Lesegottesdienst

mit den gottesdienstlichen Texten zum

1. Adventssonntag, 29. 11. 2020

 

Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Wochenspruch:

Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer. (Sach 9,9)

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Psalm 24

1 Ein Psalm Davids. Die Erde ist des HERRN und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen.

2 Denn er hat ihn über den Meeren gegründet und über den Wassern bereitet.

3 Wer darf auf des HERRN Berg gehen, und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?

4 Wer unschuldige Hände hat und reinen Herzens ist, wer nicht bedacht ist auf Lüge und nicht schwört zum Trug:

5 der wird den Segen vom HERRN empfangen und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heiles.

6 Das ist das Geschlecht, das nach ihm fragt, das da sucht dein Antlitz, Gott Jakobs.

7 Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe!

8 Wer ist der König der Ehre? Es ist der HERR, stark und mächtig, der HERR, mächtig im Streit.

9 Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe!

10 Wer ist der König der Ehre? Es ist der HERR Zebaoth; er ist der König der Ehre.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar

und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Herr guter Gott und Vater!

Du kommst,

kommst zu uns in einem Kind,

hier auf unsere Erde, mitten unter uns Menschen.

Wie groß müsste unsere Freude doch sein!

Wie fröhlich erwartend müssten wir uns und dir begegnen.

Doch kleingläubig sind und bleiben wir.

Wir trauen dir nichts zu,

stöhnen unter der Last unseres Alltages,

resignieren vor dem Berg unserer Sorgen.

Herr, mache du uns frei,

frei, dass wir durchatmen können,

dass wir neu sehen und neu gehen lernen,

auf dich zu – denn du schenkst uns das Leben.

Herr, du kommst zu uns

und erbarmst dich unser.

Deshalb wollen wir nun still werden,

um dir anzuvertrauen,

was in dieser Zeit auf uns lastet.

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Aber dann wollen wir auch daran denken,

dass du uns unsere Schuld nicht anrechnest

und uns mit deiner ganzen Gnade entgegenkommest,

wenn du zu uns sagst:

„Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen,

aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln.

Mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen.“

Ehre sei Gott in der Höhe!

 

Dreieiniger Gott,

du Grund unserer Hoffnung und Erwartung.

Wir freuen uns in dieser Zeit des Adventes,

die uns sagt, dass du kommen wirst.

Du bist als das helle Licht in diese Welt gekommen,

damit wir nicht in der Finsternis bleiben.

Wir bitten dich:

Sei du das Licht auf unserem Weg

durch diese Adventszeit,

damit wir deine Zeichen der Hoffnung erkennen

und weitergeben können,

durch Jesus Christus, unseren Herrn,

der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und Leben schafft

jetzt und in alle Ewigkeit.

Amen.

 

Epistllesung: Aus dem Römerbrief, Kapitel 13, Verse 8-12:

8 Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt.

9 Denn was da gesagt ist (2. Mose 20,13-17): »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst (3. Mose 19,18): »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.«

10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.

11 Und das tut, weil ihr die Zeit erkannt habt, dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden.

12 Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.

Halleluja! Aus Zion bricht an der schöne Glanz Gottes. Unser Gott kommt und schweigt nicht! Halleluja!

 

 Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 21, Verse 1-11:

(auch Predigttext)

1 Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus

2 und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt. Und sogleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir!

3 Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen.

4 Das geschah aber, auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sacharja 9,9):

5 »Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.«

6 Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte,

7 und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf.

8 Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg.

9 Das Volk aber, das ihm voranging und nachfolgte, schrie und sprach: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!

10 Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und sprach: Wer ist der?

11 Das Volk aber sprach: Das ist der Prophet Jesus aus Nazareth in Galiläa.

Amen.

 

Predigt

 

Die Gnade unseres Herrn und Gottes sei mit uns allen. Amen!

 

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Können sich einige von Euch noch an die großen früheren Boxkämpfe erinnern – Cassius Clay, Mike Tyson, später auch Henry Maske und die Klitschko-Brüder.

