleibt?
Was sollte Dir unsere Weisheit helfen,
die der Torheit dieser Zeit so schlecht widerstehen kann?
Wie sollten wir unsere Gerechtigkeit vorweisen können,
die doch meist nur leere Gleichmacherei ist?
Nichts haben wir Dir zu bringen
und wollen doch Dir angehören.

Du siehst auf uns,

du hörst,

wenn wir dir nun in der Stille anvertrauen,

was uns auf der Seele liegt.

Komm, und erbarme dich unser!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Beim Propheten Daniel heißt es:

Wir liegen vor Dir mit unserem Gebet

und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit,

sondern auf Deine große Barmherzigkeit.
Ehr sei Gott in der Höhe!

 

Barmherziger Gott,

vor Dir kann kein Mensch bestehen.
Lass uns nicht sehen auf das,

was wir können und leisten,
sondern darauf vertrauen,
dass Du uns liebst

und uns annimmst aus lauter Güte.

Das bitten wir
durch Jesus Christus, Deinen Sohn, unseren Herrn,
der mit Dir in der Einheit des Heiligen Geistes
lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Epistellesung: Aus dem Hebräerbrief, Kapitel 4, Verse 12-13:

12 Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.

13 Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft geben müssen.

Amen!

 

Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Lukasevangelium, Kapitel 8, Verse 4-8

(auch Predigttext)

4 Als nun eine große Menge beieinander war und sie aus jeder Stadt zu ihm eilten, sprach er durch ein Gleichnis:

5 Es ging ein Sämann aus zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges an den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen’s auf.

6 Und anderes fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte.

7 Und anderes fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten’s.

8 Und anderes fiel auf das gute Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Da er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Amen.

 

Predigt

 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und von Jesus Christus, seinem Sohn, unserem Herrn. Amen.

 Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Um das Tagesevangelium, das Gleichnis vom Sämann, zu verstehen, nähern wir uns ihm einmal über einen kleinen Umweg. Wir stellen uns vor – und ich hoffe, wir alle können es noch, auch wenn es bei einigen vielleicht in dieser Zeit nun doch schon etwas länger her ist –, wir wären in einem feinen Restaurant, ein abendliches 4-Gänge Menu wartet dort auf uns. Klingt gerade irgendwie unwirklich, oder? Aber wir tun es einfach einmal!

Die einen sitzen jetzt gedanklich auf der Kauzenburg, andere im Kurhaus oder in irgendeinem anderen Gourmet-Tempel, den sie vielleicht aus dem Urlaub kennen.

Das Menu kommt.

1.Gang: Der Salat vorweg: Sehr hübsch und nobel angerichtet, aber irgendwie ist es so, als knirscht da etwas zwischen den Zähnen. Nun weiß man nicht, kann das in solch einem noblen Restaurant gewollt sein? Oder hat man als Normalsterblicher keine Ahnung von besonderen Würzungen oder Kräutern, muss das alles etwa so sein. Meistens schweigt man dann und isst, allerdings ein bisschen vorsichtiger, oder?

2.Gang: Ein feines Süppchen! Die anderen am Tisch sind hin und weg, aber für die eigenen Geschmacksnerven ist es reichlich scharf, irgendwie verwürzt. Aber, wenn die anderen das toll finden, rein damit.

3.Gang: Das Fleisch! Hohe Kochkunst an und für sich, aber so rosa, fast blutig  gebraten ist es eigentlich nicht so ganz mein Ding. Hätte ruhig ein wenig mehr durch sein dürfen, aber das hätte den Koch wohl an seiner Ehre gekratzt. Aber irgendwie esse ich, ohne genau hinzugucken, dann geht’s!

Liegt das alles, diese ganze Reserviertheit eigentlich an mir? An meinen eigenen Geschmacksnerven? Warum schmeckt es den anderen eigentlich so viel besser als mir? Ein Dilemma, das sich da manchmal auftut: Man kann das alles doch nicht deshalb lecker finden, nur weil es teuer ist. Ich spüre meine leichte Ratlosigkeit.

Doch da kommt der 4.Gang: Das Dessert! Ich weiß sofort, jetzt schlägt meine Stunde. Dieser letzte Gang ist nun endlich mal, auch für mich, hervorragend. Ich bin hin und weg. Und so klingt der Abend dann auch aus.

Kann sein, dass ich am Ende leicht enttäuscht nach Hause gehe. Kann aber auch sein, dass ich mich ganz pauschal sagen höre: „Das Essen war klasse, traumhaft.“
Der vierte Gang war so dermaßen gut, dass die anderen drei Gänge in meiner Erinnerung später gar nicht mehr so ins Gewicht fallen.

Wäre das jetzt eigentlich eine zu optimistische Sicht?

Drei von vier Gängen munden zwar nicht so, sind für mich ganz leicht daneben, doch der letzte Gang reißt alles wieder raus und führt zu einem positiven Gesamturteil?

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Wie viel geht eigentlich in dem Gleichnis daneben, dass Jesus erzählt?

Die ersten drei „Gänge“, wenn man so will, gehen daneben, bringen nichts. Dreimal wird gesagt: Misserfolg. Null-Wachstum.

Samenkörner auf dem Weg – werden zertreten bzw. dienen lediglich als Vogelfutter. Die auf Felsenboden – verdorren. Die im Dornengestrüpp – ersticken. Dreiviertel der Aussaat bringen anscheinend nichts. Vielleicht, könnte man jetzt sagen,  war es ja doch nur ein bisschen. Aber kein gescheiter Landwirt würde doch 75% seines Saatgutes daneben werfen. Und so handelt es sich vielleicht doch um den Großteil der Samenkörner, der auf gutem Boden landete?

Nein, im Lukasevangelium steht es aber anders, Lukas benutzt ganz bewusst viermal das selbe Wort: „heteron“ – es bezeichnet im Deutschen „einiges“ oder sogar „vieles. „Einiges“ also fiel auf diesen und auf jenen und auf diesen und auf jenen Boden. – Viermal.

Dass etwas dann nicht aufgeht, keine Frucht bringt, das ist, so sagt es dieses Gleichnis, anscheinend einfach als gegeben hinzunehmen. Das wird hier gar nicht weiter vertieft.

Es wird auch nicht gefragt: Ja, hätte der Sämann nicht erst den Boden besser vorbereiten können: Dornen weg, mehr Bodenschicht über die Felsen?  Und hätte er nicht besser aufpassen können, dass nichts auf den Weg fällt?

Heutzutage wird vom Landwirt das teure Saatgut meist mit ganz speziellen Maschinen ausgebracht,  Verluste sollen absolut minimiert werden, auf den Vermehrungskoeffizienten ist zu achten. Bei Weizen z.B. kann man heute sagen: der Bauer hat (neben anderen Betriebsmitteln) für 100 EUR Saatgutkosten am Ende 1400 EUR Marktwert. Das muss alles akkurat durchgerechnet sein. Für viele Bauern rechnet sich selbst das übrigens heute leider nicht mehr!

Unser Gleichnis hier im Lukasevangelium spricht aber überhaupt nicht von Verlustvermeidung. Ja, der Sämann teilt einfach mit vollen Händen aus. Vielleicht denkt er ja sogar, „die Vögel sollen auch nicht umkommen“. Er ist jedenfalls spendabel, kein Samenkornzähler oder Erbsenzähler.

Auf das Ende aber kommt es an, und das ist überwältigend. Der Schlusssatz, der zeitlich den weitesten Sprung macht und gleich ein paar Monate weiterblickt, auf die Erntezeit:

„Und einiges fiel auf gutes Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht.“

Insgesamt ist der Boden nicht tipp topp, sondern durchwachsen. Aber zur Erntezeit kann er feststellen: Es hat sich dennoch mehr als gelohnt. Die Misserfolge scheinen dagegen nicht ins Gewicht zu fallen. Sie führen den Sämann keinesfalls in die Resignation.

Das Vertrauen des Sämannes, sein Mut – all das macht auch sein Kapital aus. Ja, Mut ist nötig. So lese ich das Gleichnis, das Jesus erzählt – als eine Mutmach-Geschichte. Der Sämann resigniert nicht – auch nicht zwischendurch . Der Sämann freut sich – am Ende. Eine Mutmach-Geschichte!

Mut benötigen auch wir alle, die mit Gottes froher Botschaft, mit Gottes Wort zu tun haben. Jesus ermutigt solche Menschen: damals schon, seine ersten Jünger und Jüngerinnen, die auch damals schon merken: es gibt nicht nur Zustimmung zum Evangelium, sondern auch Gleichgültigkeit oder Ablehnung. Ja sogar Verfolgung. Gottes Wort kommt zum Zuge, auch wenn nicht alles gelingt – so ermutigt er seine Jünger.

Ermutigung ist genau so nötig – heute, für die Mitarbeitenden in den Kirchengemeinden und in der Kirchenleitung, die Pfarreinnen und Pfarrer, die Presbyterinnen und Presbyter, die vielen anderen haupt-, neben- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Einige werden manchmal mutlos, vielleicht auch in dieser Zeit. Aber das war auch schon vorher bei so manchem so:„Wir probieren dies und das, wir setzen Schwerpunkte in der Arbeit mit jungen Familien, wir planen ein Sachen und Aktionen, wir versuchen, noch mehr Ehrenamtliche zu gewinnen. Aber gegen demographische Entwicklung, gegen Akzeptanzverlust und anderes mehr können wir eh nichts tun! “

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Ja, Ermutigung ist nötig. Für alle Gemeindeglieder, für alle Christinnen und Christen, die sich abmühen mit ihrem Glauben,  die immer wieder über einzelne Glaubensinhalte zweifeln, unsicher sind, ob sie sich den Zweifel überhaupt eingestehen dürfen. Vor einiger Zeit sagte mir ein älterer Mensch in einem kurzen Randgespräch zwischen Tür und Angel: „Es macht mich ganz mürbe, dass ich auf die Frage nach dem Leid in der Welt eigentlich keine Antwort weiß, trotz meiner Lebenserfahrung…“
Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Eine Ermutigung des Gleichnisses liegt darin, dass es uns vor der Selbstüberforderung schützt. Wir alle müssen uns nicht als etwas Besseres fühlen, auch nicht als durchweg guter Ackerboden für Gottes Wort, sondern wir alle kennen auch unsere Dornen und Felsbrocken. Wir sind selbst so manches Mal ein ganz und gar gemischter Boden. Jede und jeder einzelne von uns ist ein gemischter, durchwachsener Boden, und eben niemals 100% gut. Und das wiederum ist wohl auch gut so!

Ich mache euch Mut – so verstehe ich Jesus. Gottes Wort greift niemals ins Leere,  sondern es wirkt. Und es wächst. Auch in durchwachsenem Boden. Gottes Wort wirkt. So wie Regen seine Wirkung tut und die Erde durchfeuchtet. Deshalb: Lasst euch von Misserfolgen nicht runterziehen, niemals!

So frage ich einmal – vielleicht ja völlig utopisch – in die Zukunft, um zumindest an einem Punkt anzusetzen: Werden wir als Kirche wieder wachsen? Ich weiß es nicht. Unsere Kirche wird sich verändern – mit Sicherheit. Die Formen, wie Gottes Wort Menschen erreichen wird, werden sich verändern. Se haben sich gerade im vergangenen Jahr so schnell und so enorm verändert. Vielleicht werden wir sogar wirklich weiter kleiner werden und das mit aller Phantasie – zumindest in unserer Gemeinde – gestalten und ohne Angst. Vielleicht wird eine Kirche, die kleiner wird, dennoch gehört werden und kann Gutes tun, glaubwürdig sein und kräftig in die Welt strahlen. Auch dadurch werden wir wieder wachsen. Weil Gott immer noch sät, mitten unter uns. Es ist seine Kirche, nicht unsere. Er will, dass wir wieder wachsen. Er, unser Gott, will es. Vielleicht wird unsere Kirche ja auch deshalb selbst wieder wachsen, gegen jeden Trend.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Jesus macht Mut. Mit dieser Geschichte, mit seinem Tod und seiner Auferstehung, mit seinem Wirken mitten unter uns. Und das geht auf. Und trägt hundertfach Frucht. Darauf vertraut er, weshalb sollten wir es dann nicht tun?

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Fürbittgebet

Gott, unser Vater,

selig sind die Menschen,

die Deinem Weg folgen.

Wir möchten unser ganzes Leben auf Dich hin ausrichten

und beten vertrauensvoll zu Dir:

– Für die Kirche, das Gottesvolk auf Erden:

lass sie in überzeugender Weise

ihr Leben nach Deiner Botschaft gestalten.

Herr, erbarme Dich.

– Für die Christinnen und Christen auf der ganzen Welt:

lass sie Barmherzigkeit üben an allen Benachteiligten.

Herr, erbarme Dich.

– Für die Ökumene:

führe uns zur Einheit des Glaubens und der Liebe,

dass wir miteinander

Verantwortung wahrnehmen für unsere Welt.

Herr, erbarme Dich.

– Für Frieden und Gerechtigkeit unter den Menschen:

Lass nichts unversucht bleiben,

was drohende Kriege verhindern kann.

Segne alle Bemühungen um den Frieden.

Schaffe einen Frieden unter den Religionen,

schaffe Frieden in unserem Land.

Herr, erbarme Dich.

– Herr, guter Gott und Vater,

wir bitten dich für die Sterbenden und für die Kranken,

besonders auch für die in unseren Familien.

Herr, erbarme dich

Sei und bleibe bei uns, Herr, sei du unser Licht.

Höre uns, wenn wir noch einmal in der Stille zu dir beten!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

 

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –,

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger DunkelWeiterlesen

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Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum Letzten Sonntag nach Epiphanias, 31. 01. 2021

Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Wochenspruch:

Über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. (Jes 60,2)

 

 Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Psalm 97

1 Der HERR ist König; des freue sich das Erdreich und seien fröhlich die Inseln, so viel ihrer sind.

2 Wolken und Dunkel sind um ihn her, Gerechtigkeit und Recht sind seines Thrones Stütze.

3 Feuer geht vor ihm her und verzehrt ringsum seine Feinde.

4 Seine Blitze erleuchten den Erdkreis, das Erdreich sieht es und erschrickt.

5 Berge zerschmelzen wie Wachs vor dem HERRN, vor dem Herrscher der ganzen Erde.

6 Die Himmel verkündigen seine Gerechtigkeit, und alle Völker sehen seine Herrlichkeit.

7 Schämen sollen sich alle, die den Bildern dienen / und sich der Götzen rühmen. Betet ihn an, alle Götter!

8 Zion hört es und ist froh, und die Töchter Juda sind fröhlich, weil du, HERR, recht regierest.

9 Denn du, HERR, bist der Höchste über allen Landen, du bist hoch erhöht über alle Götter.

10 Die ihr den HERRN liebet, hasset das Arge! Der Herr bewahrt die Seelen seiner Heiligen; aus der Hand der Frevler wird er sie erretten.

11 Dem Gerechten muss das Licht immer wieder aufgehen und Freude den aufrichtigen Herzen.

12 Ihr Gerechten, freut euch des HERRN und danket ihm und preiset seinen heiligen Namen!

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar

und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Guter Gott und Vater!

Sieh du auf uns,

wenn wir es vergessen,

auf dich zu schauen.

Erfülle du uns neu mit Leben,

wenn wir meinen,

es entgleitet uns.

Sei du unser Licht,

wenn wir merken,

dass es finster um uns werden will.

Öffne unsere Augen, Herzen und hören,

dass wir wieder spüren,

wie nahe du bist.

Du siehst auf uns,

du hörst,

wenn wir dir nun in der Stille anvertrauen,

was uns auf der Seele liegt.

Komm, und erbarme dich unser!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Christus spricht:

Ich bin das Licht der Welt.

Wer mir nachfolgt,

der wird nicht wandeln in der Finsternis,

sondern wird das Licht des Lebens haben.

Ehre sei Gott in der Höhe!

 

Herr, guter Gott!

Wir danken dir,

dass du uns so annimmst,

wie wir eben sind

Niemanden gibst du verloren,

du hältst uns in deiner Hand.

Deine Liebe wird uns zum Licht des Lebens.

Dafür danken wir dir und deinem Sohn Jesus Christus,

der mit dir und dem heiligen Geist

lebt und regiert von

Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 17, Verse 1-9:

1 Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen hohen Berg.

2 Und er wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht.

3 Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm.

4 Petrus aber antwortete und sprach zu Jesus: Herr, hier ist gut sein! Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine.

5 Als er noch so redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!

6 Als das die Jünger hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und fürchteten sich sehr.

7 Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht!

8 Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein.

9 Und als sie vom Berge hinabgingen, gebot ihnen Jesus und sprach: Ihr sollt von dieser Erscheinung niemandem sagen, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist.

Halleluja! Der Herr hat Gefallen an denen, die ihn ehren, die auf seine Güte hoffen. Halleluja!

 

Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Epistellesung: Aus dem 2. Petrusbrief, Kapitel 1, Verse 16-19

(auch Predigttext)

16 Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen.

17 Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis durch eine Stimme, die zu ihm kam von der großen Herrlichkeit: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

18 Und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, als wir mit ihm waren auf dem heiligen Berge.

19 Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen.

20 Und das sollt ihr vor allem wissen, dass keine Weissagung in der Schrift aus eigener Auslegung geschieht.

21 Denn es ist noch nie eine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht worden, sondern getrieben vom Heiligen Geist haben Menschen in Gottes Auftrag geredet.

Amen.

 

Predigt

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und von Jesus Christus, seinem Sohn, unserem Herrn. Amen.

 Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Bei den Worten unserer heutigen Epistellesung etwas weiter oben könnte man als –“einfaches Gemeindeglied“, wie man Christinnen und Christen in einer Gemeinde ja manchmal nennt – entweder mutlos oder aber bestätigt werden: Wir haben seine Herrlichkeit selber gesehen, sagt Petrus. Toll, ich nicht! Diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, fügt er hinzu. Toll, ich habe seine Stimme noch nie gehört!

Und schließlich heißt es, dass keine Weissagung in der Schrift eine Sache eigener Auslegung ist. Die Sache Gottes, besonders was die Heilige Schrift angeht und wie man sie verstehen soll, muss also offensichtlich den „Profis“ überlassen bleiben! Es ist die Aufgabe der Prediger und Pfarrer, der Missionare und Evangelisten, das prophetische Wort in diese Zeit hineinzurufen.

