Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Wochenspruch:

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. (Röm 12,21)

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Aus Psalm 19

 8 Das Gesetz des HERRN ist vollkommen und erquickt die Seele. Das Zeugnis des HERRN ist gewiss und macht die Unverständigen weise.

9 Die Befehle des HERRN sind richtig und erfreuen das Herz. Die Gebote des HERRN sind lauter und erleuchten die Augen.

10 Die Furcht des HERRN ist rein und bleibt ewiglich. Die Rechte des HERRN sind wahrhaftig, allesamt gerecht.

11 Sie sind köstlicher als Gold und viel feines Gold, sie sind süßer als Honig und Honigseim.

12 Auch lässt dein Knecht sich durch sie warnen; und wer sie hält, der hat großen Lohn.

13 Wer kann merken, wie oft er fehlet? Verzeihe mir die verborgenen Sünden!

14 Bewahre auch deinen Knecht vor den Stolzen, dass sie nicht über mich herrschen; so werde ich ohne Tadel sein und unschuldig bleiben von großer Missetat.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar

und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Guter Gott und Vater,

Gutes tun, ja  das wollen wir,

aber so oft können wir nichts Gutes vollbringen.

Das Gute, das wir wollen, tun wir nicht;

oft aber das Böse, das wir nicht wollen;

wir tun es oder lassen es zumindest zu.

Oft ahnen wir und wissen es,

was gut ist und deinem Willen entspricht.

Ob es für uns einen Nutzen bringt,

das fragen wir zuerst.

Nicht, ob es dein Auftrag an uns ist.

Wie oft, Herr, bleiben wir hinter deinen Erwartungen zurück.

Komm, Herr, und erbarme dich unser!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Ich weiß wohl,

was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr:

Gedanken des Friedens und nicht des Leides.

Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,

so will ich mich von euch finden lassen.

Ehre sei Gott in der Höhe!

 

Guter Gott,

ergreife du wieder das Wort.

Dein Wort!

Wo wir es zerredet haben, da hole es zurück

und sprich es neu aus.

Wo wir es zum gefälligen Spruch machten,

das sage es neu, damit es dein Wort bleibt.

Wo wir es totschwiegen,

da erwecke es zu neuer Kraft,

damit wir aufleben und aufrecht gehen.

Komm, Herr, zu uns mit deinem Wort in deinem Sohn.

Das bitten wir in Jesus Christus, unserem Herrn,

der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und regiert,

von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesevangelium: Aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 5, Verse 38-48:

 38 Ihr habt gehört, dass gesagt ist (2. Mose 21,24): »Auge um Auge, Zahn um Zahn.«

39 Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Bösen, sondern: Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.

40 Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel.

41 Und wenn dich jemand eine Meile nötigt, so geh mit ihm zwei.

42 Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will.

43 Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« (3. Mose 19,18) und deinen Feind hassen.

44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen,

45 auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.

46 Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner?

47 Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden?

48 Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.

Halleluja! Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen! Halleluja!

 

 Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Alttestamentliche Lesung: Aus dem Buch des Propheten Jeremia, Kapitel 29, Verse 4-7.10-14

(auch Predigttext)

 4 So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen:

5 Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; 6 nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet.

7 Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl.

10 Denn so spricht der HERR: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe.

11 Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.

12 Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören.

13 Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,

14 so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der HERR, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.

Amen.

 

Predigt

Die Gnade unseres Herrn und Gottes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Gott führt uns auf ganz vielen, ganz verschiedenen und oft auch auf ganz wunderbaren Wegen. Ich hoffe, dies ist eine Erfahrung, die viele von uns schon gemacht haben. Ich weiß, einige, die jetzt hier mitlesen, haben gelitten, tragen vielleicht sogar weiter schwer. Und trotzdem, ich wünsche uns die Wahrheit dieses Satzes: Gott führt uns auf ganz wunderbaren Wegen! Ich musste daran denken, als ich diese Predigt vorbereitete. Ich habe schon seit nunmehr acht Monaten nicht mehr auf der Kanzel unserer Ev. Lukas-Kirche in Winzenheim stehen können. Zuerst war es eine Krankheit, die mich hinderte, dann waren es die verschiedenen Gründe dieser Pandemiezeit – unsere Kirche ist klein und deshalb geschlossen. All das machte und macht mich unendlich traurig. Und ich weiß, ich bin nicht der einzige. Aber wir haben seitdem an dieser Stelle immer auch durch diese Zeilen unserer Lesegottesdienste und auch durch die Gottesdienste in unserer Waldkirche gemeinsame Zeiten vor Gott verbracht.