Da konnten wir immer sehr schön sehen, wie man für etwas, was einige Sport nennen, einen Einmarsch inszenieren kann. Erst gestern hat Mike Tyson als Ü50er noch einmal so den Ring betreten. Lichterspiel, Musik, Leibwachen – perfekte Show. Ähnlich ist es, wenn Eishockey-Cracks oder Fußball-Millionäre ins Stadion einlaufen.

Ich denke auch an Bilder aus Nachrichtensendungen. Wenn die ach so wichtigen Politikerinnen und Politiker in ihren Nobelkarossen vorfahren. Sie steigen aus, Blitzlichtgewitter donnert los. Dann tun sie pflichtgemäß so, als ob es sie stören würde, antworten meist schnell: „Kein Kommentar!“ Aber wehe, da stünden sie nicht – die Journalisten und Fotografen. Wehe, da würde keiner stehen, um einen anderen wichtiger zu machen als er oder sie vielleicht ist. Ich glaube, einige der hohen Damen und Herren würden vermutlich einfach stehenbleiben und warten, bis denn endlich jemand käme. Mächtige inszenieren ihren Einzug, zu viele vermeintlich Mächtige tun es ihnen nach.

Ich denke aber auch an etwas anderes, bei dem ich heute noch Gänsehaut bekomme, wenn ich zurückdenke. Erinnert Ihr Euch auch noch: Oktober 1989 – Menschen ziehen durch Leipzig. Der Einzug in eine neue Zeit. So gar nichts in der Hand – außer einem Transparent: „Wir sind das Volk!“ Machtlos waren sie, ohnmächtig, vieler voller Angst, ob nicht gleich losgeschossen würde. Und diese Menschen wurden mächtig, wurden übermächtig. Die Machthaber wurden ohnmächtig. Ich werde diese Bilder niemals vergessen. Von einer anderen Inszenierung haben wir gerade etwas weiter oben gelesen, von der Inszenierung eines Einzugs. Matthäus hat davon in seinem Evangelium berichtet.

Jesus inszeniert seinen Einzug in die Stadt. Schickt seine Jünger zu einem Fremden, den Esel zu holen. Und siehe da, der weiß sogar schon Bescheid. Dann zieht er ein, das kleine Stück vom Ölberg in die Stadt. Er hätte ja eigentlich auch laufen können, einfach durchs Stadttor hineinspazieren können. Tut er aber nicht! Eine Demonstration zettelt er an, ohne behördliche Genehmigung. Sonst hat er seinen Jüngern meist immer verboten, zu erzählen, was er alles geleistet hat. Hier aber protzt Jesus geradezu – zumindest für seine Verhältnisse. Er bedient sich eines Mittels, das in seinen sich immer ähnelnden Ritualen bis heute geläufig ist bei den Mächtigen und bei denen, die auf öffentliche Wirkung angewiesen sind. Der Evangelist verbindet diese Szene sogar noch mit der alten Tradition. Er stellt eine Prophezeiung, ein Verheißungswort dazu. Er kommentiert so die Geste Jesu:

Das geschah aber, auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sacharja 9,9):  »Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.« (VV4+5)

Und doch – vieles dieser Geste ist hier anders als gewöhnlich. Es sollte uns zu denken geben, wenn wir heute den Beginn der Adventszeit feiern. Fünf Dinge sind mir aufgefallen:

1. Da ist eine Menge von Menschen, die sich geradezu gehen lässt, als Jesus so ankommt. Ganz spontan und zuallererst wurde die unbegrenzte Lust am Feiern der Ankunft Jesu empfunden. Da wird nicht organisiert, da geben die Menschen ihrer Freude Ausdruck. Die Leute sind regelrecht aus dem Häuschen, machen ihren Glauben, ihre hoffnungsvolle Erwartung zu einem Straßenfest. So feiern sie Advent, die Ankunft. Welch ein Gegensatz zu unserer ewig wiederkehrenden Zeremonie! Und welch ein Gegensatz zur aktuellen Situation, in der solche Aufläufe nicht denkbar wären bzw. unverantwortlich wären! Nicht wenige von uns haben begonnen zu klagen. Spontan sein und so feiern ist nicht möglich. Aber anders feiern können wir auch aber auch nicht, haben es wohl nicht gelernt. Kommen sonst in den Vorjahren immer sehr schnell die Klagen über die zu viele Feiern in der Adventszeit, so wird sich das in diesem Jahr wohl eher ins Gegenteil verkehren.