Und so hätten es manche wohl auch heute gern! Denn alles, was mit Jesus Christus zu tun hat und mit dem Glauben an ihn, das überlassen viele ja wirklich ohne Zögern und ohne Frage den vermeintlichen Fachleuten oder denen, die sie dafür halten.

Beispiele gefällig? „Herr Pfarrer, würden Sie wohl ein Tischgebet sprechen?“ fragen mich Menschen, wenn ich bei Feiern eingeladen bin. Bei der Goldenen Hochzeit: „Haben Sie noch ein gutes Wort Gottes für das Jubelpaar?“ Nicht, dass ich es dann nicht gern auch täte. Ich mache es sogar sehr gerne! Aber es stört mich eigentlich schon, wenn ich spüre, dass Menschen offensichtlich in dem Moment dann glauben, nur ich könnte das jetzt tun.

Ich möchte das so aber nicht gelten lassen. Denn ist das nicht unser aller Glaube, von dem da gesprochen wird? Ist das nicht unser aller Herr, der da bezeugt wird? Sind wir nicht alle durch ihn gerettet? Gilt seine Vergebung nicht jeder und jedem von uns? Hoffen wir nicht alle auf seine ewige Zukunft?

Warum sind wir dann nicht auch alle seine Prophetinnen und Propheten, die von ihm reden und für ihn Zeugnis ablegen? Warum schweigen wir von dem, der unser Heil ist und an den wir doch glauben? Warum schweigen so viele unter uns über ihren Glauben und überlassen das Reden, das Predigen darüber nur den Fachleuten, den Diakoninnen und Diakonen, den Pfarrerinnen und Pfarrern

Erlauben Sie mir ein persönliches Wort: Ich glaube nicht, dass ich und dass „biblische Fachleute“ überhaupt den sogenannten Laien – was für ein dummes und überhebliches Wort –, dass wir unseren Gemeindegliedern irgend etwas voraushaben, wenn es um den lebendigen Herrn Jesus Christus geht. Man kann ihn nämlich nicht studieren, wie man Theologie studiert. Er offenbart sich auch nicht besonders dem, der viel biblisches Wissen in seinem Kopf anhäuft. Er hat nicht einmal unbedingt eine Beziehung zu Menschen, die sich – wie ich zum Beispiel – in den Dienst der Kirche gestellt haben. Ihn kann man nicht mit seinem Kopf lernen und als eine Wissenschaft mit seinem Verstand aufnehmen. Ich kenne einige Kolleginnen und Kollegen, die sind so an diesen Beruf herangegangen. Und ich habe einige davon  daran zerbrechen sehen. Jesus Christus wird allein mit dem Herzen erfahren. Oder noch deutlicher: Gott spricht in das Herz eines jeden Menschen! Ich denke, das ist hier gemeint. Er ergreift Platz in den Menschen, er, Gott selbst, erfüllt sie ganz. Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen. (V.16) – Und gespürt, ergänze ich!

Jetzt frage ich: Haben wir das nicht alle? Sind wir nicht alle „seine Augenzeugen geworden“, wie es in einer moderneren Übersetzung aus unseren Tagen heißt? Warum wären wir jetzt sonst hier? Ich fange einmal bei mir an, aber eben nicht, weil ich Fachmann bin. Aber – ich habe ihn gesehen! Nicht als eine Erscheinung, so dass er mir vor meinen leiblichen Augen gestanden hätte, leider nicht. Nein, ich habe ihn gesehen, so wie man eine wichtige Aufgabe „sieht“ und wie man ein Ziel vor sich „erblickt“. So bin ich jetzt Augenzeuge, weil ich ja auch gar nicht anders kann, als von ihm „zeugen“, der für mich Sinn, Inhalt, Verheißung und Ziel meines und allen Lebens geworden ist. Aber das hat erst einmal wenig damit zu tun, dass ich besonders geschult bin. Und ich sag’s noch einmal: Meine biblische – oder: theologische – Vorbildung berechtigt mich überhaupt nicht dazu, in besonderer Weise das „prophetische Wort“ von Jesus Christus weiterzusagen, sondern ausschließlich diese Tatsache: Ich habe seine Herrlichkeit gesehen! Mich hat es vor langer Zeit als Jugendlicher gepackt, als ich schon längst dachte, etwas ganz anderes in meinem Leben zu machen.

Jetzt sind sie dran, liebe Schwestern und Brüder: Ich ahne nun nämlich auch lauter „Augenzeugen“ vor mir. Leider kann ich sie heute nicht „leibhaftig“ in der Kirche sehen, aber ich schließe meine Augen und hab viele von ihnen vor mir! Sie haben den Herrn auch alle „gesehen“. Bei dem einen von ihnen war das – vielleicht sogar erst neulich – in einer  schweren Stunde am Krankenbett und am Sterbebett eines lieben Menschen. Da ging es ihnen doch auf, wie hinfällig so ein Leben ist, wie gefährdet, wie kurz auch. Da erkannten sie, wie wohl das doch tut, auf Jesu Auferstehung zu blicken und auch für uns ein ewiges Leben zu erhoffen, weil er es uns verspricht. Da kommt eine Familie, Freundinnen und Freunde dürfen es gerade leider nicht, um einem trauernden Menschen beizustehen. „Augenzeugen der Liebe Gottes“ – was denn sonst?

Vielleicht haben sie ja Gott auch vor Jahren schon „kennengelernt“, während einer Predigt möglicherweise oder tatsächlich beim Lesen in der Bibel. Etwas hat sie auf einmal angesprochen und überzeugt: Die Art dieses Jesus von Nazareth, wie Menschen bei ihm über sich hinauswachsen, wie viel Güte von ihm ausgeht, was er für die Wahrheit seiner Botschaft auf sich nimmt, wie sehr ihm offenbar an dir und mir liegt, wenn er sogar für uns leidet und stirbt. Ja, das hat von Anfang der Geschichte Jesu mit uns Menschen viele ermutigt, diesem Jesus in ihrem eigenen Leben zu folgen.

Jemand anders schließlich darf schon seit seinen Kindertagen an der Hand dieses Herrn leben. Seit den ersten Gebeten mit der Mutter abends am Bett ist da etwas entstanden und mitgewachsen bis heute: Ein Vertrauen zu diesem Jesus, ein Gefühl der Geborgenheit in seiner Nähe, ein Wissen, es kann mir nichts geschehen bei ihm. Ja, auch das gibt es heute durchaus oft. Menschen leben in einem ganz selbstverständlichen und unerschütterlichem Vertrauen. Auch so werden Menschen seine Augenzeugen – und wir sind es alle! Jeder und jeder auf eine ganz eigene Weise und jede und jeder mit ganz eigenen Erfahrungen.

Deshalb frage ich noch einmal ganz deutlich: Wo ist unser „prophetisches Wort“? Wo reden wir davon, wessen Majestät wir gesehen haben? Wo scheint unser Licht an „dunklen Orten“? Wo helfen wir, dass „der Morgenstern in den Herzen der Mitmenschen“ aufgeht? Es gibt – und ich habe daran schon so oft erinnert – so viele Kinder auch mitten hier unter uns, in unserer nächsten Nähe, hier in unserem Ort, die nicht einmal eine einzige Geschichte von Jesus gehört haben, mit denen keine Mutter je ein Abendgebet spricht. Sie sind wohl getauft! Meist keine Frage!

Es gibt auch Patinnen und Paten, die einmal versprochen haben, den Kleinen zum Glauben zu helfen – aber manche trauen sich einfach nicht, weil sie denken, sie könnten es nicht. Ich selber habe mich aber darin in Menschen schon oft getäuscht. Vielleicht brauche sie einfach ein wenig Ermutigung und die Erinnerung daran, dass auch in sie Gott vieles gelegt hat.

Ich sehe immer auch noch Jugedliche, die ohne Weg und Ziel durchs Leben gehen. Oft wird beklagt, sie kämen nicht in die Gemeinde. Aber, liebe Schwestern und Brüder, liebe Leserinnen und Leser, da ist auch niemand, der sie einmal anhält und sie erinnert: Du bist doch konfirmiert. Du wolltest dich doch einmal zur Gemeinde Jesu Christi halten. Mach‘ doch wieder mal einen Anfang damit! Ich geh’ auch mit dir.

Und schließlich gibt es auch so viele Erwachsene… O ja, sie gehören wohl zur Gemeinde, unsere Gemeinde lebt sogar – wenn wir ganz ehrlich bleiben – zu einem guten Teil von ihnen, aber wir sehen sie einfach niemals.

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Leserinnen und Leser!

Bleiben wir noch einmal ehrlich: Ist das nicht auch so, weil wir als  „Augenzeugen“ irgendwie doch verstummt sind, vielleicht sogar versagen. Wo sprechen wir alle diese Menschen denn einmal an? „Komm doch einfach einmal mit!“ Wo sind wir einladende Menschen. Wie oft habe ich von der Kanzel in unserer kleinen Lukas-Kirche schon einmal darum gebeten: Bitte laden Sie doch zum nächsten Sonntag nur einen einzigen Menschen ein, mit hierher zu kommen. Ich habe für diese Idee immer ein freundliches Lächeln zurückbekommen, weil die Idee ja wirklich gar nicht so schlecht ist. Am nächsten Sonntag wären wir dann nämlich schlicht doppelt so viele. Aber warum tut das einfach kaum jemand? Oder ich frage weiter: Wo können andere an uns eine Lebensweise beobachten, die irgendwie anders ist als die des Durchschnitts? Wo machen wir sie wirklich neugierig auf die Mitte unseres Denkens, vor allem aber auch auf den tragenden Grund unseres Lebens: Jesus Christus?

Wirklich: Es gibt so viel Bedarf nach dem „prophetischen Wort“, vor allem aber auch nach dem prophetischen Dienst. So viele im sogenannten „christlichen Abendland“ – das in weiten Teilen längst entchristlicht und entkirchlicht lebt – so viele haben heute keine blasse Ahnung mehr, wer Jesus Christus ist, was er für ein Leben bedeutet und für sie bedeuten könnte. Auch wir, die Augenzeugen Jesu Christi, enthalten ihnen das Wort und das Zeugnis von diesem Herrn oft vor.

Deshalb schreibe ich es noch einmal deutlich, wenn es auch die eine oder den anderen vielleicht ärgert: das ist nicht allein die Aufgabe der Predigerinnen und Prediger, der Pfarrerinnen und Pfarrer! Mein Beruf und mein Auftrag zur Verkündigung darf für niemanden ein Alibi sein, das „prophetische Wort“ allein mir zuzuweisen, weil ich – so sagte es mir einmal ein Gemeindeglied – „weil sie doch dafür bezahlt werden.“ Der „Gelernte“ kann das „von Berufs wegen“ keinen Deut besser, als jeder andere „Augenzeuge“ auch, der in seinem und mit seinem Herzen den Herrn gesehen und erfahren hat. Und die Aufgabe „Licht an die dunklen Orte“ zu bringen, das weiß ich mittlerweile längst, ist mir allein auch viel zu groß. Das können wir als Gemeinde Jesu Christi nur zusammen.

Vielleicht ist dies für uns alle ja auch so schwierig, weil des Schreiber des 2. Petrusbriefes uns daran erinnert, dass es eben nicht einfach gilt, das eigene Wort zu sagen, das wäre in der Tat vielleicht leicht. Nein, er mahnt uns, es niemals zu vergessen:

Und das sollt ihr vor allem wissen, dass keine Weissagung in der Schrift aus eigener Auslegung geschieht. Denn es ist noch nie eine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht worden, sondern getrieben vom Heiligen Geist haben Menschen in Gottes Auftrag geredet. (VV.20+21)

Es gilt, Gottes Wort weiterzusagen. Dieses Wort ist eben manchmal hart, oft unbequem. Meist aber eindeutig und immer zum Leben helfend, zumindest dann, wenn wir es nicht verbiegen oder uns so zurecht legen, wie wir es gerade brauchen! Ja, vielleicht tun wir uns deshalb oft so schwer, Gottes Wort in diese Welt zu sprechen, es den Menschen zu verkündigen. So werden wir alle oft dort still, wo wir eindeutig reden – und natürlich dann auch handeln – sollten

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Lasst es uns aber immer wieder neu gemeinsam angehen, jede und jeder von seinen Erfahrungen her und von Gott selbst ermutigt und ausgerüstet! Jede und jeder auf eine ganz eigene, aber Gott folgende Weise! Jede und jeder an dem Ort, an den sie oder er von Gott gestellt wurde. Vor allem aber: lasst es uns auch immer wieder neu und gemeinsam als Gemeinde angehen! Es ist unendlich wichtig! Und es bleibt so nötig in dieser Zeit!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Fürbittgebet

Guter Gott und Vater!

Wir alle sind keine Übermenschen, keine Heiligen.

Wir leben ganz und gar alltäglich,

ja manchmal geht von uns nichts Besonderes aus.

Und doch danken wir dir,

dass unser Leben auch in schwieriger Zeit

in dir geborgen ist.

All unseren täglichen Ärger, unsere leisen Hoffnungen,

all unsere Angst, alles was uns freut

– wir dürfen es vor dich bringen.

Und wenn wir das tun, dann wissen wir,

dass alles einmal ein Ende hier haben wird.

Doch lass uns niemals resignieren, Herr.

Lass uns erleben, was da alles für uns ist:

Du rufst uns – und wir werden gebraucht.

Da sind Menschen für uns da, und wir sind nicht mehr allein.

Wir erfahren vertrauen und merken,

wie stark wir sein können.

So bitten wir dich:

Lass dein Licht strahlen auf uns,

dass wir ermutigt werden, uns einzusetzen,

nicht nur für uns, sondern auch für die,

die wir mit deiner Botschaft froh machen können.

Lass dein Licht strahlen

auf die Schwestern und Brüder in der Diaspora.

Sie breiten dein Licht in schwieriger Zeit aus,

und es wird zum Licht der Hoffnung für alle,

die es erreicht.

Lass dein Licht strahlen auf die,

die sich hier einsetzen für die Schwestern und Brüder

in anderen, in fernen Ländern.

Sie sollen spüren,

dass kein Engagement vergeblich ist,

sondern zur fruchtbringenden Hilfe wird.

Dein Licht strahlt auf uns, du gehst mit uns.

Und so können wir selbst zum Licht werden,

um anderen Leben zu ermöglichen.

Sei und bleibe bei uns, Herr, sei du unser Licht.

Höre uns, wenn wir noch einmal in der Stille zu dir beten!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –,

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger DunkelWeiterlesen

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Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum 3. Sonntag nach Epiphanias, 24. 01. 2021

Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Wochenspruch:

Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes. (Lk 13,29)

 

 Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Aus Psalm 86

1 Ein Gebet Davids. HERR, neige deine Ohren und erhöre mich; denn ich bin elend und arm.

2 Bewahre meine Seele, denn ich bin dir treu. Hilf du, mein Gott, deinem Knechte, der sich verlässt auf dich.

5 Denn du, Herr, bist gut und gnädig, von großer Güte allen, die dich anrufen.

6 Vernimm, HERR, mein Gebet und merke auf die Stimme meines Flehens!

7 In der Not rufe ich dich an; du wollest mich erhören!

8 Herr, es ist dir keiner gleich unter den Göttern, und niemand kann tun, was du tust.

9 Alle Völker, die du gemacht hast, werden kommen und vor dir anbeten, Herr, und deinen Namen ehren,

10 dass du so groß bist und Wunder tust und du allein Gott bist.

11 Weise mir, HERR, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit; erhalte mein Herz bei dem einen, dass ich deinen Namen fürchte.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar

und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Guter Gott und Vater!

Wir preisen deine Herrlichkeit.

Aber wir leben sie nicht.

heben dich in den Himmel,

bis wir selbst dich nicht mehr erreichen.

Wir preisen dein göttliches Licht

und bleiben dabei selbst ganz ohne Glanz.

Wir wissen, dass dein Licht

unser Leben hell machen will,

doch selbst bleiben wir

in der Finsternis und verschließen uns vor dir.

Herr, ändere uns.

Herr, komm, und erbarme dich unser!

Höre, wenn wir nun in der Stille zu dir beten

und dich um dein Erbarmen bitten!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Christus spricht:

Ich bin das Licht der Welt.

Wer mir nachfolgt,

der wird nicht wandeln in der Finsternis,

sondern wird das Licht des Lebens haben.

Ehre sei Gott in der Höhe!

 

Herr, guter Gott!

Wir danken dir,

dass du für uns einen Platz in deiner Gemeinde hast.

Sonntag für Sonntag und zu jeder Zeit.

Du selbst willst unser Licht sein.

Du selbst lebst in uns und wir durch dich.

Dafür danken wir.

Sei du auch bei uns,

wenn wir dieses Licht

manchmal vielleicht nur noch schwer zu erkennen scheinen.

Das bitten wir in Jesus Christus, deinem Sohn,

der mit dir und dem Hl. Geist

lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 8, Verse 5-13:

5 Als aber Jesus nach Kapernaum hineinging, trat ein Hauptmann zu ihm; der bat ihn

6 und sprach: Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen.

7 Jesus sprach zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen.

8 Der Hauptmann antwortete und sprach: Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund.

9 Denn auch ich bin ein Mensch, der einer Obrigkeit untersteht, und habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er; und zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!, so tut er’s.

10 Als das Jesus hörte, wunderte er sich und sprach zu denen, die ihm nachfolgten: Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden!

11 Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen;

12 aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen in die äußerste Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern.

13 Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast. Und sein Knecht wurde gesund zu derselben Stunde.

Halleluja! Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg. Halleluja!

 

Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Alttestamentliche Lesung: Aus dem Buch Rut, Kapitel 1, Verse 1-19a

(auch Predigttext)

1 Zu der Zeit, als die Richter richteten, entstand eine Hungersnot im Lande. Und ein Mann von Bethlehem in Juda zog aus ins Land der Moabiter, um dort als Fremdling zu wohnen, mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen.

2 Der hieß Elimelech und seine Frau Noomi und seine beiden Söhne Machlon und Kiljon; die waren Efratiter aus Bethlehem in Juda. Und als sie ins Land der Moabiter gekommen waren, blieben sie dort.