Oft habe ich gedacht, nun kann ich aber nicht mehr. Doch dann war immer wieder auch etwas da, was neue Kraft gab. So auch in der vergangenen Woche in der Vorbereitung zu diesem Lesegottesdienst. Ich schaute nach, was der Predigttext für diesen 21. Sonntag nach Trinitatis ist. Und da blieb mir ja fast das Herz stehen.

Wir alle haben doch irgendeinen Lieblingsspruch, ein Trostwort, das uns manchmal begleitet. Auch ich habe so etwas. Im Neuen, aber eben auch im Alten Testament. Und genau einige meiner absoluten Lieblingsworte finde ich heute im vorgeschlagenen Predigttext. Sie haben ihn gerade etwas weiter oben in der alttestamentlichen Lesung gelesen. Gott, so war ich mir in diesem Augenblick ganz sicher, Gott führt auf ganz wunderbaren Wegen. Und so lege ich Ihnen noch einmal einige Verse aus dem 29. Kapitel des Jeremiabuches ans herz, es sind die Verse 11-14:

11 Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.

12 Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören.

13 Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,

14 so will ich mich von euch finden lassen … und will eure Gefangenschaft wenden und … will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Vielleicht ahnt ihr ja nach meiner Einleitung und diesen Worten schon, was ich meine. Aber versetzen wir uns erst noch einmal in die Situation hinein, in der diese Worte entstanden. Stellen wir uns vor, es ist etwa 600 Jahre vor Christus. Ein ganzes Volk, alle wichtigen Familien Judäas mussten ihre Heimat verlassen. Familien wurden auseinander gerissen. Alles mussten sie aufgeben. Alles worauf sie vertraut hatten, alles, was ihnen vertraut war, all das gab es nicht mehr. Alles, was zählte, es galt plötzlich nichts mehr. Ihr ganzer Alltag – weg! Ja selbst Gott, auf den sie so sehr gebaut hatten, er schien sich vor ihnen verborgen zu haben, ihn schien es nicht mehr zu geben. Sie wollten ihn auch nicht mehr, alles schien ihnen wie eine Strafe Gottes. Es war eigentlich alles aus.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Kennen wir solche Tage? Tage, an denen alles aus zu sein scheint. Tage, an denen Leere und Ausweglosigkeit wie ein großes schwarzes Loch vor uns liegen, in das wir nur noch fallen und uns verlieren können? Tage, an denen wir mit Gott streiten, ihm alles vorwerfen und mit ihm handeln wollen, damit er unser Leben so einrichtet, wie wir es wollen, ohne nach seinem Plan für uns zu fragen? Ich muss sagen, ich kenne solche Tage; und ich weiß, andere kennen sie auch. Vielleicht glauben sich einige gerade jetzt in diesem kommenden November 2020 in solchen Tagen. Ich könnte das gut verstehen.

Deshalb malen wir uns jetzt einmal selbst in dieses Bild des vertriebenen Volkes da 600 v.Chr hinein. Setzen wir uns hin wie sie, mit all unseren Traurigkeiten, mit all unseren Mutlosigkeiten, mit all unserer Furcht, dass es neue Zukunft für uns nicht mehr gibt. Oder besser: dass es Zukunft nur noch anders geben wird! Vieles, was uns vertraut war, wird es irgendwann wieder so sein? Mit solchen Gedanken sitzen wir da, und es kommt jemand auf uns zu. Und mitten in unsere Sorgen und Ängste spricht er Worte, die Gott, der uns niemals verlässt – niemals – ,ihm ins Herz und auf die Zunge gelegt hat. Jeremia spricht Gottes Worte so:

11 Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.

12 Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören.

13 Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,

14 so will ich mich von euch finden lassen … und will eure Gefangenschaft wenden und … will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.

 Mit allen anderen sehe ich diesen Propheten und plötzlich – so wie es bei den anderen auch ist – höre ich aus diesem Propheten endlich wieder Gott, von dem ich glaubte, er habe sich so lange vor mir verborgen und geschwiegen. Endlich höre ich diesen Gott selbst wieder zu mir reden. Den Gott, den ich einen Moment fern von mir glaubte, den Gott, dem ich so viel vor die Füße, eigentlich alles vor die Füße werfen wollte und geworfen habe. Ich höre plötzlich, wie er zu uns Menschen sagen möchte:

Was ist mit dir? Was hat dich so klein gemacht? Glaubst du wirklich, ich hätte dich auch nur einen einzigen Augenblick lang vergessen? Glaubst du wirklich, ich hätte dir auch nur eine Sekunde meine Liebe entzogen? Hast du wirklich nicht gemerkt, dass ich dich die ganze Zeit getragen habe? Ich lasse dich nicht fallen, niemals. Ich habe Pläne für dich. Ich hatte sie bisher, und ich gebe diese Pläne nicht einfach auf. Verlass dich ganz auf mich, es sind Pläne des Heils – für dich. Glaub an deine Zukunft, glaub an die Hoffnung, die ich dir wieder neu ins Herz lege. Ja, ich hab dich rufen hören, die ganze Zeit. An deiner Verzweiflung habe ich selbst gelitten. Aber ich war da, die ganze Zeit, bin immer da, denn so gern bin ich bei denen, die ich liebe. Ich wende euer Geschick, auch deines! Ich befreie dich und schenke dir eine neue Zukunft!

 Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Die Menschen damals hörten diesen Propheten. Ich stelle mir nun vor, wie sie ungläubig schauten, wie sich in all ihre Traurigkeiten, Ängste und Sorgen auch wieder die ersten Hoffnungsstrahlen, die ersten Freudenmomente einschlichen. Unter ihnen, deren Gefühlshaushalt nun durcheinander zu geraten schien, da gab es viele, die plötzlich wieder dachten: Jetzt wird doch noch alles gut. Bald gehen wir nach Hause, es wird dann alles so wie früher. Gott hat es doch gesagt. Er hat gesagt: ich wende euer Geschick, eure Gefangenschaft. Und in diese erste Freude muss dann der Prophet aber ganz in der Nähe dieses Wortes, ganz wenige Verse vorher, ihnen eine Enttäuschung bereiten, die allerdings keine bleiben wird. Er erklärt ihnen nämlich, wie Gott ihre Gefangenschaft  wenden wird, und es wird eben anders werden als sie es gerne hätten.

Jeremia spricht die Verschleppten so an: „Jammert nicht, dass ihr weit weg von zu Hause seid, weit weg von den Wurzeln, die euch nähren; weit weg von dem Urgrund, der euch trägt. – Seid nicht untätig, tut, was getan werden muss!“ Und für die Versprengten des Volkes Israel gibt Jeremia dann ganz konkrete Weisungen:

Baut Häuser! – Ein Haus war damals relativ schnell errichtet… Pflanzt Gärten und esst ihre Früchte! – Bis ein Baum Früchte trägt vergehen Jahre. Heiratet und richtet euch ein in dem fremden Land; macht aus eurer Situation das Beste. Und wenn es um die Gründung von Familien geht und der Prophet schon von der Verheiratung von Kindern und Kindeskindern spricht, dann ist hier in Generationen gedacht. Und spätestens hier werden die Israeliten begriffen haben, dass an eine baldige Rückkehr nicht zu denken war und sie einen langen Atem brauchen.

Der Prophet spricht die Menschen an und er erreicht endlich wieder ihr Herz, wenn er sagt: Seid nicht verzweifelt und nehmt euer Leben wieder in die Hand; richtet euch auf die gegebenen Tatsachen ein. Lernt mit ihnen zu leben. Steht endlich wieder auf, und fangt neu an. Lebt, lebt und vertraut, vertraut in eurem ganzen Leben auf den Gott, der euch niemals verlässt und der euch selbst in den schlimmsten Momenten eures Lebens immer auch wieder einen neuen Anfang schenken möchte, der mit euch – wie es Frère Roger, der verstorbene Prior des Klosters von Taizé einmal so sagte –  mit euch von Neubeginn zu Neubeginn geht. Es ist der Gott, bei dem keines eurer Gebete jemals ungehört verhallt.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Spätestens jetzt haben die Menschen von damals verstanden und vielleicht verstehen wir es ja auch für uns: Ja, Gott wendet unser Geschick. Aber er tut es vielleicht nicht so, wie wir es erzwingen wollten. Gott traut uns immer auch das Neue in unserem Leben zu, ganz egal wie bedeutend oder unbedeutend, wie alt oder wie jung, wie einheimisch oder fremd wir uns fühlen. Gott will, dass wir leben – wenn nötig, immer wieder auch ganz neu. Was wir dazu brauchen, schenkt er uns. Und er schenkt uns noch etwas, er sagt es am Schluss unseres Predigtwortes:

Ich will eure Gefangenschaft wenden und … will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.

