Lesegottesdienst

mit den gottesdienstlichen Texten zum

1. Sonntag nach Trinitatis, 6. 6. 2021

 

Wochenspruch: Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich. (Lk 10,16a)

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Aus Psalm 34

2 Ich will den HERRN loben allezeit; sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein.

3 Meine Seele soll sich rühmen des HERRN, dass es die Elenden hören und sich freuen.

4 Preiset mit mir den HERRN und lasst uns miteinander seinen Namen erhöhen!

5 Da ich den HERRN suchte, antwortete er mir und errettete mich aus aller meiner Furcht.

6 Die auf ihn sehen, werden strahlen vor Freude, und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden.

7 Als einer im Elend rief, hörte der HERR und half ihm aus allen seinen Nöten.

8 Der Engel des HERRN lagert sich um die her, die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus.

9 Schmecket und sehet, wie freundlich der HERR ist. Wohl dem, der auf ihn trauet!

10 Fürchtet den HERRN, ihr seine Heiligen! Denn die ihn fürchten, haben keinen Mangel.

11 Reiche müssen darben und hungern; aber die den HERRN suchen, haben keinen Mangel an irgendeinem Gut.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Guter Gott und Vater!

Wenn einer wüsste,

der andere schämt sich nicht, wenn er ihm hilft

– viele würden hingehen und trösten.

Wenn einer wüsste,

der andere lacht nicht über ihn, wenn er ihm sagt: „Ich brauche dich“

– viele würden Vertrauen fassen.

Wenn einer wüsste,

der andere bemerkt, daß er ernst genommen wird

– viele könnten ihre Zweifel zerstreuen.

In all unserer eigenen Unsicherheit,

die wir so manches Mal an den Tag legen,

bitten wir dich:

Komm, Herr, und erbarme dich unser!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Wir denken daran, dass Gott uns gnädig ist.

Er sagt zu uns:

Siehe ich breite deinen Frieden aus, wie einen Strom.

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

 

Guter Gott und Vater,

ohne dich vermögen wir nichts,

darum hoffen wir auf deine Hilfe:

Gib uns deinen Geist,

dass wir wollen, was dich erfreut,

und tun, was du von uns erwartest.

Das bitten wir

durch unseren Herrn Jesus Christus, deinen Sohn,

der mit dir und dem heiligen Geist

lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Lukasevangelium, Kapitel 16, die Verse 19-31

Vom reichen Mann und armen Lazarus

19 Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden.

20 Es war aber ein Armer mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür voll von Geschwüren

21 und begehrte, sich zu sättigen mit dem, was von des Reichen Tisch fiel; dazu kamen auch die Hunde und leckten seine Geschwüre.

22 Es begab sich aber, daß der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben.

23 Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß.

24 Und er rief: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und mir die Zunge kühle; denn ich leide Pein in diesen Flammen.

25 Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, daß du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet, und du wirst gepeinigt.

26 Und überdies besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, daß niemand, der von hier zu euch hinüber will, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber.

27 Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, daß du ihn sendest in meines Vaters Haus;

28 denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual.

29 Abraham sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören.

30 Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun.

31 Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.

Halleluja! Deine Mahnungen, Herr, sind gerecht in Ewigkeit; unterweise mich, so lebe ich. Halleluja!

 

Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Epistellesung: Aus dem Buch Jona, Kapitel 1,1-16 und Kapitel 2, Verse 2+11

(auch Predigttext)

1 Es geschah das Wort des HERRN zu Jona, dem Sohn Amittais:

2 Mache dich auf und geh in die große Stadt Ninive und predige wider sie; denn ihre Bosheit ist vor mich gekommen.

3 Aber Jona machte sich auf und wollte vor dem HERRN nach Tarsis fliehen und kam hinab nach Jafo. Und als er ein Schiff fand, das nach Tarsis fahren wollte, gab er Fährgeld und trat hinein, um mit ihnen nach Tarsis zu fahren, weit weg vom HERRN.

4 Da ließ der HERR einen großen Wind aufs Meer kommen, und es erhob sich ein großes Ungewitter auf dem Meer, dass man meinte, das Schiff würde zerbrechen.

5 Und die Schiffsleute fürchteten sich und schrien, ein jeder zu seinem Gott, und warfen die Ladung, die im Schiff war, ins Meer, dass es leichter würde. Aber Jona war hinunter in das Schiff gestiegen, lag und schlief.

