Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum Erntedankfest, 4.10.2020

Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Wochenspruch:

Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit. (Ps 145,15)

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Aus Psalm 104

 1 Lobe den HERRN, meine Seele!

10 Du lässest Brunnen quellen in den Tälern, dass sie zwischen den Bergen dahinfließen,

11 dass alle Tiere des Feldes trinken und die Wildesel ihren Durst löschen. 12 Darüber sitzen die Vögel des Himmels und singen in den Zweigen. 13 Du tränkst die Berge von oben her, du machst das Land voll Früchte, die du schaffest.

14 Du lässest Gras wachsen für das Vieh und Saat zu Nutz den Menschen, dass du Brot aus der Erde hervorbringst,

15 dass der Wein erfreue des Menschen Herz und sein Antlitz glänze vom Öl und das Brot des Menschen Herz stärke.

27 Es wartet alles auf dich, dass du ihnen Speise gebest zu seiner Zeit. 28 Wenn du ihnen gibst, so sammeln sie; wenn du deine Hand auftust, so werden sie mit Gutem gesättigt.

29 Verbirgst du dein Angesicht, so erschrecken sie; nimmst du weg ihren Odem, so vergehen sie und werden wieder Staub.

30 Du sendest aus deinen Odem, so werden sie geschaffen, und du machst neu das Antlitz der Erde.

33 Ich will dem HERRN singen mein Leben lang und meinen Gott loben, solange ich bin.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar

und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Herr, unser Gott, Herr und Schöpfer allen Lebens!

Du beschenkst uns von Jahr zu Jahr mit reichen Gaben.

Wir dürfen immer wieder eine vielfältige Ernte einbringen.

Oft ist uns nicht bewusst,

dass das alles Geschenk aus deiner Hand ist,

wofür wir immer wieder neu zu danken haben.

Vergib uns unsere Unachtsamkeit und Undankbarkeit.

Immer noch quälen wir deine Schöpfung,

beuten sie aus,

leben allzu oft gegen deine Verheißungen.

Vergib uns!

 

Herr, wir danken dir für einen schönen Sommer!

Auch wenn er so für so viele vielleicht

ganz anders war als geplant und erhofft.

Deine Schöpfung haben wir anders genossen als sonst.

Mit Einschränkungen,

an vielleicht unverhofften Orten.

Freuen wollten wir uns

und waren doch auch verunsichert und ratlos.

Herr, hilf unserer Ratlosigkeit.

 

Vergib uns und öffne unsere Augen und Herzen neu

für deine Güte und Treue.

Lass uns in allem Guten, das uns widerfährt,

deutlicher und dankbarer

die Zeichen und Spuren deiner Nähe erkennen und preisen.

Komm, Herr, komm und bleibe,

erbarme dich unser!

Höre nun, Herr, wie ich in der Stille zu dir bete!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

So hören wir das Wort der Gnade,

das Gott auf unser Bekennen spricht:

Ich will hinfort nicht mehr

die Erde verfluchen um der Menschen willen.

Solange die Erde steht,

soll nicht aufhören Saat und Ernte,

Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. (1.Mos 8,21a.22)

Ehre sei Gott in der Höhe!

 

Guter und hilfreicher Gott!

Schöpfer und Erhalter unseres Lebens!

Wir feiern das Erntedankfest,

weil du uns so reich beschenkst.

Du gibst uns,

was wir zum

Essen und Trinken

zum Atmen und Leben,

zum Mensch- und Christsein brauchen.

Gib, dass wir aus wirklicher Dankbarkeit

dafür von deiner Güte weitergeben

an die Menschen, mit denen wir es zu tun haben.

Wir wollen besser teilen lernen.

Hilf uns, damit wir anderen helfen

– heraus aus ihrem Hunger, aus ihrer Not.

Lass uns begreifen,

dass wir dein Ackerfeld sind.

Säe und ernte in unseren Herzen

Glauben, Liebe und Hoffnung für diese Welt.

Das bitten wir in Jesu Namen.

Amen.

 

Epistellesung:

Aus dem 2. Korintherbrief, Kapitel 9, Verse 6-15

 6 Ich meine aber dies: Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen.

7 Ein jeder, wie er’s sich im Herzen vorgenommen hat, nicht mit Unwillen oder aus Zwang; denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.

8 Gott aber kann machen, dass alle Gnade unter euch reichlich sei, damit ihr in allen Dingen allezeit volle Genüge habt und noch reich seid zu jedem guten Werk;

9 wie geschrieben steht (Psalm 112,9): »Er hat ausgestreut und den Armen gegeben; seine Gerechtigkeit bleibt in Ewigkeit.«

10 Der aber Samen gibt dem Sämann und Brot zur Speise, der wird auch euch Samen geben und ihn mehren und wachsen lassen die Früchte eurer Gerechtigkeit.

11 So werdet ihr reich sein in allen Dingen, zu geben in aller Lauterkeit, die durch uns wirkt Danksagung an Gott.

12 Denn der Dienst dieser Sammlung füllt nicht allein aus, woran es den Heiligen mangelt, sondern wirkt auch überschwänglich darin, dass viele Gott danken.

13 Um dieses treuen Dienstes willen preisen sie Gott für euren Gehorsam im Bekenntnis zum Evangelium Christi und für die Lauterkeit eurer Gemeinschaft mit ihnen und allen.

14 Und in ihrem Gebet für euch sehnen sie sich nach euch wegen der überschwänglichen Gnade Gottes bei euch.

15 Gott aber sei Dank für seine unaussprechliche Gabe!

Halleluja! Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte! Halleluja!     

 

Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Tagesevangelium:

Aus dem Markusevangelium, Kapitel 8, Verse 1-9

(auch Predigttext)

 1 Zu der Zeit, als wieder eine große Menge da war und sie nichts zu essen hatten, rief Jesus die Jünger zu sich und sprach zu ihnen:

2 Mich jammert das Volk, denn sie harren nun schon drei Tage bei mir aus und haben nichts zu essen.

3 Und wenn ich sie hungrig heimgehen ließe, würden sie auf dem Wege verschmachten; denn einige sind von ferne gekommen.

4 Seine Jünger antworteten ihm: Woher nehmen wir Brot hier in der Einöde, dass wir sie sättigen?

5 Und er fragte sie: Wie viele Brote habt ihr? Sie sprachen: Sieben.

6 Und er gebot dem Volk, sich auf die Erde zu lagern. Und er nahm die sieben Brote, dankte, brach sie und gab sie seinen Jüngern, dass sie sie austeilten, und sie teilten sie unter das Volk aus.

7 Sie hatten auch einige Fische; und er sprach den Segen darüber und ließ auch diese austeilen.

8 Und sie aßen und wurden satt. Und sie sammelten die übrigen Brocken auf, sieben Körbe voll.

9 Es waren aber etwa viertausend; und er ließ sie gehen.

Amen.

 

Predigt

 Die Gnade unseres Herrn und Gottes sei mit uns allen. Amen!

 Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Im Evangelium des Tages haben wir es gerade gelesen – die Geschichte von der Speisung der viertausend. Eine Geschichte, die wohl die wenigsten von uns kennen. Moment, denken jetzt einige. Natürlich kenne ich die Geschichte von der Brotvermehrung. Aber Vorsicht! Kennen wir, wenn wir uns erinnern, nicht eher die Geschichte von der Speisung der fünftausend. Die Geschichte, in der die Apostel auf Jesus zukommen und ihn bitten, etwas zu unternehmen, weil es Abend wird und alle noch nichts gegessen haben. Die Geschichte, in der Jesus fragt, wie viel Geld sie noch hätten, um Brot zu kaufen. Diese Geschichte kennen n der Tat viele von uns. Bei Markus steht sie zwei Kapitel davor in Kapitel sechs.

Richtig, es gibt zwei verschiedene Geschichten eines Speisungswunders! Diese Geschichte heute ist zum allerersten Mal als Predigttext in der Sammlung von Predigttexten. Zum ersten Mal ist diese Geschichte als Predigttext für den Erntedanktag ausgesucht.

Und tatsächlich – vielleicht versucht sie ja unseren Blick und unsere Gedanken ein wenig anders zu lenken als die Geschichte von der Speisung der fünftausend.

Sie beginnt schon ganz anders. Hier in dieser Geschichte kommen nicht die Apostel auf Jesus zu und fragen ihn, was zu tun sei, um den Hunger der Menschen zu stillen. Nein – hier schaut Jesus auf die Menschen vor ihm. Er erkennt ihren Hunger. Ihn  jammert es. Es rührt ihn an. Er weiß, wie weite Wege sie gegangen sind, um zu ihm zu kommen. Und er hält dieses Bild da vor ihm nicht aus. Er will, er muss etwas tun. Er weiß, was die Menschen jetzt brauchen. Hier geht alles von Jesus selbst aus. Er ruft die Apostel, er fragt nach, was sie noch an Vorräten haben. Er wendet sich selbst an die Menschen und bittet sie, sich hinzusetzen. Alle, die sich nun setzen, ahnen nun wohl, dass Jesus ihnen in ihrem Hunger helfen will. Sieben Brote haben sie. Und die lässt er sich geben. Alle sieben. Er sagt nicht: Gebt mir fünf, haltet zwei für euch. Haltet sie in Reserve, falls wir selbst etwas brauchen. Nein, alle sieben Brote lässt er kommen, alles was sie haben.

Und dann? Er dankt Gott, das heißt, er betet zu Gott. Jesus sieht selbst die wenigen Brote, sieht selbst die vielen Menschen; er weiß selbst, wie wenig es ist, was da vor ihm liegt. Aber – er dankt für das Wenige. Er vertraut Gott alles an. Seine eigene Sorge um die Menschen und auch das Wenige, was er hat. Dann lässt er es austeilen. Nun ahne ich seine Freude. Seine Freude, als er auf die Menschen schaut und selbst merkt: es wird reichen, sie werden satt werden. Hier könnte Jesus jetzt eigentlich aufhören.

Aber nein! In seiner Freude fragt er, ob sie noch etwas haben. Will, dass sie auch noch das Letzte, was sie haben bringen – zwei Fische. Alles, was sie noch hatten bringen sie vor ihn. Nichts haben sie mehr an versteckten Reserven für sich selbst. Und nun? Jesus dankt nicht nur, er segnet diese Gabe. Er segnet sie, damit alle Menschen dort ahnen, sehen und verstehen. Nicht Jesus ist es, der das alles wirkt. Es ist Gottes Gabe; Gottes Segen ist es, der mehr gibt, als die Menschen eigentlich brauchen. Eigentlich hätte das Brot schon gereicht, um alles satt zu machen.

Aber nein, Gott schenkt mehr als die Menschen brauchen, er schenkt sich in Fülle. Sein Segen ist es, der die Menschen durch das Brot und jetzt auch durch die Fische erreicht. Jesus weist hier von sich selbst weg auf den, der alles schenkt. Als die Menschen vor Jesus das geschmeckt, gefühlt und verstanden haben, da – und auch das ist ein eigentlich ganz unscheinbarer, aber ungemein wichtiger Satz – da ließ er sie gehen. Jesus sendet die Menschen in ihr Leben zurück in dem Vertrauen darauf, dass sie verstanden haben, und niemals mehr vergessen können, dass Gott für sie sorgt und sie satt macht. Sie werden es weitersagen, werden von Gottes Segen erzählen. Immer wenn sie Brot essen, werden sie daran denken.

Genau das ist es, was wir heute in unseren Gebeten, Gottesdiensten und Feiern bedenken. Gott schenkt sich in Fülle. Gott segnet uns durch alles, was uns satt macht an erfülltem Leben. Gott schenkt, was wir zum Leben brauchen. Er schenkt sich in unsere Sorgen, in unseren Hunger, auch in unseren Hunger nach Leben. Er schenkt sich durch alles, was wächst und uns zum Leben dient. Deshalb bitte ich euch, schaut euch um. Schaut aus euren Fenstern und seht. Es ist so viel. Schaut euch um und dankt.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Wie soll unser Dank aussehen! Auch das beschreibt die Geschichte unseres Predigttextes sehr eindrücklich und vor allem eindeutig.

Und sie aßen und wurden satt. Und sie sammelten die übrigen Brocken auf, sieben Körbe voll. (V.8)

Auch die Apostel hatten es verstanden. Es war Gottes Gabe, es war Gott selbst, der sich an die Menschen verschenkt. Und es bleibt die Achtung vor Gott, nichts davon verkommen zu lassen; es sorgsam zu sammeln und Verwendung dafür zu finden. Es blieb z.B. also genügend für sie selbst übrig. Diese Körbe voll haben ihre eigenen Sorgen gestillt, selbst nicht genug zu haben. Es blieb viel mehr, als sie selbst brauchten. Ihre eigenen Sorgen hob Gott selbst auf. Er war da, auch und in Fülle genau so für sie.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Gott sorgt! Gott teilt sich selbst! Er schenkt das Leben in Fülle! Diesem Grundgedanken allen biblischen Denkens, diesem Grundgedanken all unseres eigenen Glaubens haben wir die Achtung entgegenzubringen, die diese Gabe Gottes für jede und jeden von uns verdient. Wir haben sie zu würdigen, in dem wir durch unsere Art zu leben auch Gott zu verstehen geben, dass wir es eben auch verstanden haben.

So, denken jetzt einige wahrscheinlich. Jetzt kommt er mit den üblichen Erntedankstrafpredigten, die wir uns schon so oft anhören mussten. Von unserer Unfähigkeit, gerecht zu teilen, was die Erde hervorbringt; jetzt kommt der Blick auf das Plastik im Meer, vom Raubbau an der Schöpfung, und, und, und.

