Liturgie und Predigt: Pfarrer Rüdiger Dunkel

 

Wochenspruch:

Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium. (2. Tim 1,10)

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Eingangs- und Wochenpsalm: Aus Psalm 68

 4 Die Gerechten aber freuen sich / und sind fröhlich vor Gott und freuen sich von Herzen.

5 Singet Gott, lobsinget seinem Namen! / Macht Bahn dem, der auf den Wolken einherfährt; er heißt HERR. Freuet euch vor ihm!

6 Ein Vater der Waisen und ein Helfer der Witwen ist Gott in seiner heiligen Wohnung,

7 ein Gott, der die Einsamen nach Hause bringt, / der die Gefangenen herausführt, dass es ihnen wohlgehe; aber die Abtrünnigen bleiben in dürrem Lande.

20 Gelobt sei der Herr täglich. Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch.

21 Wir haben einen Gott, der da hilft, und den HERRN, einen Herrn, der vom Tode errettet.

35 Gebt Gott die Macht! Seine Herrlichkeit ist über Israel und seine Macht in den Wolken.

36 Zu fürchten bist du, Gott, in deinem Heiligtum. / Er ist Israels Gott. Er wird dem Volk Macht und Kraft geben. Gelobt sei Gott!

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar

und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Tagesgebet

Herr, Gott und Vater!

Wir suchen das Leben.

Oft schrauben wir dabei unsere Erwartungen meist immer höher.

Und dann drehen wir uns irgendwann

nur noch um uns selbst und verlieren uns dabei.

Wir wollen genießen

und halten uns dabei an Nebensachen fest.

Wir spüren sehr wohl,

wie wir das Wesentliche aus den Augen verlieren.

Ja, das Leben selbst rinnt uns durch unsere Finger.

Komm, Herr, komm und bleibe,

erbarme dich unser!

Höre nun, Herr, wie ich in der Stille zu dir bete!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Jesus Christus hat dem Tode die Macht genommen

und das Leben und ein unvergänglich Wesen

ans Licht gebracht durch das Evangelium.

Ehre sei Gott in der Höhe!

 

Guter Gott und Vater,

Schöpfer allen Lebens,

du hast uns ins Dasein gerufen.

Auch heute rufst du uns aufs Neue ins Leben

aus der Dunkelheit des Todes

und aus dem Schatten des Zweifels.

Gib uns das Licht des Lebens

durch Jesus Christus, deinen Sohn, unseren Herrn.

Amen.

 

Tagesevangelium:

Aus dem Johannesevangelium, Kapitel 11, Verse 1(2)3.17–27(28–38a)38b–45

 1 Es lag aber einer krank, Lazarus aus Betanien, dem Dorf Marias und ihrer Schwester Marta.

2 Maria aber war es, die den Herrn mit Salböl gesalbt und seine Füße mit ihrem Haar getrocknet hatte. Deren Bruder Lazarus war krank.

3 Da sandten die Schwestern zu Jesus und ließen ihm sagen: Herr, siehe, der, den du lieb hast, liegt krank.

17 Da kam Jesus und fand Lazarus schon vier Tage im Grabe liegen. 18 Betanien aber war nahe bei Jerusalem, etwa fünfzehn Stadien entfernt. 19 Viele Juden aber waren zu Marta und Maria gekommen, sie zu trösten wegen ihres Bruders.

20 Als Marta nun hörte, dass Jesus kommt, ging sie ihm entgegen; Maria aber blieb im Haus sitzen.

21 Da sprach Marta zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.

22 Aber auch jetzt weiß ich: Was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben.

23 Jesus spricht zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen.

24 Marta spricht zu ihm: Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Jüngsten Tage.

25 Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe;

26 und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das?

27 Sie spricht zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommt.

38 Es war aber eine Höhle, und ein Stein lag davor.

39 Jesus spricht: Hebt den Stein weg! Spricht zu ihm Marta, die Schwester des Verstorbenen: Herr, er stinkt schon; denn er liegt seit vier Tagen.

40 Jesus spricht zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen?

41 Da hoben sie den Stein weg. Jesus aber hob seine Augen auf und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast.

42 Ich wusste, dass du mich allezeit hörst; aber um des Volkes willen, das umhersteht, sagte ich’s, damit sie glauben, dass du mich gesandt hast.

43 Als er das gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus!

44 Und der Verstorbene kam heraus, gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen, und sein Gesicht war verhüllt mit einem Schweißtuch. Jesus spricht zu ihnen: Löst die Binden und lasst ihn gehen!

