Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum 2. Adventssonntag, 6. 12. 2020

Lesegottesdienst

mit den gottesdienstlichen Texten zum

2. Adventssonntag, 6. 12. 2020

 

Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Wochenspruch:

Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. (Lk 21,28b)

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Psalm 24

2 Du Hirte Israels, höre, / der du Josef hütest wie Schafe! Erscheine, der du thronst über den Cherubim.

3  Erwecke deine Kraft und komm uns zu Hilfe!

5 HERR, Gott Zebaoth, wie lange willst du zürnen beim Gebet deines Volkes?

6 Du speisest sie mit Tränenbrot und tränkest sie mit einem großen Krug voll Tränen.

15 Gott Zebaoth, wende dich doch! / Schau vom Himmel und sieh, nimm dich dieses Weinstocks an!

16 Schütze doch, was deine Rechte gepflanzt hat, den Sohn, den du dir großgezogen hast!

19 So wollen wir nicht von dir weichen. Lass uns leben, so wollen wir deinen Namen anrufen.

20 HERR, Gott Zebaoth, tröste uns wieder; lass leuchten dein Antlitz, so ist uns geholfen.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar

und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Wir kommen zu dir, guter Gott,

aus all unserer Unruhe,

und mit so vielen Gedanken, die wir uns machen.

Wir bekennen dir,

dass wir unseren Glauben

nicht aufrichtig genug gelebt haben.

Du hast gerufen,

und wir haben nicht gehört.

Du hast uns geboten zu gehen,

und wir sind stehen geblieben.

Du ermutigst uns, dir zu vertrauen,

aber wir verlassen uns lieber auf uns selbst.

Wir hoffen, dass andere unsere Erwartungen erfüllen,

aber wir erwarten nichts von dir.

Darum:

Höre uns und komm zu uns,

dass wir erkennen, wo wir ändern müssen.

Herr, erbarme dich!

Vor dir werden wir still,

um dir anzuvertrauen,

was in dieser Zeit auf uns lastet.

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Gott, unser Vater,

spricht uns allen seine Gnade zu.

So verkünden es die Propheten:

Siehe, der Herr wird kommen,

zu erlösen die Völker;

er wird seine herrliche Stimme erschallen lassen,

und ihr werdet euch von Herzen freuen!

 

Dreieiniger Gott,

du Grund unserer Hoffnung und Erwartung.

Wir freuen uns in dieser Zeit des Adventes,

die uns sagt, dass du kommen wirst.

Du bist als das helle Licht in diese Welt gekommen,

damit wir nicht in der Finsternis bleiben.

Wir bitten dich:

Sei du das Licht auf unserem Weg

durch diese Adventszeit,

damit wir deine Zeichen der Hoffnung erkennen

und weitergeben können,

durch Jesus Christus, unseren Herrn,

der mit dir und dem Heiligen Geist

lebt und Leben schafft

jetzt und in alle Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Lukasevangelium, Kapitel 21, Verse 25-33:

25 Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres,

26 und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen.

27 Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit.

28 Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.

29 Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an:

30 wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass der Sommer schon nahe ist.

31 So auch ihr: Wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist.

32 Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht.

33 Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.

Halleluja! Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und die Völker mit seiner Wahrheit. Halleluja! 

 

 Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Epistellesung: Aus dem Jakobusbrief, Kapitel 5, Verse 7-8:

(auch Predigttext)

7 So seid nun geduldig, Brüder und Schwestern, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen.

8 Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.

Amen.

 

Predigt

 Die Gnade unseres Herrn und Gottes sei mit uns allen. Amen!

 Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Worauf warten wir? Worauf warten wir in diesen Tagen? Kinder, die jeden Morgen zum Adventskranz rennen, um ein Türchen zu öffnen, könnten uns das genau sagen. Meist war es in der Vergangenheit ein leicht daher gesagtes Sprichwort. Aber nun ist es wohl für viele Menschen wahr geworden: viele warten buchstäblich auf bessere Zeiten!

Ich kenne alte Menschen in unserer Gemeinde, die warten in diesen Tagen ganz besonders auf einen Menschen, vielleicht auf den Besuch der eigenen Kinder, und selbst das scheint schwierig zu werden. Andere warten auf eine Versöhnung, die so lang schon aussteht.

Ja, worauf warten wir? Es ist so vieles, was wir erwarten, in diesen Tagen des Adventes, auch in unserer Gemeinde. Ganz verschieden leben wir hier eng zusammen und nun doch eher doch jede und jeder mehr als sonst für sich. Es scheint sonst manchmal, dass unsere Unterschiedlichkeit zu keiner Zeit sensibler erlebt wird als in dieser Zeit vor Weihnachten. Nun aber sollen wir uns alle gleichermaßen in so vielem zurückhalten.

Vielfach reagieren wir aber genau mit diesem Rückzug auf unsere liebgewonnenen Traditionen von Weihnachtsfeiern und häuslicher Gemütlichkeit, in denen wir selbst unsere vermeintliche Sicherheit des Immerwiederkehrenden finden und uns so schön gegen die Wirklichkeit des Alltags abschotten können. In diesem Jahr ist selbst das anders. Wir sollen und müssen uns abschotten, damit die Wirklichkeit eben nicht eindringt in unsere Familie.

Ist es deshalbtatsächlich so, ist in diesem Jahr wirklich alles anders?

Worauf warten wir? – Nun zwei Verse aus dem 5. Kapitel des Jakobusbriefes sind uns heute als Predigtwort mitgegeben; zwei Verse, die darauf antworten wollen, wir haben sie als Epistellesung auch etwas weiter oben schon lesen können. Ich rufe sie uns hier auch noch einmal ins Gedächtnis:

7 So seid nun geduldig, Brüder und Schwestern, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen.

8 Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.

So seid nun geduldig! – Das ist leicht gesagt, besonders in dieser Zeit!

Da schieben wir Berge von Problemen vor uns her. Wir zählen die Tage bis Weihnachten, so als ob die Zeit irgendwie sinnlos verrinnt. Da haben wir enorme Erwartungen an das Fest und viele von uns wissen überhaupt noch nicht, wie es in diesem Jahr werden wird. Nicht nur Familien; es gilt selbst für viele Kirchen und Gemeinden. Manchmal erwarten wir von dem Weihnachtsfest, dass alle Probleme schon irgendwie gelöst – von wem auch immer. Es fall uns auch tausend Dinge ein, die noch gemacht werden müssten; aber auch das ist diesmal oft mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. Und so machen sich viele in diesem Jahr auch wieder einen besonderen Stress und erleben ihn noch einmal ganz anders. Und ich hab es schon von einige in Gesprächen gehört, dass sie froh wären, „wenn schon alles rum wäre“! Dabei fängt mit dem Heiligen Abend, mit der Geburt des Kindes doch alles erst an!

So seid nun geduldig, Brüder und Schwestern, bis zum Kommen des Herrn.  – In der Tat: leicht gesagt! Ganz egal, wie wir warten. Uns allen wünsche ich die Haltung des Bauern in unserem Predigttext.

Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen.

Dieser Bauer weiß: Gottes Handeln allein ist es, das am Ende den Ertrag unseres Tuns bestimmt. Und dies bedeutet viel mehr als ein passives Warten. Es ist etwas ganz anderes als das Sich-ergeben in Verhältnisse, die unabänderlich scheinen. Es ist etwas ganz anderes als der selbstverliebte Glaube, alles selbst regeln zu können.

Nein, denn in der Vorbereitung dieses Wartens, in der Vorbereitung auf eine gute Ernte hin, da ist für den Bauern viel zu tun. Das Feld ist rechtzeitig zu bestellen, die Saat hatte er rechtzeitig zu legen. Er hatte sie über eine lange Zeit zu pflegen, musste sie vor Schädlingen schützen. Die meiste Zeit seines Lebens verbringt er in der Vorbereitung auf die Ernte. Und er weiß um das Andere: Wenn dann die Zeit der Ernte kommt, dann wird da wieder viel Arbeit sein. Auch dann muss er wieder vorbereitet sein. Er muss Raum geschaffen haben, die Ernte einzubringen. Er muss einen Plan für seine Ernte haben. Aber in den Zwischenzeiten, in den Zeiten, in denen er selbst nichts tun kann, da weiß er um die Notwendigkeit des Frühregens und des Spätregens. Beides gehört zur guten Ernte dazu, beides liegt nicht in seiner Hand.

Sein Warten aber ist nicht Hilflosigkeit, ist auch nicht Ohnmacht! Sein Warten ist auch nicht Geschäftigkeit und Ablenkung. Nein, sein Warten hat etwas mit Gelassenheit, mit vertrauensvoller Gelassenheit. Was er tun konnte, hat er getan. Nun muss er sich auf den Kreislauf der Natur einlassen. Er muss wirken lassen, wachsen lassen; ja, er muss und er kann es nur einfach geschehen lassen. Er kann es, denn er hat das Seine rechtzeitig dazugetan.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Wie sieht es aus mit unserer Gelassenheit in diesen Tagen? Ich weiß, das ist nach so vielen Wochen und Monaten eines „irgendwie anderen Lebens“ in diesem Jahr 2020 keine wirklich originelle Frage. Aber ich erwarte ja auch keine originelle Antwort. Wäre es denn die gleiche Antwort wie in den Jahren zuvor? Haben wir da nicht auch schon immer über die Unruhe der Menschen und auch über unsere eigene Unruhe geklagt? Tun wir das nicht in jedem Jahr und in jeder Adventszeit neu und immer wieder?

Mir geht der Bauer nicht aus dem Kopf. Haben wir das Unsrige denn auch so rechtzeitig getan wie er, haben wir rechtzeitig den Boden bereitet, nicht nur nach außen, sondern gerade auch nach innen, in uns selbst, um so gelassen sein zu können wie er? Warum offensichtlich nicht? Nun, ich denke die Gelassenheit des Bauern hat nicht nur mit wachsen lassen, mit wirken lassen zu tun. Nein, ich verbinde seine Gelassenheit auch mit Eigenschaften wie loslassen können, mit verlassen können, mit unterlassen, mit anderen überlassen.

Loslassen können – Vielleicht habe ich zu lernen, nein, wenn ich es an dieser Stelle einmal ganz persönlich schreiben darf, bestimmt habe ich zu lernen, dass Dinge nicht in meiner Macht liegen. Gerade in diesem Jahr habe ich das – wie viele andere auch – wieder neu erfahren. Ich kann nicht alles tun. Ich kann das Leid dieser Welt ebenso wenig aufheben, auch wenn mich das Leid in diesen Tagen besonders anzurühren scheint. Ich kann eben nicht mit den Fingern schnipsen und alles ist gut. Und trotzdem spüre ich gerade in dieser Zeit manchmal diesen Druck, alles allein ausrichten zu müssen, so dass am Ende alles perfekt erscheint. Ich habe zu lernen, und es tut gut zu wissen, dass ich da wahrlich nicht der einzige bin.

Etwas verlassen können. – Vielleicht, nein bestimmt habe ich zu lernen, ausgetretene Wege auch zu einmal verlassen zu müssen; Wege, die mich Jahr für Jahr in dasselbe Dilemma führen. Vielleicht habe ich manchen meiner Wege auch einmal als Sackgasse zu erkennen. Und wieder bin ich da nicht allein!

Unterlassen. – Vielleicht, nein bestimmt habe ich zu akzeptieren, dass ich mich an einigen Punkten schlichtweg verweigern muss, dass ich einige Dinge eben nicht tun darf, statt mir selbst immer zu wünschen, dass andere es lassen. Es gab in den vergangenen Monaten immer auch viele Ermutigungen in für uns alle schwierigen Zeiten. Aber es gab auch soviel Dummheit und Arroganz. Vieles darf ich noch nicht einmal gedanklich auch nur im Ansatz teilen. Ich weiß, anderen geht es ähnlich.

Überlassen. – Muss ich eigentlich jedes Mal die gleiche Rolle spielen? Muss ich in der Gemeinde, in der Familie oder in dem Verein, in dem ich mich engagiere, wirklich immer in vorderster Linie agieren? Da sind doch auch andere, die meine Arbeit, meinen Dienst tun könnten. Ich habe das vertrauensvoll und gelichzeitig auch sorgenvoll erfahren dürfen. Was hindert mich eigentlich daran, anderen das Feld zu überlassen, damit es mir selbst leichter wird? Oder will ich anderen das Feld gar nicht überlassen? Ist meine Klage, die ich in dieser Zeit so oft im Munde führe – meist übrigens zu Unrecht – nicht irgendwo auch der leise und manchmal doch so laute Ruf nach Anerkennung, nach Beachtung meines Einsatzes? Und auch hier weiß ich, dass es einigen ganz ähnlich geht!

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Mit dem griechischen Wort „makrotumein“ beginnen jeweils diese beiden Verse des Jakobusbriefes. Luther übersetzte mit „geduldig“. Übersetzt man aber ganz genau, dann steht da – so finde ich – viel mehr. „Makrotumein“ bedeutet übersetzt „großen Mut haben“. Und das kommt wohl dem Sinn des Wartens, zu dem wir gerufen sind viel, viel näher. Habt großen Mut, heißt es dann nämlich. Habt großen Mut, habt den Mut zu einem langen Atem, liebe Schwestern und Brüder! Habt diesen Mut zum langen Atem bis zum Kommen des Herrn. Habt Mut, habt den Mut zu einem langen Atem und stärkt eure Herzen! Denn der Herr kommt bald!