Nein, liebe Schwestern und Brüder, machen wir es doch anders! Schauen wir uns um. Tut es einmal. Tut es, und lasst für einen kleinen Augenblick das Staunen zu. Lasst Freude wachsen über das, was wir selbst leben dürfen, auch in dieser schwierigen Zeit. Wenn wir es nicht verlernen zu staunen, wenn wir es nicht verlernen, Freude in uns immer wieder neu wachsen zu lassen über das, was Gott uns schenkt. Dann werden wir es auch nicht verlernen, dieses eben auch allen Menschen zu gönnen und uns selbst immer wieder neu befragen, was wir selbst dazu tun können.

Aber nun stelle ich mir die Geschichte noch einmal vor Augen und erkenne etwas ganz anderes.

Kirche – auch du sollst dich in dieser Geschichte erkennen. Kannst du das? – Nein, du kannst es nicht! Ich glaube sogar, du willst es gar nicht.

Ich schaue auf die Menschen, die da vor Jesus stehen. Sie haben Hunger, sind in Not, warten darauf, dass sie satt gemacht werden. Und ich erkenne in ihnen die vielen Menschen in unseren Gemeinden, die genau so darauf warten, dass die Kirche ihnen wieder gibt, was sie wirklich brauchen – geschenkte Zeit, Zuwendung, Seelsorge, Gemeinschaft, das Wort Gottes mitten im Leben. Eine Kirche, die überhaupt noch erkennt, was die Menschen, die da immer noch in so großer Zahl vor ihren Augen steht, für ihren Glauben braucht.

Kirche, schau hin! Siehst du, wie sich einige abwenden und hungrig gehen. Sie werden nicht mehr zurückkommen. Was gibst du den anderen, denen, die darauf warten, dass du sie satt machst. Wie und wo werden sie Gott in dir erkennen und spüren, dass du sein Segen für sie sein willst?

Du hast sieben Brote, wie viele gibst du ihnen? Drei, oder vier, oder fünf? Kirche, gib alles, was du hast! Kannst du das überhaupt noch – alles geben, was du hast? Selbst wenn es wenig erscheint, es ist viel, was du geben könntest. Aber halte nichts zurück, gib dich ganz! Und da sind bestimmt noch irgendwo deine zwei Fische. Leg’ sie auch noch dazu, entäußere dich und mach diejenigen satt, die darauf warten, dass du es ihnen geben kannst und wirst.

Es geht doch nicht um deinen Selbsterhalt. Sorge für diejenigen, die vor dir stehen. Sie sind die Kirche und du bist ein Teil von ihnen. Findet wieder zueinander, teilt, was ihr habt und euch geben könnt. Und dann stell’ die Körbe bereit. Es wird so vieles für dich selbst übrig bleiben. Leg doch endlich deine Angst ab und vertraue. Tu das, was Jesus selbst getan hat. Er weist von sich weg auf Gott, er wird es wohl machen. Und tu’ du es doch auch. Es geht nicht um dich. Es geht um diejenigen, die du satt machen willst. Für sie gib alles!

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Diese Geschichte lehrt uns so vieles. Vor allem aber möchte sie uns auch Mut machen, doch endlich auch einmal unsere eigene Angst fallen zu lassen, dass es immer nicht reicht, dass wir selbst nicht genug sind, nicht Gott und nicht uns selbst. Ich ahne in dieser Geschichte die Freude, die in Jesus selbst wächst, als er erkennt, dass Gott sorgt, dass Gott sich kümmert und alle wieder stark macht. Deshalb lasst uns nicht nur dankbar bleiben für das, was Gott uns schenkt. Lassen wir doch auch wieder die Freude in uns wachsen, dass er es tut – immer noch, und immer neu und immer wieder. Lassen wir uns von dieser Freude anstecken und sie zur Kraft werden. Zu einer Kraft, in der wir es schaffen werden, vieles neu zu gestalten und auf den Weg zu bringen, so dass es eben für alle reicht, nicht nur für uns – nein, in dieser Welt, aber auch in unserer Kirche, vor allem aber auch und gerade in unseren Gemeinden. Lasst uns alles teilen, was wir haben, damit auch wir sehen, wie voll die Körbe werden, die wir bereitstellen werden. Und dann lasst uns dankbar werden – mit Herzen, Mund und Händen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 Fürbittgebet

Guter und barmherziger Gott.

Wir danken dir für alles,

was du uns im vergangenen Jahr geschenkt hast.

Für das tägliche Brot, für alle Arbeit,

für das Zusammenleben in unserem Ort,

in unseren Häusern,

in unseren Familien, in unserer Gemeinde,

für alle Zuwendung, die wir bekamen oder schenken konnten,

für alle Liebe und alles Vertrauen.

 

Wir bitten für alle Menschen,

denen das tägliche Brot, die tägliche Arbeit

zum Leben und Überleben fehlt.

Gib, dass ihnen Mut und Hoffnung nicht schwinden,

weil sie in uns Menschen finden, die mit ihnen teilen,

was sie selbst als Geschenk empfangen haben.

Wir danken dir für alles, was uns zeigt,

wie schön deine Schöpfung ist,

für alles, was ringsum blüht und gedeiht,

was gewachsen ist in den Gärten und auf den Feldern.

Wir bitten dich,

dass wir das Sehen und Staunen darüber niemals verlieren.

Wir bitten dich auch,

dass wir lernen, deine Schöpfung zu erhalten,

damit auch unsere Kinder und Enkel sich an ihr freuen können.

In der Stille vertraue ich mich dir an!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger Dunkel

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Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum 16. Sonntag nach Trinitatis, 27.9.2020

Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Wochenspruch:

Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium. (2. Tim 1,10)

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Aus Psalm 68

 4 Die Gerechten aber freuen sich / und sind fröhlich vor Gott und freuen sich von Herzen.

5 Singet Gott, lobsinget seinem Namen! / Macht Bahn dem, der auf den Wolken einherfährt; er heißt HERR. Freuet euch vor ihm!

6 Ein Vater der Waisen und ein Helfer der Witwen ist Gott in seiner heiligen Wohnung,

7 ein Gott, der die Einsamen nach Hause bringt, / der die Gefangenen herausführt, dass es ihnen wohlgehe; aber die Abtrünnigen bleiben in dürrem Lande.

20 Gelobt sei der Herr täglich. Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch.

21 Wir haben einen Gott, der da hilft, und den HERRN, einen Herrn, der vom Tode errettet.

35 Gebt Gott die Macht! Seine Herrlichkeit ist über Israel und seine Macht in den Wolken.

36 Zu fürchten bist du, Gott, in deinem Heiligtum. / Er ist Israels Gott. Er wird dem Volk Macht und Kraft geben. Gelobt sei Gott!

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar

und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Herr, Gott und Vater!

Wir suchen das Leben.

Oft schrauben wir dabei unsere Erwartungen meist immer höher.

Und dann drehen wir uns irgendwann

nur noch um uns selbst und verlieren uns dabei.

Wir wollen genießen

und halten uns dabei an Nebensachen fest.

Wir spüren sehr wohl,

wie wir das Wesentliche aus den Augen verlieren.