3 Und Elimelech, Noomis Mann, starb, und sie blieb übrig mit ihren beiden Söhnen.

4 Die nahmen sich moabitische Frauen; die eine hieß Orpa, die andere Rut. Und als sie ungefähr zehn Jahre dort gewohnt hatten,

5 starben auch die beiden, Machlon und Kiljon. Und die Frau blieb zurück ohne ihre beiden Söhne und ohne ihren Mann.

6 Da machte sie sich auf mit ihren beiden Schwiegertöchtern und zog aus dem Land der Moabiter wieder zurück; denn sie hatte erfahren im Moabiterland, dass der HERR sich seines Volkes angenommen und ihnen Brot gegeben hatte.

7 Und sie ging aus von dem Ort, wo sie gewesen war, und ihre beiden Schwiegertöchter mit ihr. Und als sie unterwegs waren, um ins Land Juda zurückzukehren,

8 sprach sie zu ihren beiden Schwiegertöchtern: Geht hin und kehrt um, eine jede ins Haus ihrer Mutter! Der HERR tue an euch Barmherzigkeit, wie ihr an den Toten und an mir getan habt.

9 Der HERR gebe euch, dass ihr Ruhe findet, eine jede in ihres Mannes Hause! Und sie küsste sie. Da erhoben sie ihre Stimme und weinten

10 und sprachen zu ihr: Wir wollen mit dir zu deinem Volk gehen.

11 Aber Noomi sprach: Kehrt um, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir gehen? Wie kann ich noch einmal Kinder in meinem Schoße haben, die eure Männer werden könnten?

12 Kehrt um, meine Töchter, und geht hin; denn ich bin nun zu alt, um wieder einem Mann zu gehören. Und wenn ich dächte: Ich habe noch Hoffnung!, und diese Nacht einem Mann gehörte und Söhne gebären würde,

13 wolltet ihr warten, bis sie groß würden? Wolltet ihr euch einschließen und keinem Mann gehören? Nicht doch, meine Töchter! Mein Los ist zu bitter für euch, denn des HERRN Hand hat mich getroffen.

14 Da erhoben sie ihre Stimme und weinten noch mehr. Und Orpa küsste ihre Schwiegermutter, Rut aber ließ nicht von ihr.

15 Sie aber sprach: Siehe, deine Schwägerin ist umgekehrt zu ihrem Volk und zu ihrem Gott; kehre auch du um, deiner Schwägerin nach.

16 Rut antwortete: Bedränge mich nicht, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.

17 Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der HERR tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.

18 Als sie nun sah, dass sie festen Sinnes war, mit ihr zu gehen, ließ sie ab, ihr zuzureden.

19 So gingen die beiden miteinander, bis sie nach Bethlehem kamen.

Amen.

 

Predigt

 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und von Jesus Christus, seinem Sohn, unserem Herrn. Amen.

 Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Eine Geschichte über die unglaubliche Kraft der Liebe haben wir gerade etwas weiter oben als heutige alttestamentliche Lesung und Predigttext lesen können. Eine Geschichte allerdings allerdings über eine andere, vielleicht sogar noch tiefere Liebe als die Menschen glauben, die zumindest besonders auf den Vers 16 des Textes schauen. Da heißt es – und das ist ein Satz, der mir als Trauspruch in sehr vielen Traugottesdiensten begegnet, da ihn sich verliebte Menschen gerne zusprechen – in  ganz bekannten Worten: „Wo du hingehst, da will auch ich hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch.“

In der Tat ja wirklich schöne Worte. Aber wenn ich bei solch einer kirchlichen Trauung dann meist zu Beginn meiner Predigt darüber – und ich kann es mir meist wirklich nicht verkneifen – die Braut darauf hinweise, dass das an dieser Stelle im Alten Testament eine Braut zu ihrer Schwiegermutter sagt, dann habe ich schon so manchen kurz verstörten Blick und eine heimlich spontan runterfallende Kinnlade gesehen. Glücklicherweise wohl nicht die in dem Moment betroffenen Schwiegermütter, denn die sitzen bei unseren Traugottesdiensten in der Kirche meist hinter dem Brautpaar. So habe es die beiden Heiratenden nämlich wohl eher nicht gemeint, als sie ihren Trauspruch aussuchten.

Aber bleiben wir deshalb heute bei dem, wie es denn gemeint ist. Schauen wir auf diese Geschichte. Tun wir das, dann entdecken wir heute eine Frau, die so unglaublich tief lieben kann wie wohl kaum eine andere. Noomi gehört für mich zu den faszinierendsten Frauen der gesamten Bibel. Ich kenne keine andere in der Bibel, die so sehr lieben kann. Machen wir uns einmal diese Frau und ihre Kraft zu lieben klar.

Ein Mann, Elimelech, zog wegen einer Hungersnot aus Juda in die Fremde. Er wollte Frau und Söhne besser versorgen können. Ein Neuanfang im Lande der Moabiter. Für ihn war  es vielleicht leicht, Arbeit zu finden. Und dadurch auch Bekannte, vielleicht sogar Freunde.

Für Noomi war es das nicht. Sie versorgte die Familie, allein in der Fremde. Sie kennt niemanden, wird zu Hause gebraucht. Für sie ist es nicht so leicht. Keine Frauenhilfe, kein Frauenkreis. Nein, ihre sozialen Kontakte waren ihr Mann und ihre Söhne. Noomi beschwert sich an keiner Stelle. Dann stirbt ihr Mann. Für sie bedeutete das unversorgt zu sein, auf ihre Söhne angewiesen zu sein. Auf ihre Söhne, die mittlerweile eigene Frauen haben. Sie müssen nun erst einmal für die eigenen Familien sorgen, dann erst für sie. Noomi beschwert sich an keiner Stelle. Sie wird dankbar für ihre Söhne gewesen sein. Aber die beiden, ihre Söhne, sterben auch. Nun ist sie allein, allein mit ihren Schwiegertöchtern, drei Witwen, wahrscheinlich auf Almosen der Menschen um sie herum angewiesen. So war das damals.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Ich schaue auf diese Frau. Den Mann hat sie verloren und ihre zwei Söhne. Ich denke an die Menschen, denen ich in meinem Dienst als Pfarrer begegnen durfte. Da waren Frauen, die ihren Mann verloren haben. Einige habe ich daran zerbrechen sehen. Ich habe Mütter – natürlich auch Väter – begleiten dürfen und müssen, denen ein Kind gestorben war. Ich erinnere mich an alte Frauen, die in das Grab ihres Sohnes geblickt haben. Ja, ich habe Menschen daran zerbrechen sehen. Und das wohl verständlicherweise!

Was macht Noomi? Sie zerbricht nicht, will es nicht, darf es nicht. Sie macht sich auf, zurück nach Hause, dorthin wo es zumindest wieder Brot geben soll, die Hungersnot also vorbei ist und sie selbst vor allem keine Fremde mehr ist. Und ganz selbstverständlich nimmt sie ihre Schwiegertöchter erst einmal mit. Sie gehören zu ihrem Leben, sind eine liebevolle und lebendige Brücke zu der Erinnerung an ihre Söhne.

Je weiter sie geht, desto mehr denkt sie nach. Sie ist allein, wird immer auf Almosen angewiesen bleiben. Sie wird ihre Schwiegertöchter aus eigener Kraft niemals so ernähren können, wie sie es ihnen selbst wünscht. Sie liebt diese beiden, die Orpa und die Rut. Sie liebt sie wie ihre Söhne. Aber sie weiß, dass sie ihnen niemals das Leben bieten kann, das sie den beiden wünscht. Und vor allem, nimmt sie diese beiden nun mit in ihr Land; dort werden die zwei jungen Frauen fremd sein. Junge, fremde Witwen – nein, das soll nicht ihr Leben sein. Noomi hat es selbst am eigenen Leib gespürt. Das sollen die beiden nun nicht auch erfahren müssen!

Noomi’s Liebe ist so groß, dass sie auf dem Weg anhält, sich ihnen zuwendet und ihnen etwas deutlich macht. Aus Liebe und in Gottes großer Barmherzigkeit möchte sie die beiden nun loslassen, damit die beiden in ihr eigenes Leben in ihren Familien in ihrer Heimat noch einmal zurückkehren. Sie wünscht ihnen sogar, dass sie noch einmal neu anfangen, jede mit einem anderen Mann. Sie gibt sogar im Namen ihrer verstorbenen Söhne diese beiden Frauen frei, indem sie ihnen einen neuen Anfang wünscht. Ich glaube fest, nur Menschen, die geradezu unglaublich und wirklich tief und von ganzem Herzen lieben können, bringen solch eine Kraft auf. Menschen aus Liebe loszulassen, wie schwer kann so etwas fallen!

Ich denke, viele von uns haben Erfahrungen damit, einen Menschen loszulassen. Und manchmal fällt es wirklich dort besonders schwer, wo wir selbst so sehr lieben!

Noomi kann das. Und ich möchte an dieser Stelle gar nicht ahnen, wie es wirklich in ihr ausgesehen hat. Allerdings an einer Stelle gibt uns Noomi selbst einen Einblick, was wohl gerade in ihr vorgegangen sein mag. In den Versen 8 und 9 tut sie es, wenn es da heißt:

„Der HERR tue an euch Barmherzigkeit, wie ihr an den Toten und an mir getan habt. Der HERR gebe euch, dass ihr Ruhe findet, eine jede in ihres Mannes Hause! Und sie küsste sie.“

Hier gibt sie zu, wie viel an Liebe, an Frieden, ja an Barmherzigkeit sie selbst durch ihre Schwiegertöchter erfahren hat. Ja, sie dankt ihnen sogar für die Liebe, die die beiden ihren Söhnen geschenkt haben. Sie schaut auf die inneren Verwundungen und die Trauer der Schwiegertöchter. Wünscht sich für die beiden, dass sie zur Ruhe kommen, einen Neuanfang schaffen. Und sie lässt sie ihre ganze Liebe spüren. Sie küsst sie! Es soll ein Abschiedskuss sein! Welch eine Liebe! Welch eine Frau!

Ja, Noomi wünscht den beiden ein glückliches Leben in neuen Familien in ihrer Heimat. Sie selbst aber muss zurück! Zurück, um überhaupt überleben zu können! Aber was passiert? Beide Schwiegertöchter wollen zunächst überhaupt nicht. Ihnen scheint es egal, ob sie bald als Fremde in einem ihnen unbekannten Land leben müssen. Ihnen scheint es egal, ob sie als Witwen in einem fremden Land höchstens als Last geduldet werden. Die Liebe, die sie empfangen haben, die Liebe, die sie selbst spüren, wehrt sich in ihnen zunächst. Nicht das Leben in Armut und Fremde scheint sie zu schrecken; nein, eher ein Leben ohne diese Liebe, die sie in ihrer bisherigen Familie leben durften erschreckt sie. Sie weinen und klagen laut, so tief sitzt der Schreck. Erst als Noomi ihnen noch einmal deutlich macht, was da alles auf sie zukommt, welches Leben da auf sie wartet, da werden sie frei, sich zu entscheiden.

Beide entscheiden sich wohl nicht spontan, sondern gut überlegt und deshalb auch richtig. Orpa nimmt den Rat Noomi’s an. Sie geht zurück. Sie tut es aus Liebe zu Noomi und zu sich selbst. Und diese Liebe bezeugt sie – ebenfalls durch einen Kuss! Sie hört auf ihre Schwiegermutter, weil sie weiß, dass sie es ehrlich meint und dass ihre Liebe deshalb – auch wenn sie dann nur noch aus der Entfernung und in den eigenen Erinnerungen gelebt werden kann – niemals aufhören wird. So wie sie aus Liebe losgelassen wird, so tut sie es auch.

Rut entscheidet sich anders. So deutlich wie Noomi ihr gesagt hat, was da alles auf sie wartet und dass es schwer werden wird, genau so deutlich und klar, sagt Rut, dass sie auf diese Liebe, die sie erfährt und die sie selbst wohl umgekehrt auch spürt und schenkt, niemals verzichten wird. Egal, was kommt, egal wo, ja selbst in den Tod und durch den Tod hindurch wird sie diese Liebe leben und keinesfalls darauf verzichten.

Noomi scheint beeindruckt, vielleicht sogar noch mehr. Sie scheint erleichtert! Denn am Ende in den Versen 18 und 19 heißt es nur sehr knapp:

„Als sie nun sah, dass sie festen Sinnes war, mit ihr zu gehen, ließ sie ab, ihr zuzureden. So gingen die beiden miteinander, bis sie nach Bethlehem kamen.“

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Noomi hätte jetzt noch einmal versuchen können, auch die Rut zur Rückkehr zu bewegen oder zu drängen. Sie hätte reden können, bis sie vielleicht tatsächlich gegangen wäre. Aber ich denke, aus zwei Gründen hat sie es eben nicht getan. Zum einen hätte sie bei weiteren Überredungsversuchen vielleicht eine Liebe unwiederbringlich zerstört oder zumindest beschädigt, weil sie die Rut vielleicht hätte enttäuschen müssen. Zum  anderen – und das glaube ich eher und ganz fest – wird sie in diesem Moment gespürt haben, wie gut es nicht nur tut zu lieben, sondern vor allem wie gut es auch tut, auch geliebt zu werden.

Noomi ist nicht allein. Sie wird geliebt. Da ist eine Geschichte, an der sie nicht zerbrechen oder die nicht abgelegt werden muss, sondern mitgetragen werden darf, weil sie zu ihrem Leben gehört. Rut erinnert sie daran und schenkt ihr neue Kraft!  Diese Liebe macht stark. Stark genug, um noch einmal neu anzufangen. Annehmen, was kommt! Das Leben als Geschenk jeden Tag neu annehmen. Es ist genau so kostbar wie die Liebe! „Liebe, und sag es durch dein Leben“, so wird es viel später Kirchenvater Augustinus und noch viel später Frère Roger im Kloster von Taizé einmal sagen. Noomi hat es vorgemacht! schon vor langer Zeit! Sie und ihre Schwiegertöchter! Drei wirklich starke Frauen!

Was werden wir uns von ihnen für uns selbst bewahren?

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Fürbittgebet

Wir beten!

Lasst uns beten für alle,

die Mangel leiden am Allernotwendigsten.

Wir bitten um Genesung unserer Kranken,

um eine neue Chance des Lebens für die Gescheiterten,

um Vertrauen und Energie für die Enttäuschten.

 

Lasst uns beten:

Die, die sich verloren glauben,

mögen neu auf Freundschaft und Zuneigung stoßen.

Die, die sich für unbegabt halten,

sollen ihren Wert durch uns erkennen.

 

Lasst uns beten für uns:

dass wir selbst das Gute tun,

dass wir die Wahrheit der Lüge vorziehen,

dass wir einander nicht im Stich lassen,

dass wir einander nicht verleumden oder verspotten,

dass wir geduldig und voller Hoffnung bleiben

auf eine gute und neue Zukunft mit Gott

und allen, die wir lieben!

 

Zu ihm, der unsere Fragen kennt,

bevor wir sie noch ausgesprochen haben,

beten wir auch jetzt in der Stille.

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –,

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger DunkelWeiterlesen

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Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum 2. Sonntag nach Epiphanias, 17. 01. 2021

Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Wochenspruch:

Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. (Joh 1,16)

 

 Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Aus Psalm 105

1 Danket dem HERRN und rufet an seinen Namen; verkündigt sein Tun unter den Völkern!

2 Singet ihm und spielet ihm, redet von allen seinen Wundern!

3 Rühmet seinen heiligen Namen; es freue sich das Herz derer, die den HERRN suchen!

4 Fraget nach dem HERRN und nach seiner Macht, suchet sein Antlitz allezeit!

5 Gedenket seiner Wunderwerke, die er getan hat, seiner Zeichen und der Urteile seines Mundes,

6 du Geschlecht Abrahams, seines Knechts, ihr Söhne Jakobs, seine Auserwählten!

7 Er ist der HERR, unser Gott, er richtet in aller Welt.

8 Er gedenkt ewiglich an seinen Bund, an das Wort, das er verheißen hat für tausend Geschlechter.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar

und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Herr, guter Gott und Vater!

Wie oft haben wir keine Augen mehr für deine Wunder!

Wir übersehen, was du für uns tust,

nehmen nicht wahr, dass du unter uns wirkst.

Mit uns selbst sind wir beschäftigt,

kämpfen um unsere eigene Macht,

statt dir die Ehre zu geben.

Wie oft lässt du uns deine Güte spüren,

und wir antworten,

indem wir uns immer gegen dich versündigen.

Herr, rechne du uns unsere Schuld nicht an.

Vergib, was auf uns lastet.

Stärke uns und höre,

wenn wir nun in der Stille zu dir beten

und dich um dein Erbarmen bitten!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

So spricht unser Gott:

Siehe, ich habe dir geboten,

dass du getrost und unverzagt seist.

Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht!

Ehre sei Gott in der Höhe!

 

Gott und Vater,

der du einen Bund mit uns Menschen geschlossen hast:

Erinnere dich an uns.

Schenke uns deine Nähe,

denn wir sind deine Kinder.

Gehe mit uns.

Lass uns spüren, dass du da bist;

lass durch uns andere deine Nähe spüren.

Das bitten wir in Jesus Christus, deinem Sohn,

der mit dir und dem Hl. Geist

lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Epistellesung: Aus dem 1. Korintherbrief, Kapitel 2, Verse 1-10:

1 Auch ich, meine Brüder und Schwestern, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten oder hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu predigen.

2 Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den Gekreuzigten.

3 Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern;

4 und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten der Weisheit, sondern im Erweis des Geistes und der Kraft,

5 auf dass euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.

6 Von Weisheit reden wir aber unter den Vollkommenen; doch nicht von einer Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen.

7 Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit,

8 die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt.

9 Sondern wir reden, wie geschrieben steht (Jesaja 64,3): »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.«

10 Uns aber hat es Gott offenbart durch den Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen Gottes.

Halleluja! Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg. Halleluja!

 

Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Johannesevangelium, Kapitel 2, Verse 1-11

(auch Predigttext)

1 Und am dritten Tage war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da.

2 Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen.

3 Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr.

4 Jesus spricht zu ihr: Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.

5 Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut.