„Zur Stärkung des Herzens“ – das steht auf so mancher Medizin, die uns helfen soll, auch dem Stress von Erwartungen standzuhalten. „Stärkt eure Herzen!“ heißt es bei Jakobus. Das Herz ist nicht nur Zentrum unserer Lebenskraft; nein, es ist auch Organ unseres Wartens. Das spüren wir z.B., wenn die Anspannung des Wartens unseren Herzschlag manchmal beschleunigt. „Stärkt eure Herzen“ – ich verstehe das auch so: Lasst doch Gottes Geist, den Geist, der das Kommen des Herrn vorbereiten möchte in euch. Lasst diesen Geist Gottes in euch einziehen, lasst ihn wirken in euren Herzen, damit Gott auch zu euch kommen kann.

Und da ist noch das andere: Bis in unsere Zeit ist das Herz zugleich auch ein Symbol inniger Verbundenheit. „Stärkt eure Herzen!“ heißt dann für mich auch: „Stärkt die Gemeinschaft untereinander!“ Schaut euch um nach denen, die mit euch warten, die aber vielleicht ganz anders warten. Schaut euch um, und lasst keinen auf der Strecke. Teilt euer Licht und macht euch gemeinsam die Wege hell, die Wege, auf denen Gott zu euch kommt, auf denen er euch begleitet, geht gemeinsam. „Stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe!“

Lasst uns darauf vertrauen – gerade auch in diesem Jahr, das für uns alle eine Zumutung war, aber das wie jedes andere Jahr auch in ein neues Jahr mit Gott münden wird! Darauf unsere Hoffnung!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Fürbittgebet

Komm, Herr, in diesen Tagen des Advents!

Komm, und kehre bei uns in.

Komm in unsere Wohnungen und Häuser

mit all ihren adventlichen Zeichen und Lichter.

Komm in unsere Herzen,

in die fröhlichen und in die traurigen,

in die sorgenerfüllten und die sorglosen,

in die hoffenden und die zweifelnden,

in die klagenden und lobenden –

komm in jedes Herz und erfülle es mit deinem Licht.

So bitten wir dich:

Lass dein Licht scheinen bei den Menschen,

die nichts mehr von dir erwarten,

dass sie neue Hoffnung schöpfen.

Lass dein Licht scheinen bei den Menschen,

die alles von dir erwarten,

dass sie sich nicht überfordern und das rechte Maß finden.

Lass dein Licht scheinen bei den Menschen,

die sich alleingelassen fühlen,

damit sie spüren, dass da jemand ist, der sie liebt.

Lass dein Licht scheinen bei den Menschen,

die lieben können,

damit sie niemals vergessen, dass Liebe wertvoller wird,

wenn sie geteilt wird.

Lass dein Licht in uns allen scheinen,

damit wir niemals vergessen,

dass all unser Warten schon längst erfüllt ist,

denn du bist uns nahe und lebst in uns.

In der Stille beten wir zu dir!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –,

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger Dunkel

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Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum 1. Adventssonntag, 29. 11. 2020

Lesegottesdienst

mit den gottesdienstlichen Texten zum

1. Adventssonntag, 29. 11. 2020

 

Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Wochenspruch:

Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer. (Sach 9,9)

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Psalm 24

1 Ein Psalm Davids. Die Erde ist des HERRN und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen.

2 Denn er hat ihn über den Meeren gegründet und über den Wassern bereitet.

3 Wer darf auf des HERRN Berg gehen, und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?

4 Wer unschuldige Hände hat und reinen Herzens ist, wer nicht bedacht ist auf Lüge und nicht schwört zum Trug:

5 der wird den Segen vom HERRN empfangen und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heiles.

6 Das ist das Geschlecht, das nach ihm fragt, das da sucht dein Antlitz, Gott Jakobs.

7 Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe!

8 Wer ist der König der Ehre? Es ist der HERR, stark und mächtig, der HERR, mächtig im Streit.

9 Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe!

10 Wer ist der König der Ehre? Es ist der HERR Zebaoth; er ist der König der Ehre.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar

und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Herr guter Gott und Vater!

Du kommst,

kommst zu uns in einem Kind,

hier auf unsere Erde, mitten unter uns Menschen.

Wie groß müsste unsere Freude doch sein!

Wie fröhlich erwartend müssten wir uns und dir begegnen.

Doch kleingläubig sind und bleiben wir.

Wir trauen dir nichts zu,

stöhnen unter der Last unseres Alltages,

resignieren vor dem Berg unserer Sorgen.

Herr, mache du uns frei,

frei, dass wir durchatmen können,

dass wir neu sehen und neu gehen lernen,

auf dich zu – denn du schenkst uns das Leben.

Herr, du kommst zu uns

und erbarmst dich unser.

Deshalb wollen wir nun still werden,

um dir anzuvertrauen,

was in dieser Zeit auf uns lastet.

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Aber dann wollen wir auch daran denken,

dass du uns unsere Schuld nicht anrechnest

und uns mit deiner ganzen Gnade entgegenkommest,

wenn du zu uns sagst:

„Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen,

aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln.

Mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen.“

Ehre sei Gott in der Höhe!

 

Dreieiniger Gott,

du Grund unserer Hoffnung und Erwartung.

Wir freuen uns in dieser Zeit des Adventes,

die uns sagt, dass du kommen wirst.

Du bist als das helle Licht in diese Welt gekommen,

damit wir nicht in der Finsternis bleiben.

Wir bitten dich:

Sei du das Licht auf unserem Weg

durch diese Adventszeit,

damit wir deine Zeichen der Hoffnung erkennen

und weitergeben können,

durch Jesus Christus, unseren Herrn,

der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und Leben schafft

jetzt und in alle Ewigkeit.

Amen.

 

Epistllesung: Aus dem Römerbrief, Kapitel 13, Verse 8-12:

8 Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt.

9 Denn was da gesagt ist (2. Mose 20,13-17): »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst (3. Mose 19,18): »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.«

10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.

11 Und das tut, weil ihr die Zeit erkannt habt, dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden.

12 Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.

Halleluja! Aus Zion bricht an der schöne Glanz Gottes. Unser Gott kommt und schweigt nicht! Halleluja!

 

 Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 21, Verse 1-11:

(auch Predigttext)

1 Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus

2 und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt. Und sogleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir!

3 Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen.

4 Das geschah aber, auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sacharja 9,9):

5 »Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.«

6 Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte,

7 und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf.

8 Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg.

9 Das Volk aber, das ihm voranging und nachfolgte, schrie und sprach: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!

10 Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und sprach: Wer ist der?

11 Das Volk aber sprach: Das ist der Prophet Jesus aus Nazareth in Galiläa.

Amen.

 

Predigt

 

Die Gnade unseres Herrn und Gottes sei mit uns allen. Amen!

 

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Können sich einige von Euch noch an die großen früheren Boxkämpfe erinnern – Cassius Clay, Mike Tyson, später auch Henry Maske und die Klitschko-Brüder.

Da konnten wir immer sehr schön sehen, wie man für etwas, was einige Sport nennen, einen Einmarsch inszenieren kann. Erst gestern hat Mike Tyson als Ü50er noch einmal so den Ring betreten. Lichterspiel, Musik, Leibwachen – perfekte Show. Ähnlich ist es, wenn Eishockey-Cracks oder Fußball-Millionäre ins Stadion einlaufen.