Ja, das Leben selbst rinnt uns durch unsere Finger.

Komm, Herr, komm und bleibe,

erbarme dich unser!

Höre nun, Herr, wie ich in der Stille zu dir bete!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Jesus Christus hat dem Tode die Macht genommen

und das Leben und ein unvergänglich Wesen

ans Licht gebracht durch das Evangelium.

Ehre sei Gott in der Höhe!

 

Guter Gott und Vater,

Schöpfer allen Lebens,

du hast uns ins Dasein gerufen.

Auch heute rufst du uns aufs Neue ins Leben

aus der Dunkelheit des Todes

und aus dem Schatten des Zweifels.

Gib uns das Licht des Lebens

durch Jesus Christus, deinen Sohn, unseren Herrn.

Amen.

 

Tagesevangelium:

Aus dem Johannesevangelium, Kapitel 11, Verse 1(2)3.17–27(28–38a)38b–45

 1 Es lag aber einer krank, Lazarus aus Betanien, dem Dorf Marias und ihrer Schwester Marta.

2 Maria aber war es, die den Herrn mit Salböl gesalbt und seine Füße mit ihrem Haar getrocknet hatte. Deren Bruder Lazarus war krank.

3 Da sandten die Schwestern zu Jesus und ließen ihm sagen: Herr, siehe, der, den du lieb hast, liegt krank.

17 Da kam Jesus und fand Lazarus schon vier Tage im Grabe liegen. 18 Betanien aber war nahe bei Jerusalem, etwa fünfzehn Stadien entfernt. 19 Viele Juden aber waren zu Marta und Maria gekommen, sie zu trösten wegen ihres Bruders.

20 Als Marta nun hörte, dass Jesus kommt, ging sie ihm entgegen; Maria aber blieb im Haus sitzen.

21 Da sprach Marta zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.

22 Aber auch jetzt weiß ich: Was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben.

23 Jesus spricht zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen.

24 Marta spricht zu ihm: Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Jüngsten Tage.

25 Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe;

26 und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das?

27 Sie spricht zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommt.

38 Es war aber eine Höhle, und ein Stein lag davor.

39 Jesus spricht: Hebt den Stein weg! Spricht zu ihm Marta, die Schwester des Verstorbenen: Herr, er stinkt schon; denn er liegt seit vier Tagen.

40 Jesus spricht zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen?

41 Da hoben sie den Stein weg. Jesus aber hob seine Augen auf und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast.

42 Ich wusste, dass du mich allezeit hörst; aber um des Volkes willen, das umhersteht, sagte ich’s, damit sie glauben, dass du mich gesandt hast.

43 Als er das gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus!

44 Und der Verstorbene kam heraus, gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen, und sein Gesicht war verhüllt mit einem Schweißtuch. Jesus spricht zu ihnen: Löst die Binden und lasst ihn gehen!

45 Viele nun von den Juden, die zu Maria gekommen waren und sahen, was Jesus tat, glaubten an ihn.

Halleluja! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Halleluja!     

 

Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Epistellesung:

Aus dem 2. Timotheusbrief, Kapitel 1, Verse 3-10

(auch Predigttext)

 3 Ich danke Gott, dem ich diene von meinen Vorfahren her mit reinem Gewissen, wenn ich ohne Unterlass deiner gedenke in meinem Gebet, Tag und Nacht.

4 Und wenn ich an deine Tränen denke, verlangt mich, dich zu sehen, damit ich mit Freude erfüllt werde.

5 Denn ich erinnere mich an den ungeheuchelten Glauben in dir, der zuvor schon gewohnt hat in deiner Großmutter Lois und in deiner Mutter Eunike; ich bin aber gewiss, auch in dir.

6 Aus diesem Grund erinnere ich dich daran, dass du erweckest die Gabe Gottes, die in dir ist durch die Auflegung meiner Hände.

7 Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

8 Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit für das Evangelium in der Kraft Gottes.

9 Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt,

10 jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium

Amen.

 

Predigt

 Die Gnade unseres Herrn und Gottes sei mit uns allen. Amen!

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Je älter ich werde – und vielleicht kennen das einige von Ihnen ja auch – und je weiter ich nach vorn schaue, kommen mir manchmal Fragen. Ich habe meine erwachsenen Kinder vor Augen, schaue auf ihr Leben, höre von ihren Planungen. Ich schaue in die Welt; ich schaue auf die Kirche.

Wie wird es eigentlich mit der nächsten und übernächsten Generation weitergehen? Ganz ehrlich – natürlich kommen da auch Zweifel und Sorgen auf. Und manchmal frage ich mich weiter: Hat das, was mir wichtig und heilig war, überhaupt noch einen guten Boden in der Generation der Kinder und Enkel, in der Generation der jungen Menschen? Oder entwickelt sich alles abwärts zum Negativen, zum Schlechteren hin? Solche Fragen überfallen Menschen, gerade ältere, manchmal dann, wenn da auf einmal viel Zeit ist um nachzudenken. In Zeiten des Alleinseins, in Krankheit, dann wenn vieles nicht oder nicht mehr aktiv mitgestaltet werden kann. Genau in solch einer Zeit leben wir ja gerade. Niemand hätte wohl gedacht, dass wir sie auf einmal geradezu über Nacht und so vehement erleben müssen. Im Gespräch sagte mir ein alter Mensch vor einigen Wochen: „Wir haben so viel durchgemacht, so vieles erlebt. Das jetzt haben wir einfach nicht verdient!“ Recht hat er.

Der Brief, aus dem die heutige Epistellesung etwas weiter oben stammt, ist auch in einer ganz speziellen Situation geschrieben. Nicht im Krankenhaus, oder allein im Garten oder in einer Wohnung, sondern er wurde vor langer Zeit im Gefängnis in Rom geschrieben. Angeredet wird Timotheus, ein treuer Mitarbeiter des Apostels Paulus. Vorzustellen haben wir uns, wie Paulus im Gefängnis in Rom sitzt. Er ist bereits das erste Mal angehört worden. Nun rechnet er damit, bald den Märtyrertod zu sterben. So ist sein zweiter Brief an seinen Mitstreiter auch so etwas wie ein Vermächtnis. Was schreibt jemand, der gefangen ist, der sich nicht frei bewegen kann und darf, der mit dem Schlimmsten rechnen muss? Wird er klagen? Verzweifeln? Um Hilfe bitten? Oder was sonst?

Liebe Schwester und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Der Apostel Paulus beginnt mit dem Dank an Gott und mit dem guten Gewissen, das ihn mit seinen Vorfahren verbindet. Nun, ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen – sagt ein bekanntes Sprichwort. Aber wir wissen doch auch, dass es durchaus Situationen gibt, wo wir trotzdem nicht schlafen können, wo uns vieles bewegt, beschäftigt und auch gedanklich überfällt.