 Jetzt stelle ich mir noch einmal die Menschen von damals, die Menschen des Volkes Israels vor, die Menschen, die plötzlich auch die Zeit ihres Exils, die Zeit ihrer eigenen Verlorenheit plötzlich auch wieder als eine Zeit mit Gott neu entdeckten. Ich stelle mir vor, wie sie plötzlich verstanden haben, dass selbst wenn sie wieder nach Hause zurückkehren würden – und das geschah ja dann auch später – dass selbst wenn sie wieder nach Hause zurückkehrten, sie nicht einfach in die alten Verhältnisse zurückkehrten. Nein, sie würden verändert nach Hause kommen und vieles Neues mitbringen und anders machen und anders leben. Und dann stelle ich mir noch weiter vor, wie sie davor gar keine Angst mehr hatten, sondern voller Zuversicht neu zu leben begannen.

Wenn ich mir das alles jetzt vorstelle, dann bin ich sehr froh, dass ich mich, dass wir uns in dieses Bild hinein gemalt haben. Denn dann weiß ich, dass diese wunderschönen Worte Gottes auch mir, auch uns allen  gelten. Sie sind aktueller denn je. Vielleicht erleben wir die Zeit, in der wir gerade leben, vielleicht erleben wir diesen November 2020 ja gerade auch so ähnlich wie ein „Exil“. So viel Vertrautes ist uns nicht mehr möglich. Das alte Leben noch vor einem Jahr es scheint auf einmal so weit weg! Wird es jemals wieder so sein? So fragen einige. Wie wird es werden? Wann wird das alles vorbei sein? So fragen andere. Ich spüre die Mutlosigkeit vieler, andere sind über die momentanen Zustände müde geworden. Einige rebellieren dagegegen auf. Andere haben sich sorgenvoll zurückgezogen. Nicht wenige trauern schon um die vielen Menschen, die zu Opfern geworden sind. Ja, auch wir leben in einem „Exil“ und wissen gar nicht so wirklich, warum.

Und nun sehe ich, wie sich der alte Jeremia noch einmal aufrappelt. Ich sehe, wie er auf uns schaut. Ich ahne und spüre es, wie es ihn noch einmal packt. Ich sehe vor meinem inneren Auge förmlich,  wie er sich dann auch noch einmal aufmacht; nicht nur zum alten Volk Israel, nein auch zu uns. Ich kann es sehen und spüren, wie er sich mitten unter uns stellt, sich umschaut und zu reden beginnt, wie er noch einmal die Worte wiederholt, die Gott ihm ins Herz gelegt hat und die für mich zu den schönsten Worten des Alten Testaments zählen. Er steht da und sagt zu uns allen Gottes Worte:

Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.

12 Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören.

13 Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,

14 so will ich mich von euch finden lassen … und will eure Gefangenschaft wenden und … will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.

Ich schaue mich um. Ich spüre, dass nicht nur ich zu lächeln beginne. Ich sehe es auch in dir und vielen anderen! Wir werden es überstehen! Wir werden noch einmal neu beginnen, werden gemeinsam noch einmal anfangen oder eben anders weitermachen! Und es wird uns eine Freude sein! Auf viele Jahre!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Fürbittgebet

Herr, guter Gott,

wir danken dir für dein Wort, das uns erreicht.

Wir bitten dich:

Mische dich weiter ein mit deinem Wort,

wenn wir darüber nachdenken,

was jetzt zu tun oder zu lassen ist.

Wir danken dir,

dass du unserer Kirche noch Zeit gibst,

sich zu verändern.

Wir bitten dich aber auch:

Nimm uns alle Furcht vor Veränderungen.

Schenke uns deinen Heiligen Geist,

damit er in unsere verfestigten Gedanken fahre

und uns dazu befreie, Neues zu denken.

Wir danken dir, dass wir dir etwas bedeuten.

Mach uns empfindsam dafür,

dass auch wir einander etwas zu bedeuten haben.

Lass uns wahrnehmen,

was es für unsere Gemeinschaft

und für unser Leben zu bewahren gilt.

Schenke uns Freude aus deiner Freude.

Lass uns allezeit aus deiner Liebe leben,

lass uns deine Liebe weitergeben.

Mach uns zu Gehilfen deiner Freude in deiner Schöpfung.

Wir bitten dich auch für alle,

die heute besonders um einen Menschen trauern.

Wir bitten dich für alle,

die an Menschen denken,

die Teil ihres Lebens waren und nun in ihren Herzen wohnen.

Wir bitten dich für alle,

die heute an die Gräber gehen,

und wir bitten dich besonders auch für alle,

die heute nicht an die Gräber gehen können.

Sei bei ihnen allen und tröste sie.

Ich werde still, um mich dir anzuvertrauen.

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

 

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger Dunkel

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