Wir sind gezwungen zu verzichten. Und doch ist es uns Christinnen und Christen geboten, die Ankunft unseres Gottes, das Kommen Christi in unsere Welt zu bedenken. Aber wie werden wir es tun, ohne zum Beispiel immer einfach Weihnachten vorwegzunehmen? Habe ich das in früheren Jahren angemahnt, stieß ich – ehrlich gesagt – oft auf taube Ohren. Es einmal anders zu versuchen statt in immer gleichen Ritualen von vorgezogenen Weihnachtsmärkten, Glühwein, Bratwürste und Einkaufsrummel – das Reden darüber, es einmal anders zu machen, und der Mut es wirklich zu tun lagen immer so weit auseinander wie der Nordpol und der Südpol

Doch niemand ist bereit, auf eine Weihnachtsfeier in der Adventszeit – eigentlich ein Unsinn in sich – zu verzichten. Niemand ist bereit Ankunft zu feiern, statt Weihnachten einfach vorwegzunehmen. Wie oft habe ich versucht, allen Gemeindekreisen dieses nahezulegen. Taube Ohren waren das einzige, worauf ich stieß. Spontan und freudig, einfach ‘mal ganz anders, Ausbrechen aus einem ewig wiederkehrenden Kreislauf – das Reden davon und der Mut dazu liegen soweit auseinander wie der Nordpol vom Südpol. In diesem Jahr allerdings ist alles anders, wie wird es werden?

2. Da ist der Esel. Wahrlich kein hohes Tier, keine Nobelkarosse. Zeichen der Armut an vielen Punkten des Alten und Neuen Testamentes. Jesus reitet auf einem Tier, das zu ihm passt. Denn er schaut nicht vom hohen Roß hinunter, er inszeniert ein Königtum der ganz besonderen Art. Ohne roten Teppich, aber dafür mit live gesungenem Hosianna. Er macht sich selbst auf dem Lasttier des kleinen Mannes zum Esel in den Augen seiner Spötter. In den Augen der Verspotteten aber schlägt er geradezu eine Eselsbrücke, die zu Gott führt. Er setzt ein einfaches Zeichen. Mit Plastikherzen über Fußgängerzonen, mit überreichem Lichterschmuck, mit einer erschlagenden Flut von zur Schau gestellten Frömmigkeitssymbolen hat er so gar nichts zu schaffen. Nicht die Wattzahl der Lichter in meiner Wohnung, nicht die Häufigkeit der immer wieder aufgelegten Weihnachtsmusik öffnet dem ankommenden Eselsreiter den Weg zu mir. Allein mein Herz, meine Ruhe, meine Zeit, in der ich bereit bin, alles andere beiseite zu schieben, macht ihm den Einzug möglich. Alles andere ist Täuschung, manchmal gefährliche Selbsttäuschung. Vielleicht habe ich in diesem Jahr, in diesem Advent ja wirklich enmal mehr, weil eben andere Zeit, um genau das einmal zu tun – still werden, um zu spüren, dass Gott mir schon nahe ist!

3. Da ist von Sanftmut die Rede. Dieses Wort hat es uns angetan. Es ist praktisch zum Schlüsselwort eines ganzes Abschnitts geworden. Ist es nicht interessant, dass zur Sanftheit ausgerechnet der Mut gehört! Was für eine Kombination! Wo wir doch eigentlich immer das Gegenteil vermittelt bekommen, ja es selbst leben. Sanftheit ist Feigheit. Und Mut macht stark, greift an. Liebe Schwestern und Brüder! Die „sanfte Tour“ hat göttliche Verheißung. Lasst uns daran denken, wenn wir gerade in dieser Zeit wieder besonders feinnervig und gereizt werden. Vieles wird uns gerade abverlangt! Wenn wir den Frieden erwarten und an der Friedlosigkeit dieser Welt zu verzweifeln beginnen, wenn wir den großen Knall erwarten, nach dem dann alles Leid, alle Gewalt, aller Krieg ein Ende hat. Und diese ganze Situation, die uns ja eben auch geradezu – um in einem biblischen Bild zu bleiben – „wie ein Dieb in der Nacht“ überkommen hat. Sanftmütig reitet Jesus auf einem Esel. Nicht profillos, nicht willenlos, nicht apathisch – nein, unbeirrt, ohne Angst, eindeutig auf ein Ziel hin, nicht allen recht machend, gleichzeitig niemandem weh tuend – sanftmütig eben. Einfach, aber unbeirrt bleiben, nicht willenlos, sondern vertrauend, auch eine Übung für uns in diesen Tagen!