6 Da trat zu ihm der Schiffsherr und sprach zu ihm: Was schläfst du? Steh auf, rufe deinen Gott an! Vielleicht wird dieser Gott an uns gedenken, dass wir nicht verderben.

7 Und einer sprach zum andern: Kommt, wir wollen losen, dass wir erfahren, um wessentwillen es uns so übel geht. Und als sie losten, traf’s Jona.

8 Da sprachen sie zu ihm: Sage uns, um wessentwillen es uns so übel geht? Was ist dein Gewerbe, und wo kommst du her? Aus welchem Lande bist du, und von welchem Volk bist du?

9 Er sprach zu ihnen: Ich bin ein Hebräer und fürchte den HERRN, den Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemacht hat.

10 Da fürchteten sich die Leute sehr und sprachen zu ihm: Was hast du da getan? Denn sie wussten, dass er vor dem HERRN floh; denn er hatte es ihnen gesagt.

11 Da sprachen sie zu ihm: Was sollen wir denn mit dir tun, dass das Meer stille werde und von uns ablasse? Denn das Meer ging immer ungestümer.

12 Er sprach zu ihnen: Nehmt mich und werft mich ins Meer, so wird das Meer still werden und von euch ablassen. Denn ich weiß, dass um meinetwillen dies große Ungewitter über euch gekommen ist.

13 Doch die Leute ruderten, dass sie wieder ans Land kämen; aber sie konnten nicht, denn das Meer ging immer ungestümer gegen sie an.

14 Da riefen sie zu dem HERRN und sprachen: Ach, HERR, lass uns nicht verderben um des Lebens dieses Mannes willen und rechne uns nicht unschuldiges Blut zu; denn du, HERR, tust, wie dir’s gefällt.

15 Und sie nahmen Jona und warfen ihn ins Meer. Da wurde das Meer still und ließ ab von seinem Wüten.

16 Und die Leute fürchteten den HERRN sehr und brachten dem HERRN Opfer dar und taten Gelübde.

1 Aber der HERR ließ einen großen Fisch kommen, Jona zu verschlingen. Und Jona war im Leibe des Fisches drei Tage und drei Nächte. 2 Und Jona betete zu dem HERRN, seinem Gott, im Leibe des Fisches.

Und der HERR sprach zu dem Fisch, und der spie Jona aus ans Land.

Amen.

 

Predigt

 Die Gnade unseres Herrn und Gottes sei mit uns allen. Amen!

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Die Geschichte vom Jona und dem Walfisch kennen wir alle irgendwie – richtig? In Kindergärten und Schulen, in Kinder- und Familiengottesdiensten ist sie eine der beliebtesten Geschichten. Wo habt ihr sie eigentlich zum ersten Mal gehört, wann war das? Vielleicht erinnern sich einige ja noch!

Und meist konzentrieren sich unsere Erinnerungen und auch manche Gottesdienste immer auf den Jona und den Walfisch.

Aber in dem Abschnitt der Geschichte, den wir gerade hier gehört haben, geschieht so viel anders, wie ich finde Wunderbares, das in unseren Erinnerungen meist überhaupt nicht gespeichert wird. Wir haben eine Geschichte gehört, die uns zum Nachdenken bringen sollte – über Gott, über Jona, aber eben auch über uns selbst! Schauen wir also hinein.

Jona hatte einen klaren Auftrag von Gott bekommen: Er sollte von Israel aus nach Osten auf dem Landweg in die große Stadt Ninive reisen und dort den Menschen predigen, dass ihre Stadt wegen ihrer Bosheit in 40 Tagen untergehen wird.

Jona machte sich auf – doch nicht nach Osten, sondern auf den Seeweg auf nach Westen. Er machte also exakt das Gegenteil von dem, was er tun sollte.

Warum eigentlich?

Am weiten und mühsamen Weg kann es nicht gelegen haben. Der Weg, den er nun einschlug, war nicht bequemer, im Gegenteil: Er führte über das gefährliche Meer, das zu seiner Zeit noch als Chaosmacht gefürchtet wurde.

Hatte Jona Angst, die Bewohner von Ninive mit einer bedrohlichen Wahrheit zu konfrontieren?