6 Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maße.

7 Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan.

8 Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt’s dem Speisemeister! Und sie brachten’s ihm.

9 Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam – die Diener aber wussten’s, die das Wasser geschöpft hatten –, ruft der Speisemeister den Bräutigam

10 und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie trunken sind, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten.

11 Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat. Es geschah zu Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.

Amen.

 

Predigt

 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und von Jesus Christus, seinem Sohn, unserem Herrn. Amen.

 Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Erinnert ihr Euch noch daran, als wir uns sonntags im Gottesdienst treffen konnten? Was waren dabei eigentlich immer Eure Erwartungen?

Ich spekuliere einfach einmal. Da gibt es Menschen, für die war es bis vor einigen Monaten ganz normal sonntags in die Kirche zu gehen. Dieser Kirchgang gehörte zum Rhythmus der Woche. Andere haben sich immer darauf gefreut, andere Menschen, Nachbarn oder Freunde zu treffen. Da war das kurze Schwätzchen vor dem Gottesdienst oder auch danach auf dem gemeinsamen Nachhauseweg. Es gibt diejenigen, die sich immer auf die Stille in der Kirche gefreut haben, eine willkommene Abwechslung vom manchmal hektischen Alltag.

Vielleicht gibt es ja auch noch eine viel größere Erwartung? Ich denke nämlich:

Jemand, der in den Gottesdienst kommt, gibt die Hoffnung nicht auf. Er trägt eine Unruhe in sich. Er möchte sich mit dem Bestehenden nicht abfinden. Manche von uns wissen, dass Dinge zwischen Himmel und Erde geschehen, die liegen außerhalb der eigenen Schaffenskraft und des eigenen Einflusses. Und von Jüngeren weiß ich: manchmal warten einige auch auf so etwas wie ein Zeichen der himmlischen Macht und manchmal sogar auch auf ein Wunder. Ja, es gibt immer auch noch die, die gerade in dieser schwierigen Zeit, in der wir gerade leben oder besser: leben müssen, gerne in den Gottesdienst kommen würden, um auf eine Veränderung des eigenen Lebens und der eigenen Lebenssituation zu rechnen, vor allem aber zu hoffen.

In diese Situation hinein wird uns heute als Tagesevangelium eine Geschichte aus dem Johannesevangelium erzählt, in der von einem Zeichen, von einem Wunder die Rede ist, die Hochzeit von Kana. Wir haben sie etwas weiter oben schon lesen können.

 Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Die Hochzeit von Kana zählt bestimmt zu den bekannteren Geschichten aus der Bibel. Auch ich hab‘ sie schon sehr oft, z.B. im Kinder- und Familiengottesdienst, erzählt. Und ich war dann immer verblüfft, wie plausibel sie den Kindern erscheint. Dass Gottes Sohn Wasser zu Wein verwandeln kann, ist für die Kinder oft gar keine Frage. Gott kann alles. Und ein Wunder ist nur der Beweis dafür, fertig!

Leider ist es aber für uns rational denkende Erwachsene meistens leider nicht so einfach. Wir hören die Erzählung vielleicht eher wie ein Märchen, das irgendwie gar keinen Bezug zur Wirklichkeit hat und darum auch nicht so wichtig erscheint. Nicht wenige Theologinnen und Theologen haben sogar Schwierigkeiten mit solchen Wundergeschichten, weil sie das Missverständnis nahelegen, Jesus sei so etwas wie ein Zauberer gewesen. Ich höre so etwas auch oft in Stunden des Konfirmandenunterrichts, wenn wir über die Speisung der 5000 oder andere Wundergeschichten nachdenken.

Aber worum geht es in dieser Wundergeschichte eigentlich wirklich? Lassen Sie uns den Evangelisten Johannes befragen, der die Geschichte aufgeschrieben und in sein Buch des Glaubens eingefügt hat.

Johannes entwirft eine lebensfrohe Szene. Ein Fest ist im Gange, eine Hochzeit wird gefeiert. Jesus, seine Mutter und seine Jünger nehmen daran teil. Johannes will mit diesem Bild den Anfang, den Vorschein eines späteren großen Festes, an dem alle, die glauben, teilhaben werden, skizzieren.

Als der Wein ausgeht, bricht der Mangel aus. Das Fest, das ein Leben symbolisiert, das für Fülle, Verschwendung, aber auch für Zukunft und Hoffnung steht, droht zu scheitern. Jesu Mutter fühlt sich verantwortlich. Und sie macht ihren Sohn auf die Not aufmerksam. Sie traut ihm zu, dass er helfen kann, traut ihm zu, dass er ein Wunder vollbringen kann.

Aber Jesus weist sie mit schroffen Worten zurück. Es geht ihm überhaupt nicht um die Rettung einer Feier. Er lässt sich nicht vereinnahmen für die Zwecke anderer. „Meine Stunde ist noch nicht gekommen“ (V.4), so sagt er. Noch nicht!

Bei Johannes ist genau diese Stunde erst viel später. Für Johannes ist es die Todesstunde Jesu am Kreuz. In diesem Moment, dann erst wird die ganze Welt erkennen, dass Jesus Gottes Sohn ist, der das Heil und die Rettung bringt.

Hier jedoch ist es noch lange nicht soweit. Es wird noch viel geschehen bis dahin.

Jesu Mutter lässt sich aber nicht abschrecken. Sie geht einfach davon aus, dass Jesus schon helfen wird. Sie scheint sich gar nicht um das zu kümmern, was Jesus sagt, es scheint sie auch nicht besonders getroffen zu haben. Sie geht und bereitet die Diener auf alles Weitere vor, was mit Sicherheit geschehen wird.

Und Jesus handelt tatsächlich! Schon jetzt. Er ergreift die Initiative und befiehlt den Dienern, die Krüge mit Wasser zu füllen.

Für mich höre ich hier: auch die Menschen, auch wir Menschen müssen handeln. Die Gefäße müssen mit Wasser gefüllt werden, damit Jesus sie in Wein verwandeln kann. Wir dürfen etwas Kostbares für unser Leben erwarten, aber wir müssen uns auch darauf vorbereiten.

Das Wunder selbst wird dann gar nicht beschrieben.
Nur ein kleiner Satz sagt lapidar: Er, der Speisemeister, kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. Wie die Verwandlung geschieht, scheint nicht wichtig zu sein.

Dafür wird aber die öffentliche Wirkung umso größer herausgestellt: der verwandelte neue Wein ist viel besser als der, den es bis jetzt bei der Hochzeit gab. Der Bräutigam bekommt den Vorwurf zu hören, ihn absichtlich zurückgehalten zu haben. Logisch ist das allerdings alles nicht. Wozu hätte es denn gut sein sollen, die Gäste zum Schluss noch mit gutem Wein zu versorgen? Nein, es geht um die Größe des Wunders, es geht um die Größe dessen, der es vollbrachte. Es geht schließlich um den Glauben.

Und dann sagt Johannes: „Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat. Es geschah zu Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.“ (V.11)

Das erste Zeichen. Sieben werden es insgesamt sein, von denen Johannes in seinem Evangelium erzählt. Es beginnt mit der Verwandlung von Wasser zu Wein und wenn wir aufmerksam weiterlesen, wird es mit dem 7. und größten Wunder, der Auferweckung des Lazarus, enden.

 Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Alle Zeichen, alle Wunder haben bei Johannes nur einen einzigen Zweck: Sie offenbaren seine Herrlichkeit, die Herrlichkeit Jesu, der Gottes Sohn auf Erden ist. An ihnen erweist sich, dass Jesus der Sohn Gottes ist, der Messias. Und die Jünger glauben es. Bis jetzt nur sie! Später dann wird es die ganze Welt erkennen.

So erzählt es Johannes heute in unserem Tagesevangelium. Nicht auf das Wunder selbst sollen wir schauen, sondern auf das Zeichen, das damit verbunden ist. Wir sollen es richtig deuten.

Und das ist es, worauf wir warten, wenn wir in den Gottesdienst gehen bzw. wenn wir ihn jetzt vereinzelt an Küchen- oder Wohnzimmertischen feiern, weil wir ihn gerade lesen. Wir warten auf ein Zeichen der Hoffnung, auf das wir vertrauen können. Viele Menschen tun das gerade!

Es gibt ja auch viele Gründe, auf eine Wende zu hoffen. Genau so wie es gerade viele Gründe gibt, die uns Menschen hin-und hertreiben und unruhig machen: diese Welt ist anders geworden . Sie ist immer noch unfriedlich an so vielen Orten. Aber da ist auch das ganz Andere, das, was uns in unserem persönlichen Leben beschwert und ängstigt:

– da sind die Konflikte, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen,

– da stehen und schwierige Entscheidungen und Neuanfänge bevor.

–  da ist die Lebenskrise, die aussichtslos erscheint,

– und da ist eine Krankheit, die so vieles anders gemacht hat, die dafür sorgt, dass unser tägliches Leben und vielleicht sogar unsere eigene Lebensplanung und Zukunft anders gedacht und gelebt werden muss.

 Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Wir Christinnen und Christen rechnen manchmal mit dem Eingreifen der Macht zwischen Himmel und Erde. Wir rechnen manchmal mit einem Wunder. Nicht so, wie es die Mutter Jesu tut. Dass sich eine Notlage auf einmal wie durch Zauberei in Luft auflöst, wird selten passieren. Und es passiert auch jetzt in unsren Tagen nicht! Ein langer Atem ist und bleibt gefragt! Vieles scheint auf einmal unsicher!

Aber dass Jesus Christus, dass Gottes Sohn uns neue Hoffnung schenkt, dass er uns beisteht in allem, was uns beschwert und uns die Lebens- und die Glaubenskraft rauben will, das ist sicher! Darauf dürfen wir vertrauen, im Leben, sogar im Sterben. Wenn seine Stunde kommt, werden wir es alle erkennen.

Schon jetzt sehen wir deshalb mit offenen Augen und mit offenem Herzen  die Zeichen, schon jetzt offenbart Gott in Jesus Christus seine Herrlichkeit in dieser Welt, aller Welt zum Trotz. Und wie die Jünger können, dürfen und müssen wir daran glauben. Dadurch und dann wird sich unser Leben verändern, das ist gewiss. Wir werden weiter in Gottes Herrlichkeit leben dürfen! Worauf sonst hofft jemand, der einen Gottesdienst besucht? Worauf sonst sollten wir hoffen, wenn wir dieses hier gerade lesen und daran denken, dass wir es nicht allein tun? Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Fürbittgebet

In dir, Gott, ist Freude in allem Leid.

So denken wir vor dir an die Menschen,

die keinen Grund zur Freude sehen,

die von Kummer und Sorge erdrückt werden.

Richte sie auf, damit sie dein Heil sehen können.

 

Wir denken vor dir aber auch an die Menschen,

denen es gut geht, die sich freuen können

und die Lust am Leben haben.

Zeige ihnen den Weg,

dass auch sie dein Heil erreichen

und sich nicht verrennen.

 

Wir denken vor dir an alle Menschen,

der Verantwortung zu tragen haben.

Dass sie den Ernst ihrer Verantwortung erkennen

und die Last tragen können,

nach Fürsorge für andere im Kleinen wie im Großen zu trachten.

 

Wir denken vor dir an die Kirchen,

die dein Wort und dein Heil verkündigen

und die es nun an vielen Orten

so ganz anders tun müssen;

dass sie es so tun,

dass viele dennoch die Freude deines Heils

durch sie erleben können.

 

In dir ist Freude, guter Gott, in allem Leide.

Dir dürfen wir alles anvertrauen,

auch jetzt in der Stille.

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –,

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger DunkelWeiterlesen

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Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum 1. Sonntag nach Epiphanias, 10. 01. 2021

Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

Wochenspruch:

Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. (Röm 8,14)

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Aus Psalm 89

2 Ich will singen von der Gnade des HERRN ewiglich und seine Treue verkünden mit meinem Munde für und für;

3 denn ich sage: Auf ewig steht die Gnade fest; du gibst deiner Treue sicheren Grund im Himmel.

4 »Ich habe einen Bund geschlossen mit meinem Auserwählten, ich habe David, meinem Knechte, geschworen:

5 Ich will deinem Geschlecht festen Grund geben auf ewig und deinen Thron bauen für und für.«

27 Er wird mich nennen: Du bist mein Vater, mein Gott und der Hort meines Heils.

28 Und ich will ihn zum erstgeborenen Sohn machen, zum Höchsten unter den Königen auf Erden.

29 Ich will ihm ewiglich bewahren meine Gnade, und mein Bund soll ihm fest bleiben.

30 Ich will ihm ewiglich Nachkommen geben und seinen Thron erhalten, solange der Himmel währt.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar

und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

 

Tagesgebet

Wir sind oft ratlos,

und unsere heimlichen Ängste

gestehen wir uns oft nicht gerne ein.

So bleiben wir dir, Gott,

und unseren Mitmenschen

oft vieles schuldig.

Wir wehren uns und ziehen uns zurück,

wir geben uns gleichgültig,

andere werden uns egal.

Herr, ändere du uns.

Komm mit deiner Liebe,

komm und erbarme dich unser.

Stärke uns und höre,

wenn wir nun in der Stille zu dir beten

und dich um dein Erbarmen bitten!

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

Wer wir auch sind, Gott lässt sich mit uns ein.

Sein Licht will die Dunkelheit vertreiben,

die es unter uns gibt.

Denn so spricht Christus:

„Ich bin das Licht der Welt, wer mir nachfolgt,

der wird nicht wandeln in der Finsternis,

sondern wird das Licht des Lebens haben!

Ehre sei Gott in der Höhe!

Christus, du bist das Licht,

das den neuen Tag ankündigt.

Durch dich fällt Licht auf unsere Wege.

Lass uns die Zeichen deiner Nähe nicht übersehen –

sondern aufbrechen

in der Erwartung auf dein Heil,

für uns selbst und für die ganze Welt.

Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 3, Verse 13-17:

13 Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe.

14 Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir?

15 Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt zu! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er’s ihm zu.

16 Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen.

17 Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

Halleluja! Erschienen ist die heilsame Gnade Gottes in Christus Jesus. Halleluja!

 

Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Epistellesung: Aus dem Römerbrief, Kapitel 12, Verse 1-8:

(auch Predigttext)

1 Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.

2 Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

3 Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt, sondern dass er maßvoll von sich halte, wie Gott einem jeden zugeteilt hat das Maß des Glaubens.

Amen.

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und von Jesus Christus, seinem Sohn, unserem Herrn. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Drei Verse – drei programmatische Sätze – aus dem Römerbrief haben wir gerade als Epistellesung für den heutigen Sonntag oben lesen können. Drei Verse – sie sind wie drei Spiegel, die der Apostel Paulus uns hier vorhält. Genau so wie er es vor langer Zeit schon einmal getan hat, nämlich den Christinnen und Christen in Rom.

Rom war damals wie heute Weltstadt, als Paulus seinen Brief schrieb. Rom war die Hauptstadt des römischen Reiches, ein Zentrum der Macht und der Pracht, der Verwaltung und des Rechts! Gleichzeitig war Rom aber auch eine üble Stadt voller Korruption, Leichtsinn und Gewalt. Unser Sprichwort „Zustände wie im alten Rom“ spricht da für sich! Die Reichen und die Mächtigen überboten sich mit verschwenderischen Gelagen. Die Massen strömten in die Arena, unterhielten sich mit blutigen Gladiatorenkämpfen. Tote, Morde bis hoch ins Herrscherhaus gehörten zum Alltag der Römer wie für uns heute die Toten und das Töten im Fernsehen.

Stellt euch nicht dieser Welt gleich! (V.2) – Paulus mahnt. Er mahnt, weil er eine Gefahr spürt. Die Gefahr, dass Gottes Menschwerdung falsch verstanden wird. Die Gefahr, dass alle Welt Gott am Werke in dieser Welt glaubt und so jeder die eigenen Hände in den Schoß legen könne. Und in der Tat: ist es nicht so, dass wir gerade in den letzten Weihnachtstagen Gottes Menschwerdung gefeiert haben. Dass wir uns immer und immer wieder klar gemacht haben, dass Gott uns nahe ist, dass er kommt, um diese Welt zu heilen – eine Welt, die es gerade so sehr braucht! Liegt darin aber nicht auch die Gefahr, die eigene Ohnmacht hinter diesem Kind in der Krippe zu verstecken.

Der liebe Gott ist da, jetzt wird er’s schon richten. Und dann lassen wir diese Welt, die Verhältnisse in dieser Welt einfach so weiterfließen. Wir sehen, wie sich alles um uns herum verändert. Wir spüren unsere Unruhe, unsere Sorgen wachsen; Traurigkeit und Resignation will sich in vielen Menschen breit machen. Und dann hoffen wir doch, dass irgendwie alles an uns verbeigeht, möglichst alles wieder so wird wie es immer war.

Stellt euch nicht dieser Welt gleich! (V.2) – sagt Paulus. In Jesus selbst sehen wir deutlich, was Paulus meint. Vorhin haben wir die Geschichte seiner Taufe etwas weiter oben lesen können. Auch sie ist erst einmal eine Geschichte der Gleichstellung Jesu mit dieser Welt, mit uns Menschen. Jesus kommt und lässt sich taufen, er weist sich als einen Menschen aus, der der Fürsorge Gottes bedarf. Den Johannes verwundert das: „Du kommst zu mir?“ fragt er. „Lass es also jetzt geschehen!“ sagt Jesus. Offensichtlich liegt für Gott, liegt für Jesus sehr viel in der Gleichstellung mit der Welt, mit den Menschen in der Welt. Als Mensch unter Menschen will er da sein. Und doch. Er stellte sich damit nicht dieser Welt gleich. Er hat nicht alles hingenommen. Er hat uns gezeigt, wie wichtig Einfühlung, wie wichtig Nähe und Liebe sind. Immer da, wo Menschen auf ihn trafen, seiner Hilfe und Zuwendung bedurften, da hat er sich ihnen nicht verweigert.

Aber überall da, wo es dann ebenso nötig war, sich gegen diese Welt zu stellen, da hat er es getan. In vielen Auseinandersetzungen, in der Anwendungen von Gesetzen und Geboten. Überall da hat er sich nicht nur Freunde gemacht. Nein, er hat sich damit auch Neider und Feinde geschaffen, die ihn bis ans Kreuz brachten. Und selbst da ist er nicht der Welt gleich geblieben. Sondern er hat aus dem Schandmal des Kreuzes ein Zeichen der Liebe Gottes gemacht.