Ich denke auch an Bilder aus Nachrichtensendungen. Wenn die ach so wichtigen Politikerinnen und Politiker in ihren Nobelkarossen vorfahren. Sie steigen aus, Blitzlichtgewitter donnert los. Dann tun sie pflichtgemäß so, als ob es sie stören würde, antworten meist schnell: „Kein Kommentar!“ Aber wehe, da stünden sie nicht – die Journalisten und Fotografen. Wehe, da würde keiner stehen, um einen anderen wichtiger zu machen als er oder sie vielleicht ist. Ich glaube, einige der hohen Damen und Herren würden vermutlich einfach stehenbleiben und warten, bis denn endlich jemand käme. Mächtige inszenieren ihren Einzug, zu viele vermeintlich Mächtige tun es ihnen nach.

Ich denke aber auch an etwas anderes, bei dem ich heute noch Gänsehaut bekomme, wenn ich zurückdenke. Erinnert Ihr Euch auch noch: Oktober 1989 – Menschen ziehen durch Leipzig. Der Einzug in eine neue Zeit. So gar nichts in der Hand – außer einem Transparent: „Wir sind das Volk!“ Machtlos waren sie, ohnmächtig, vieler voller Angst, ob nicht gleich losgeschossen würde. Und diese Menschen wurden mächtig, wurden übermächtig. Die Machthaber wurden ohnmächtig. Ich werde diese Bilder niemals vergessen. Von einer anderen Inszenierung haben wir gerade etwas weiter oben gelesen, von der Inszenierung eines Einzugs. Matthäus hat davon in seinem Evangelium berichtet.

Jesus inszeniert seinen Einzug in die Stadt. Schickt seine Jünger zu einem Fremden, den Esel zu holen. Und siehe da, der weiß sogar schon Bescheid. Dann zieht er ein, das kleine Stück vom Ölberg in die Stadt. Er hätte ja eigentlich auch laufen können, einfach durchs Stadttor hineinspazieren können. Tut er aber nicht! Eine Demonstration zettelt er an, ohne behördliche Genehmigung. Sonst hat er seinen Jüngern meist immer verboten, zu erzählen, was er alles geleistet hat. Hier aber protzt Jesus geradezu – zumindest für seine Verhältnisse. Er bedient sich eines Mittels, das in seinen sich immer ähnelnden Ritualen bis heute geläufig ist bei den Mächtigen und bei denen, die auf öffentliche Wirkung angewiesen sind. Der Evangelist verbindet diese Szene sogar noch mit der alten Tradition. Er stellt eine Prophezeiung, ein Verheißungswort dazu. Er kommentiert so die Geste Jesu:

Das geschah aber, auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sacharja 9,9):  »Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.« (VV4+5)

Und doch – vieles dieser Geste ist hier anders als gewöhnlich. Es sollte uns zu denken geben, wenn wir heute den Beginn der Adventszeit feiern. Fünf Dinge sind mir aufgefallen:

1. Da ist eine Menge von Menschen, die sich geradezu gehen lässt, als Jesus so ankommt. Ganz spontan und zuallererst wurde die unbegrenzte Lust am Feiern der Ankunft Jesu empfunden. Da wird nicht organisiert, da geben die Menschen ihrer Freude Ausdruck. Die Leute sind regelrecht aus dem Häuschen, machen ihren Glauben, ihre hoffnungsvolle Erwartung zu einem Straßenfest. So feiern sie Advent, die Ankunft. Welch ein Gegensatz zu unserer ewig wiederkehrenden Zeremonie! Und welch ein Gegensatz zur aktuellen Situation, in der solche Aufläufe nicht denkbar wären bzw. unverantwortlich wären! Nicht wenige von uns haben begonnen zu klagen. Spontan sein und so feiern ist nicht möglich. Aber anders feiern können wir auch aber auch nicht, haben es wohl nicht gelernt. Kommen sonst in den Vorjahren immer sehr schnell die Klagen über die zu viele Feiern in der Adventszeit, so wird sich das in diesem Jahr wohl eher ins Gegenteil verkehren.

Wir sind gezwungen zu verzichten. Und doch ist es uns Christinnen und Christen geboten, die Ankunft unseres Gottes, das Kommen Christi in unsere Welt zu bedenken. Aber wie werden wir es tun, ohne zum Beispiel immer einfach Weihnachten vorwegzunehmen? Habe ich das in früheren Jahren angemahnt, stieß ich – ehrlich gesagt – oft auf taube Ohren. Es einmal anders zu versuchen statt in immer gleichen Ritualen von vorgezogenen Weihnachtsmärkten, Glühwein, Bratwürste und Einkaufsrummel – das Reden darüber, es einmal anders zu machen, und der Mut es wirklich zu tun lagen immer so weit auseinander wie der Nordpol und der Südpol

Doch niemand ist bereit, auf eine Weihnachtsfeier in der Adventszeit – eigentlich ein Unsinn in sich – zu verzichten. Niemand ist bereit Ankunft zu feiern, statt Weihnachten einfach vorwegzunehmen. Wie oft habe ich versucht, allen Gemeindekreisen dieses nahezulegen. Taube Ohren waren das einzige, worauf ich stieß. Spontan und freudig, einfach ‘mal ganz anders, Ausbrechen aus einem ewig wiederkehrenden Kreislauf – das Reden davon und der Mut dazu liegen soweit auseinander wie der Nordpol vom Südpol. In diesem Jahr allerdings ist alles anders, wie wird es werden?

2. Da ist der Esel. Wahrlich kein hohes Tier, keine Nobelkarosse. Zeichen der Armut an vielen Punkten des Alten und Neuen Testamentes. Jesus reitet auf einem Tier, das zu ihm passt. Denn er schaut nicht vom hohen Roß hinunter, er inszeniert ein Königtum der ganz besonderen Art. Ohne roten Teppich, aber dafür mit live gesungenem Hosianna. Er macht sich selbst auf dem Lasttier des kleinen Mannes zum Esel in den Augen seiner Spötter. In den Augen der Verspotteten aber schlägt er geradezu eine Eselsbrücke, die zu Gott führt. Er setzt ein einfaches Zeichen. Mit Plastikherzen über Fußgängerzonen, mit überreichem Lichterschmuck, mit einer erschlagenden Flut von zur Schau gestellten Frömmigkeitssymbolen hat er so gar nichts zu schaffen. Nicht die Wattzahl der Lichter in meiner Wohnung, nicht die Häufigkeit der immer wieder aufgelegten Weihnachtsmusik öffnet dem ankommenden Eselsreiter den Weg zu mir. Allein mein Herz, meine Ruhe, meine Zeit, in der ich bereit bin, alles andere beiseite zu schieben, macht ihm den Einzug möglich. Alles andere ist Täuschung, manchmal gefährliche Selbsttäuschung. Vielleicht habe ich in diesem Jahr, in diesem Advent ja wirklich enmal mehr, weil eben andere Zeit, um genau das einmal zu tun – still werden, um zu spüren, dass Gott mir schon nahe ist!