45 Viele nun von den Juden, die zu Maria gekommen waren und sahen, was Jesus tat, glaubten an ihn.

Halleluja! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Halleluja!     

 

Glaubensbekenntnis

Wir bekennen – jede und jeder für sich und doch auch gemeinsam vor Gott – unseren christlichen Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Epistellesung:

Aus dem 2. Timotheusbrief, Kapitel 1, Verse 3-10

(auch Predigttext)

 3 Ich danke Gott, dem ich diene von meinen Vorfahren her mit reinem Gewissen, wenn ich ohne Unterlass deiner gedenke in meinem Gebet, Tag und Nacht.

4 Und wenn ich an deine Tränen denke, verlangt mich, dich zu sehen, damit ich mit Freude erfüllt werde.

5 Denn ich erinnere mich an den ungeheuchelten Glauben in dir, der zuvor schon gewohnt hat in deiner Großmutter Lois und in deiner Mutter Eunike; ich bin aber gewiss, auch in dir.

6 Aus diesem Grund erinnere ich dich daran, dass du erweckest die Gabe Gottes, die in dir ist durch die Auflegung meiner Hände.

7 Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

8 Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit für das Evangelium in der Kraft Gottes.

9 Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt,

10 jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium

Amen.

 

Predigt

 Die Gnade unseres Herrn und Gottes sei mit uns allen. Amen!

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Je älter ich werde – und vielleicht kennen das einige von Ihnen ja auch – und je weiter ich nach vorn schaue, kommen mir manchmal Fragen. Ich habe meine erwachsenen Kinder vor Augen, schaue auf ihr Leben, höre von ihren Planungen. Ich schaue in die Welt; ich schaue auf die Kirche.

Wie wird es eigentlich mit der nächsten und übernächsten Generation weitergehen? Ganz ehrlich – natürlich kommen da auch Zweifel und Sorgen auf. Und manchmal frage ich mich weiter: Hat das, was mir wichtig und heilig war, überhaupt noch einen guten Boden in der Generation der Kinder und Enkel, in der Generation der jungen Menschen? Oder entwickelt sich alles abwärts zum Negativen, zum Schlechteren hin? Solche Fragen überfallen Menschen, gerade ältere, manchmal dann, wenn da auf einmal viel Zeit ist um nachzudenken. In Zeiten des Alleinseins, in Krankheit, dann wenn vieles nicht oder nicht mehr aktiv mitgestaltet werden kann. Genau in solch einer Zeit leben wir ja gerade. Niemand hätte wohl gedacht, dass wir sie auf einmal geradezu über Nacht und so vehement erleben müssen. Im Gespräch sagte mir ein alter Mensch vor einigen Wochen: „Wir haben so viel durchgemacht, so vieles erlebt. Das jetzt haben wir einfach nicht verdient!“ Recht hat er.

Der Brief, aus dem die heutige Epistellesung etwas weiter oben stammt, ist auch in einer ganz speziellen Situation geschrieben. Nicht im Krankenhaus, oder allein im Garten oder in einer Wohnung, sondern er wurde vor langer Zeit im Gefängnis in Rom geschrieben. Angeredet wird Timotheus, ein treuer Mitarbeiter des Apostels Paulus. Vorzustellen haben wir uns, wie Paulus im Gefängnis in Rom sitzt. Er ist bereits das erste Mal angehört worden. Nun rechnet er damit, bald den Märtyrertod zu sterben. So ist sein zweiter Brief an seinen Mitstreiter auch so etwas wie ein Vermächtnis. Was schreibt jemand, der gefangen ist, der sich nicht frei bewegen kann und darf, der mit dem Schlimmsten rechnen muss? Wird er klagen? Verzweifeln? Um Hilfe bitten? Oder was sonst?

Liebe Schwester und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Der Apostel Paulus beginnt mit dem Dank an Gott und mit dem guten Gewissen, das ihn mit seinen Vorfahren verbindet. Nun, ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen – sagt ein bekanntes Sprichwort. Aber wir wissen doch auch, dass es durchaus Situationen gibt, wo wir trotzdem nicht schlafen können, wo uns vieles bewegt, beschäftigt und auch gedanklich überfällt.