Stellt euch nicht dieser Welt gleich! (V.2) – das hieß für Jesus und auch für Paulus: Lebt! Lebt so, dass Menschen menschlicher werden und menschlicher miteinander umgehen. Stellt euch nicht dieser Welt gleich, die dies verhindern möchte. Lasst es nicht zu, dass die Unmenschlichkeit die Liebe erdrückt und dass für viele unerträglich wird, was allen Menschen mit der Menschwerdung Gottes verheißen ist: Liebe und Leben in Fülle.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

So etwas heutzutage ernst zu nehmen, so etwas zu leben, nämlich menschlich zu bleiben und vor allem auch menschlich zu denken und sich nicht schon allein gedanklich verführen zu lassen, das ist eine wirklich nicht einfache Aufgabe – gerade in dieser Zeit, wo so viele geradezu dummschwätzerisch daherkommen! Und wir alle, die wir hier sitzen und natürlich auch alle anderen sind zu nicht weniger als genau dazu gerufen, uns eben nicht davon verführen zu lassen!

Um in diesen ersten Spiegel blicken zu können und sich selbst zu erkennen, stellt Paulus noch zwei andere Spiegel daneben.

„…, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei.“ (V.1) Das klingt gewaltig, aber Paulus ist eben auch ein gewaltiger Redner, zumindest manchmal. Gemeint ist es ganz einfach. „Lebt ihr eigentlich so, dass allen Menschen die Liebe Gottes spürbar wird, dass Leben in Fülle, das Gott verheißt, auch allen möglich wird? Ist eure Art zu leben solch ein Gottesdienst?“ – so will uns Paulus anreden.

Aber dies ist keine Anfrage an uns, ob wir genügend fromme Sprüche kennen, mit denen wir in dieser Welt alles zu entschuldigen gewohnt sind und die oft dazu dienen, uns aus dem heraushalten zu können, worauf uns Gott eigentlich mit der Nase schubst. Dies ist auch keine Anfrage an uns, ob wir uns in gemeinsamen Gebeten nur selbst aufbauen, Gott alles anvertrauen, um uns selbst zu befreien, damit er anschließend alles wandeln kann. Nein: Paulus fragt nach unserem Einsatz – nach unserem Einsatz, auch zu leben, was wir glauben, und wozu wir berufen sind.

Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir uns dann mindestens zwei weitere Fragen stellen lassen oder uns selbst stellen: Was glauben wir? Was glauben wir eigentlich? Glauben wir, dass Gott in dieser Welt ist? Glauben wir, dass diese Welt in seinen Händen geborgen ist? Glauben wir, dass die Ungerechtigkeit, die Gewalt, das Elend dieser Welt zum Himmel schreit und Gott erreicht, täglich und immer und immer wieder? Glauben wir vielleicht sogar, dass Gott an seiner Schöpfung leidet, traurig ist über die Zustände dessen, was er so gut gedacht hat? Wie verwundet mag seine Liebe sein? Was, liebe Schwestern und Brüder – was glauben wir eigentlich?

Und die andere Frage: Wozu sind wir berufen? Zu Duckmäusern, die nur sich selbst wichtig sind? Zu den berühmten drei Affen, die nichts sehen, nichts hören und schon gar nichts sagen?  Zu Christinnen und Christen, die sich die Nachfolge Christi auf die eigenen Fahnen heften, und sich dann doch ewig im gleichen Kreis drehen? Hat Gott uns dazu berufen? – Nein! Und nochmals nein!

Er hat seine ganze Liebe gegeben, seinen Sohn, in diese Welt, damit wir eben nicht verzweifeln und resignieren, niemals. Er hat uns seinen Sohn zur Seite gestellt, weil er uns zutraut, dass wir an der Seite dieses Sohnes bleiben. Gerade in dieser schwierigen Zeit, die uns nun schon so lange auch bedrückt, traut er uns das zu!

Aber auch in dieser Zeit dürfen wir eines niemals vergessen: Gott will in dieser Welt nichts alleine tun. Er will alles durch uns und mit uns tun. Gottes schöpferische Kraft soll einhergehen mit unserer Einsicht, dass wir Menschen geschaffen sind, als Schwestern und Brüder in dieser einen Welt zu leben. Es gibt keine andere, für uns nicht und für Gott auch nicht. Er will es durch uns tun – er will durch seinen Sohn und durch uns, die Menschlichkeit über jede Unmenschlichkeit setzen, die Liebe über jeden Hass, die Gerechtigkeit über jede Ungerechtigkeit, seinen Frieden über jede Form von Gewalt, seine Hoffnung soll zu unserer Hoffnung werden gegen jede Hoffnungslosigkeit, gegen jeden Zweifel, gegen jede schleichende Resignation! Dabei mitzuwirken, dazu sind wir gerufen. Zu mehr nicht, aber auch nicht zu weniger! Und das ist wieder einmal eine schwere Aufgabe heute für jede und jeden von uns – aber genau dazu sind wir berufen.

Und damit sind wir beim dritten Spiegel, in den wir dabei schauen sollen.

Niemand soll mehr von sich halten, „… als sich’s gebührt, sondern dass er maßvoll von sich halte, wie Gott einem jeden zugeteilt hat das Maß des Glaubens.“ (V.3)

Einfach gesagt: Natürlich seid ihr alle berufen, Gottes Liebe in dieser Welt leben zu lassen, euch Leben zu ermöglichen. Aber denkt daran: Ihr müsst euch dabei nicht zu weit aus dem Fenster hängen. Große Sprüche, leere Versprechungen sind nicht gefragt. In der Nachfolge zu leben heißt auch niemals, sich eine Plattform für ein eigenes Denkmal zu schaffen. Selbst das Leben oder das Engagement in einer Gemeinde bedeutet nicht, sich immer in vorderster Linie aufzuhalten, um ja auch gesehen zu werden. Es bedeutet aber auch nicht, sich immer freiwillig hinten anzustellen, um die eigenen Talente möglichst ja nicht einzubringen. Tut, was euch möglich ist, aber tut es! Ihr, die ihr euch ständig überfordert, macht langsam, und guckt, ob ihr selbst keinen erdrückt. Und ihr, die ihr langsam macht, aber schneller könntet, traut euch. Und ihr werdet merken, wie ihr anderen damit helfen könnt.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Egal, wo wir selbst uns auf dieser Linie einreihen, Gott selbst hat sein Vertrauen in uns gelegt. Er will, dass wir diesen Glauben, den er in uns gelegt hat, auch leben – jede und jeder so wie es eben möglich ist. Gott hat uns den Glauben nicht gegeben, damit wir ihn für uns behalten. Dann hätte er seinen Sohn nicht zu uns gegeben. Dann hätte er ihn auch bei sich selbst behalten. Gott hat uns den Glauben gegeben, damit wir ihn verschenken und so wachsen lassen, damit die Liebe unter uns wachsen kann. Und sie wird es, wenn wir es endlich wagen, uns nicht dieser Welt gleichzustellen, weil wir unser Leben als vernünftigen Gottesdienst begreifen und uns dabei sogar noch in der Kunst üben, darin maßvoll und uns selbst treu zu bleiben. Welch ein Vertrauen Gott in uns hat, welch eine Liebe!

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Fürbittgebet

Wir beten:

Herr, du Licht der Welt.

Lass uns achtgeben auf die Menschen,

die unsere Hilfe brauchen.

Wir bitten dich um Frieden für diese Welt.

Lass uns nicht teilnahmslos dabeistehen,

wenn Unrecht geschieht.

Gib, daß wir auch die kleinen Schritte zum Frieden

nicht verachten, sondern gehen.

Wir bitten dich für die Menschen,

die Finsternis in ihrem Leben erfahren:

für die Einsamen und Kranken,

für die Enttäuschten und Verbitterten,

für die Einheimischen und Fremden,

für alle, die sich selbst im Wege stehen

und ihre Hoffnungen längst begraben haben.

Herr, dein Licht wird sich ausbreiten.

Lass es auch unter uns hell werden.

Hilf, daß wir unser eigenes Licht

nicht unter den Scheffel stellen.

Und mach uns zu Boten deiner Liebe in dieser Welt.

Dir dürfen wir alles anvertrauen,

auch jetzt in der Stille.

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –,

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

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Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum 2. Sonntag nach dem Christfest, 03. 01. 2021

Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Wochenspruch:

Und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. (Joh 1,14b)

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Psalm 100

1 Jauchzet dem HERRN, alle Welt!

2 Dienet dem HERRN mit Freuden, kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken!

3 Erkennet, dass der HERR Gott ist! Er hat uns gemacht und nicht wir selbst zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide.

4 Gehet zu seinen Toren ein mit Danken, / zu seinen Vorhöfen mit Loben; danket ihm, lobet seinen Namen!

5 Denn der HERR ist freundlich, / und seine Gnade währet ewig und seine Wahrheit für und für.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar

und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Guter Gott und Vater!

Du gehst mit uns in ein neues Jahr!

Mit dir sehen wir weit.

Doch so vieles bleibt unklar!

Wir hoffen und merken doch,

wie der Mut uns schwindet!

Wir wollen Neues,

aber fragen jetzt schon, wie es wohl werden wird.

Wir sehnen und nach Sicherheit,

aber leben in unsicheren Zeiten!

Herr, nimm uns unsere Kleingläubigkeit!

Stärke uns und höre,

wenn wir nun in der Stille zu dir beten

und dich um dein Erbarmen bitten!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit

als des eingeborenen Sohnes vom Vater,

voller Gnade und Wahrheit.

Dir guter Gott sagen wir Lob und Dank!

Ehre sei Gott in der Höhe!

 

Gnädiger Gott!

Du hast dein Volk Israel nie alleingelassen,

auch nicht auf schweren Wegen!

Auch wir stehen in deiner Nachfolge,

sind auf dem Weg in ein neues Jahr!

Lass uns vertrauen auf deine gute Führung,

auf deine Nähe und Liebe,

in der wir uns geborgen wissen dürfen.

Das bitten wir in Jesus Christus, deinem Sohn,

der mit dir und dem Heiligen Geist

lebt und regiert

von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Epistellesung: Aus dem 1. Johannesbrief, Kapitel 5, Verse 11-13:

11 Und das ist das Zeugnis, dass uns Gott das ewige Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn.

12 Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht.

13 Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, euch, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes.

Halleluja! Jauchzt dem Herrn alle Welt! Dient dem Herrn mit Freuden!  Halleluja!

 

Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Lukasevangelium, Kapitel 1, Verse 41-52:

(auch Predigttext)

41 Und seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest.

42 Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes.

43 Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem, und seine Eltern wussten’s nicht.

44 Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten.

45 Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn.

46 Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte.

47 Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten.

48 Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Kind, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.

49 Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?

50 Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte.

51 Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen gehorsam. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen.

52 Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.

Amen.

 

Predigt

 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und von Jesus Christus, seinem Sohn, unserem Herrn. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Ich weiß nicht, wie es Euch geht. Aber vielleicht teilen Ihr mit mir ja eine Erfahrung. Manchmal blättere ich zu Hause alte Fotoalben durch. Und dann fällt mir auf: Aus der Zeit als die Kinder noch ganz klein waren, vor allem bei dem ersten Kind, da haben wir unendlich viele Bilder. Je größer die Kinder werden, desto lückenhafter wurden die Alben. Der  erste Tag zu Hause, das erste Heben des Köpfchens, der erste Schritt ins Leben, alles wurde fotografiert und auch gefilmt. Der erste Schultag. Heute bebildern wir unseren Alltag eigentlich nur noch ganz selten.

Merkwürdig – wie ganz anders sind die überlieferten Bilder von Jesus, dem Sohn der Maria und des Josephs. Von Jesus haben wir eine Fülle von Überlieferungen, Erinnerungen, geistigen Bildern gerade aus seinen beiden letzten Lebensjahren, wenn auch keine Fotos. Aus Jesu Kindheit und Jugend dagegen – haben wir kaum etwas an Überlieferungen. Ganz sicher hat das auch damit zu tun, dass Jesus eben erst als ein Mann von etwa 30 Jahren aus dem Schatten seiner Familie tritt. Erst dann wurde er eigentlich bekannt. Auch erst von da ab gibt es eigentlich auseinandersetzungsfähige Bilder und Überlieferungen.

So ist es nur zu verständlich, dass Menschen auch immer wieder hinter diese letzten Lebensjahre Jesu zurückgefragt haben, etwa: wie ist dieser Mensch eigentlich so geworden? Wer und was hat ihn eigentlich geprägt? So kam es schließlich, dass den letzten beiden Lebensjahren Jesu Episoden von seinen Anfängen vorgeschaltet wurden. Spärlich zwar und auch nur bei Matthäus und Lukas. Als bedeutendstes Bild das seiner Geburt im Stall, ein Bild vom Anfang seines Weges, der Besuch der Hirten und Weisen, die Kindheitsbegegnung mit Simeon und Hanna und schließlich sein Asylantenschicksal, das Schicksal der Familie, die wieder nach Ägypten fliehen muss, um dem Massaker des Herodes zu entgehen. Alles Bilder aus seiner frühen Kindheit.

Tja, und dann? Dann kommt eine Zeitlang nichts. Zwölf Jahre lang – bis zu der Geschichte, die uns heute als Predigttext begleitet, der Geschichte von dem jungen 12jährigen Jesus da im Tempel von Jerusalem. Wir haben sie gerade etwas weiter oben als Tagesevangelium aus dem 2. Kapitel des Lukasevangeliums gelesen (Verse 41-52).

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Erfreulicherweise ist das einmal eine Erzählung ohne besonderen Tiefgang. Bitte verstehen sie mich nicht falsch. Es ist gut und nötig, bei vielen Worten und Erzählungen Jesu genau hinzuhören und sich hineinzuhören. Hier aber begegnet uns einfach einmal eine Episode, die wir hören und an der wir uns freuen, über die wir staunen oder vielleicht sogar auch den Kopf schütteln dürfen. Ich selbst höre und lese diese Geschichte sehr gerne. Ich tue das, weil ich einige bemerkenswerte Dinge darin finde. Und ich möchte nicht mehr tun, als Euch diese kurz zu beschreiben.

Jesus, seine Eltern und Verwandten zieht es zu einem religiösen Fest nach Jerusalem. Ihr Marsch, wenn man sich die Landkarte betrachtet, war etwa 110 km weit – zu Fuß, freiwillig. Wer von uns nähme eigentlich solch eine Strapaze auf sich, allein für ein religiöses Fest? Es müsste schon ein ganz besonderes Ereignis sein. Ich wüsste niemanden, der so etwas tut. Bad Kreuznach scheint heute von Winzenheim aus manchmal schon zu weit. Ich bin auch mal gespannt, wie wir uns in den kommenden Jahren zwischen Langenlonsheim, Bretzenheim und Winzenheim hin und her bewegen. Das sind nicht gerade 110 km, sondern nur sechs, höchstens acht Kilometer!

In unserer Geschichte beklagt sich niemand über müde Füße oder über Durst. Die Reise ist ganz vom Ziel bestimmt, vom Passahfest des jüdischen Volkes. Dieses Fest führt jung und alt in Jerusalem zusammen. Die Erinnerung eines Volkes, aus denen die Menschen sowohl Kraft für die Gegenwart als auch für die Zukunft ihrer Kinder schöpften. Der Befreiung des Gottesvolkes aus der Knechtschaft Ägyptens zur Zeit des Moses, so glauben sie, dieser Befreiung wird bald die Befreiung aller Geknechteten auf Erden folgen. Diese Hoffnung und dieses Vertrauen sind die Grundkräfte, die das Passahfest in seinen Liedern, seinen Farben und Zeichen bestimmen. Diese Hoffnung und dieses Vertrauen machte die Füße vieler Menschen leicht, um lange wandern zu können. Dieser Glaube machte ihnen buchstäblich Beine. Und hierin, in diesem alten Glauben, ist auch Jesus zu Hause. Das ist von Kindheit an seine gedankliche Heimat.

Nach dem Fest da ziehen sie dann schließlich ganz selbstverständlich wieder zurück. Nur der Zwölfjährige bleibt im Tempel, ohne Wissen seiner Eltern. Die bemerken sein Fehlen erst nach dreißig bis vierzig Kilometern, nach einer Tagesreise. Kann es sein, dass wir hier ganz unmittelbar mit den Eltern fühlen? Alle, die Kinder haben, ahnen den Schrecken von Maria und Joseph! Mit ihnen eilen wir gedanklich den Weg nach Jerusalem zurück. Wie groß wäre unser Schrecken, eines unserer Kinder so zu verlieren? Und dann kommt die Suche nach dem Jungen. Drei Tage lang. Jeder heute würde nach drei Tagen ganz unwillkürlich an ein Verbrechen denken, so weit ist es mit uns gekommen. Zuviel Schreckliches haben wir gerade beim Verschwinden von Kindern erleben müssen. Wie tief wird der Schrecken bei Maria gesessen haben, bei Joseph? Vielleicht haben sie ja auch so gedacht!

Endlich, dann finden sie ihn – nach drei Tagen – in der Synagoge, lebend. Er wird ihnen gleichsam wiedergeschenkt. Und dieses Kind, dieser Knirps, was macht er? Er äußert sich ganz anders als die Eltern es erwarten. Er ist überhaupt nicht besorgt. Er weiß sich geborgen, er weiß sich im Hause seines Vaters. Dieses Kind, hat sich vom Gespräch der Weisen einfangen lassen, es stellt seine Fragen. Und er wird offensichtlich ernst genommen, wenn auch mit Verwunderung! Aber man lässt diesen zwölfjährigen Jesus reden, ja man redet sogar mit ihm. Die Grenze zwischen Jung und Alt zählt plötzlich nicht mehr. Diese kleine Tempelszene bleibt immer noch einer meiner Gemeindeträume. Junge und Alte begegnen einander, lassen sich ausreden, hören aufeinander, lernen voneinander. Nehmen sich in aller Sympathie ernst und staunen übereinander – die Jungen über die Weisheit des Alters, die Alten über die Phantasie und Visionen der Jugend. Wie gesagt – oft ein Traum, noch!