Paulus beginnt hier mit dem Persönlichen. Wie er bei Tag und Nacht an Timotheus denkt! Wie er Sehnsucht hat, ihn wiederzusehen, um sich von Herzen freuen zu können! Und dann? Spätestens jetzt könnten wir doch erwarten, dass er ein wenig über seine eigene Lage klagt. Darüber, wie schwierig es ist, gefangen zu sein! Wie gerne er wieder reisen würde, um noch mehr Menschen das Evangelium zu bringen. Da sind all die Pläne, die er noch hatte. – Ich merke gerade übrigens, wie sehr es auch mich danach sehnt, wieder unbeschwert reisen zu können, ganz frei Pläne machen zu können, ohne an all die momentanen Einschränkungen zu denken. Ich – und da kenne ich mich wohl ganz gut – würde bestimmt erst einmal klagen!

Nichts davon bei Paulus. Sein Brief beginnt mit dem Dank, nicht mit dem Klagen. Die Klagen überspringt Paulus sozusagen. Er wendet sich sofort dem Timotheus zu. Man spürt seine Sorge um ihn. Er schreibt ihm: Ich weiß doch, du hast ja deinen aufrichtigen Glauben. Deine Großmutter und deine Mutter haben ihren lebendigen Glauben an dich weitergegeben. Von den Müttern wohlgemerkt, von denen wir Menschen soviel mitbekommen haben. Den Satz könnte ich sofort unterschreiben! Meine Oma, meine Mutter – ganz wunderbare Menschen und Glaubenszeuginnen. Natürlich auch mein Vater, meinen Opa konnte ich als Kriegsvermissten nie kennenlernen.

Wenn ich hier also nun über diese Sätze des Apostels nachdenke, dann wird mir aber auch klar: Es geht hier gar nicht nur um einen persönlichen Brief, der vor mehr als 1900 Jahren geschrieben wurde. Timotheus – das heißt „Fürchte Gott“ oder besser „Ehre Gott“. Ich höre ihn – gerade in dieser Zeit, die wir momentan alle erleben – für uns Christinnen und Christen heute.

„Ich sorge mich um euch“, höre ich den Apostel aus seinem Brief zu uns reden. „Ich bete für euch! Wo ist das Feuer eures lebendigen Glaubens, wo ist eure brennende Liebe, eure ansteckende Hoffnung? Wo wird euer Glaube gerade heute lebendig, denn lebendigen Glauben habt doch auch ihr mitbekommen?“

„Tja, lieber Paulus“, höre ich uns antworten, „du hast gut reden da im Gefängnis. Aber leb’ du ‘mal in unsrer modernen Welt, die gerade etwas aus dem Ruder gelaufen ist, die uns unsere Unbeschwertheit nehmen will. Es sind nicht wenige Menschen, die gerade spüren, wie Angst in sie hineingekrochen ist! Und da sollen wir auch noch begeisterte Christinnen und Christen sein, in aktiven Gemeinden mit lebendigem Glauben? Schau auf die Kirche, Paulus! An vielen Orten ist sie klein geworden, geradezu stumm. Sie ringt nach Möglichkeiten. Viele werden müde darüber. Rezepte, Paulus – für Rezepte wären wir dir jetzt dankbar!“

Aber wir wissen es: Paulus gibt keine Rezepte. Und er hat auch keine, er hat sie genauso wenig wie wir! Stattdessen weist er uns auf den Geist Gottes. Er tut es mit einem der schönsten Sätze des ganzen Neuen Testamentes, wenn er schreibt:

Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. (V.7)

Nicht einen Geist der Verzagtheit, niemals! Davon ist Paulus überzeugt. Aber ist genau das gerade nicht auch ein Grundübel, eben dass wir so oft verzagen? Es geht gar nicht um die Angst, die wir haben. Ängste gehören zum Leben auf allen seinen Stufen, vom kleinen Kind bis ins hohe Alter. Wir werden nie ganz ohne Angst leben. Aber wir dürfen darauf vertrauen – und darin will uns der Apostel gewiss machen –, dass wir in all unseren Ängsten zumindest von Gott niemals verlassen werden.

Aber der Geist der Verzagtheit, das ist doch noch etwas ganz anderes als die Ängste, die uns manchmal quälen und die momentan aus so vielen verschiedenen Richtungen uns nahe kommen wollen – manchmal ganz und gar unbeabsichtigt, weil Wahrheit gesagt werden muss, manchmal beabsichtigt von Menschen, die ganz verschwurbelte Ideen und Unwahrheiten in die Welt hinaus posaunen dürfen. Wir sehen und wir hören täglich so vieles, was schiefgeht: Gewalt und Unterdrückung. Stellen werden gestrichen, Menschen verlieren ihre Arbeit. Gleichzeitig steigen manche Aktienkurse, obwohl oder gerade weil Menschen ihre Arbeit verlieren.

In unserem eigenen und persönlichen Bereich läuft manchmal vieles gerade anders als erhofft. Und dann fragen natürlich einige: „Wie soll das alles denn bloß weitergehen?“ Ja, und bei manchen schleicht sich dieses verheerende Gefühl ein: Es hat ja alles doch keinen Wert! Die Verzagtheit nimmt uns in Besitz, wir beginnen uns im Leben zu fürchten. Wir verschließen uns, Mut und Freude scheinen zu verschwinden. Vieles wird schal und leer. Das ist der Geist der Verzagtheit, den Paulus hier benennt. Er lähmt! Warum noch glauben, noch lieben? Wozu noch hoffen? Ist es nicht einfacher, sich einfach möglichst unbeschadet durch die Zeit treiben zu lassen? Mit aller Vorsicht, die gerade geboten ist.

Paulus kennt solch ein Verzagen. Und doch spricht er Timotheus und auch uns auf den Glauben an, der uns von unseren Müttern und Vorfahren weitergegeben wurde wie ein kostbares Erbe. Gott selbst will und wird diesen Glauben neu entfachen.

Er gibt uns, so hören wir es auch für uns heute, den Geist der Kraft: Leben, Freude, sich einsetzen trotz allem, Friede und Gerechtigkeit niemals aus den Augen verlieren, Versöhnung niemals nur predigen, sondern auch leben.

Dieser Geist der Kraft, er geht untrennbar zusammen mit dem Geist der Liebe: in der Zuwendung zum anderen, zu den Mitmenschen. Kleine Zeichen und Taten im Alltag. Besonders aber auch kleine Zeichen und Taten, mit denen wir innerlich Widerstand leisten in einer Welt, in der oft nur Geld und Erfolg zu zählen scheinen; in der wir gerade aber auch merken, wie brüchig das alles ist. Nicht überall mitmachen, nicht alle Parolen einfach nachplappern, die sich gerade so ungeheuer dumm in unserem Land breit machen dürfen. Nein, wir alle müssen uns immer auch selbst fragen: Will ich das wirklich?