Paulus beginnt hier mit dem Persönlichen. Wie er bei Tag und Nacht an Timotheus denkt! Wie er Sehnsucht hat, ihn wiederzusehen, um sich von Herzen freuen zu können! Und dann? Spätestens jetzt könnten wir doch erwarten, dass er ein wenig über seine eigene Lage klagt. Darüber, wie schwierig es ist, gefangen zu sein! Wie gerne er wieder reisen würde, um noch mehr Menschen das Evangelium zu bringen. Da sind all die Pläne, die er noch hatte. – Ich merke gerade übrigens, wie sehr es auch mich danach sehnt, wieder unbeschwert reisen zu können, ganz frei Pläne machen zu können, ohne an all die momentanen Einschränkungen zu denken. Ich – und da kenne ich mich wohl ganz gut – würde bestimmt erst einmal klagen!

Nichts davon bei Paulus. Sein Brief beginnt mit dem Dank, nicht mit dem Klagen. Die Klagen überspringt Paulus sozusagen. Er wendet sich sofort dem Timotheus zu. Man spürt seine Sorge um ihn. Er schreibt ihm: Ich weiß doch, du hast ja deinen aufrichtigen Glauben. Deine Großmutter und deine Mutter haben ihren lebendigen Glauben an dich weitergegeben. Von den Müttern wohlgemerkt, von denen wir Menschen soviel mitbekommen haben. Den Satz könnte ich sofort unterschreiben! Meine Oma, meine Mutter – ganz wunderbare Menschen und Glaubenszeuginnen. Natürlich auch mein Vater, meinen Opa konnte ich als Kriegsvermissten nie kennenlernen.

Wenn ich hier also nun über diese Sätze des Apostels nachdenke, dann wird mir aber auch klar: Es geht hier gar nicht nur um einen persönlichen Brief, der vor mehr als 1900 Jahren geschrieben wurde. Timotheus – das heißt „Fürchte Gott“ oder besser „Ehre Gott“. Ich höre ihn – gerade in dieser Zeit, die wir momentan alle erleben – für uns Christinnen und Christen heute.

„Ich sorge mich um euch“, höre ich den Apostel aus seinem Brief zu uns reden. „Ich bete für euch! Wo ist das Feuer eures lebendigen Glaubens, wo ist eure brennende Liebe, eure ansteckende Hoffnung? Wo wird euer Glaube gerade heute lebendig, denn lebendigen Glauben habt doch auch ihr mitbekommen?“

„Tja, lieber Paulus“, höre ich uns antworten, „du hast gut reden da im Gefängnis. Aber leb’ du ‘mal in unsrer modernen Welt, die gerade etwas aus dem Ruder gelaufen ist, die uns unsere Unbeschwertheit nehmen will. Es sind nicht wenige Menschen, die gerade spüren, wie Angst in sie hineingekrochen ist! Und da sollen wir auch noch begeisterte Christinnen und Christen sein, in aktiven Gemeinden mit lebendigem Glauben? Schau auf die Kirche, Paulus! An vielen Orten ist sie klein geworden, geradezu stumm. Sie ringt nach Möglichkeiten. Viele werden müde darüber. Rezepte, Paulus – für Rezepte wären wir dir jetzt dankbar!“

Aber wir wissen es: Paulus gibt keine Rezepte. Und er hat auch keine, er hat sie genauso wenig wie wir! Stattdessen weist er uns auf den Geist Gottes. Er tut es mit einem der schönsten Sätze des ganzen Neuen Testamentes, wenn er schreibt:

Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. (V.7)

Nicht einen Geist der Verzagtheit, niemals! Davon ist Paulus überzeugt. Aber ist genau das gerade nicht auch ein Grundübel, eben dass wir so oft verzagen? Es geht gar nicht um die Angst, die wir haben. Ängste gehören zum Leben auf allen seinen Stufen, vom kleinen Kind bis ins hohe Alter. Wir werden nie ganz ohne Angst leben. Aber wir dürfen darauf vertrauen – und darin will uns der Apostel gewiss machen –, dass wir in all unseren Ängsten zumindest von Gott niemals verlassen werden.

Aber der Geist der Verzagtheit, das ist doch noch etwas ganz anderes als die Ängste, die uns manchmal quälen und die momentan aus so vielen verschiedenen Richtungen uns nahe kommen wollen – manchmal ganz und gar unbeabsichtigt, weil Wahrheit gesagt werden muss, manchmal beabsichtigt von Menschen, die ganz verschwurbelte Ideen und Unwahrheiten in die Welt hinaus posaunen dürfen. Wir sehen und wir hören täglich so vieles, was schiefgeht: Gewalt und Unterdrückung. Stellen werden gestrichen, Menschen verlieren ihre Arbeit. Gleichzeitig steigen manche Aktienkurse, obwohl oder gerade weil Menschen ihre Arbeit verlieren.