Aber da ist auch noch etwas anderes, was mich bewegt. Für einen kurzen Moment, nämlich in seiner Antwort, bricht Jesus aus seiner eigenen Kindheit aus. Er präsentiert sich in dem, was er sagt, schon als der Christus, als der er einmal verherrlicht werden wird. Da spricht plötzlich kein Kind, da spricht der Gottessohn – der, der seine Mutter und seinen Vater noch einmal ganz deutlich auf den Anfang seines irdischen Lebens verweist. Plötzlich wird Maria und Joseph der Engel wieder eingefallen sein, seine Ankündigung, die merkwürdigen Umstände bei der Geburt ihres Kindes, die Worte der Hirten und die Anbetung der Könige. Sie werden sich plötzlich – vielleicht sogar schmerzhaft – daran erinnert haben, dass dieses Kind nicht ihnen gehört, sondern dass sich Gott selbst in diesem Kind offenbaren möchte.

Maria und Joseph bleiben erstaunlich ruhig. „Warum hast du uns das angetan?“ fragt Maria. Joseph sagt – wieder einmal – gar nichts, wie schon bei der Geburt. Und nach der merkwürdigen Antwort Jesu „Warum habt ihr mich gesucht?“ (V.49) heißt es in der Bibel: „Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen gesagt hatte.“ (V.50)

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Distanz ist auf einmal da, eine ganz eigenartige Fremdheit. Passiert uns genau das nicht auch manchmal? Dass wir nicht immer alles verstehen! Manchmal, ja oft sogar verstehen wir Dinge, Situationen und auch zu uns gesagte Sätze erst in der Rückschau auf bestimmte Ereignisse.

Ja, ich glaube wirklich, Maria und Joseph verstehen Jesus in diesem Moment tatsächlich nicht. Wie sollten sie auch diese Distanz zu ihrem eigenen Sohn verstehen und annehmen können? Er war doch noch ein Kind, ihr Kind, oder? Aber durfte er das wirklich – Kind sein? Ich glaube ja! Schließlich erfahren wir – abgesehen von seinem ersten Lebensjahr – elf Jahre lang eigentlich gar nichts. Da war Jesus wohl Kind.

Und auch hier, ist seine Zeit, von der Familie Abschied zu nehmen, noch nicht gekommen. Er ging mit ihnen zurück nach Nazareth lesen wir, ja er war ihnen untertan, heißt es in der Bibel. Das heißt: er lebte so in der Familie, wie es sich für Kinder eben gehörte. Doch ich glaube fest, in Maria hat sich an diesem Tag da im Jerusalemer Tempel wieder etwas verändert. Sie wird wieder einmal gespürt haben, wie schon in der Nacht im Stall von Bethlehem, dass sie ihren Sohn wohl ganz besonders loslassen muss. Sie wird gespürt haben, wie energisch dieser zwölfjährige Junge jetzt schon seine eigenen Wege gehen könnte, wenn er wirklich wollte. Eigentlich wird sich Maria jetzt schon von ihrem Sohn zu verabschieden haben. Ich spüre förmlich, wie die Gedanken in ihrem Kopf kreisten, wenn es in der Bibel so einfach heißt: „Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen.“ (V. 51) Welche Worte meiner Kinder habe ich eigentlich in mir aufbewahrt? Welche Worte eurer Kinder habt ihr, liebe Schwestern und Brüder, für immer in Euch aufbewahrt?

Maria hat gemerkt, dass ihr kleiner Junge nicht nur in einer Verwandtschaft zu Hause ist, in einer Familie. Nein, dieser Junge lebt gleichzeitig in einer ganz intensiven Gottesbeziehung. Und sie wird das gedacht haben, wovor wir uns manchmal fürchten, weil es wohl wahr ist: Unsere Kinder sind nicht einfach nur unsere Kinder! Wir besitzen sie nicht! Das Zuhause, das wir ihnen bieten, ist niemals gleichzusetzen mit der Heimat, in die Gott uns und unsere Kinder gerufen hat. Loslassen können, Vertrauen haben, sich Ängste eingestehen – liebe Schwestern und Brüder, es lohnt sich, diese kleine Episode aufmerksam zu lesen! Ich glaube, sie hat viel mehr mit unserem eigenen Leben zu tun, als wir ahnen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Fürbittgebet

Herr, guter Gott und Vater!

Wir freuen uns auf ein neues Jahr mit dir.

Wir danken dir, dass du bei uns bist und uns begleitest.

Du schenkst uns Zeit

– Zeit zum Leben, Zeit zum Lieben,

Zeit mir dir.

Gib, dass wir dieses Geschenk aus deiner Hand

niemals sinnlos vergeuden,

sondern immer wieder neu spüren,

wie gut du es mit uns meinst!

Gib, dass wir dieses Geschenk

auch immer wieder neu,

mit anderen zu teilen lernen,

so wie wir selbst auch immer wieder

beschenkte sein dürfen.

Halte uns zusammen,

wenn wir leben, lieben und gemeinsam vor dir stehen.

Und lass uns dankbar bleiben,

selbst wenn uns das Herz einmal schwer wird.

In dir wissen wir uns geborgen.

Dir dürfen wir alles anvertrauen,

auch jetzt in der Stille.

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

 

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –,

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger DunkelWeiterlesen

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Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum Altjahresabend, 31. 12. 2020

Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Spruch in den Abend:

Meine Zeit steht in deinen Händen. (Ps 31,16a)

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangspsalm: Aus Psalm 121

In den letzten Stunden eines zu Ende gehenden Jahres merken wir,

wie die Zeit dahingeht.

Die Zeit, die zurückliegt, Herr,

legen wir vertrauensvoll in deine Hände.

Alles, was wir sagten, alles, was wir taten,

stellen wir unter Worte eines alten Psalms:

 

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.

Woher kommt mir Hilfe?

Meine Hilfe kommt vom HERRN,

der Himmel und Erde gemacht hat.

Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen,

und der dich behütet, schläft nicht.

Der HERR behüte dich vor allem Übel,

er behüte deine Seele.

Der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang

von nun an bis in Ewigkeit!

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar

und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Gott aller Zeit und aller Zeiten,

am Ende eines Jahres stellt sich uns die Frage

nach dem, was geschehen ist.

Was ist uns passiert? Was haben wir getan?

Es war so unverhofft anders.

Es war hart, es war schmerzvoll –

für so viele Menschen

Erinnern wir uns auch daran,

Was es Schönes gebracht hat?

Oder ist das alles zugedeckt?

Gott, wir bringen all unsere dunklen Gefühle und Gewohnheiten zu dir.

Unsere Verletzungen, unsere Traurigkeiten.

Wir bringen zu dir unsere Unbedachtheiten

und unseren Zorn,

unsere Ungeduld und unseren Hass.

Wir bringen zu dir unseren Argwohn und unseren Hochmut,

unsere Trägheit und das leidige Gewohnheitsdenken.

Wir stehen vor dir, Gott,

und unsere verlebte Zeit klagt uns an.

Wir bekennen, dass wir schuldig geworden sind.

Wir bitten dich um Vergebung für das, was wir getan

und für das, was wir unterlassen haben.

Schenke uns Zeit aus deiner Ewigkeit!

In der Stille wollen wir,

eine jede und ein jeder für sich, dir anvertrauen,

was uns noch als Last auf der Seele liegt.

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Was gewesen ist,

brauchen wir nicht zu vergessen

und nicht zu verleugnen.

Wir wollen es bewahren als Erfahrung

und als Hilfe für die Zukunft

und daran denken,

was Gott uns verheißt:

Siehe, ich habe meinen Engeln befohlen,

dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen

und dass sie dich auf den Händen tragen

und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.

Ehre sei Gott in der Höhe!

 

Guter Gott und Vater,

du rufst uns zu dir,

unablässig, zu jeder Zeit.

In deinem Hause sind wir Gäste.

Ja, mehr noch: wir sind deine Freunde.

Wir alle haben Wohnrecht bei dir,

deine Tür bleibt uns allen offen,

solange wir leben

und auch danach in Ewigkeit.

Dies war so,

in der Zeit, die hinter uns liegt,

dies bleibt für die Zukunft,

die du uns eröffnest.

Dafür danken wir dir.

In Jesu Namen. Amen.

Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 13, Verse 24-30:

24 Er legte ihnen ein anderes Gleichnis vor und sprach: Das Himmelreich gleicht einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte.

25 Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon.

26 Als nun die Halme wuchsen und Frucht brachten, da fand sich auch das Unkraut.

27 Da traten die Knechte des Hausherrn hinzu und sprachen zu ihm: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut?

28 Er sprach zu ihnen: Das hat ein Feind getan. Da sprachen die Knechte: Willst du also, dass wir hingehen und es ausjäten?

29 Er sprach: Nein, auf dass ihr nicht zugleich den Weizen mit ausrauft, wenn ihr das Unkraut ausjätet.

30 Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte; und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt in meine Scheune.

Halleluja! Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen in Jesus Christus! Halleluja!

 

Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Alttestamentarische Lesung: Aus dem 2. Buch Mose, Kapitel 13, Verse 20-22:

(auch Predigttext)

20 So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.

21 Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.

22 Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

Amen.

 

Predigt

 Die Gnade unseres Herrn und Gottes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Wen bezeichnet Ihr spontan als besten Freund? Als wirklich besten Freund? Manche könnten das sofort tun, weil sofort klar ist, wer dafür allein in Frage kommt. Andere müssten erst einmal kurz überlegen, wer unter den vielen Freunden nun wirklich der beste sein soll. Ich gehöre zu den ersteren. Für mich ist ganz klar, wer für mich mein bester Freund ist. Das ist und bleibt mein Vater! Wir haben soviel zusammen gemacht. Wir können miteinander lachen und weinen. Wir erzählen uns alles, weil wir wissen: es ist geborgen. Und wir nehmen ernst, was wir einander sagen.

In einem allerdings habe ich, wenn ich zurück überlege, bis vor gar nicht allzu langer Zeit immer gelächelt. Mein Vater sagte in den vergangenen Jahren oft: Du, je älter man wird, desto schneller rast die Zeit! Ich habe ihn dann immer belächelt und gedacht: „Ja, Vater, nun nimm’s mal nicht so schwer. So schlimm ist das doch nicht!“ Mein Vater weiß bis heute nicht, dass er mit seinem Gedanken und mit seinen Worten eigentlich jedes Mal mit dem 90. Psalm zu seinem Gott betet. Allein darüber musste ich schon immer lächeln. Aber, ganz ehrlich, je älter ich selbst werde, desto mehr spüre ich die Wahrheit in seinen Worten. Ich bin sogar heute schon so weit, dass ich sagen kann, er hat Recht.

Ich schreibe davon zu Beginn meiner Gedanken, weil ich natürlich auch für mich nicht verschweigen kann und natürlich auch spüre, dass sich dieser Altjahrsabend eben doch von anderen Abenden unterscheidet. Ob ich damit sentimental bin, weiß ich gar nicht. Aber natürlich kann ich mich von dieser besonderen Stimmung dieses Abends nicht ganz frei machen. Ich kann es eigentlich gar nicht erklären. Ehrlich und Hand auf’s Herz: Irgendwie ist dieser Abend doch anders als sonst!

Wenn ich es für mich erklären müßte, warum, würde ich sagen: Es ist die Unsicherheit des Moments! Fast ein wirkliches Gefühl von Zeitenwende! Schauen wir sonst meist auch dankbar zurück, weil da so vieles in einem Jahr war, machen wir es in diesem Jahr wohl genau anders herum. Weil da so vieles war, schauen wir lieber hoffend nach vorn. Es ist das Schauen auf eine Zukunft mit noch vielen offenen Fragen. Da sind offene und neue Wege, die warten. Viele immer auch noch von Sorgen begleitet. Aber da ist auch der Blick zum Horizont, an dem wir das Glück erahnen – das Glück auf neue Unbeschwertheit, auf Umarmungen und auf viele Dinge des Lebens, die uns selbstverständlich waren, dann auf einmal nicht mehr und hoffentlich bald wieder! Den Gottesdienst in unserer Ev. Lukas-Kirche hier in Winzenheim zähle ich dazu. Viele Gedanken und Gefühle bewegen mich bei diesem Jahreswechsel deshalb vielleicht mehr als sonst!

Und je öfter ich in den vergangenen Wochen und Tagen an den Jahreswechsel gedacht habe und je näher er rückte, desto klarer wird mir, was mich als Grundgefühl eigentlich so stark bewegt.

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Leserinnen und Leser!

Es ist ein ganz tiefer Moment der Dankbarkeit. Ich erkenne die Einzigartigkeit meines Lebens. Ich erinnere mich an Momente, von denen ich weiß, dass sie ebenso unwiederbringlich in meinem Kopf und in meinem Herz eingegraben sind; diesmal sind es Momente des Leids genauso wie Momente des tiefen Glücks. Und ich erkenne, nichts in meinem Leben wird mir zweimal geschenkt.

Natürlich kann ich für die Gnade Gottes danken, und wir tun das ja auch oft; aber ich bekomme diese Gnade, dieses Leben, jeden Tag und jede Stunde immer auch wieder neu geschenkt. Gott nimmt mich mit, er führt und  leitet mich. Das gilt, wenn ich zurückschaue auf meine 62 1/2 Jahre. Wie oft war da die Nähe Gottes so deutlich spürbar. In diesem Jahr hat er es vielen von uns vielleicht nicht leicht gemacht, genau darauf zu vertrauen. Aber er war da! Und es gilt, wenn ich auf den Weg schaue, den Gott mit mir gehen will. Er bleibt da! Wie dankbar darf ich weiter auf seine Güte hoffen.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Gott geht mit uns. Gott geht mit uns nicht zurück, er geht vorwärts mit uns – vielleicht auch in eine für uns neue Zeit,  in der sicher auch vieles anders wird und bleibt! Gott geht mit uns immer aber weiter in seiner Zeit. So hat er Menschen von Anfang an begleitet. Eine Erfahrung, die auch natürlich für sein Volk Israel galt. Wie diese Führung, diese Bewahrung Gottes aussehen kann, beschreiben drei kleine unscheinbare Verse aus dem 13. Kap. des 2. Mose (20-22), die uns an diesem Abend als Predigttext mitgegeben sind und die nun wirklich sogar nicht silvestervollmundig sind, aber wohl doch für mich sehr schön beschreiben, woran es an diesem Abend zu denken gilt. Da heißt es:

20 So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste. 21 Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.

22 Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

Halten wir uns kurz vor Augen: Das Volk Israel hat Ägypten und die eigene Sklavenschaft gerade verlassen. Es lagert nun am Rande der Wüste. Es ahnt die Verfolgung durch den Pharao noch nicht. Es weiß aber, dass sie den kürzesten Weg nicht gehen können. Der würde durch das Land der Philister führen, was Krieg und Tod bedeuten würde. Nein sie ahnen, sie werden lange gehen müssen, mitten durch die Wüste. Ein Umweg von Jahren aber eben sicherer, immer noch gefährlich, aber doch wohl sicherer. Und alle diese Menschen befinden sich auf der Schwelle, auf der Grenze zwischen dem Alten, dem Verhassten, aber doch irgendwie Vertrauten und dem Aufbruch ins Neue, in das verheißene Land, das eben mit dem Weg durch die Wüste beginnt. Und Gott selbst macht es ihnen leicht, zu vertrauen. Am klaren, wolkenlosen Tag sehen sie vor sich eine Wolkensäule, in der Nacht ein leuchtendes Feuer auf ihrem Weg. Beide Bilder, im Alten Testament oft gebraucht, wollen zweierlei beschreiben: Einmal die Nähe Gottes, ich bin für euch da. Und die Begleitung Gottes, ich gehe mit euch. Gott ist nicht das Ziel, auf das das Volk Israels zuläuft; Gott selbst führt sein Volk an das Ziel. Gott ist da, geht alle Wege mit, er schützt und er führt.

Wolkensäulen heute Abend zu erkennen, wer weiß? Und Lichter in der heutigen Nacht künden eigentlich nur davon, dass sich einige nicht an Regeln halten können, und nur sich selbst wichtig sind! Und trotzdem, wenn wir es auch nicht so deutlich vor unseren Augen haben: diese kleinen Verse des Alten Testamentes wollen uns nicht nur an eine alte Geschichte des Volkes Israels mit seinem Gott erinnern. Nein, sie werden uns heute Abend ins Herz gelegt.

Es ist der gleiche Gott, der zu uns spricht: ich bin für euch da, ich schütze euch, ich leite euch auf meinen Wegen. Es sind nicht die kürzesten Wege, die ich, euer Gott, mit euch gehe. Meine geliebten Kinder! Manche Wege werdet ihr vielleicht nicht einmal verstehen, weil sie euch selbst so unglaublich scheinen, ich traue sie euch dennoch zu. Und in allem vertraut darauf: Ich bin bei euch, ich gehe mit, ich schütze und ich leite euch.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Könnten wir es doch schaffen, vielleicht wieder neu schaffen, uns von dieser Gewissheit auch neu ergreifen zu lassen. Es würde uns helfen, zu erkennen, dass wir gemeinsam auf dem Weg sind; es würde uns helfen geschwisterlicher miteinander zu leben. Es würde uns stark machen, die offenen Fragen über die kommende Zeit nicht als einen Abgrund zu betrachten, der sich sorgenvoll vor uns auftut; nein, wir würden die offenen Fragen nach Gesundheit und neuem Leben, nach Zukunft, nach Frieden, nach Gerechtigkeit, nach einem guten Leben für unsere Kinder und Enkel, nach einem glücklichen Leben für uns selbst natürlich auch für uns annehmen, weil wir kreativ und schöpferisch miteinander umgingen und Leben neu gestalten. Das, liebe Schwestern und Brüder, ist der Weg, auf den Gott selbst uns mitnimmt und vorangeht.