4. Kleider machen Leute. Wer etwas aus sich zu machen versteht, wer das entsprechende „Outfit“ – so sagt man es neudeutsch heute – hat, der kann auftreten auf dem Laufsteg des Erfolges. Und wer gar nichts hat, was anziehend wirken könnte, es funktioniert noch immer, weil eben bloß die Kinder den Durchblick haben. Auf die hört man allerdings nur in dem genannten Märchen. Jesus macht das anders. Er macht gar nichts aus sich. Nein, er lässt etwas an sich geschehen. Bei ihm sind es die Menschen, die da stehen und feiern. Die machen etwas an ihm; sie machen etwas für ihn. Ihre Kleider machen seinen königlichen Auftritt. Das unterscheidet einen ausgerollten roten Teppich von einem „handgemachten“. Hier ziehen die Menschen ihren Hut oder Mantel, oder ihre Kleider nicht auf Kommando, oder auf Funktionärswillen. Sie sind kein bestellte und einstudiert handelnden Klatschvolk. Das letzte Hemd ziehen sie aus, vielleicht alles, was sie haben, schmeißen es in den Dreck, ebnen so einen schönen geschmückten Weg – ohne Aussicht auf Erstattung der Reinigungskosten. Jesus lässt das zu, er feiert mit. Feiert diesen Augenblick, nimmt wahr, dass die Menschen dort ihm die Herrschaft zugestehen, ihn als ihren König anerkennen. Die Menschen damals, legten ab. Wir putzen uns heraus. Die Menschen damals waren bereit, alles herzugeben. Wir meinen, wir bräuchten immer mehr, hergeben fällt uns schwerer und schwerer. Teilen, sich selbst hingeben – es muss eingefordert werden, angemahnt, die mangelnde Bereitschaft beklagt werden. Haben sich die Zeiten wirklich so geändert?

5. Da ist schließlich ein Prophetenwort. Eine alte Ankündigung, eine Prophezeiung! Ist es nicht so, dass gerade am Jahresende, zum Jahreswechsel hin viele Menschen geradezu süchtig werden nach Vorhersagen, nach Prognosen für das neue Jahr? Jahreshoroskope sind angesagt. Vermeintlichen Zukunftsprognostikern hört man hellhörig zu. Ich glaube, beim vergangenen Jahreswechsel werden sich nahezu hundert Prozent von ihnen getäuscht haben. Jede Menge Prophezeiungen prasseln immer wieder auf uns nieder. Aber wir Christinnen und Christen haben eine, die gilt! Denn Gott hält sein Versprechen: „Siehe dein König kommt zu dir!“ Gott hält sein Versprechen.