3. Da ist von Sanftmut die Rede. Dieses Wort hat es uns angetan. Es ist praktisch zum Schlüsselwort eines ganzes Abschnitts geworden. Ist es nicht interessant, dass zur Sanftheit ausgerechnet der Mut gehört! Was für eine Kombination! Wo wir doch eigentlich immer das Gegenteil vermittelt bekommen, ja es selbst leben. Sanftheit ist Feigheit. Und Mut macht stark, greift an. Liebe Schwestern und Brüder! Die „sanfte Tour“ hat göttliche Verheißung. Lasst uns daran denken, wenn wir gerade in dieser Zeit wieder besonders feinnervig und gereizt werden. Vieles wird uns gerade abverlangt! Wenn wir den Frieden erwarten und an der Friedlosigkeit dieser Welt zu verzweifeln beginnen, wenn wir den großen Knall erwarten, nach dem dann alles Leid, alle Gewalt, aller Krieg ein Ende hat. Und diese ganze Situation, die uns ja eben auch geradezu – um in einem biblischen Bild zu bleiben – „wie ein Dieb in der Nacht“ überkommen hat. Sanftmütig reitet Jesus auf einem Esel. Nicht profillos, nicht willenlos, nicht apathisch – nein, unbeirrt, ohne Angst, eindeutig auf ein Ziel hin, nicht allen recht machend, gleichzeitig niemandem weh tuend – sanftmütig eben. Einfach, aber unbeirrt bleiben, nicht willenlos, sondern vertrauend, auch eine Übung für uns in diesen Tagen!

4. Kleider machen Leute. Wer etwas aus sich zu machen versteht, wer das entsprechende „Outfit“ – so sagt man es neudeutsch heute – hat, der kann auftreten auf dem Laufsteg des Erfolges. Und wer gar nichts hat, was anziehend wirken könnte, es funktioniert noch immer, weil eben bloß die Kinder den Durchblick haben. Auf die hört man allerdings nur in dem genannten Märchen. Jesus macht das anders. Er macht gar nichts aus sich. Nein, er lässt etwas an sich geschehen. Bei ihm sind es die Menschen, die da stehen und feiern. Die machen etwas an ihm; sie machen etwas für ihn. Ihre Kleider machen seinen königlichen Auftritt. Das unterscheidet einen ausgerollten roten Teppich von einem „handgemachten“. Hier ziehen die Menschen ihren Hut oder Mantel, oder ihre Kleider nicht auf Kommando, oder auf Funktionärswillen. Sie sind kein bestellte und einstudiert handelnden Klatschvolk. Das letzte Hemd ziehen sie aus, vielleicht alles, was sie haben, schmeißen es in den Dreck, ebnen so einen schönen geschmückten Weg – ohne Aussicht auf Erstattung der Reinigungskosten. Jesus lässt das zu, er feiert mit. Feiert diesen Augenblick, nimmt wahr, dass die Menschen dort ihm die Herrschaft zugestehen, ihn als ihren König anerkennen. Die Menschen damals, legten ab. Wir putzen uns heraus. Die Menschen damals waren bereit, alles herzugeben. Wir meinen, wir bräuchten immer mehr, hergeben fällt uns schwerer und schwerer. Teilen, sich selbst hingeben – es muss eingefordert werden, angemahnt, die mangelnde Bereitschaft beklagt werden. Haben sich die Zeiten wirklich so geändert?

5. Da ist schließlich ein Prophetenwort. Eine alte Ankündigung, eine Prophezeiung! Ist es nicht so, dass gerade am Jahresende, zum Jahreswechsel hin viele Menschen geradezu süchtig werden nach Vorhersagen, nach Prognosen für das neue Jahr? Jahreshoroskope sind angesagt. Vermeintlichen Zukunftsprognostikern hört man hellhörig zu. Ich glaube, beim vergangenen Jahreswechsel werden sich nahezu hundert Prozent von ihnen getäuscht haben. Jede Menge Prophezeiungen prasseln immer wieder auf uns nieder. Aber wir Christinnen und Christen haben eine, die gilt! Denn Gott hält sein Versprechen: „Siehe dein König kommt zu dir!“ Gott hält sein Versprechen.

Wir haben einen Gott, der zu seinem Wort steht. Die Treue Gottes währet ewig – zu allen Zeiten haben Menschen sich an dieser Hoffnung genährt! Vielleicht, oder bestimmt ist deshalb der Einzug Jesu auf dem Esel so fröhlich aufgenommen worden. Jesus hat damit auch den Nerv der Menschen damals getroffen. Er hat ihnen die Augen geöffnet für die Treue Gottes. Sie konnten nicht anders als fröhlich sein. All ihr Hoffen, all ihre Erwartungen – jawohl sie hatten sich gelohnt. Barmherzigkeit gegen Gesetzlichkeit, Liebe gegen Dogmatik, Gottesherrschaft gegen den Machterhalt der Menschen, Freiheit gegen Besatzung! Ja, ich verstehe die Freude der Menschen da am Straßenrand.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Wo stehen wir eigentlich in diesem Bild? Sind wir bei den Tanzenden, haben wir uns die Kleider vom Leib gerissen und in den Staub geschmissen. Gehören wir zu den Jubelchorsängern, zu den Hosianna-Rufern?  Sind wir bei denen, die auf die Knie gefallen sind und vor Glück zu weinen begonnen haben, weil nun ihr Leben ganz anders werden wird, ganz neu. Wo sind wir, wo malen wir uns hin?  Ganz hinten im Bild ahne ich eine Gruppe von Menschen. Sie feiern nicht mit. „Lasst die nur feiern“, höre ich jemand von ihnen sagen. „Lasst die nur feiern. Ich habe für solch einen Unsinn kein Verständnis. Ich mache weiter, wie bisher, mache weiter das, was ich will. Hoffnung – brauch’ ich nicht. Veränderung – will ich nicht. Liebe – schön wär’s! Ich habe viel von meinem Glauben an all das verloren!“

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Einige von uns werden sofort wissen, wohin sie sich in diesem Bild malen. Andere müssen vielleicht erst noch ein wenig überlegen. Alle aber sind wir eingeladen, daran zu denken, dass Advent das Fest der lebendigen Hoffnung für uns alle ist. Das Fest der Hoffnung, dass Gott in diese Welt eingreift, dass er uns anrührt. Ja, dass er uns das Leben neu schenkt! Solch ein Leben geht nur, wenn ich rede und handle, als wenn das Leben gelingen wird. Wer fröhlich ist, der teile seine Freude mit dem König der da auf einem Esel entgegenkommt! Wer seine bedrohte Existenz und Zukunft erkannt hat, wer sich von seinen Zweifeln und Ängsten leiten lassen will, der soll sich nicht damit aufhalten, sich selber ständig seine Zukunftslosigkeit zu beschreiben. Hoffnung ist, sich in Widerspruch zu sich selbst zu stellen und sich dem Reiter auf dem Esel in den Weg zu stellen. Er wird nicht vorbeireiten – an niemandem. Er kommt, kommt zu jedem. Er benutzt zwar das Ritual der Mächtigen, den Einzug eines Königs. Aber er will nichts für sich. Wenn Gott kommt, dann will er nichts für sich. Er will bei uns einziehen, damit wir seinen Verheißungen treu bleiben. Er ist es schließlich auch. Er kommt, um mit uns neu zu leben! Gerade auch nach diesen Tagen, Wochen und Monaten! Euch allen eine gesegnete Adventszeit!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Fürbittgebet

Jesus Christus, unser Bruder und Heiland,

wir danken dir, dass du in unsere Welt kommst,

dass du die Hoffnung in uns wach hältst.