In unserem eigenen und persönlichen Bereich läuft manchmal vieles gerade anders als erhofft. Und dann fragen natürlich einige: „Wie soll das alles denn bloß weitergehen?“ Ja, und bei manchen schleicht sich dieses verheerende Gefühl ein: Es hat ja alles doch keinen Wert! Die Verzagtheit nimmt uns in Besitz, wir beginnen uns im Leben zu fürchten. Wir verschließen uns, Mut und Freude scheinen zu verschwinden. Vieles wird schal und leer. Das ist der Geist der Verzagtheit, den Paulus hier benennt. Er lähmt! Warum noch glauben, noch lieben? Wozu noch hoffen? Ist es nicht einfacher, sich einfach möglichst unbeschadet durch die Zeit treiben zu lassen? Mit aller Vorsicht, die gerade geboten ist.

Paulus kennt solch ein Verzagen. Und doch spricht er Timotheus und auch uns auf den Glauben an, der uns von unseren Müttern und Vorfahren weitergegeben wurde wie ein kostbares Erbe. Gott selbst will und wird diesen Glauben neu entfachen.

Er gibt uns, so hören wir es auch für uns heute, den Geist der Kraft: Leben, Freude, sich einsetzen trotz allem, Friede und Gerechtigkeit niemals aus den Augen verlieren, Versöhnung niemals nur predigen, sondern auch leben.

Dieser Geist der Kraft, er geht untrennbar zusammen mit dem Geist der Liebe: in der Zuwendung zum anderen, zu den Mitmenschen. Kleine Zeichen und Taten im Alltag. Besonders aber auch kleine Zeichen und Taten, mit denen wir innerlich Widerstand leisten in einer Welt, in der oft nur Geld und Erfolg zu zählen scheinen; in der wir gerade aber auch merken, wie brüchig das alles ist. Nicht überall mitmachen, nicht alle Parolen einfach nachplappern, die sich gerade so ungeheuer dumm in unserem Land breit machen dürfen. Nein, wir alle müssen uns immer auch selbst fragen: Will ich das wirklich?

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Innerlich standhalten, innerlich Widerstand leisten, so etwas macht auch stark. Gibt Kraft, neuen Mut, neue Hoffnung. Lebendiger Glaube, wie ihn die Bibel beschreibt, hat immer auch etwas mit widerstehen zu tun. Lebendiger Glaube, wie ihn die Bibel beschreibt, heißt eben nicht, verzagt alles sofort anzunehmen. Lebendiger Glaube, wie ihn die Bibel beschreibt, heißt, etwas zu wagen – trotzdem! Dieser Geist der Kraft und der Liebe – er bewirkt etwas, auch heute noch ungebrochen, mehr jedenfalls als die Verzagtheit.

Und doch – dieser Geist ist kein Zaubermittel, keine Allheilmethode, mit der alles Unrecht, alles Schwere und Traurige sofort besiegt werden kann. Und darum nennt der Apostel ein drittes, nämlich den Geist der Besonnenheit. Wer einfach blind drauflos lebt, der ist sicher sehr spontan, er erlebt wahrscheinlich viele Auf’s und Ab’s. Aber hat er auch den langen Atem? Gerade in dieser Zeit?

Nein, es braucht auch den Geist der Besonnenheit. Wir müssen uns besinnen auf das rechte Maß, wir müssen Maß halten. Gerade müssen wir sogar aushalten. Nicht immer alles und alles auf einmal wollen! Aber dafür stetig vorwärtsgehen, nie stehen bleiben, ohne dabei die Wirklichkeit aus den Augen zu verlieren. Und immer auch damit rechnen, dass es neben uns ja auch noch andere Menschen gibt. Es hat sie vor uns gegeben, es wird sie auch nach uns geben; Menschen, die aus einem lebendigen Glauben leben und vieles positiv beeinflussen. Wir müssen nicht alles selber schaffen. Aber wir sollten und müssen gemeinsam gehen!

Aus diesem Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit versucht Paulus aus dem Gefängnis heraus dem Timotheus und uns allen Mut zu machen. Paulus weiß, dass es damals wie heute Mut braucht, wenn er fortfährt:

Schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit mir für das Evangelium in der Kraft Gottes. (V.8)

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Leserinnen und Leser!