Wir haben einen Gott, der zu seinem Wort steht. Die Treue Gottes währet ewig – zu allen Zeiten haben Menschen sich an dieser Hoffnung genährt! Vielleicht, oder bestimmt ist deshalb der Einzug Jesu auf dem Esel so fröhlich aufgenommen worden. Jesus hat damit auch den Nerv der Menschen damals getroffen. Er hat ihnen die Augen geöffnet für die Treue Gottes. Sie konnten nicht anders als fröhlich sein. All ihr Hoffen, all ihre Erwartungen – jawohl sie hatten sich gelohnt. Barmherzigkeit gegen Gesetzlichkeit, Liebe gegen Dogmatik, Gottesherrschaft gegen den Machterhalt der Menschen, Freiheit gegen Besatzung! Ja, ich verstehe die Freude der Menschen da am Straßenrand.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Wo stehen wir eigentlich in diesem Bild? Sind wir bei den Tanzenden, haben wir uns die Kleider vom Leib gerissen und in den Staub geschmissen. Gehören wir zu den Jubelchorsängern, zu den Hosianna-Rufern?  Sind wir bei denen, die auf die Knie gefallen sind und vor Glück zu weinen begonnen haben, weil nun ihr Leben ganz anders werden wird, ganz neu. Wo sind wir, wo malen wir uns hin?  Ganz hinten im Bild ahne ich eine Gruppe von Menschen. Sie feiern nicht mit. „Lasst die nur feiern“, höre ich jemand von ihnen sagen. „Lasst die nur feiern. Ich habe für solch einen Unsinn kein Verständnis. Ich mache weiter, wie bisher, mache weiter das, was ich will. Hoffnung – brauch’ ich nicht. Veränderung – will ich nicht. Liebe – schön wär’s! Ich habe viel von meinem Glauben an all das verloren!“

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Einige von uns werden sofort wissen, wohin sie sich in diesem Bild malen. Andere müssen vielleicht erst noch ein wenig überlegen. Alle aber sind wir eingeladen, daran zu denken, dass Advent das Fest der lebendigen Hoffnung für uns alle ist. Das Fest der Hoffnung, dass Gott in diese Welt eingreift, dass er uns anrührt. Ja, dass er uns das Leben neu schenkt! Solch ein Leben geht nur, wenn ich rede und handle, als wenn das Leben gelingen wird. Wer fröhlich ist, der teile seine Freude mit dem König der da auf einem Esel entgegenkommt! Wer seine bedrohte Existenz und Zukunft erkannt hat, wer sich von seinen Zweifeln und Ängsten leiten lassen will, der soll sich nicht damit aufhalten, sich selber ständig seine Zukunftslosigkeit zu beschreiben. Hoffnung ist, sich in Widerspruch zu sich selbst zu stellen und sich dem Reiter auf dem Esel in den Weg zu stellen. Er wird nicht vorbeireiten – an niemandem. Er kommt, kommt zu jedem. Er benutzt zwar das Ritual der Mächtigen, den Einzug eines Königs. Aber er will nichts für sich. Wenn Gott kommt, dann will er nichts für sich. Er will bei uns einziehen, damit wir seinen Verheißungen treu bleiben. Er ist es schließlich auch. Er kommt, um mit uns neu zu leben! Gerade auch nach diesen Tagen, Wochen und Monaten! Euch allen eine gesegnete Adventszeit!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Fürbittgebet

Jesus Christus, unser Bruder und Heiland,

wir danken dir, dass du in unsere Welt kommst,

dass du die Hoffnung in uns wach hältst.

Wir danken dir,

dass dein Wort uns immer wieder neu sammelt,

wenn auch in diesen Zeiten in so vielen verschiedenen Formen.

Wohin du kommst, da werden Menschen verwandelt,

zu hoffen und zu lieben,

sich zu freuen und sich geborgen zu fühlen.

So höre uns, wenn wir nun bitten:

 

Komm zu allen, die keinen Sinn mehr in ihrem Leben sehen,

die nichts mehr mit sich und der Welt anzufangen wissen,

denen alle Lebenschancen genommen sind.

 

Komm zu allen, die ratlos sind und verzweifelt,

die leiden und keine Hoffnung mehr haben,

die sich ausgestoßen fühlen

und nach Gemeinschaft sehnen.

 

Komm zu allen, die schuldig geworden sind,

verstrickt in Schwäche, Oberflächlichkeit und Irrtum,

dass sie an deine Liebe glauben können

und deine Vergebung spüren.

 

Komm zu allen, die in unserer Kirche arbeiten,

die ihre Gaben und Kräfte einbringen,

dass unter ihnen die Hoffnung lebendig bleibt,

dass du ihnen Hilfe und Wegweisung bist.

 

Hilf uns festzuhalten am Bekenntnis der Hoffnung,

dass wir nicht wanken, denn du bist treu.

In der Stille beten wir zu dir!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –,

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger Dunkel