Dachte er vielleicht, es ihnen und sich selbst ersparen zu können, in dem er die Augen davor verschließt und einfach gerade nicht mehr darüber redet? Und das obwohl die Bosheit in Ninive wahrhaftig nicht zu übersehen war?

Hat er befürchtet, dass die Menschen aus Ninive ungehalten oder sogar aggressiv reagieren könnten, gerade weil er mit dem ja Recht hat, was er sagt? Das alles wäre nur zu verständlich.

Doch dieser Auftrag kam nicht von irgendwoher, er kam von Gott. Hat Jona ernsthaft damit gerechnet, dass Gott ihm seine Flucht und sein Schweigen als Prophet einfach so durchgehen lässt? Hielt er Gott für so schwach? Oder hatte er so schwerwiegende Bedenken gegen diesen Auftrag, dass er eben sogar sein eigenes Leben riskiert hätte, nur um ihn nicht ausführen zu müssen?

Vielleicht, wollte er aber auch die Feinde Israels in Ninive gar nicht warnen? Vielleicht weil er befürchtet  hatte, dass der Gott Israels  – oder er letztlich dann auch er selbst – als Lügner  dastehen würde, wenn das angekündigte Gericht dann doch nicht eintritt? Weil Jona selbst Gott eigentlich nicht getraut?

Als Gott am Ende der Geschichte die Stadt Ninive tatsächlich verschont, behauptet Jona später, er habe das schon geahnt und den Auftrag deshalb von Anfang an nicht ausführen wollen. Aber waren das auch am Anfang seine Motive? Wir merken schon: da kann man unendlich spekulieren.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Ich merke aber, dass ich mehr davon habe, wenn ich die Geschichte zur Selbstreflexion nutze und über mein eigenes Leben und mein eigenes Bild von Gott nachzudenken beginne. Vielleicht wird das Buch Jona übrigens genau deswegen am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, dem Versöhnungstag gelesen. An diesem Tag fasten Jüdinnen und Juden 25 Stunden und denken über ihr Leben nach und auch darüber, mit wem sie sich versöhnen müssten. Und immer wird dann diese Geschichte gelesen!

Eine Frage, die die Geschichte von Jona mir stellt, ist: Wann war ich eigentlich in einer Situation, in der ich genau wusste, was richtig gewesen wäre, und dann doch habe ich doch das Gegenteil gemacht habe oder vielleicht auch gar nichts gemacht? Warum? Ich finde das auch im Nachhinein gar nicht so einfach herauszufinden, entdecke manchmal erst nach Jahren weitere Gründe. Manchmal sogar welche, die mich mit der damals getroffenen vielleicht Fehlentscheidung etwas aussöhnen.

Aber bleiben wir bei der Geschichte: Die Flucht war jedenfalls gut geplant. Jona ging hinunter an den Hafen von Jafo.  Er suchte sich ein Schiff, das über das Mittelmeer bis nach Tarsis in Spanien fahren sollte. Anders als damals üblich, bezahlte er das Fahrgeld im Voraus. Und dann legte er sich unten im Bauch des Schiffes schlafen. Bloß weg! Und bloß nichts mehr mitkriegen! Einfach nur noch schlafen!

Doch vor Gott konnte Jona eben nicht so einfach fliehen. Was geschieht nun? Und nun müssen wir eben genau hinschauen. Ein heftiger Sturm kam auf. Dafür wird bei Jona eben nicht sofort die schuld gesucht! Die Mannschaft und die anderen Fahrgäste aus aller Welt  kämpften erst einmal verzweifelt gegen das Unwetter an. Sie werfen erst einmal die Ladung ins Meer. Sie beten erst einmal intensiv – jeder zu dem Gott, an den er glaubte. In dieser Geschichte wird übrigens kein Wort des Tadels über diesen Götzendienst oder über Andersgläubige laut! Schließlich weckt der Kapitän Jona. Hatte er wirklich nichts mitbekommen? War er so ignorant? Der Kapitän musste ihn jedenfalls ausdrücklich auffordern, auch zu beten. – V. 6: „Da trat zu ihm der Schiffsherr und sprach zu ihm: Was schläfst du? Steh auf und rufe zu deinem Gott! Vielleicht wird dieser Gott an uns denken, dass wir nicht verderben!“

Die anderen Besatzungsmitglieder haben in der Zwischenzeit gelost, um herauszufinden, wem sie ihre bedrohliche Lage zu verdanken haben: Das Los fiel auf Jona. Als sie von Jona wissen wollen, mit wem sie es zu tun haben, antwortet der denkbar knapp. Gerade einmal Volks- und Religionszugehörigkeit ließ er sich entlocken. V. 9: „Ich bin Hebräer und fürchte den Herrn des Himmels, der das Meer und das Trockene gemacht hat!“ Jona war offenbar der einzige Hebräer auf dem Schiff, der einzige, der an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs glaubte.