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Innerlich standhalten, innerlich Widerstand leisten, so etwas macht auch stark. Gibt Kraft, neuen Mut, neue Hoffnung. Lebendiger Glaube, wie ihn die Bibel beschreibt, hat immer auch etwas mit widerstehen zu tun. Lebendiger Glaube, wie ihn die Bibel beschreibt, heißt eben nicht, verzagt alles sofort anzunehmen. Lebendiger Glaube, wie ihn die Bibel beschreibt, heißt, etwas zu wagen – trotzdem! Dieser Geist der Kraft und der Liebe – er bewirkt etwas, auch heute noch ungebrochen, mehr jedenfalls als die Verzagtheit.

Und doch – dieser Geist ist kein Zaubermittel, keine Allheilmethode, mit der alles Unrecht, alles Schwere und Traurige sofort besiegt werden kann. Und darum nennt der Apostel ein drittes, nämlich den Geist der Besonnenheit. Wer einfach blind drauflos lebt, der ist sicher sehr spontan, er erlebt wahrscheinlich viele Auf’s und Ab’s. Aber hat er auch den langen Atem? Gerade in dieser Zeit?

Nein, es braucht auch den Geist der Besonnenheit. Wir müssen uns besinnen auf das rechte Maß, wir müssen Maß halten. Gerade müssen wir sogar aushalten. Nicht immer alles und alles auf einmal wollen! Aber dafür stetig vorwärtsgehen, nie stehen bleiben, ohne dabei die Wirklichkeit aus den Augen zu verlieren. Und immer auch damit rechnen, dass es neben uns ja auch noch andere Menschen gibt. Es hat sie vor uns gegeben, es wird sie auch nach uns geben; Menschen, die aus einem lebendigen Glauben leben und vieles positiv beeinflussen. Wir müssen nicht alles selber schaffen. Aber wir sollten und müssen gemeinsam gehen!

Aus diesem Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit versucht Paulus aus dem Gefängnis heraus dem Timotheus und uns allen Mut zu machen. Paulus weiß, dass es damals wie heute Mut braucht, wenn er fortfährt:

Schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit mir für das Evangelium in der Kraft Gottes. (V.8)

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Wenn uns der Geist der Verzagtheit in den Griff bekommt, dann fangen wir an, uns zu schämen. Dann wird uns der Glaube an Christus in der Öffentlichkeit manchmal geradezu peinlich. Wir müssen nicht einmal direkt wegen unseres Glaubens verfolgt werden. Uns müssen einfach nur die Ideen ausgehen. Es reicht unser Bekenntnis, dass wir eben keine Patentrezepte in dieser Zeit haben. Schon wenn der Mehrheitstrend in eine ganz andere Richtung geht, dann werden wir plötzlich still. Wir merken, wie schwer es ist, wirklich dazu zu stehen, dass wir an Jesus Christus als den Weg Gottes zu uns und mit uns Menschen glauben. Wir müssen dazu stehen, dass unser Glaube uns die Kraft gibt und unsere Entscheidungen lenkt. Wir müssen dazu stehen, dass uns die Liebe Gottes den langen Atem schenkt, den wir in dieser Zeit und für unser Leben brauchen – trotz allem, was da gerade um uns herum geschieht und bedrängt.

Gott schenkt uns dafür den langen Atem und eine lebendige Hoffnung! Solch einen Bekenntnismut, den Paulus hier einfordert, den wünsche ich uns allen. Immer dort, wo Christinnen und Christen ihren Glauben bekannt haben – durch ihr Reden und vor allem durch ihr Leben –, da wurde Gott in dieser Welt erkannt, und da wurde die Welt zum Guten verändert. Wir sind alle nicht zum Verzagen, zum Kleinmut oder zum furchtsamen Blick in die Zukunft berufen. Vielleicht sind wir auch nicht alle zu großen Taten berufen. Aber wir alle sind berufen! Von Gott selbst! Wir sind mindestens alle dazu berufen, auch im Kleinen, auch im Alltag, auch und gerade in diesen Tagen unserem Gott treu bleiben und uns zu ihm zu bekennen – vor anderen, aber eben auch vor uns selbst! Und das sollte uns doch wohl gelingen! Gott ist da, er verlässt uns nicht, niemals! Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 Fürbittgebet

Gott, guter Vater, du weißt es!

Wir mühen uns um vergängliche Sachen,

wir horten und sammeln umgeben uns mit unnützen Dingen.

Wir bitten dich: Gib Leben!

 

Du weißt es, Gott,

Leben ist überall bedroht durch Gier und Neid,

durch Machtgelüste und Gedankenlosigkeit

im Umgang mit Mensch und Natur.

Wir bitten dich: Gib Leben!

 

Du weißt es, Gott!

Wir haben Angst vor dem Sterben.

Der Tod folgt uns überall hin.

Wir versuchen, Not und Tod zu verdrängen

und laufen ihm doch gerade so dann in die Arme.

Wir bitten dich: Gib Leben!

 

Gott und Vater,

du weißt, wie viele Menschen um ihr Leben bangen,

Kranke, die auf Gesundheit hoffen,

auch Kranke, die auch das Ende ersehnen,

hungernde und flüchtende Menschen

im Kampf um ihre nackte Existenz.

Wir bitten dich: Gib Leben!

 

Gott und Vater,

du weißt, warum wir dich bitten:

Gib Leben!

Denn du allein hältst das Leben in deiner Hand.

Uns aber gib Hände, die heilen und helfen

und Leben behüten, lebendiger Gott!

In der Stille vertraue ich mich dir an!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger DunkelWeiterlesen

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Lesegottesdienst mit den gottesdienstlichen Texten zum 10. Sonntag nach Trinitatis, 16. 8. 2020

(Stand 16. 8. 2020)

 

Lesegottesdienst

mit den gottesdienstlichen Texten zum 10. Sonntag nach Trinitatis, 16. 8. 2020

 

Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Wochenspruch:

Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat. (Ps 33,12)

 

 Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Psalm 122

 1 Von David, ein Wallfahrtslied. Ich freute mich über die, die mir sagten: Lasset uns ziehen zum Hause des HERRN!

2 Nun stehen unsere Füße in deinen Toren, Jerusalem.

3 Jerusalem ist gebaut als eine Stadt, in der man zusammenkommen soll, 4 wohin die Stämme hinaufziehen, die Stämme des HERRN, wie es geboten ist dem Volke Israel, zu preisen den Namen des HERRN.

5 Denn dort stehen Throne zum Gericht, die Throne des Hauses David. 6 Wünschet Jerusalem Frieden! Es möge wohlgehen denen, die dich lieben!

7 Es möge Friede sein in deinen Mauern und Glück in deinen Palästen! 8 Um meiner Brüder und Freunde willen will ich dir Frieden wünschen. 9 Um des Hauses des HERRN willen, unseres Gottes, will ich dein Bestes suchen.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Herr, guter Gott.

Wie schnell fangen wir an,

verächtlich über andere zu reden und zu denken.

Es ist wie eine Sucht,

sich selber groß zu machen

und die anderen klein.

Gott, du Bruder der Verachteten,

wann werden wir endlich einsehen,

dass alle von deiner Gnade leben,

wir – und die anderen.

So bitten wir dich: Komm, Herr!

Komm und erbarme dich unser!