Wir danken dir,

dass dein Wort uns immer wieder neu sammelt,

wenn auch in diesen Zeiten in so vielen verschiedenen Formen.

Wohin du kommst, da werden Menschen verwandelt,

zu hoffen und zu lieben,

sich zu freuen und sich geborgen zu fühlen.

So höre uns, wenn wir nun bitten:

 

Komm zu allen, die keinen Sinn mehr in ihrem Leben sehen,

die nichts mehr mit sich und der Welt anzufangen wissen,

denen alle Lebenschancen genommen sind.

 

Komm zu allen, die ratlos sind und verzweifelt,

die leiden und keine Hoffnung mehr haben,

die sich ausgestoßen fühlen

und nach Gemeinschaft sehnen.

 

Komm zu allen, die schuldig geworden sind,

verstrickt in Schwäche, Oberflächlichkeit und Irrtum,

dass sie an deine Liebe glauben können

und deine Vergebung spüren.

 

Komm zu allen, die in unserer Kirche arbeiten,

die ihre Gaben und Kräfte einbringen,

dass unter ihnen die Hoffnung lebendig bleibt,

dass du ihnen Hilfe und Wegweisung bist.

 

Hilf uns festzuhalten am Bekenntnis der Hoffnung,

dass wir nicht wanken, denn du bist treu.

In der Stille beten wir zu dir!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –,

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger Dunkel

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Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum letzten Sonntag im Kirchenjahr, Ewigkeitssonntag, 22. 11. 2020

Lesegottesdienst

mit den gottesdienstlichen Texten zum

letzten Sonntag im Kirchenjahr, Ewigkeitssonntag, 22. 11. 2020

Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Wochenspruch:

Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen. (Lk 12,35)

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Psalm 126

1 Ein Wallfahrtslied. Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden.

2 Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein. Da wird man sagen unter den Völkern: Der HERR hat Großes an ihnen getan!

3 Der HERR hat Großes an uns getan; des sind wir fröhlich.

4 HERR, bringe zurück unsre Gefangenen, wie du die Bäche wiederbringst im Südland.

5 Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.

6 Sie gehen hin und weinen und tragen guten Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar

und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

An diesem Morgen sind wir, guter Gott,

vor dir, diesmal ganz anders as sonst!

An verschiedenen Orten in unseren Wohnungen und Häusern,

glücklich oder trauernd,

mutig oder verängstigt.

Wie gut, dass du uns jetzt nahe bist.

So denken wir zurück:

Heute sind da viele Trauernde.

Menschen denken heute besonders an andere Menschen,

die sie verloren haben.

In unserer Trauer brauchen wir Hoffnung.

Du, Herr weißt, wie sehr wir dein Erbarmen brauchen.

 

Wir denken aber auch voraus.

Hoffend, immer wieder hoffend,

trotz aller Fragen und Zweifel,

denken wir an die großen Verheißungen.

„Selig sind, die da Leid tragen“,

sagt Jesus,

„denn sie sollen getröstet werden.«

So vertrauen wir auf deine Gnade.

Sie gilt uns und denen,

die bei dir für alle Zeit geborgen sind.

Alles, was uns belastet und bedrückt, wollen wir nun,

jede und jeder für sich –

in der Stille vor dich bringen!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Wir vertrauen darauf, was uns gesagt ist:

Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen,

und der Tod wird nicht mehr sein,

noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein;

denn das Erste ist vergangen.

Ehre sei Gott in der Höhe!

 

Guter Gott und Vater!

Wir kommen zu dir,

damit du deine heilende Hand auf die Wunden legst,

die uns das Leben schlug.

Lass uns deine Stimme vernehmen,

die alle Angst bannen und allen Zweifel beseitigen kann.

Sprich dein Wort zu uns,

dass es unseren Glauben weckt und stärkt an Jesus Christus,

der dem Tod die Macht genommen

und das Leben und ein unvergängliches Wesen an Licht gebracht hat

durch das Evangelium.

Das bitten wir in Jesu Namen.

Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 25, Verse 1-13:

1 Dann wird das Himmelreich gleichen zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und gingen hinaus, dem Bräutigam entgegen.

2 Aber fünf von ihnen waren töricht und fünf waren klug.

3 Die törichten nahmen ihre Lampen, aber sie nahmen kein Öl mit.

4 Die klugen aber nahmen Öl mit in ihren Gefäßen, samt ihren Lampen. 5 Als nun der Bräutigam lange ausblieb, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein.

6 Um Mitternacht aber erhob sich lautes Rufen: Siehe, der Bräutigam kommt! Geht hinaus, ihm entgegen!

7 Da standen diese Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen fertig. 8 Die törichten aber sprachen zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, denn unsre Lampen verlöschen.

9 Da antworteten die klugen und sprachen: Nein, sonst würde es für uns und euch nicht genug sein; geht aber zu den Händlern und kauft für euch selbst.

10 Und als sie hingingen zu kaufen, kam der Bräutigam; und die bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit, und die Tür wurde verschlossen. 11 Später kamen auch die andern Jungfrauen und sprachen: Herr, Herr, tu uns auf!

12 Er antwortete aber und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne euch nicht.

13 Darum wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde.

Halleluja! Ich aber will schauen dein Antlitz in Gerechtigkeit, ich will satt werden, wenn ich erwache, an deinem Bilde. Halleluja!

 

 Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Epistellesung: Aus dem Buch der Offenbarung, Kapitel 21, Verse 1-7:

(auch Predigttext)

1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.

2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein;

4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.

5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss!

6 Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.

7 Wer überwindet, der wird dies ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein.

Amen.

 

Predigt

 Die Gnade unseres Herrn und Gottes sei mit uns allen. Amen!

 Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Wir haben gerade Worte aus dem letzten Buch des Neuen Testaments, aus dem Buch der Offenbarung etwas weiter oben gelesen.