Die Mitreisenden, alles Menschen, die die Bibel als Heiden bezeichneten würde, machten es sich nicht leicht. Sie hatten zwar ohne zu zögern kostbare Ladung über Bord geworfen. Aber das Leben dieses merkwürdigen Fremden wollten sie auch nicht leichtfertig opfern. Sie suchten nicht einfach einen Sündenbock. Sie fragten Jona selbst danach, was nun zu tun sei. Jona selbst war es dann, der ihnen sagte, dass die Katastrophe nur abgewendet werden könnte, wenn sie ihn ins Meer würfen.

Warum machte Jona diesen Vorschlag? Wollte er wenigstens seine Mitreisenden retten? Oder war er vielleicht mittlerweile so trotzig, dass er lieber sterben, als diesen Auftrag erfüllen wollte? Oder meinte Jona sogar, das seinem Gott und seinem Volk schuldig zu sein? Damit die in der Welt der Heiden nicht schlecht dastehen? Wieder löst diese Geschichte viele Fragen bei mir aus. Und wieder merke ich, dass es heilsamer sein könnte, nicht über Jona zu spekulieren, sondern diese Fragen an mich und an mein eigenes Verhalten zu stellen. Wie sehe ich eigentlich auf Andersgläubige? Wie sehen sie eigentlich mich? Hat mich das überhaupt schon einmal interessiert?

Die Männer vom Schiff wollten Jonas Leben immer noch nicht verloren geben. Sie rudern mit all ihrer Kraft gegen das Unwetter an. Erst als sich das als aussichtslos herausstellt, sind sie bereit, auf den Jona zu hören und ihn ins Meer zu werfen. Sie hatten erst wirklich alles probiert, erst dann warfen sie ihn ins Meer und das Meer blieb still.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Mich beeindruckt es schon sehr, wie positiv im Buch Jona und in jüdischen Auslegungen die andersgläubigen Menschen aus den fremden Völkern beschrieben werden. Das gilt für die Seeleute auf dem Schiff ebenso, wie später auch für die Bewohnerinnen und Bewohner von Ninive, von denen der zweite Teil des Buches handelt, der heute ja nicht vorgelesen wurde. Aber wir erinnern uns vielleicht. Nachdem die von Jona damit konfrontiert wurden, dass die Bosheit in ihrer Stadt herrscht, haben sie ihre Chance genutzt und sich geändert.

So wie diese Geschichte erzählt ist, lässt sie Jona und alle, die diese Geschichte lesen und wirklich verstehen wollen, eigentlich keine Chance, die Verantwortung für die Misere immer einfach auf „die Anderen“ oder „die Fremden“ zu schieben. Das Buch Jona, liebe Schwestern und Brüder, lässt kein Zweifel daran, dass der Gott Israels Heil für die ganze Welt will. Genau das überlesen wir leider zu oft!

Gehen wir noch ein letztes Mal in diese Geschichte rein:

Für Jona ging es nun noch einen Stufe tiefer herab: in die Untiefen des Meeres. Aber Gott gibt ihn natürlich nicht auf. Er schickt einen großen Fisch und Jona landet in seinem Bauch. Drei Tage blieb er im Bauch des Fisches. Jona bleibt in diesem Fischbauch mit sich selbst konfrontiert, im Rachen des Todes, in der Tiefe unter Wogen und Wellen, fernab von allem Leben. Manche Dinge lernt man leider nicht freiwillig!

Doch auch an diesem unwirtlichen Ort erreichte Jonas Gebet Gott. Nach drei Tagen spuckte ihn der Fisch aufs Land. Die Zeit im Fisch war eine Krisenerfahrung, die Jona verändert hat. Sie hat ihn bereit gemacht, seinen Auftrag doch noch auszuführen. Jetzt erst war er in der Lage, den Menschen und den Tieren von Ninive zu Reue und Umkehr und damit zu neuem Leben zu verhelfen.