Höre, wie wir in der Stille zu dir beten!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Aus Gnade seid ihr gerettet worden,

durch den Glauben,

nicht aus den Werken,

auf dass sich nicht jemand rühme.

Gottes Zusage ist hart für die Hochmütigen,

aber tröstlich für die Geringen.

Ehre sei Gott in der Höhe!

 

Gott, unser Vater,

du erlöst uns von unserem Hochmut

und machst uns zu Menschen deiner Liebe.

Ich bitte dich um deine befreiende Gegenwart,

wenn ich nun vor dir bin und bete,

wenn ich dein Wort lese und darüber nachdenke

wenn ich vor dich bringen darf,

was mir auf der Seele liegt.

Ich bitte dich:

trage, was mich verzweifeln lässt,

damit ich neu lebe in dir.

Das bitte ich mit allen, die auch zu dir beten,

im Namen deines Sohnes Jesus Christus,

der mit dir und dem heiligen Geist

lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Epistellesung: Aus dem Römerbrief, Kapitel 11, die Verse 25-32:

 25 Ich will euch, Brüder und Schwestern, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, bis die volle Zahl der Heiden hinzugekommen ist.

26 Und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): »Es wird kommen aus Zion der Erlöser; der wird abwenden alle Gottlosigkeit von Jakob.

27 Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.«

28 Nach dem Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber nach der Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen.

29 Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.

30 Denn wie ihr einst Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams,

31 so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen.

32 Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.

Halleluja! Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade! Halleluja!  

 

Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Markusevangelium, Kapitel 12, die Verse 28-34:

(auch Predigttext)

 28 Und es trat zu ihm einer der Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen?

29 Jesus antwortete: Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein,

30 und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft« (5. Mose 6,4-5).

31 Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3. Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese. 32 Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Ja, Meister, du hast recht geredet! Er ist einer, und ist kein anderer außer ihm;

33 und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und mit aller Kraft, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.

34 Da Jesus sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.

Amen.

 

Predigt

 

Die Gnade unseres Herrn und Gottes sei mit uns allen. Amen!

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Ich finde, das ist ein ganz und gar bemerkenswerter Text. Leider unterliegt er der gleichen Gefahr wie so viele Texte und Erzählungen der Bibel. Die meisten von uns werden ihn auf ihrer „inneren Festplatte“ wohl nur zu einem ganz kleinen Teil gespeichert haben! Allein die Überschrift „Frage nach dem höchsten Gebot“ bahnt es ja schon an, dass wir uns eigentlich nur eines von Jesus merken. Nämlich, dass er sagt: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“.

Diese wenigen Worte sind einerseits unendlich viel für uns; zuviel meistens, weil wir es bis heute nicht schaffen, diese wenigen Worte auch so zu leben, wie Jesus sie in aller Konsequenz wohl auch gemeint hat. Zum anderen sind sie – gemessen an dem ganzen Kontext dieses kleinen Stückchen Bibel, das wir oben als Predigttext gelesen haben – unendlich wenig. Deshalb behaupte ich es einfach einmal: es ist zu wenig, was wir uns von dieser Erzählung behalten.

Ich denke, wir sollten es uns nicht ersparen, genauer hinzuschauen, um uns dann daran auch messen zu lassen. Schauen wir in diese kleine Szene und spüren wir dem nach, wie ein Schriftgelehrter unsere Stelle einnimmt. Dieser Schriftgelehrte hatte zugehört. Er hatte gehört, wie Jesus diskutiert und argumentiert. Und er hat viel Sympathie für Jesus entwickelt. Er hatte nämlich erkannt, dass er – so heißt es in Vers 28 – „gut geantwortet hatte“. So ist er auf einmal gar nicht mehr fern von einem für ihn selbst ganz entscheidenden Schritt.

Er bleibt nicht mehr stumm und distanziert, wie so viele andere Schriftgelehrten, die mit ihrer ganzen Skepsis Jesus meist schon ablehnten, bevor er auch nur ein Wort gesagt hatte. Nein, er ahnt etwas, merkt, dass sich in ihm etwas bewegt. Er möchte mitreden, mitdiskutieren. Deshalb fragt er als Schriftgelehrter, der sich doch selbst so gut auskennt, eigentlich provokativ und doch wohl auch neugierig: „Welches ist das höchste Gebot von allen?“ Für diesen Schriftgelehrten kann es darauf nur eine Antwort geben. Er weiß es und hofft vielleicht doch auch auf Neues!

Jesus weiß um sein Dilemma; um sein Dilemma, als Schriftgelehrter Traditionen verteidigen zu müssen, Neues eigentlich genau nicht wagen zu dürfen. Deshalb öffnet Jesus ihm die Augen. Es geht Jesus selbst gar nicht so sehr um grundlegend Neues. Nein, es geht ihm darum, die alten Traditionen, neu zu verstehen, sie neu und damit genauer und entschiedener zu leben.

So holt Jesus diesen Schriftgelehrten bei dem ab, was er sowieso schon glaubte. Das höchste Gebot ist das: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein!“ (V. 29) Das war das Bekenntnis des alten Israels! Das war und ist – wenn man so will – der höchste Lehrsatz, von dem sich alles andere ableiten lässt – jedes Gebot, jede Lebensregel. Alles beginnt mit diesem einen Bekenntnis zu dem einen Gott. Das – so sagt es Jesus – das ist das höchste Gebot.

Von den unzähligen Ableitungen stellt er ihm zwei ganz alttestamentliche Lebensregeln aus den Büchern des Mose neben seine Antwort. Keine neuen Sätze, nein, Sätze, die sich die Schriftgelehrten schon immer weitergegeben hatten und zu erschließen versucht hatten. Er sagt ihm zwei Sätze, die dem Schriftgelehrten durchaus auch schon bekannt waren: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften“ (5.Mose 6,4-5) und: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (3. Mose 19,18) Diese zwei Sätze stellt Jesus neben das Bekenntnis zu dem einen Gott und gibt damit ganz entscheidende Hinweise. Jesus möchte ein für allemal deutlich machen, dass ein Bekenntnis eben nicht nur für die Lippen gemacht ist. Ein Bekenntnis ist für ihn immer auch eine Lebensentscheidung!