Wenn uns der Geist der Verzagtheit in den Griff bekommt, dann fangen wir an, uns zu schämen. Dann wird uns der Glaube an Christus in der Öffentlichkeit manchmal geradezu peinlich. Wir müssen nicht einmal direkt wegen unseres Glaubens verfolgt werden. Uns müssen einfach nur die Ideen ausgehen. Es reicht unser Bekenntnis, dass wir eben keine Patentrezepte in dieser Zeit haben. Schon wenn der Mehrheitstrend in eine ganz andere Richtung geht, dann werden wir plötzlich still. Wir merken, wie schwer es ist, wirklich dazu zu stehen, dass wir an Jesus Christus als den Weg Gottes zu uns und mit uns Menschen glauben. Wir müssen dazu stehen, dass unser Glaube uns die Kraft gibt und unsere Entscheidungen lenkt. Wir müssen dazu stehen, dass uns die Liebe Gottes den langen Atem schenkt, den wir in dieser Zeit und für unser Leben brauchen – trotz allem, was da gerade um uns herum geschieht und bedrängt.

Gott schenkt uns dafür den langen Atem und eine lebendige Hoffnung! Solch einen Bekenntnismut, den Paulus hier einfordert, den wünsche ich uns allen. Immer dort, wo Christinnen und Christen ihren Glauben bekannt haben – durch ihr Reden und vor allem durch ihr Leben –, da wurde Gott in dieser Welt erkannt, und da wurde die Welt zum Guten verändert. Wir sind alle nicht zum Verzagen, zum Kleinmut oder zum furchtsamen Blick in die Zukunft berufen. Vielleicht sind wir auch nicht alle zu großen Taten berufen. Aber wir alle sind berufen! Von Gott selbst! Wir sind mindestens alle dazu berufen, auch im Kleinen, auch im Alltag, auch und gerade in diesen Tagen unserem Gott treu bleiben und uns zu ihm zu bekennen – vor anderen, aber eben auch vor uns selbst! Und das sollte uns doch wohl gelingen! Gott ist da, er verlässt uns nicht, niemals! Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 Fürbittgebet

Gott, guter Vater, du weißt es!

Wir mühen uns um vergängliche Sachen,

wir horten und sammeln umgeben uns mit unnützen Dingen.

Wir bitten dich: Gib Leben!

 

Du weißt es, Gott,

Leben ist überall bedroht durch Gier und Neid,

durch Machtgelüste und Gedankenlosigkeit

im Umgang mit Mensch und Natur.

Wir bitten dich: Gib Leben!

 

Du weißt es, Gott!

Wir haben Angst vor dem Sterben.

Der Tod folgt uns überall hin.

Wir versuchen, Not und Tod zu verdrängen

und laufen ihm doch gerade so dann in die Arme.

Wir bitten dich: Gib Leben!

 

Gott und Vater,

du weißt, wie viele Menschen um ihr Leben bangen,

Kranke, die auf Gesundheit hoffen,

auch Kranke, die auch das Ende ersehnen,

hungernde und flüchtende Menschen

im Kampf um ihre nackte Existenz.

Wir bitten dich: Gib Leben!

 

Gott und Vater,

du weißt, warum wir dich bitten:

Gib Leben!

Denn du allein hältst das Leben in deiner Hand.

Uns aber gib Hände, die heilen und helfen

und Leben behüten, lebendiger Gott!

In der Stille vertraue ich mich dir an!

 

– Kurzes Innehalten in der Stille und Zeit zum persönlichen Gebet –

 

Und dann bitte ich dich:

Sei du da mit deinem Segen

– für alle, die wir lieben.

–  für alle, die nun leben, um anderen zu helfen.

–  für alle, die sich selbst nicht helfen können.

 

Sei bei den Einsamen und Kranken.

Schenke uns Einsicht in vieles, was wir nun mittragen müssen.

Schenke uns Geduld und einen langen Atem.

Schenke uns Hoffnung, an der wir niemals zweifeln wollen.

Sei bei uns allen! Heute und in aller Zeit!

 

Guter Gott, ich bete für alle,

an die ich nun denke,

und auch für mich das Gebet,

das dein Sohn Jesus Christus uns allen hinterlassen hat

und das uns durch schwere Zeiten tragen will:

 

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Wie im Himmel so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

Wir denken nun an all diejenigen,

die uns am Herzen liegen

– und natürlich auch an uns selbst –

und wir sprechen die Worte des Segens,

mit denen wir unsere Gottesdienste schließen.

 

Der HERR segne dich und behüte dich!

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig!

Der HERR hebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden!

Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Euch allen einen gesegneten Sonntag!

Kommt gut durch die Zeit, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Pfarrer Rüdiger Dunkel

Leave a Comment