Diese Worte gehören zu den – wie ich finde – schönsten Verheißungsworten der ganzen Bibel. Von einem neuen Himmel wird geredet, von einer neuen Erde, vom himmlischen Jerusalem. Aber so schön diese Verheißung auch ist, vielleicht ist sie für viele von uns ja doch nur etwas ganz Fernes, vielleicht nur wie ein Traum in der Nacht, der verschwimmt und vergeht, wenn der Tag wieder anbricht.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Es ist wirklich einen Versuch wert, dieses Buch der Offenbarung einmal von Anfang an zu lesen, Kapitel für Kapitel. Es ist ein Versuch wert, diese Offenbarung wirklich einmal innerlich zu durchwandern, durch alle Tiefen und Irrgärten der menschlichen Geschichte, wie sie da beschrieben werden, durch alle Plagen und Nöte, durch Stürme, Gerichte und Tode. Und wenn wir dieses Buch so aufmerksam durchwandern würden, mit all seinen Bildern für Krisen, für Katastrophen, die je über die Menschen hereinbrachen – und manche der darin beschriebenen Szenarien scheinen uns in den vergangenen Wochen und Monate ja irgendwie näher gerückt zu sein –, dann wird das letzte Kapitels dieses Büchleins, das vom neuen Himmel und von der neuen Erde berichtet, wohl nicht mehr als vergeblicher Trost empfunden werden können. Nein, lebensnotwendige Erlösung will dieses letzte Kapitel sein, Befreiung von allem, was uns bindet hier auf Erden, will es sein; nach soviel eigener Hölle – endlich der Himmel, nach soviel Leid und Tränen – endlich befreites Lachen und nicht mehr endende Freude.

Ich wünschte mir, uns passierte an diesem Totensonntag, an diesem Ewigkeitssonntag ähnliches. An diesem Sonntag ist es unsere Tradition, uns der Verstorbenen zu erinnern. Gerne tun wir es mit den Angehörigen der Verstorbenen des vergangenen Kirchenjahres. Dieses ist heute in unseren Kirchen leider nur bedingt und unter Auflagen möglich. Gleichzeitig predigen wir aber da, wo wir uns treffen, sogar hier mit diesem Lesegottesdienst die Auferstehung: Gottes ewiges Leben – deshalb auch: Ewigkeitssonntag.

„Der Tod wird nicht mehr sein“, haben wir gehört, „siehe ich mache alles neu!“ Das Bibelwort in der Offenbarung spricht in Bildern zu uns. Für einige sind auch diese Bilder noch unsäglich weit entfernt, ja noch nicht vorstellbar, einfach noch unglaublich. Zu nah ist das Erleben noch, zu tief sind die Spuren nahen Leides eingegraben. Aber vielleicht begreifen wir ja, wovon die Rede ist, wenn wir – wie beim Lesen der Offenbarung – noch einmal gedanklich die Wege gehen, die wir im vergangenen Jahr gegangen sind.

Mitten im Leben – der Tod! Das war die Wirklichkeit für Menschen in unserer Gemeinde, in unserer Nähe, in unseren Familien und im Freundeskreis. Da waren für einige die schlimmen Stunden des Wissens, das Spüren der eigenen Ohnmacht, die Tage der ersten tiefen Trauer, die schlimme Zeit danach, vielleicht sogar ein Fallen ins Nichts. Alle Beerdigungen und Trauerfeiern konnten in diesem Jahr nur in kleinem Kreis oder eben wieder unter besonderen Auflagen stattfinden. Ich weiß, genau das hat einigen sehr weh getan! Viele von uns, die in den eigenen Familien solche Verluste miterleben mussten, können das gut nachvollziehen. Könnten ebenfalls bejahen, dass dies Wüstenzeiten unseres Lebens sind.

Wie vieles zerbricht, wenn der Tod ins Leben einbricht? Und in wie vielen von uns zerbricht etwas, wenn der Tod einbricht? In vielen Gesprächen, die ich führen durfte, war immer etwas, was mich sehr tief mit berührte: das Spüren der eigenen Ohnmacht, dieses Gefühl, eigentlich nichts tun zu können. Das, was wirklich belastet, ist das Loslassenmüssen, ist natürlich der Tod des Ehepartners, der Mutter, des Vaters, ja sogar des Kindes; es ist aber auch immer die Ungewissheit, wie denn das eigene Leben eigentlich weitergehen kann.

Die beeindruckendsten Gedanken dazu für mich hat einmal die Dichterin Mascha Kaleko in wenigen Worten zusammengefasst. Ich zitiere sie oft und gern, weil niemand es wohl hätte schöner sensibler und treffender ausdrücken können. Sie schreibt – und mir selbst helfen ihre Worte:

Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht bang,

nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.

Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Bedenkt, den eig‘nen Tod, den stirbt man nur,

doch mit dem Tod der andern muß man leben!

Kann es sein, dass diese wenigen Verse einen wichtigen Gedanken aufnehmen, der uns so oft angesichts des Todes bewegt? Wie soll es eigentlich weitergehen – was wird, was kann überhaupt noch werden? Diese Fragen – sie sind immer auch da, und sie stehen genauso wichtig neben unsrer tiefen Trauer. Und es ist gut, dass sie da sind! Denn diese Fragen lassen uns nicht am Totensonntag stehen, sondern sie nehmen uns mit hinein in diesen Ewigkeitssonntag und stellen uns in einen weiten Raum. Unsere Angst, all diese Stationen allein gehen zu müssen, – sie sind letztlich unbegründet. Unser Predigtwort weist uns darauf in – wie ich finde – ganz sensiblen und eindrucksvollen Worten.

Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein. (V.3)

Eine Hütte baut man nicht in Städten. Eine Hütte ist allenfalls eine vorübergehende Behausung, die Schutz bietet. Die Menschen, an die der Verfasser sich richtet, kannten solche Hütten. Sie standen z.B. in den Wüsten und gaben ihnen Schutz.

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Leserinnen und Leser! Besonders ihr, die ihr noch trauert!

Diese Verheißung wollen wir hören. „Die Hütte Gottes bei den Menschen!“das heißt nichts anderes, als dass Gott zu uns kommen will, in die Wüstenzeiten eines jeden Lebens. Jedes Leben durchlebt solche Zeiten. Gott selbst will die Hütte aufrichten; er kommt, er ist da, um seinen Schutz zu bieten. In dieser Hütte dürfen wir uns geborgen fühlen, da dürfen wir weinen, klagen, zweifeln, ja verzweifeln, dürfen unser ganzes Leid herauslassen. Vielleicht lernen wir es dann ja wieder, in dieser Hütte neu aufzuatmen, lernen wir es wieder für unser eigenes Leben, das ja auch auf Zukunft hin und nicht nur in der Vergangenheit gelebt werden will; vielleicht lernen wir es ja, für dieses, für unser eigenes Leben neu frei zu werden. So etwas kann und wird gelingen! Wenn da vielleicht bei einigen auch immer so etwas wie ein Stachel im Fleisch bleibt, es kann gelingen, neu ins Leben zu gehen. Ich kann davon aus eigener Erfahrung erzählen, viele andere auch. Aber losgehen muss jede und jeder selbst!