Genau so soll es auch für unser Leben gelten. Wir wissen nicht, was kommt. Und das ist gut so. Aber wir wissen: es kommt etwas, es geht immer weiter, weil Gott mit uns geht. Deshalb dürfen wir dankbar annehmen, was auf uns wartet, denn Gott ist da. Ganz egal, ob wir sorgenvoll oder freudig erregt auf die kommende Zeit zugehen, über allem und vor allem steht eine Verheißung, die von Gott her gilt und die Ernesto Cardenal, Befreiungstheologe und einer der bedeutendsten Dichter Nicaraguas in seinen wunderschönen Worten, die mich seit meiner Jugend begleiten, einmal so ausdrückte: „Wir sind noch nicht im Festsaal angelangt, aber wir sind eingeladen! Wir sehen schon die Lichter und hören die Musik!“

Euch allen ein gesegnetes, ein gutes und begleitetes Jahr 2021!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Fürbittgebet

Herr guter Gott,

Sonst hängen wir meist noch am vergangenen Jahr,

Aber heute schauen wir doch lieber auch in die Zukunft.

Wir bleiben dir dankbar für alle Zeit,

die du uns geschenkt hast

und bringen unsere Bitten vor dich:

Wir bitten dich um ein gesegnetes Jahr,

um gesundes und behütetes Leben,

um eine gute Zeit und Tage mit erfüllten Stunden.

Wir bitten dich aber auch

Für die vielen Opfer durch Krankheit in diesem Jahr

und für die vielen Menschen,

die nun trauernd zurückbleiben.

Wir bitten dich um offene Augen,

die dich in allen Dingen am Werk sehen;

um Augen, die hellsichtig sind für die Gaben,

die du uns schenkst.

Wir bitten dich um offene Ohren,

die uns auch die leisen und unausgesprochenen Bitten

unserer Mitmenschen hören lassen.

Wir bitten dich um Behutsamkeit

im Umgang mit schwierigen Menschen.

Wir bitten dich um ein gutes Gedächtnis

für die Sorgen anderer und für Dinge,

die wir zu tun versprochen haben.

Wir bitten dich

um ein fröhliches Gesicht und um ein Lächeln,

das aus unseren Herzen kommt.

Wir bitten dich,

begegne uns auf den Wegen,

die wir gehen werden;

tritt uns entgegen in den Menschen,

die von uns Hilfe erwarten.

Lass unser Leben in deiner Hand ruhen,

denn unsere Zeit liegt in deinen Händen.

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –,

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen ein gesegnetes neues Jahr 2021!

Kommt gut durch die Zeit,

passt auf euch auf und bleibt gesund!

Wir seh‘n uns wieder!

Und es wird uns eine Freude sein!

Pfarrer Rüdiger Dunkel

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Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum 1. Sonntag nach dem Christfest, 27. 12. 2020

Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Wochenspruch:

Und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. (Joh 1,14b)

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Aus Ps 71

1 HERR, ich traue auf dich, lass mich nimmermehr zuschanden werden.

2 Errette mich durch deine Gerechtigkeit und hilf mir heraus, neige deine Ohren zu mir und hilf mir!

3 Sei mir ein starker Hort, dahin ich immer fliehen kann, / der du zugesagt hast, mir zu helfen; denn du bist mein Fels und meine Burg.

12 Gott, sei nicht ferne von mir; mein Gott, eile, mir zu helfen!

14 Ich aber will immer harren und mehren all deinen Ruhm.

15 Mein Mund soll verkündigen deine Gerechtigkeit, täglich deine Wohltaten, die ich nicht zählen kann.

16 Ich gehe einher in der Kraft Gottes des HERRN; ich preise deine Gerechtigkeit allein.

17 Gott, du hast mich von Jugend auf gelehrt, und noch jetzt verkündige ich deine Wunder.

18 Auch verlass mich nicht, Gott, im Alter, wenn ich grau werde, bis ich deine Macht verkündige Kindeskindern und deine Kraft allen, die noch kommen sollen.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar

und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Herr, guter Gott und Vater!

Unvollkommen und unfertig stehen wir vor dir.

Es gibt Zeiten, da fällt es uns schwer,

in unsrer Arbeit, in unserem Beruf

einen Sinn für unser Leben zu entdecken.

Statt auf den Herrn zu vertrauen,

verkriechen wir uns in unserer Sorge und Angst.

So bitten wir dich um dein Erbarmen, guter Gott,

der du bei uns ist alle Tage bis an der Welt Ende:

Herr, erbarme dich unser!

In der Stille beten wir – jede und jeder für sich – zu dir!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit

als des eingeborenen Sohnes vom Vater,

voller Gnade und Wahrheit.

Dir guter Gott sagen wir Lob und Dank!

Ehre sei Gott in der Höhe!

 

Ewiger Gott und Vater aller Güte,

dein Sohn hat dich verherrlicht

von seiner Jugend an.

Wir bitten dich:

Lass uns auf allen Wegen

in seiner Erkenntnis und Liebe wachsen.

Das bitten wir in Jesus Christus, deinem Sohn,

der mit dir und dem Heiligen Geist

lebt und regiert

von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Lukasevangelium, Kapitel 2, Verse 21-40:

21 Und als acht Tage um waren und er beschnitten werden sollte, gab man ihm den Namen Jesus, welcher genannt war von dem Engel, ehe er im Mutterleib empfangen war.

22 Und als die Tage ihrer Reinigung nach dem Gesetz des Mose um waren, brachten sie ihn hinauf nach Jerusalem, um ihn dem Herrn darzustellen,

23 wie geschrieben steht im Gesetz des Herrn (2. Mose 13,2; 13,15): »Alles Männliche, das zuerst den Mutterschoß durchbricht, soll dem Herrn geheiligt heißen«,

24 und um das Opfer darzubringen, wie es gesagt ist im Gesetz des Herrn: »ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben« (3. Mose 12,6-8).

25 Und siehe, ein Mensch war in Jerusalem mit Namen Simeon; und dieser Mensch war gerecht und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels, und der Heilige Geist war auf ihm.

26 Und ihm war vom Heiligen Geist geweissagt worden, er sollte den Tod nicht sehen, er habe denn zuvor den Christus des Herrn gesehen.

27 Und er kam vom Geist geführt in den Tempel. Und als die Eltern das Kind Jesus in den Tempel brachten, um mit ihm zu tun, wie es Brauch ist nach dem Gesetz,

28 da nahm er ihn auf seine Arme und lobte Gott und sprach:

29 Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast;

30 denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen,

31 das Heil, das du bereitet hast vor allen Völkern,

32 ein Licht zur Erleuchtung der Heiden und zum Preis deines Volkes Israel.

33 Und sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was von ihm gesagt wurde.

34 Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass viele in Israel fallen und viele aufstehen, und ist bestimmt zu einem Zeichen, dem widersprochen wird –

35 und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen –, damit aus vielen Herzen die Gedanken offenbar werden.

36 Und es war eine Prophetin, Hanna, eine Tochter Phanuëls, aus dem Stamm Asser. Sie war hochbetagt. Nach ihrer Jungfrauschaft hatte sie sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt

37 und war nun eine Witwe von vierundachtzig Jahren; die wich nicht vom Tempel und diente Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht.

38 Die trat auch hinzu zu derselben Stunde und pries Gott und redete von ihm zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten.

39 Und als sie alles vollendet hatten nach dem Gesetz des Herrn, kehrten sie wieder zurück nach Galiläa in ihre Stadt Nazareth.

40 Das Kind aber wuchs und wurde stark, voller Weisheit, und Gottes Gnade lag auf ihm.

Halleluja! Der Herr gedenkt an seine Gnade und Treue für das Haus Israel, aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes! Halleluja!

 

Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Epistellesung: Aus dem 1. Johannesbrief, Kapitel 1, Verse 1-4:

(auch Predigttext)

1 Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens – 2 und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist –, 3 was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. 4 Und dies schreiben wir, auf dass unsere Freude vollkommen sei.

Amen.

 

Predigt

 Die Gnade unseres Herrn und Gottes sei mit uns allen. Amen.

 Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Was von Anfang an war ….. das Leben ist erschienen.

 Es gibt Worte, die verlieren ihre Leuchtkraft nie. Sie leuchten durch die Zeit, durch die Jahrhunderte und Jahrtausende. Das Leben ist erschienen. – Es gibt Worte, die leben und hören niemals auf zu leben. Worte des Lebens – wenn sie denn Worte des Lebens sind – leben und sind nicht totzukriegen, stehen immer wieder auf – als ob sie von irgendwoher auf wundersame Weise mit Lebenskraft versorgt werden.

Das Leben ist erschienen …. was von Anfang an war.

Weihnachten war – und nun: zwischen den Jahren. Heute mittendrin, ganz auf der Höhe. Das Alte ist noch nicht vergangen, das Neue hat noch nicht begonnen. Das Leben – irgendwie dazwischen.

Unser Zeitgefühl scheint etwas verwirrt, der Rhythmus ist unterbrochen. Freie Tage und Ferien. Betriebe und Büros geschlossen. Irgendwie ja auch alles geschlossen! Sogar viele Kirchen! Eigenartig zeitlos, so scheint diese Zwischenzeit.
Man könnte eigentlich in aller Ruhe ein Buch lesen oder einen langen Spaziergang mit nur wenigen anderen aus der Familie machen. Man könnte ein Gespräch führen, das schon lange ansteht. Man könnte einfach mal den schönen Gedanken nachhängen, einfach so, so ganz unproduktiv, und nicht immer nur grübeln, wie es viele gerade tun. Lasst uns an das Leben denken – zwischen den Jahren – an das Leben in all den Jahren, die hinter uns liegen, über den Wert des Lebens an sich und über das Leben, auf das wir uns freuen! Wir sind in gerade dieser Zeit dafür offener als sonst, aber auch empfindsamer.

Weihnachten hat doch auch in diesem Jahr wieder an unseren Gefühlen gerüttelt, und wahrscheinlich ja auch so ganz anders als sonst! Nicht wenige sind deshalb vielleicht sogar froh, es bis hierher geschafft zu haben. Was sich in der Geburtsgeschichte unseres Heilands abspielt – in der ganzen Spannung zwischen erlösender Rettung und unbarmherzigem Elend, himmlischem Reichtum und irdischer Armut, wärmender Heimat und eiskalter Flucht … – das inszeniert sich auch auf unserer Gefühlspalette immer wieder neu: „Welch’ große Freude!“ und „Was für ein Kummer!“, „Was für eine Überraschung!“, aber auch „Was für eine Enttäuschung!“ – „Was für ein Glück“! und „Was für ein Leid!“ – Vieles lag in diesem Jahr an Weihnachten oft ganz dicht, sehr dicht beieinander!

Wünsche, die sich erfüllt haben und Erwartungen, die offen geblieben sind, wandern einem durch´s Herz. Das „Fürchte dich nicht!“ klingt im Ohr. „Ich habe trotzdem Angst!“ schreit´s im Innern. Der Heiland und das Unheil dieser Welt. Das Kind und die eigenen Lebensträume.
Das Geborene und das Gestorbene. Das Leben ist erschienen …. –

Was von Anfang an war. 2020 kommt zum Ende. Das Leben in diesem Jahr kommt zum Ende. Weltgeschichtliche Ereignisse scheinen uns gerade weniger zu interessieren. Da ist eher der persönliche Rückblick: Was war da alles? Was hat sich verändert? Wo mussten wir durch? Wo geht es hin?

Ist mir das Leben erschienen? Ist mir das Leben erschienen? Ich habe gelebt. Ich habe Tage, Stunden und Monate durchlebt, auch bange Minuten, Stunden und Tage. Ist mir da irgendwo in diesem gelebten Jahr 2020 das Leben erschienen? Oder habe ich mich irgendwie verloren in einer Realität, die immer noch so unwirklich erscheint?

Es gibt Menschen, die sagen: Ja. Wir haben es gehört, wir haben es gesehen mit unseren Augen und betrachtet, wir haben es betastet mit unseren Händen….

Uns ist das Leben erschienen – das Leben, das ewig ist und beim Vater war, das von Anfang an war.

Die haben Gott gesehen. Die haben in Jesus Christus das Leben gesehen. Kein Schein-Leben, keine Illusion, kein Hirngespinst, sondern das wahre Leben in Fleisch und Blut.

Gott, der sich zeigt. Vom Himmel hoch – auf die Erde nieder…. Wort des Lebens ward Fleisch und wohnte unter uns. Hat ein Gesicht. Kann man berühren. Kann man fühlen. Kann man kaum denken, aber mit allen Sinnen wahrnehmen: Hören, sehen, tasten. Auch riechen, auch schmecken. Glauben mit Leib und Seele, Hoffnung mit Hand und Fuß, Liebe mit Herz und Mund.

Gott, der sich zeigt und da noch mal anfängt, wo wir alle anfangen in unserem Leben: in der Geburt, in dem Kind, in der Bedürftigkeit und dem Angewiesensein.
Der da zur Welt kommt, wo wir´s am meisten brauchen: in einem abgerissenen Stall, in der dunkelsten Ecke menschlicher Verlorenheit und Armut, ja sogar in unseren Wohnungen und Herzen! Er kommt mitten in unser Leben, damit wir nicht länger irgendwelchen Lebensentwürfen hinterher rennen, die das Leben versprechen, aber nicht bieten. Haben macht uns nicht reicher, Geld nicht glücklicher, Schönheit nicht liebenswerter, Leistung nicht attraktiver. Das ist ganz reizvoll, aber das ist nicht das Leben.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Das Leben liegt in der Krippe. Das Leben wohnt unter uns – Gottes Nähe ist auch in unserer Schwachheit. Gottes Nähe ist auch in unseren Zukunftsängsten, in unserer Einsamkeit, auch in unserer Freude und in unserer Dankbarkeit, in unserem Glück. Gott, liebe Schwestern und Brüder, ist in allem!

Wer oder was sollte glaubwürdiger sein, als ein Gott, der mit uns durch dick und dünn geht? Der mit uns lebt, der mit uns leidet, der auch mit uns stirbt? Der da anfängt, wo wir auch anfangen, aber da nicht aufhört, wo wir einen Schlussstrich ziehen wollen. Er ist für uns da, gerade auch in diesen schwierigen Zeiten!

Ein tragfähiger Glaube erweist sich darin, ob er unserem Leben standhält. Ob er uns tragen kann, wenn alles drunter und drüber geht, ob er uns halten kann, wenn alles zusammenbricht. Diesen Glauben gefunden zu haben, das wahre Leben gesehen zu haben – das macht Freude. Und fast könnte man mit einem alten Werbespruch denken: Und nie war er so wertvoll wie heute!

Genau darum ist dieser Brief geschrieben – aus lauter Freude. Der Schreiber des 1. Johannesbriefes kann gar nicht so schnell schreiben, wie er erzählen möchte. Er überschlägt sich förmlich: Wir haben gehört und gesehen, wir haben es mit unseren Händen betastet. Das Leben ist erschienen. Wir haben es gesehen und bezeugen und verkündigen. Und wir haben es gesehen und gehört, und darum verkündigen und bezeugen wir das Ganze – auch Euch. Der Briefschreiber überschlägt sich förmlich!

Da muss man erst mal ausatmen – und kann dann vielleicht noch mal ganz in Ruhe darüber nachdenken, ob man nicht selber auch etwas gehört, gesehen und begriffen hat vom Wort des Lebens – im vergangenen Jahr, in all den Jahren, oder auch an diesem Weihnachtsfest.

Es gibt kein Kirchenjahresfest, das wir sinnlicher zu feiern gewohnt sind als dieses. An Weihnachten gibt es – fast muss man sagen: normalerweise – soviel zu hören, zu sehen, zu betasten, zu riechen und zu schmecken, dass es einem oft zu viel wird. In diesem Jahr da war alles anders und alles irgendwie ja doch auch „viel weniger“.

„Weniger ist manchmal Mehr“, so sagen wir es oft. Aber war das wirklich so? Ich glaube es nicht. Und wenn es weniger war, sind wir dann aber auch einmal zu der inneren Ruhe gekommen, die vielen von uns so gut tun würde. Diese Ruhe – auch gerade jetzt zwischen den Jahren – in der wir ja auch noch mal in aller Ruhe die Weihnachtsgeschichte lesen oder ganz dicht an die Krippe herantreten und hineinblicken in das Geschehen könnten. Man könnte noch mal ganz bewusst diesen einen Strohstern in die Hand nehmen, der schon so viele Jahre mit einem durch die Weihnachtszeit gegangen ist oder den Brief lesen, den man bekommen hat oder am Tannenbaum riechen oder ganz lange in eine Kerze schauen. Zwischen den Jahren sind ja vielleicht auch unsere Sinnesorgane offener und empfindsamer.

Mag sein, dass wir lange brauchen, um das Leben, das erschienen ist, zu sehen; mag sein, dass wir sehr lange warten und darüber so alt werden wie Simeon und Hanna. Im Tagesevangelium etwas weiter oben haben wir über die beiden gelesen.

Unsere Aufnahmefähigkeit für das wahre Leben ist ja zuweilen, manchmal für Jahre eigenartig verschlossen. Wir sehen es einfach nicht, hören es einfach nicht, kriegen es einfach nicht zu fassen. Unsere Hör- und Sehgewohnheiten werden durch alles Mögliche in andere Richtungen gelenkt; wir tasten uns durch unser Leben und greifen dauernd daneben. Vieles in uns mag in Unordnung gekommen sein in diesem Jahr, das hinter uns liegt und so ganz anders war!

Und so ist es gut, dass wir Weihnachten immer wieder feiern dürfen und auf dem wankenden Grund unserer Stunden, Tage und Jahre das ein um das andere mal hören, was da gesagt ist: Das Leben ist erschienen.

Eine Gnade, dass sich Gott bereit hält, sich immer wieder zeigt und erscheint, dass durch seine Gegenwart in dieser Welt Menschen von Neuem geboren werden, Glaube heranwächst und stark wird.

Ein Segen, dass jene, die das erfahren haben, nicht schweigen, sondern ihre Erfahrungen und ihre Freude darüber weitersagen. Menschen haben es immer getan, bis heute! Und wir gehören dazu. Wir leben von dem, was uns erzählt wurde und vermittelt wird; wir leben nicht nur von dem, was wir selber begriffen und geglaubt  haben. Wir brauchen die alten Geschichten, die durchlebten Glaubenserfahrungen unserer Väter und Mütter. Wir brauchen die Gewissheit, dass es auch uns gilt, was der Briefschreiber sagt: Das Leben ist erschienen!