Nun geschieht etwas – wie ich finde – sehr Schönes! Es macht nämlich bei dem Schriftgelehrten endlich „Klick“! Genau das finde ich schön und richtungsweisend in dieser Erzählung. Er erkennt plötzlich, woran er bis dahin selbst gekrankt hat. Dieser Schriftgelehrte hat das Bekenntnis bisher als eine Verpflichtung verstanden, Gott in den Traditionen der Anbetung zu loben, die sich selbst bis dahin schon längst verselbständigt hatten zu immer wieder durchzuführenden und doch sinnentleerten Handlungen, die man zu erfüllen hatte. Das Leben im Glauben hatte sich an vielen Stellen damit schon lange nicht mehr gedeckt. Er versteht plötzlich, dass Liebe nach Gottes Willen hier eben kein romantisches Gefühl beschreibt, sondern einzig und allein die Leidenschaft und den Willen, Gott durch das eigene Leben zu loben und zu bezeugen. Diese Liebe hat etwas mit wirklicher Überzeugung zu tun. Sie ist von Gott gebotene Liebe und eben nicht in das eigene Belieben gestellt. Im Praktizieren der Nächstenliebe – so wie Gott sie meint, wenn er sie den Menschen von Anfang an ins Herz legt – finden Gott und Mensch ganz eng zusammen. Hier wird Gott spürbar, im Leben eben erlebbar. Genau hier und jetzt erkennt der Schriftgelehrte sein Tun, sein Erfüllen der Gebote als eigentlich leer. Er erkennt plötzlich die ihm von Gott gebotene Liebe als Richtschnur seines Handelns. Über diese Erkenntnis des Schriftgelehrten, genau darüber freut sich Jesus. Es veranlasst ihn zu einem – für seine Verhältnisse geradezu euphorischen – Ausruf: „Du bist nicht fern vom Reich Gottes“. (V. 34)

 Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Würde Jesus eigentlich heute auch zu uns noch so sprechen können: Du bist nicht fern vom Reich Gottes! Würde er so zu uns heute auch noch so sprechen können, weil er das Gefühl haben müsste: Ja, wir alle üben, praktizieren und leben so – in diesem Gott gewollten Sinne – die Nächstenliebe! Würde Gott so zu uns sprechen? Nein, ich glaube, er würde eben nicht so zu uns sprechen. Wir alle führen die Nächstenliebe natürlich oft im Munde, keine Frage. Wir fordern sie auch oft ein – meist von anderen! Aber wir wissen eben auch sehr gut: zwischen praktizierter Nächstenliebe und Scheinheiligkeit ist es manchmal nur ein ganz schmaler Grat!

Wer z.B. meint, er oder sie könne sich durch eigenes Engagement in einer Kirchengemeinde ein Denkmal setzen, wer meint, durch besondere Positionen an Ansehen zu kommen, der tritt das Gebot der Nächstenliebe schon mit Füßen! Wer in unserer Gesellschaft meint, durch gute Taten auch und in erster Linie auf sich selbst aufmerksam machen zu müssen, der hat nichts verstanden! Wer meint, das „wie dich selbst“ übersetzen zu müssen mit „zuerst komme ich“, der wird irgendwann daran irre werden!

Ich erkenne manchmal auch etwas Trauriges: Vielfach ist das Wort „Nächstenliebe“ für uns eben auch nicht mehr als ein Lippenbekenntnis. Vielfach ist unser Ruf nach mehr Nächstenliebe in dieser Welt auch nicht mehr als der Versuch, uns selbst vor einer uneingelösten Forderung Gottes uns gegenüber zu verstecken. Was also tun?

Nun, es müsste bei uns ebenfalls einmal „Klick“ machen – so wie bei dem Schriftgelehrten in der Erzählung des Evangeliums. Wir müssten endlich einsehen, dass Nächstenliebe eben nicht in unser Belieben gestellt ist, sondern uns von Gott geboten wird! Gott lädt uns ein, seine Liebe zu leben und weiterzugeben. Er fordert genau das von uns auch ein. Wir können natürlich alle Gebote immer auch anders verstehen und oft tun wir es so – in Predigten, im Konfirmandenunterricht, in Bibelgesprächen. Wir übersetzen die Gebote gerne mit den „Angeboten Gottes“, den „Lebenshinweisen Gottes“. Viele andere Bezeichnungen haben wir für sie gefunden. Und nicht wenige dieser alternativen Bezeichnungen, spülen diese Gebote weich, gerade so als ob wir sie annehmen können oder eben nicht. Gerade so als ob wir sie übersetzen dürfen, bis sie in unser heimeliges „Kuschelchristentum“ passen.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Aber wir sollten uns durchaus klarmachen, dass, wenn wir uns zu Gott bekennen, das für unser Leben als Christin, als Christ immer auch Konsequenzen einfordert. Die  Nächstenliebe, die Gott meint und von der Jesus redet,  wird darin zu nichts anderem als zu der Leidenschaft, die Liebe Gottes zu leben und unter uns spürbar werden zu lassen. Sie gehört auch durch uns dorthin getragen, wohin wir selbst niemals gehen würden, z.B. zu den Menschen mit denen wir in Streit leben, zu den Schwestern und Brüdern, über die wir selbst unsere Vorurteile ausschütten. Die Nächstenliebe Gottes  wird dann zu der Leidenschaft, das eigene Leben als einen Gottesdienst an anderen zu begreifen; als einen Gottesdienst, der dann auch überall dort, wo wir uns selbst vor Gott stellen – noch vor ein paar Monaten und Wochen waren es z.B. ganz selbstverständlich unsere Kirchen, heute sind es öffentliche Plätze unter freiem Himmel, sind es Wohnungen und Häuser, in denen wir es tun – immer wieder zu einem kurzen Zwischenhalt wird. Egal wo wir sind, ob wir zusammen sind oder auch jetzt allein vor Gott stehen, wir geben Gott Rechenschaft darüber, wofür wir zu danken haben, wofür wir um Vergebung zu bitten haben und wofür wir neue Kraft erbitten. Neue Kraft, um immer wieder auch neu anzufangen, die Liebe Gottes in unserem Nächsten zu erkennen oder sie unserem Nächsten zukommen zu lassen. Und ich denke, je mehr Schritte wir auf diesem Weg wagen – auch in schwierigen Zeiten – desto eher hören wir selbst auch den Jubelruf Jesu über uns: Ihr seid nicht mehr fern vom Reich Gottes!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 Fürbittgebet

Gott, du Bruder der Verachteten,

wir danken dir für dein manchmal hartes,

aber doch befreiendes Wort.

Wir bitten dich für deine Kirche,

dass sie bei der deutlichen Wahrheit bleibt.

Wir bitten dich für alle Menschen in der Kirche,

die durch ihre Frömmigkeit und durch ihr Amt

zu Hochmut und Verachtung verleitet werden,

dass sie menschlich bleiben.

Wir bitten dich für alle Menschen,

die – von uns gewählt – regieren,

dass sie ihre Entscheidungen gut bedenken,

und dass sie auch zur Ruhe kommen können

und Einkehr halten – bei sich und auch bei dir.

Wir bitten dich für alle Menschen,

die benachteiligt sind,

dass sie nicht verbittern,

sondern mit anderen zusammen

ihre Lage immer auch ändern können.

Wir danken dir, dass du uns erhörst,

auch in dieser aufgewühlten Zeit.

Wir freuen freuen uns, dass du uns in Frieden lenkst.

Hilf uns, diesen Frieden auch untereinander zu bewahren.

Mit dir, guter Gott, schauen wir auf diese Welt..

Schenke ihr deinen Frieden

und hilf allen, die Krieg gegeneinander führen,

einen neuen Anfang in Frieden miteinander zu wagen.

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger DunkelWeiterlesen

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