Mir fällt dies alles nicht leicht zu schreiben. Mir fällt es deshalb nicht leicht, weil es oft leicht nicht nach Trost, eher wohl nach Vertröstung klingt, nach vielleicht zu billigem Trost.

Aber, liebe Schwestern und Brüder, ich glaube zutiefst daran – und ich werde niemals müde darin, das immer und immer wieder zu predigen, auf welche Weise auch immer –, ich glaube zutiefst daran, dass unser Gott ein liebender Gott ist. Auch wenn ich seine Wege oft nicht verstehe. Ich glaube an einen Gott, der niemanden jemals allein lässt; der, im Gegenteil, Menschen spüren lässt, wie sehr er sie liebt. Er selbst will ja dafür eintreten, dass Menschen Kraft zum Leben finden, auch wenn sie sich vielleicht am Ende glauben. Er selbst bereitet jedem Menschen, der stirbt, eine Zukunft, daran glaube ich ganz fest – ohne den Versuch zu machen zu spekulieren, wie dies aussehen könnte. Nein, Gott selbst bereitet eine Zukunft – und das eben nicht nur unseren Verstorbenen. Er bereitet sie gerade auch uns, die wir zurückbleiben und uns neu und anders auf den Weg machen müssen. Gerade auch dafür steht das Bild der Hütte für mich. Eine Hütte kann ich abreißen, wenn ich weitergehe. Genau so will es Gott machen. Wenn wir uns überwinden, neu ins Leben zu gehen, dann packt Gott die Hütte zusammen, und er geht alle unsere Wege mit. Ja, er tut sogar noch mehr.

Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. (V.4)

Diese Verheißung geht noch weiter. Ist dies nicht ein wunderschönes und, wie ich finde, ein wirklich tröstendes Bild. Gott wird abwischen alle Tränen.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Wer trocknete uns die Tränen, wenn wir weinten? Als Kind bei mir z.B. war es meine Oma und viele meiner Tanten, die jetzt alle nicht mehr leben. Immer waren es Menschen, die mich liebten. Wer, liebe Schwestern und Brüder, trocknete eure Tränen? Waren oder sind da nicht auch Menschen, die lieben, uns lieben? Gott wird abwischen alle Tränen! Das, liebe Schwestern und Brüder, ist ein Liebesbeweis, falls wir so etwas überhaupt brauchen. Gott handelt an uns, er sorgt dafür, dass der Tod keine Macht mehr über uns hat, dass Leid, Geschrei und Schmerz nicht mehr sind. Wir selbst können das alles nicht. Niemand befreit sich selbst. Niemand von uns, der Menschen in schweren Zeiten begleitet, befreit den anderen.

Gott in uns, Gott durch uns – er allein befreit und trägt dort, wo wir nicht mehr weiterkönnen. Manchmal tut er es ganz unmerklich und still; oft aber auch spürbar durch andere Menschen – in ganz verschiedenen Berufen und Berufungen. Gerade in den vergangenen Wochen und Monate hat er es getan. Ich danke Gott für jeden Menschen, durch dessen Worte und Tun seiner Hände er selbst, unser liebender Gott, für andere spürbar wurde. Da waren so viele – in ganz verschiedenen Berufen, in ganz verschiedenen Engagements, auch in ganz schwierigen Situationen! Ihnen sei herzlich gedankt!

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Gott will bei uns wohnen, untrennbar, immer und ewig. Wir Menschen möchten so gern die Zeit anhalten oder besser, weil wohl ehrlicher, zurückdrehen können, zumindest für einige Augenblicke unseres Lebens. Ich persönlich habe ganz viele davon. Aber wir können es nicht. Nein, wenn es auch weh tut, wir Menschen müssen einander irgendwann loslassen, können irgendwann nicht mehr Begleiterin oder Begleiter sein. Ein Stück unseres Weges gehen wir vielleicht ohne einen vertrauten Menschen. Und wenn wir nicht mehr mitgehen können, dann wollen wir daran denken, dass Gott bleibt. Er lässt sich niemals von uns trennen, nicht im Leben und nicht im Sterben. Er hält uns fest in seinen Schöpferhänden.

Das, liebe Schwestern und Brüder, das ist schließlich und endlich Totensonntag: In all unserer Liebe, ja sogar in all unserem Schmerz unserer Verstorbenen gedenken, aber sie nie vergessen. Aber eben nicht nur. Es gilt auch, die Zukunft zu sehen, die Ewigkeit, den letzten Tag der Welt und ihren wieder ersten, an dem der Tod nicht mehr sein wird, ebenso wenig wie Leid und Geschrei und Schmerz. Den Tag, der für uns wie ein neuer Himmel und eine neue Erde sein wird. Gottes Licht wird uns leuchten.

Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag. Ein sehr bekanntes Lied nimmt den Predigtgedanken noch einmal auf. Wir hätten es gesungen. Wenn wir uns heute hätten treffen können! Aber wir werden es wieder gemeinsam singen und uns auch an diese Zeit erinnern, vor allem aber daran, dass wir getragen wurden – durch diese Zeit! Wir werden es singen – und ich hoffe mit euch, wir können es bald!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Fürbittgebet

 Gott, bei dir ist die Quelle und das Ziel des Lebens!

Wir bringen vor dich,

was im vergangenen Kirchenjahr zu Ende gegangen ist

was wir loslassen mussten, was wir ertragen mussten,

was wir anderen angetan haben.

Wir möchten in dir ruhen lassen,

was nicht mehr zu ändern ist,

und bitten dich:

Stärke und ermutige uns,

dass wir uns auf neue Wege wagen,

damit wir heilen können,

was noch heil werden kann,

damit wir wachsam bleiben

für unsere Zeit und für deine Zeit.

Am Ende des Kirchenjahres stehen wir vor dir, guter Gott,

und denken an die,

deren Leben vor unserem vollendet war.

 

Wir denken heute auch

an die vielen Opfer von Terror und Gewalt,

an die, die ihr Leben unverschuldet lassen mussten

und an die, die um sie trauern.

 

Für alle, Herr, die an diesem Tag trauern,

brennt ein Licht, dein Osterlicht –

als Wegweiser zu dir,

wo wir wohl aufgehoben sind,

bis in alle Ewigkeit.

In der Stille beten wir zu dir und bringen vor dich,

was uns noch auf der Seele liegt:

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –,

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger Dunkel

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Aktueller „Theophilus“ ist online

Ab sofort kann der aktuelle Gemeindebrief „Theophilus“ (2 – 2020) auf der Seite „Gemeindebrief“ online gelesen werden. Er kommt zu Beginn des Dezembers auch als Zeitschrift an die bekannten Ausgabestellen. Darin gibt es unter anderem Informationen zur sich anbahnenden Fusion der Ev. Lukas-Kirchengemeinde Winzenheim mit den Ev. Kirchengemeinden Langenlonsheim und Bretzenheim sowie Nachdenkliches über das „Gemeinde leiten in der Pandemie-Zeit“… Weiterlesen

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