Ein vielleicht unscheinbarer Satz. Aber er wird als Wort des Lebens erfahren, diese Worte leuchten und leben und werden lebendig – für uns. Und die Freude darüber wird irdisch, himmlisch, göttlich und vollkommen sein.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Fürbittgebet

Herr, guter Gott!

Wir sehen auf uns

und danken dir für das Gute,

dass du uns schon erwiesen hast.

Wir bitten aber auch:

Lass uns bemüht bleiben, dich zu loben – auf die vielfältigsten Weisen.

Lass uns dich loben durch das Werk unserer Hände.

Lass uns dich loben durch das, was wir sagen.

Lass uns dich loben indem wir uns für andere einsetzen.

Wir sehen heute auch ein wenig

auf unsere Gemeinde zurück

und schauen doch auch nach vorn.

Lass uns dankbar bleiben, wenn wir das tun.

Lass uns einander vergeben,

wenn Vergebung noch aussteht.

Lass uns dankbar werden für alles,

was wir in deine liebenden Hände geben dürfen

und darin geborgen wissen.

Und lass uns fröhlich hoffen

auf neue Anfänge, die du schenkst

und die wir uns so sehr wünschen.

Du, guter Gott, bist der Herr der Zeit.

Du versenkst unsere Vergangenheit

in dein liebendes Herz

und schenkst uns eine gute Zukunft.

Alles, was uns heute auf der Seele liegt,

bringen wir in der Stille vor dich!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

 

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –,

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

 

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Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum 1. Weihnachtstag, 25. 12. 2020

Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Spruch:

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. (Joh 1,14)

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Psalm 96

1 Singet dem HERRN ein neues Lied; singet dem HERRN, alle Welt! 2 Singet dem HERRN und lobet seinen Namen, verkündet von Tag zu Tag sein Heil!

3 Erzählet unter den Heiden von seiner Herrlichkeit, unter allen Völkern von seinen Wundern!

7 Ihr Völker, bringet dar dem HERRN, bringet dar dem HERRN Ehre und Macht!

8 Bringet dar dem HERRN die Ehre seines Namens, bringet Geschenke und kommt in seine Vorhöfe!

9 Betet an den HERRN in heiligem Schmuck; es fürchte ihn alle Welt!

10 Sagt unter den Heiden: Der HERR ist König. Er hat den Erdkreis gegründet, dass er nicht wankt. Er richtet die Völker recht.

11 Der Himmel freue sich, und die Erde sei fröhlich, das Meer brause und was darinnen ist;

12 das Feld sei fröhlich und alles, was darauf ist; jauchzen sollen alle Bäume im Walde

13 vor dem HERRN; denn er kommt, denn er kommt, zu richten das Erdreich. Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und die Völker mit seiner Wahrheit.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar

und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Guter Gott und Vater,

du hast dich auf unsere Welt eingelassen,

bist Mensch geworden.

Doch wir ziehen uns mehr und mehr zurück.

In unsere Wohnungen und Häuser,

in ganz kleinen Kreise in der Familie.

All das müssen wir in diesem Jahr sogar,

weil Liebe die Vernunft walten lässt!

Manchmal verlieren wir uns aber auch

in Erinnerungen an frühere Zeiten.

Und wir merken, wie sehr du uns fehlst.

So oft fragen wir nicht nach dir,

entziehen wir uns deiner Liebe,

umgeben uns mit Misstrauen und Hass.

Vergib uns; – gib uns nicht auf!

Öffne unsre Herzen für dich, für deine Nähe

– und für die Menschen,

damit deine Liebe auch durch uns Wege findet

in unsere Welt,

nicht nur an diesen Weihnachtstagen,

sondern allezeit.

Sei offen für unsere Bitten

und für das Eingeständnis unserer Schuld,

wenn wir nun in der Stille zu dir beten:

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

So sehr hat Gott die Welt geliebt,

dass er seinen einzigen Sohn gab,

damit alle, die ihm vertrauen,

nicht verloren gehen,

sondern das ewige Leben haben.

Ehre sei Gott in der Höhe!

 

Du willst uns Menschen reich machen, guter Gott.

Darum bist du in Armut Mensch geworden.

Fülle unsere leeren Hände und Herzen,

dass wir dankbar und fröhlich als Menschen

annehmen und weitergeben

aus deinem Reichtum;

der du dreieinig lebst und regierst

von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagsevangelium: Aus dem Lukasevangelium, Kapitel 2, Verse 1-14:

1 Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.

2 Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war.

3 Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt.

4 Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das judäische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war,

5 auf dass er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger.

6 Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte.

7 Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

8 Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.

9 Und des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.

10 Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird;

11 denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.

12 Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

13 Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen:

14 Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Halleluja! Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen in Jesus Christus! Halleluja!

 

Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Alttestamentliche Lesung: Aus dem Buch des Propheten Jesaja, Kapitel 52, Verse 7-10:

(auch Predigttext)

7 Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt, der da sagt zu Zion: Dein Gott ist König!

8 Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und jubeln miteinander; denn sie werden’s mit ihren Augen sehen, wenn der HERR nach Zion zurückkehrt.

9 Seid fröhlich und jubelt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der HERR hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst.

10 Der HERR hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.

Amen.

 

Predigt

 Die Gnade unseres Herrn und Gottes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Schwestern und Brüder!

Gestattet mir zuerst eine kleine Reise in meine eigenen Familienerinnerungen. Zurück an einen Punkt, den ich niemals mehr vergessen kann, obwohl er nun schon fast drei Jahrzehnte zurückliegt!

Der ältere Mann steht ganz ruhig da. Lange Zeit sagt er nichts. Es ist eine weite Reise gewesen, voller Spannung und Vorfreude, zurück an den Ort, an dem er als Kind mit seiner Familie gelebt hatte, es war ein schönes Fleckchen Erde, bis der Krieg die Flucht in den Westen erzwungen hatte.

„Noch einmal möchte ich dahin zurück, das Haus sehen, die Plätze der Kindheit, an denen ich mit meinen Freunden gespielt habe, das ist mein größter Wunsch.“ Er hatte oft so geredet.

Irgendwann dann, nach der Grenzöffnung, erfüllt sich sein Traum. Es freut ihn, besonders auch, dass er dabei begleitet wird von Verwandten. Er hatte ihnen immer viel erzählt von damals, aber es war kein einziges Foto geblieben, alles verloren auf der Flucht. Schon Wochen vorher ist er aufgeregt, berührt, erzählt viel, jede Einzelheit ist wichtig. Wie viele Erinnerungen, die er schon vergessen hatte, hatten sich wieder belebt.

Seine Sehnsucht, irgendwann einmal dorthin zurückzukehren, hatte er seit damals tief in sich begraben, hatte eigentlich nie darüber gesprochen, weil er dachte, dass es sowieso nie möglich sein würde. Der Vater war im Krieg geblieben, die Flucht machte die Mutter ganz allein möglich. Und als die vor vielen Jahren starb, schien die Vergangenheit für immer zu ruhen. Aber dann wurde sie plötzlich noch einmal lebendig. Da fiel ein eiserner Vorhang vor einigen Jahren, und ein nie ausgesprochener Traum konnte auf einmal doch noch Realität werden.

Und irgendwann stand er da. Auf dem Grundstück, das einmal der Familie gehörte. Das Haus war weg, die Bäume, von denen er so oft erzählt hatte und in denen er so oft rumgeklettert war, waren weg, nur die Wiese war noch da. Alles war zugewuchert und verlassen. „Wie klein hier alles ist, früher erschien es mir viel größer“, sagt er. „Ich wollte unbedingt noch einmal hierher. Jetzt, wo ich hier bin und den Schmerz über das Vergangene und Verlorene spüre, bin ich doch über mein Leben froh, so wie es wurde.“

Und dieser ältere Herr konnte nun endlich in Frieden in die Wirklichkeit heimkehren, an den Niederrhein, nach Dinslaken. Der Mann, von dem ich erzähle, stand neben mir. Er ist mein Vater.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Ob einen der Menschen aus Israel im 6. Jh. vor Christus ähnliche Gefühle bewegt haben, als er nach langem Aufenthalt in der Verbannung in Babylonien wieder nach Hause zurückkehren durfte? Dort fanden die Rückkehrer nach ca. 50 Jahren noch die Trümmer des Krieges vor, verwüstete Landschaften, den zerstörten Tempel in Jerusalem. Wenn auch die äußeren Umstände andere waren, die Gefühle der vom Krieg vertriebenen Menschen mögen vielleicht die gleichen gewesen sein.

Die besiegten Juden waren durch die Babylonier deportiert und im Zweistromland, dem heutigen Irak, angesiedelt worden.

Sie hatten sich eingerichtet in dem fremden Land, in das die Eroberer sie gebracht hatten, Häuser gebaut, Kinder bekommen, sie konnten weiterleben. Aber sie befürchteten, dass Gott sein Volk vergessen hatte und zu ihrem Elend schwieg. So viele sehnten sich nach Hause; sehnten sich danach, dass Gott ihnen gnädig sei, sie erlöste und verbaten sich selbst gleichzeitig doch, darauf zu hoffen. Die Zeit dehnte sich. Die Jungen kannten die Heimat nur noch aus den Erzählungen der Eltern. Die Hoffnung drohte sich aufzulösen.

Aber dann gewann sie wieder neue Nahrung – die Hoffnung. Man hörte von den ersten Siegen des Perserkönigs Kyros über die mächtigen babylonischen Herrscher. Bald sollten die Juden die Erlaubnis erhalten, nach Israel zurückzugehen. In dieser Zeit zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Vorfreude und Angst vor der Zukunft hinein tritt ein Prophet auf und beschreibt die Heimkehr nach Israel in jubelnden Bildern. Wir haben seine Worte gerade als alttestamentliche Lesung etwas weiter oben lesen können. Ich füge sie hier aber auch noch einmal ein.

Jes 52,7-10:

7 Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt, der da sagt zu Zion: Dein Gott ist König!

8 Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und jubeln miteinander; denn sie werden’s mit ihren Augen sehen, wenn der HERR nach Zion zurückkehrt.

9 Seid fröhlich und jubelt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der HERR hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst.

10 Der HERR hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.

 Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Man spürt es deutlich: Es klafft ein Spalt zwischen dem hoffnungsvollen Jubellied und der bescheidenen damaligen Realität.

Da erzählt einer von einer Hoffnung, die über die äußere Wirklichkeit hinausreicht: „Glaubt an mehr als an das, was Ihr seht“, sagt er den Menschen. „Die Trümmer des Vergangenen erzählen vom Heil des Zukünftigen. Gott tröstet Euch. Eure Sehnsucht wird gestillt werden. Er wird am Ende seine Macht sogar allen Menschen auf der ganzen Welt offenbaren.“

Ob die Menschen damals dieser Hoffnung trauen konnten? Oder ob sie den Propheten vielleicht eher für einen Spinner hielten? Ob er ihrer Sehnsucht Nahrung geben konnte? Oder ob die realen Trümmer, die sie bei ihrer Rückkehr fanden, allen Hoffnungen ein Ende setzten?

„Die Trümmer des Vergangenen erzählen vom Heil des Zukünftigen. Gott tröstet Euch. Eure Sehnsucht wird gestillt werden!“ Das ruft der Prophet auch uns heute noch zu! Denn auch wir sitzen gerade in vielen Ängsten und Nöten. Wir sorgen uns um die, die wir lieben. Dürfen sie vielleicht an diesen Weihnachtstagen nicht sehen. Viele verzichten darauf, mit anderen zusammen zu sein. Und viele von uns, wenn wir ehrlich bleiben, tut es weh, aus Liebe vernünftig zu bleiben! Ja, selbst an Weihnachten Gottesdienst in einer Kirche zu feiern, es ist vielerorts nicht möglich. Aus der gleichen Liebe, aus den gleichen Vernunftgründen! Was im Kleinen gilt muss auch im Großen gelten!

Lassen wir uns also nur noch von Zweifeln, Sorgen, vielleicht sogar Ängsten leiten? Geben wir unserer eigenen Sehnsucht den nötigen Raum? Oder sind wir auch eher Menschen, die angesichts unserer eigenen Situation gerade ein wenig  verzweifeln? Nicht alle Hoffnungen eines Lebens erfüllen sich. Nicht jede Sehnsucht wird gestillt. Einige können ein Lied davon singen. Auch das alte Volk Gottes hat diese bittere Erfahrung in den kommenden Jahrhunderten immer wieder machen müssen.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Wie gehen wir selbst eigentlich mit den Enttäuschungen, den Versagungen, den zerstörten Hoffnungen um, die in jedem Leben ein anderes Gesicht haben und vor denen doch kein Mensch geschützt ist?

Hören wir darauf, was der Prophet Jesaja auch uns sagen möchte: Es lohnt sich, niemals aufzugeben, sondern an das Leben mit all seinen Möglichkeiten zu glauben! Es gelingt dann, wenn wir auch der Trauer und dem Schmerz des Abgebrochenen und des Verlorenen in unserem Leben nachfühlen und ihm Raum geben. Sei es der Verlust eines geliebten Menschen, einer verlorenen Heimat oder nicht verwirklichter Lebensträume. Sei es unsere Unbeschwertheit, in der wir bis vor einem Jahr noch Leben durften! Sei es unser Lachen und Umarmen, das so selbstverständlich war! Sei es unser Leben in Gemeinschaft mit anderen, das wir gerade so sehr vermissen! Gott will uns trösten und unsere Hoffnung wecken – immer wieder neu. Er verlässt uns nicht. Gott verlässt uns niemals. Er schenkt einen Neuanfang, natürlich auch uns. Die Geschichte vom Kind im Stall war für Gott selbst die Geschichte eines Neuanfangs mit sich selbst und den Menschen, die er liebt. Und Gott erzählt sich diese Geschichte nicht nur selbst. er teilt sie mit uns, hat sich selbst als Kind im Stall in jedes Herz gelegt. Er ist zu jeder und jedem gekommen! Und er tut es auch heute und zu jeder Zeit. Wenn wir auch nicht zu ihm kommen können, ist er schon längst bei uns! Er will in uns wohnen! Er erfüllt uns ganz! Er hilft und heilt! So dürfen und müssen wir wohl die Weihnachtsbotschaft in diesem Jahr hören!

Das Jubellied des Propheten Jesaja will uns helfen, unsere Sehnsucht wachzuhalten.

Vielleicht brauchen wir gerade solch ein starkes, deutliches, klares, ganz gegen die äußere Wirklichkeit erklingendes Lied der Hoffnung, damit es unsere Herzen erreicht und neu stärkt!

Wir leben als Christinnen und Christen diese Weihnachtszeit. Wir feiern die Geburt des Kindes, des Gottessohnes, der für uns der Messias, der Heiland ist. Sein Lebensthema ist die Hoffnung. Mit allem, was er getan hat, zeigt er uns Gottes Nähe. Sogar sein Tod wird uns zum Hoffnungszeichen und zur Versöhnungsgeste in dieser Welt des Zweifelns und des Hasses.
Lasst es uns nicht verlernen, zu hoffen und zu vertrauen. Unser Glaube an den in einem Kind menschgewordenen Gott ist auch ein Zeichen dafür, dass wir dieser Hoffnung etwas zutrauen, dass wir genau diesem einen Gott vertrauen möchten – im Leben und im Sterben.

Er wird uns nicht enttäuschen, niemals! Die Trümmer unseres Lebens und auch all das, was wir an gewohntem Leben in diesem Jahr hinter uns lassen mussten, all das darf uns niemals mutlos machen. Solange wir leben, kann daraus auch immer wieder Neues und Anderes entstehen. Und das wird es! Denn Gott kommt, er hilft und heilt! Er schenkt einen neuen Anfang!

Das und nichts anderes ist die Weihnachtsbotschaft, die wir annehmen und weitersagen dürfen! Auch in eine Wirklichkeit, in der gerade so vieles dagegen zu sprechen scheint!

Darum, liebe Schwestern und Brüder, glauben wir dem Propheten und stimmen in sein Lied mit ein. Obwohl, auch wir kennen Jubellieder über Gott. Eines hat in unseren Weihnachtsgottesdiensten immer seinen Platz, meist hinter der Predigt, manchmal auch am Ende des Gottesdienstes. Und da Gott  immer wieder neu in diese Welt kommt, da Weihnachten nicht ausfällt, da wir auch das Jubeln und Fröhlichsein niemals aufgeben und verlernen dürfen, lasst uns das Jubellied singen oder zumindest betend im Herzen singen:

 O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Welt ging verloren, Christ ist geboren: Freue, freue dich, o Christenheit!

O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Christ ist erschienen, uns zu versühnen: Freue, freue dich, o Christenheit!

O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Himmlische Heere jauchzen dir Ehre: Freue, freue dich, o Christenheit!

Ihnen allen wünsche ich eine gesegnete Weihnachtszeit! Gott behüte und segne Sie und alle die, um die Sie sich sorgen!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Fürbittgebet

Unsere Weihnachtswünsche bringen wir vor dich, guter Gott,

 

– dass Friede auf Erden werde

Friede zwischen den Völkern und Religionen,

Friede unter Nachbarn,

Friede in unseren Familien,

 

– dass Freude sich ausbreite,

Trost für die Traurigen,

neuer Mut für die Schwermütigen,

Hoffnung bei den Unglücklichen,

 

– dass Gerechtigkeit einkehre,

Gerechtigkeit zwischen arm und reich,

Gerechtigkeit für die Hungernden,

Gerechtigkeit für die Verfolgten.

 

Unsere Weihnachtswünsche bringen wir vor dich, guter Gott,

auch und gerade die,

die wir in diesen Tagen

ganz persönlich in uns tragen.

In der Stille vertrauen wir sie dir an:

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Unsere Wünsche bringen wir vor dich, guter Gott,

denn so grenzenlos unsere Wünsche sind,

so weit reicht deine Liebe zu uns.

Du hast sie erfüllt in Jesus Christus, dem Licht der Welt.

Deine Herrlichkeit gehe auf über uns.

Lass uns als Menschen miteinander Weihnachten feiern,

auch wenn wir vielleicht getrennt sind.

Mache unsere Herzen froh darüber,

dass du bei uns bist,

und wir deshalb niemals allein sind.

Gib uns Freude, die von dir kommt.

Lass uns davon weitergeben.

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –,

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen ein gesegnetes Weihnachtsfest!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

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