Wenn man den weiteren Verlauf dieser Geschichte betrachtet, erscheint mir die Beschreibung von Jonas Charakter realistisch und eigentlich ernüchternd. So ganz hat er sich nicht geändert. Kurze Zeit später versteckt er sich schon wieder unter einem Rizinusbaum, will wieder nicht gesehen werden. Bloß nicht auffallen! Wer weiß, was dann kommt! Es bleibt fraglich, ob Jona selbst wirklich begriffen hat, dass Gott das Leben will und nicht Rache und Opfer. Dass Gott zur Versöhnung bereit ist und auch selbst uns Menschen dazu einlädt.

Wenn wir lesen, wie zornig er darüber war, dass Ninive gerade nicht untergegangen ist, und wie wütend er war, dass der Rizinusbaum, der ihm Schatten gespendet hat, eingegangen ist, scheint ihm das irgendwie nicht ganz gelungen zu sein.

Trotz der eindrücklichen Erfahrung im Bauch des Fisches hätte Jona wohl noch einiges zu lernen. Aber ehrlich gesagt, kenne ich das leider auch von mir! Es sind immer wieder ähnliche Herausforderungen, mit denen ich zu kämpfen habe. Und ich hoffe, dass Gott auch mir dann einmal eine Zeit der Reflexion, der Selbstbesinnung schenkt. Es muss ja nicht gerade ein Walfischbauch sein. Vielleicht war für mich persönlich das vergangene Jahr so etwas wie eine Zeit der Selbstreflexion und Neubesinnung, auf das, wozu Gott mich ruft. Vielleicht begreife ich die Zeit, die jetzt anbricht, auch einmal als eine neue Chance!  Hoffentlich merke ich mehr und deutlicher als Jona, wie liebevoll Gott bei all meinen Versuchen und Neuanfängen auf mich sieht. Und hoffentlich bin ich nicht der einzige, der so zurück und nach vorne sieht. Denn Gott wendet sich so liebevoll jeder und jedem von uns zu!

Wie sieht’s bei euch aus? Spürt ihr es?

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Fürbittgebet

Wir danken dir, Herr guter Gott,

dass du uns einlädst und Gemeinschaft schenkst mit dir.

Wir danken dir, daß wir bei dir zu Hause sind,

auch wenn du gerade bei uns zu Hause bist.

Du bist uns nah

– auch jetzt, wo wir mit unseren Gedanken ganz bei dir sind.

Du bist bei uns, wenn wir beten, dein Wort lesen,

Du hörst unsere Klagen, aber auch unsere leisen Hoffnungen.

Herr, erbarme dich!

 

Deine Einladung ist grenzenlos

– und doch sind uns Grenzen in dieser Zeit gesetzt.

Wir machen uns viel zu schaffen mit allem Möglichen.

Hilf, daß wir die Zeichen deiner Nähe nicht übersehen.

Du begegnest uns doch in deinem Wort

und in den Menschen, die du uns schickst,

die vielleicht gerade in diesen Tagen besonders für uns sorgen.

Da sind immer auch die überraschenden Erfahrungen deiner Gegenwart.

Herr, erbarme dich!

 

Die Tür zu dir steht allen offen.

Lass uns Botinnen und Boten deiner Einladung sein

– gerade für die, die ferne stehen.

Lass uns glaubwürdig sein in unserem Leben,

damit Menschen, die uns begegnen, spüren:

Du schließt niemanden aus.

Lass uns die Not anderer sehen und lindern,

wo wir es können,

den Ausgestoßenen und  Entfremdeten ein Stück Heimat geben,

so wie wir Zuflucht haben bei dir.

Herr, erbarme dich!

 

 

Herr, in so vielen Ländern herrschen gerade Angst und Sorge.

Wir denken nicht nur an uns selbst,

auch an unsere Schwestern und Brüder auf den anderen Kontinenten.

Lass uns gemeinsam vorsichtig und geduldig bleiben.

Hilf uns allen und überall,

dass wir andere schützen,

indem wir uns selbst schützen.

Und dann lass uns gemeinsam die neue Zukunft schauen,

in der wir uns wieder begegnen werden

– ganz unbeschwert und fröhlich unbelastet.

Herr, erbarme dich!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

Sei bei den Einsamen und Kranken.

 

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

 Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger Dunkel